Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Feinstruktur (Physik)

Feinstruktur bezeichnet in der Physik die Zusammensetzung einer Spektrallinie aus mehreren unterscheidbaren Linien oder eines Energieniveaus aus mehreren …

Inhalt3 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Physikalische Ursachen und Korrekturterme
  3. 3. Feinstruktur des Wasserstoffatoms

Begriff und Bedeutung

Feinstruktur bezeichnet die Zusammensetzung einer Spektrallinie aus mehreren unterscheidbaren Linien oder eines Energieniveaus aus mehreren unterscheidbaren Energiewerten. Bei geringer spektraler Auflösung oder in einer theoretischen Näherungsrechnung sind diese Bestandteile noch nicht zu erkennen.

Eine Spektrallinie entsteht durch den Übergang zwischen zwei Energieniveaus; ihre Lage im Spektrum entspricht der Energiedifferenz zwischen diesen Niveaus. Energieniveaus, die in einer Näherung einheitlich erscheinen, können sich bei genauerer Messung oder Modellbildung als Multiplett zeigen. Ein Multiplett ist eine Gruppe mehrerer Niveaus mit eng benachbarten Energien. Die Aufspaltung solcher Linien oder Niveaus wird Feinstrukturaufspaltung genannt.

Der Begriff wird vor allem für die Energieniveaus einzelner Elektronen in Atomen und Festkörpern verwendet, kommt aber analog auch in anderen Bereichen vor. In den optischen Linienspektren der Atome beträgt die Feinstrukturaufspaltung etwa 1/1000 bis 1/100.000 der typischen Wellenlänge oder Übergangsenergie. Bei Röntgenstrahlen wächst sie für die inneren Elektronen schwerer Elemente bis etwa 1/10.

Noch genauere Messungen zeigen weitere, kleinere Aufspaltungen. Die 1924 entdeckte Hyperfeinstruktur entsteht durch die Wechselwirkung zwischen Elektronen und Kernmomenten. Die 1947 entdeckte Lamb-Verschiebung wird durch quantenelektrodynamische Vakuumpolarisation verursacht.

Physikalische Ursachen und Korrekturterme

Bei geringer Auflösung lassen sich Energieniveaus häufig mit dem Bohrschen Atommodell oder mit der nichtrelativistischen Quantenmechanik ohne Spin beschreiben. Eine relativistisch korrekte Berechnung mit der quantenmechanischen Dirac-Gleichung zeigt jedoch, dass diese Niveaus verschoben und teilweise aufgespalten werden. Die wichtigsten Ursachen sind die nach der Relativitätstheorie veränderte Kinematik und die Spin-Bahn-Kopplung. Bei der Spin-Bahn-Kopplung wechselwirken der Elektronenspin und das damit verbundene anomale magnetische Moment mit der Bahnbewegung.

Zur getrennten Beschreibung der Beiträge wird die Dirac-Gleichung durch eine Reihenentwicklung angenähert. Dadurch erhält man Korrekturterme zum nichtrelativistischen Hamiltonoperator H₀. Ohne die konstante Ruheenergie mₑc² des Elektrons lautet der Hamiltonoperator in erster Ordnung, unter Vernachlässigung höherer Beiträge:

H = H₀ + W_M + W_SB + W_D.

Die einzelnen Terme sind:

  • W_M = −p⁴/(8mₑ³c²): relativistische Korrektur der kinetischen Energie.
  • W_SB = (1/(2mₑ²c²)) s·ℓ (1/r)(dV/dr): Spin-Bahn-Kopplung.
  • W_D = (ℏ²/(8mₑ²c²)) ΔV: Darwin-Term als Korrektur der potentiellen Energie; Δ ist der Laplace-Operator.

Die gesamte Energieverschiebung, die als Feinstruktur bezeichnet wird, ergibt sich aus

ΔE = E_M + E_SB + E_D.

Feinstruktur des Wasserstoffatoms

Beim Wasserstoffatom und allgemein bei jedem Atom mit nur einem Elektron lassen sich relativistische Effekte, Spin-Bahn-Wechselwirkung und Darwin-Term zu einer gemeinsamen Korrekturformel für die Energieniveaus zusammenfassen:

ΔE_FS = E_n [ (Z²α²/n) (1/(j + 1/2) − 3/(4n)) ].

Dabei ist E_n = −E_R Z²/n² die Energie eines Niveaus im Wasserstoffatom ohne Feinstruktur. E_R bezeichnet die Rydberg-Energie mit E_R ≈ 13,6 eV. Z ist die Kernladungszahl, n die Hauptquantenzahl, α die Feinstrukturkonstante und j der Gesamtdrehimpuls.

Die Formel bewirkt für jedes mögliche n und j eine Absenkung der Energie. Sie stimmt mit der Sommerfeldschen Feinstrukturformel überein. Diese wurde bereits Jahre vor der Entdeckung des Spins und der Dirac-Formel im Rahmen der halbklassischen Vorstellungen des Bohr-Sommerfeldschen Atommodells entwickelt.

Weiterlesen

Physik Die Arbeitsweise der Physik besteht in einem Zusammenwirken experimenteller Methoden und theoretischer Modellbildung. Physikalische Theorien bewähren sich in … Spektrallinie Spektrallinien werden durch Wellenlänge, Linienintensität und Linienbreite charakterisiert. Die Ursache der Spektrallinien sind die durch Licht angeregten … Spektroskopie Spektroskopie bezeichnet eine Gruppe physikalischer Methoden, die eine Strahlung nach einer bestimmten Eigenschaft wie Wellenlänge, Energie, … Linienspektrum Ein Linienspektrum ist ein physikalisches Spektrum, das voneinander getrennte (diskrete) Stellen erhöhter Intensität, sogenannte Spektrallinien, zeigt. Elektron Elektronen sind Bestandteile von Atomen und damit von jeder Art gewöhnlicher Materie. Sie sind an den Atomkern gebunden und bilden die Elektronenhülle des Atoms … Festkörper Die Festkörperphysik befasst sich mit der Physik von Materie im festen Aggregatzustand, als Spezialfall der kondensierten Materie, die Flüssigkeiten einschließt … Bohrsches Atommodell Atome bestehen bei diesem Modell aus einem schweren, positiv geladenen Atomkern und leichten, negativ geladenen Elektronen, die den Atomkern auf geschlossenen … Quantenmechanik Die Quantenmechanik ist eine physikalische Theorie, mit der die Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten von Zuständen und Vorgängen der Materie beschrieben … Relativitätstheorie Die spezielle Relativitätstheorie beschreibt das Verhalten von Raum und Zeit aus der Sicht von Beobachtern, die sich relativ zueinander bewegen, und die damit … Kinematik Die Kinetik selbst ist ein Teilgebiet der Dynamik, die in der im Fachbereich Physik gebrauchten Strukturierung der Mechanik neben der Kinematik eingereiht ist. Balmer-Serie Als Balmer-Serie wird eine bestimmte Folge von Spektrallinien im sichtbaren elektromagnetischen Spektrum des Wasserstoffatoms bezeichnet, deren unteres … Wasserstoffatom Das Atom besteht aus einem einfach positiv geladenen Atomkern (mit einem Proton und bei natürlich vorkommenden Isotopen null bis zwei Neutronen) und einem …