Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Fallschirmspringen
Fallschirmspringen bezeichnet die Gesamtheit der Aktionen von Absprung, Fall oder Freifall bis zur Landung einer Person aus einer erhöhten Position unter …
Inhalt6 Abschnitte
Grundprinzip und Ablauf
Fallschirmspringen umfasst den Absprung einer Person aus erhöhter Position, den Fall beziehungsweise Freifall, die Fallschirmöffnung, die Schirmfahrt und die Landung. Meist wird aus einem Luftfahrzeug gesprungen; Sprünge von festen Objekten heißen BASE-Sprünge. Der Rundkappen- oder Flächenfallschirm vermindert die Sinkgeschwindigkeit so weit, dass eine verträgliche Landung möglich wird. Sportliches Fallschirmspringen wird auch Skydiving genannt. Daneben dient der Fallschirm der Rettung von Luftfahrzeugbesatzungen sowie dem Transport militärischer Kräfte und von Waldbrandbekämpfern, sogenannten Smokejumpern.
Der Schirm kann unmittelbar beim Absprung automatisch oder später im freien Fall manuell geöffnet werden. Die Mindesthöhe für den Öffnungsvorgang liegt bei 400 m; meist wird bei 800 bis 700 m geöffnet, im allgemeinen Sportbetrieb häufig zwischen 1500 und 700 m. Rundkappen sinken je nach Größe und Springergewicht konstant mit etwa 3,5 bis 5 m/s. Flächenfallschirme können mehr als 60 km/h Vorwärtsfahrt erreichen und sinken bei voller Vorwärtsfahrt ungefähr mit 5 m/s.
Ein gewöhnlicher Sprung beginnt aus 1000 bis 4500 m über Grund. Der Steigflug dauert etwa 5 bis 20 Minuten. In klassischer Bauchlage werden in den ersten 10 Sekunden rund 300 Höhenmeter durchfallen; anschließend beträgt die Geschwindigkeit etwa 180 km/h. Bei Tandemsprüngen begrenzt ein kleiner Brems- und Stabilisierungsschirm, der Drogue, die Geschwindigkeit auf höchstens etwa 200 km/h. Aus 4000 m wird die Öffnungshöhe nach ungefähr 40 bis 60 Sekunden erreicht.
Die Entfaltung dauert zwei bis fünf Sekunden und benötigt ungefähr 200 Höhenmeter; dabei kann die Bremsbeschleunigung etwa 20 m/s² erreichen. Die anschließende Schirmfahrt dauert etwa drei bis fünf Minuten. Zwei Steuerleinen bremsen die jeweilige Seite eines Flächenfallschirms und ermöglichen Kurven. Gleichzeitiges Ziehen verändert das Profil, verringert kurzzeitig Sink- und Vorwärtsgeschwindigkeit und ermöglicht eine sanfte Landung.
Zum üblichen Ablauf gehören Ausrüstungsprüfung, Besteigen des Flugzeugs in festgelegter Reihenfolge, Aufstieg, letzter Check, Einweisung des Piloten zum Absetzpunkt und Ausstieg mit mindestens fünf Sekunden Abstand. Nach der Öffnung folgt innerhalb von drei Sekunden der Kappencheck: Symmetrie, gefüllte Kammern, freie Leinen, abgesenkter Slider und mögliche Schäden. Ab etwa 300 m wird der Landeanflug gegen den Wind vorbereitet; ab zehn Metern wird ungefähr halb, ab drei bis fünf Metern vollständig gebremst.
Ausbildung, Lizenz und Sicherheit
In Deutschland sind Sprünge nur mit gültiger Lizenz oder im Rahmen einer Ausbildung erlaubt. Voraussetzungen für den Ausbildungsbeginn sind eine ärztliche Tauglichkeitsbescheinigung, ein Erste-Hilfe-Kurs und ein Mindestalter von 14 Jahren; Minderjährige benötigen die Zustimmung der Erziehungsberechtigten. Zugelassen sind die konventionelle Ausbildung und die AFF-Methode (Accelerated Freefall). Schüler springen unter Aufsicht geprüfter Lehrer und üben unter anderem Absprungarten, Drehungen im Freifall und Ziellandungen. Hartschalenhelm und automatisches Öffnungsgerät sind während der Ausbildung Pflicht.
