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Feministische Theorien der Internationalen Beziehungen
Feministische Theorien der Internationalen Beziehungen bezeichnen eine Strömung innerhalb der Internationalen Beziehungen (IB), die spezifisch feministische …
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Gegenstand und Anliegen
Feministische Theorien der Internationalen Beziehungen (IB) sind eine Strömung der IB, die internationale Politik aus feministischen Perspektiven untersucht. Sie fragen erstens nach den tatsächlichen Folgen internationaler Politik für Frauen. Zweitens analysieren sie bestehende Geschlechterverhältnisse und Ungleichheitsstrukturen. Ihr Anspruch ist, Theorie und Praxis der IB feministisch neu zu formulieren.
Dazu setzen sie sich mit Realismus und Neorealismus, Internationaler Politischer Ökonomie, Konstruktivismus und Poststrukturalismus auseinander. Sie überprüfen auch zentrale IB-Begriffe, etwa wer als Akteur gilt, wie Akteure handeln und was unter Sicherheit verstanden wird. Empirisch wird untersucht, ob andere IB-Theorien Gegenstände wegen implizit oder ausdrücklich heteronormativer und maskulinistischer Sichtweisen systematisch vernachlässigen.
Auf der Ebene der Erkenntnistheorie greifen feministische IB-Theorien auf feministische Wissenschaftskritik zurück, unter anderem von Sandra Harding und Donna Haraway. Methodisch fragen sie, ob Forschungsweisen feministische Perspektiven ausschließen können, beispielsweise bei der Auswahl von Interview-Samples, der Fragetechnik oder der Auswertung. Außerdem thematisieren sie die Diskriminierung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb, da die IB als Subdisziplin der Politikwissenschaft besonders stark von männlicher Dominanz geprägt ist.
Frühe Ansätze und Kritik am Realismus
In den 1980er Jahren entstanden frühe Arbeiten, die vor allem auf die empirische Ausblendung von Frauenperspektiven aufmerksam machten. Cynthia Enloes Werk „Bananas, Beaches and Bases“ aus dem Jahr 1990 untersucht, welche Rollen Frauen in der internationalen Politik spielen, etwa als Sexarbeiterinnen auf Militärbasen oder als Gattinnen von Diplomaten. Diese Rollen können zur Stabilisierung von Herrschaftsverhältnissen beitragen.
J. Ann Tickner kritisierte die Grundannahmen des Realismus Morgenthau'scher Prägung. Sie bezweifelt insbesondere, dass diese Theorie wissenschaftlich objektiv und neutral ist. Die Vorstellungen eines rationalen Akteurs und eines auf Konkurrenz ausgerichteten Akteursverhaltens schrieben eine bestimmte Rationalität fest. Dadurch würden andere Lebenswelten ausgeklammert. Auch die Begriffe Konkurrenz, Kampf, Streit, Tugend und Ehre seien tendenziell männlich konnotiert.
Nach Tickner reproduziert Morgenthau beim Sprechen über die „menschliche Natur“ letztlich eine „männliche Natur“. Sein Akteursbegriff sei deshalb nicht neutral, sondern reduktionistisch; diese einseitige Perspektive wird als male bias bezeichnet. Mit Bezug auf Hannah Arendt schlägt Tickner vor, die Organisationsprinzipien internationaler Beziehungen auf Kooperation zu gründen. Feministische Perspektiven könnten so zu einer epistemologisch reichhaltigeren Theoriebildung beitragen.
Liberalfeminismus und Sicherheitsbegriff
Liberal-feministische Perspektiven wollen Geschlecht beziehungsweise Gender in Theorie und Empirie der IB gleichwertig repräsentieren. Sie untersuchen etwa, welche Rolle Frauen als Akteurinnen in internationalen Organisationen sowie in inter- und transnationalen Politikprozessen spielen, wie sie internationale Politik beeinflussen und gestalten und welche Diskriminierungspraxen bestehen. Zugleich fragen sie, wie diese Praktiken beseitigt werden können.
Empirische Forschung befasst sich beispielsweise mit dem UN-System, der UN-Dekade der Frau, einzelnen Politikfeldern der IB und internationalen Frauen-NGOs wie WEDO. Auf begrifflicher Ebene sollen klassische IB-Kategorien inklusiver formuliert werden.
Dies zeigt sich besonders beim Sicherheitsbegriff. Sicherheit kann eng als bloße „Abwesenheit von physischer Bedrohung“ verstanden werden. Das positive Konzept der „menschlichen Sicherheit“ schließt darüber hinaus Möglichkeiten ein, zu arbeiten, Kinder zu erziehen und sich frei zu bewegen, sowie Schutz vor sexualisierter Gewalt.
Ausdifferenzierung, Rezeption und Kritik
Im Verlauf der „Dritten Debatte“ positionierte sich feministische IB-Theorie zwischen positivistischen und post-positivistischen IB-Theorien. Diese Debatte trug wesentlich zur Entwicklung konstruktivistischer und poststrukturalistischer beziehungsweise radikalkonstruktivistischer Ansätze bei. Feministische IB-Theorie machte dabei Arbeiten der dekonstruktivistischen feministischen Philosophie für die IB nutzbar. Das Feld wurde außerdem durch teilweise postkoloniale Arbeiten erweitert.
Institutionell befasst sich der Women’s Caucus der International Studies Association mit der Repräsentation von Frauen in den IB. Die Zeitschrift „Femina Politica“ behandelt feministische politikwissenschaftliche Perspektiven einschließlich der IB. In der angloamerikanischen Forschungslandschaft widmet sich das „International Feminist Journal of Politics“ feministischer IB.
Kritisiert wird einerseits, feministische Perspektiven seien nur vorübergehend notwendige Interventionen gewesen und durch ihren eigenen Erfolg bereits überflüssig geworden. Andererseits wird wegen ihrer Positivismuskritik ihre Wissenschaftlichkeit grundsätzlich angezweifelt. Postkolonial-feministische Kritik richtet sich dagegen, dass feministische IB stark durch westlichen, liberal-individualistischen Feminismus sowie queerfeministische und dekonstruktivistische Perspektiven geprägt sei. Chandra Talpade Mohanty kritisiert den Blick auf die „Dritte-Welt-Frau“ als viktimisierend und stereotyp essentialisierend; dadurch würden die Perspektiven betroffener Frauen eher verschleiert als nachvollziehbar.