Für die deutsche Lizenz sind eine Multiple-Choice-Prüfung, zwei Prüfungssprünge aus 1200 m und mindestens 3000 m sowie insgesamt mindestens 23 Sprünge erforderlich. Das Mindestalter für die Erteilung beträgt 16 Jahre. In Österreich sind mindestens 28 Sprünge vorgeschrieben. Die deutsche Lizenz gilt unbefristet; medizinische Kontrolluntersuchungen sind nicht regelmäßig vorgeschrieben. Nachzuweisen sind jedoch zwölf Sprünge in den vergangenen zwölf Monaten. Fehlen sie, lässt sich die Berechtigung durch Überprüfungssprünge reaktivieren. Im Vertikalwindtunnel kann der Freifall als Bodyflying geübt werden.
Der Absetzer ist ein erfahrener Springer, der den Piloten zum richtigen Absetzpunkt führt, vor dem Start die Ausrüstung kontrolliert und den Ausstieg organisiert. Meist werden dafür Hochdecker eingesetzt, weil ihre Bauweise einen sicheren Ausstieg erleichtert. Typische Absetzflugzeuge sind Cessna 182 und 206, Pilatus Turbo Porter, Antonow An-2, Twin Otter, Dornier Do 28 sowie auf stark genutzten Plätzen etwa Cessna 208 Caravan, Short Skyvan oder PAC 750XL.
Zur Grundausstattung gehört der Höhenmesser, gewöhnlich mit einer Skala bis 4000 m oder 12.000 Fuß. Der Bereich bis 800 m ist meist rot, von 800 bis 1000 m gelb. Ein akustischer Höhenwarner gibt beim Unterschreiten einer eingestellten Höhe ein Signal, ist aber kein Höhenmesser. Hartschalen- oder Integralhelme schützen bei Zusammenstößen, harten Landungen und Zwischenfällen im Flugzeug; bei Schülern sind Hartschalenhelme vorgeschrieben.
Ein Öffnungsautomat misst fortlaufend Höhe und Fallgeschwindigkeit und öffnet bei zu hoher Sinkgeschwindigkeit unter einer festgelegten Höhe, meistens 225 m über Grund, automatisch den Reserveschirm. Die RSL (Reserve Static Line oder Stevens Lanyard) verbindet einen Haupttragegurt mit dem Reservecontainer. Wird die Hauptkappe abgetrennt, zieht der fortfliegende Schirm den Verschluss-Pin und beschleunigt dadurch die Reserveöffnung. Weitere Ausrüstung kann Schutzbrille, Sprungkombination, Nierengurt, Knie- und Sprunggelenkschutz, Funk für Schüler, Schwimmweste oder Neoprenanzug umfassen.
Risiken und Notverfahren
Die meisten Risiken entstehen bei Schirmöffnung und Landung. Bei einer nicht behebbaren Fehlöffnung wird die Hauptkappe mit dem Trennkissen abgetrennt und der Reserveschirm geöffnet. Häufige Ursachen sind Packfehler und falsches Verhalten während der Öffnung; Materialfehler sind seltener.
Zu den möglichen Störungen gehören eine vollständig blockierte Öffnung, ein am Arm verhängtes Handdeploy, ein Baglock mit in der inneren Verpackung feststeckender Kappe, eine nur teilweise entfaltete „Fahne“ oder „Fackel“, das „Hufeisen“ mit einer Verhängung am Springer, Leinenüberwürfe, Leinenrisse, ein festsitzender Slider, Leinenverdrehungen und Risse der Hauptkappe. Manche Probleme lassen sich bei ausreichender Höhe beheben, etwa durch Ausdrehen, Ziehen an Tragegurten oder Pumpen mit den Steuerleinen. Schnelle Rotation, fehlende Tragfähigkeit oder ein schwer beschädigter Schirm erfordern dagegen die Notprozedur.
Öffnen sich Haupt- und Reserveschirm gleichzeitig, heißt die Konfiguration Biplane. Stehen beide Schirme hintereinander, kann häufig vorsichtig mit dem vorderen gelandet werden. Bei „side by side“ oder einem „down plane“, bei dem ein Schirm nach unten klappt und eine schnelle Drehung auslöst, muss die Hauptkappe abgetrennt werden.
Bei der Landung drohen Zusammenstöße, Hindernislandungen, zu frühes oder falsch dosiertes Bremsen, bodennahe Drehungen sowie Abwinde und Wirbel im Windschatten von Gebäuden, Wäldern oder Gebirgsflanken. Wird zu hoch gebremst und anschließend wieder gelöst, beschleunigt der Schirm durch den Pendeleffekt; bei geringer Höhe kann dies nicht mehr ausgeglichen werden. Auch Mit-Wind-Landungen und starke thermische Fallböen können gefährlich werden. Die häufigsten tödlichen Verletzungen entstehen nicht im freien Fall, sondern nach der Schirmöffnung durch Kollisionen, bodennahe Drehungen sowie Lenk- und Bremsfehler.
Der Deutsche Fallschirmsportverband registrierte 2021 rund 230.000 Sprünge, vier tödlich verunglückte Springer, 38 schwere Unfälle und 204 Reserveaktivierungen. Die United States Parachute Association meldete für 2010 bei rund 3 Millionen Sprüngen 21 tödliche Unfälle.
Sportliche Disziplinen und Varianten
Beim Formationsspringen (FS) führen Springer in Bauchlage möglichst schnell und präzise vorgegebene Figuren aus. Vertical Formation Skydiving (VFS) verlegt dies in Kopf- oder Fußlage bei höherer Geschwindigkeit. Beim Kappen-Formationsspringen (CF) entstehen Figuren an geöffneten Schirmen. Artistik (AE) umfasst Freefly in unterschiedlichen Körperlagen und Freestyle mit akrobatischen oder tänzerischen Abläufen, meist zusammen mit einem Kameraflieger.
Beim Kappenfliegen oder Canopy Piloting (CP, auch Swooping) wird ein bodennaher Parcours, oft über einem Wassergraben, mit hoher Geschwindigkeit durchflogen. Die dafür nötige starke Beschleunigung und das Fliegen nahe am Boden machen die Disziplin besonders riskant. Wingsuitflieger (WS) tragen einen Anzug mit luftgefüllten Stoffflächen zwischen Armen, Körper und Beinen. Speed-Skydiving (SP) misst die höchstmögliche Geschwindigkeit auf einer 1000 m langen Strecke von 2700 bis 1700 m über Grund; vor der Öffnung folgt ein Bremsprogramm. Paraski kombiniert Zielspringen und Riesentorlauf.
Beim klassischen Zielspringen wird ein Zielpunkt von nur 2 cm Durchmesser angeflogen und die Abweichung in Zentimetern gemessen. Beim Stilspringen absolviert der Springer Drehungen und Salti möglichst schnell und sauber. Relative Work bezeichnet Freifallformationen von zwei bis mehreren Hundert Personen; typische Wettbewerbsgrößen sind Vierer- und Achterformationen. Daneben gibt es Wassersprünge, Gebirgszielspringen und nicht offiziell geregelte Formen wie Hit ’n’ Rock, Skysurfing oder Proximity-Flying.
BASE steht für „Buildings, Antennas, Spans and Earth“ und bezeichnet Sprünge von Gebäuden, Antennen, Brücken oder Felsen. Wegen des hohen Risikos sind sie nur an wenigen Orten dauerhaft erlaubt. Stratosphärensprünge beginnen oberhalb der je nach Breitengrad etwa 8 bis 18 km hohen Troposphäre und verwenden meist Heliumballons.
HALO bedeutet „high altitude low opening“: Absprung aus über 4000 m mit Sauerstoffmaske und Öffnung weit unter 1000 m. Beim militärischen HAHO („high altitude high opening“) wird bis 10.000 m hoch gesprungen und nach kurzem Freifall geöffnet, um mit dem Wind weit zu gleiten. HAAO verwendet in großer Höhe eine automatische Öffnung. Das Gleitschirmfliegen unterscheidet sich dadurch, dass der Schirm schon vor dem Start ausgelegt und gefüllt wird. Indoor Skydiving im Vertikalwindtunnel entwickelte sich vom Training zu einer eigenen Sportart.
Geschichte und Rekorde
Leonardo da Vinci zeichnete 1483 einen pyramidenförmigen Fallschirm aus Leinen und Holz. Ein Versuch im Jahr 2000 zeigte seine Funktionsfähigkeit, allerdings war das 90 kg schwere Modell bei der Landung schwer zu beherrschen. Für die verbreitete Erzählung, Fausto Veranzio habe 1617 selbst einen Fallschirm getestet, gibt es keinen Nachweis.
Als offizieller Beginn des modernen Fallschirmspringens gilt Louis-Sébastien Lenormands erfolgreicher Sprung 1783 vom Observatorium in Montpellier. André-Jacques Garnerin sprang am 22. Oktober 1797 aus einem etwa 400 m hoch fliegenden Wasserstoffballon über Paris. Käthe Paulus (1868–1935) zählt zu den ersten Fallschirmspringerinnen und erfand den zusammenlegbaren Fallschirm.
Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren manuell auszulösende Schirme hauptsächlich Rettungsfallschirme für Piloten; zivile Sprünge dienten meist Vorführungen. Die stabile X-Körperhaltung entwickelte sich in den 1950er Jahren. Nach 1945 verbreitete sich Freifallspringen als Sport stärker, und in den 1960er Jahren fanden die ersten Stratosphärensprünge statt.
Alan Eustace hält mit 41.419 m den Rekord für den höchsten Absprung, erzielt am 24. Oktober 2014 in Roswell. Joseph Kittingers längster freier Fall nach Dauer betrug am 16. August 1960 in New Mexico 4:36 Minuten. Felix Baumgartner durchfiel am 14. Oktober 2012 in Roswell 36.529 m und erreichte 1343 km/h beziehungsweise Mach 1,24; er durchbrach damit als erster Mensch im freien Fall die Schallmauer.
Die größte internationale Freifallformation bestand aus 400 Springern und wurde am 8. Februar 2006 in Udon Thani geflogen. Die größte Formation am geöffneten Schirm umfasste 100 Springer am 21. November 2007 in Lake Wales. Don Kellner absolvierte insgesamt über 46.000 Sprünge; Jay Stokes erreichte am 8. September 2006 innerhalb von 24 Stunden 640 Sprünge. Frank Moody sprang 2004 mit 101 Jahren im Tandem aus 3000 m.
Recht, Zahlen und Einordnung
In Deutschland gelten Fallschirme nach dem Luftverkehrsgesetz als nicht verkehrszulassungspflichtige Luftfahrzeuge und als Luftsportgeräte. Erforderlich ist ein Luftfahrerschein; die vom Bundesverkehrsminister beauftragte Stelle für Lizenzen ist der Deutsche Fallschirmsportverband. Seit 2004 werden Lizenzen unbefristet erteilt.
Im kontrollierten Luftraum muss der Pilot des Absetzflugzeugs eine Flugverkehrskontrollfreigabe einholen. Die Freigabe lautet „Dropping Approved“, nach dem letzten Ausstieg meldet er „Last Jumper Out“. Für Sprünge außerhalb genehmigter Flugplätze ist zusätzlich eine Außenlandeerlaubnis erforderlich; ungenehmigte Außenlandungen sind Straftaten. Springer müssen unter anderem Lizenz, Sprungbuch, Lufttüchtigkeits- und Reserve-Packnachweis sowie eine Halter-Haftpflicht über 1,5 Mio. Euro mitführen. Im Luftraum gilt rechts vor links; auf Konfrontationskurs weichen beide nach rechts aus. Beim Landeanflug hat der untere Springer Vorrang. Für Schüler darf die Windgeschwindigkeit höchstens 8 m/s betragen.
Von 1995 bis 2009 wurden in Deutschland jährlich zwischen 226.000 und 311.000 Sprünge absolviert, darunter 16.000 bis 31.500 Tandemsprünge. Pro Jahr gab es 245 bis 310 Reserveaktivierungen, 47 bis 112 meldepflichtige und zwei bis zehn tödliche Unfälle. 2018 waren nur 0,028 % der Sprünge wegen schwerer Verletzungen, schweren Luftfahrzeugschadens oder eines Drittschadens über 500 Euro meldepflichtig. Die tabellarischen Angaben zu schweren Unfällen für einzelne spätere Jahre wirken teilweise widersprüchlich zu den übrigen Daten und sollten deshalb mit Vorsicht gelesen werden.
Psychologisch beruht der Reiz auf dem Gegensatz zwischen der normalerweise angstauslösenden Erfahrung des Fallens und ihrer bewussten Beherrschung. Springer suchen den kontrollierten Fall, nicht den Absturz. Als Motive werden Glück, Stolz, Selbstbewusstsein, Freiheit, die Gestaltung von Bewegung sowie Selbstfindung bei einer anspruchsvollen Aufgabe genannt.
Filmdarstellungen erzeugen mehrere Irrtümer: Beim Öffnen wird ein Springer nicht nach oben gezogen, sondern stark abgebremst, während die Kamera weiterfällt. Verständigung ist bei etwa 200 km/h wegen des Windgeräuschs normalerweise nur aus nächster Nähe oder per Funk möglich. Ein gewöhnlicher Freifall aus 4000 m dauert etwas mehr als 60 Sekunden, nicht mehrere Minuten. Anfänger beherrschen eine stabile Freifallhaltung meist nicht sofort. Auch könnte eine aufgefangene Person bei der Schirmöffnung nicht allein durch Muskelkraft festgehalten werden, weil die auftretenden Kräfte zu groß sind.