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Evolution und Schöpfung (Pierre Teilhard de Chardin)

Teilhard studierte zuerst Naturwissenschaften und Philosophie und wurde erst während des anschließenden Theologiestudiums mit der Idee der kosmischen Evolution …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Ausgangspunkt
  2. 2. Einflüsse und Abgrenzungen
  3. 3. Frühe theologische Schritte
  4. 4. Mensch und Evolution
  5. 5. Geist, Materie und Freiheit

Kernidee und Ausgangspunkt

Pierre Teilhard de Chardin wollte die Kluft zwischen Darwins Evolutionstheorie und einem biblischen Schöpfungsglauben überbrücken. Er war zugleich Theologe und Naturwissenschaftler und versuchte, Evolution in ein christliches Glaubensverständnis einzubauen. Dadurch entwickelte er schrittweise eine Synthese von Glauben und Wissen, Schöpfung und Evolution.

Sein Ausgangspunkt war die Materie, wie sie die klassische Physik in einem statischen Weltbild verstand. Schon 1905 suchte Teilhard nach einem „Unterhalb“ der Dinge, also nach einer tieferen Wirklichkeit hinter den sichtbaren Erscheinungen. Nachdem er um 1908 die biologische Evolution für sich entdeckt hatte, führte dieser Gedanke bei ihm über eine „Innendimension“ von Pflanzen und Tieren bis zum menschlichen Bewusstsein.

Für Teilhard bedeutete das eine Abkehr vom herkömmlichen statischen Weltbild hin zu einem evolutionären Weltbild. Diese Umstellung betraf nicht nur Naturwissenschaft, sondern auch Philosophie und Theologie. Sie war kirchlich heikel, weil sie eine grundlegende Umgestaltung traditioneller Denkformen verlangte. Der Artikel vergleicht diese Veränderung mit der kopernikanischen Wende, also dem Übergang vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild.

Materie war für Teilhard keine minderwertige oder bloß vorläufige Wirklichkeit. Obwohl er sie zunächst vorsichtig als eine „geheimnisvolle und beunruhigende Sache“ beschrieb, maß er ihr dauerhaft hohen Wert bei. Sie gehört nach ihm vom Anfang bis zum Ende zur irdischen Wirklichkeit und darf nicht als grundsätzlich unchristlich abgewertet werden.

Einflüsse und Abgrenzungen

Teilhard wurde von mehreren Denkern beeinflusst, integrierte ihre Ideen aber in eine eigene Richtung. Genannt werden Blaise Pascal, Platon, Leibniz und Isaac Newton sowie John Henry Newman, Maurice Blondel, Henri Bergson und Pierre Rousselot. Der Artikel beschreibt dies als eine „Entwicklung seines Entwicklungsdenkens“.

Henri Bergson prägte Teilhard besonders durch den Gedanken des „élan vital“, einer Lebenskraft oder eines Lebensimpulses in Bergsons Philosophie des Lebendigen. Teilhard schrieb 1950 in Das Herz der Materie, Bergson habe ihm um 1908 die Augen für die Evolution geöffnet. Gleichzeitig unterschied sich Teilhard von Bergson: Bergson beschrieb Evolution als divergent, Teilhard dagegen postulierte eine „schöpferische Einigung“.

Pierre Rousselot war für Teilhard ebenfalls wichtig. Rousselot vertrat 1908 in Idéalisme et Thomisme die Auffassung, materielle Dinge seien einerseits vom menschlichen Bewusstsein abhängig, andererseits habe die materielle Welt einen hohen eigenen Wert für das Menschsein. Teilhard übernahm die theologische Bedeutung der Evolution, kehrte Rousselots idealistische Richtung aber um: Nicht der menschliche Geist gibt der Welt ihren eigentlichen Sinn, sondern dieser Sinn wohnt der Welt und der Materie selbst inne.

Bei Blondel, Bergson und Rousselot fand Teilhard Anregungen, doch er verschob den Schwerpunkt. Während diese Denker den Sinn der Welt stärker vom Menschen her bestimmten, wollte Teilhard auch das Werden des vormenschlichen Kosmos in seine Deutung einbeziehen. So wurde Materie für ihn Teil der Entstehungsgeschichte des Geistes.

Frühe theologische Schritte

In seiner ersten veröffentlichten Schrift Von der Willkür in der Physik von 1905 entwickelte Teilhard das Konzept des „Unterhalb der Dinge“, später „Innen der Dinge“. Er ging von der Relativität physikalischer und naturwissenschaftlicher Aussagen aus und suchte hinter der Vielfalt der Naturerscheinungen nach einer tieferen Wahrheit. Später wollte er sich dieser Wahrheit in Der Mensch im Kosmos durch eine transzendierende Erkenntnisweise und „wissenschaftliche Schau“ nähern.

In Die Wunder von Lourdes von 1909 verband Teilhard die kirchliche Auffassung von Wunderheilungen mit naturwissenschaftlichem Denken. Einige Heilungen seien naturwissenschaftlich nicht erklärbar und würden von der Kirche als Wunder, also als Wirken Gottes, gedeutet. Für Teilhard waren sie aber keine grundsätzlich dem Wissen verschlossenen Geheimnisse, sondern Phänomene, die die damalige Wissenschaft noch nicht erklären konnte. Er brachte sie mit einem der Wissenschaft noch unbekannten geistigen Prinzip der Materie in Verbindung.

Dabei formulierte Teilhard die Idee, Gott habe Materie so geschaffen, dass bei entsprechender Kombination ihrer Grundelemente neue Eigenschaften wie Leben oder Geist erscheinen können. Der spätere Schlüsselbegriff „Geist“ steht in diesem Text noch nicht ausdrücklich im Zentrum. Doch 1909 begann Teilhard, den ihm anerzogenen Dualismus von Geist und Materie infrage zu stellen.

1912 trat Teilhard in einem Lexikonartikel noch deutlich als Vertreter offizieller katholischer Dogmatik auf. Er arbeitete die Vereinbarkeit des christlichen Glaubens mit zeitgenössischer Philosophie und Naturwissenschaft zur Natur des Menschen heraus. Der Mensch bestehe aus Körper und Seele; sein individuelles Ich bleibe seit dem ersten Augenblick seiner Existenz dasselbe. Teilhard hielt die unmittelbare Erschaffung der Seele des ersten Menschen durch Gott fest, also eine creatio ex nihilo, eine Schöpfung aus dem Nichts.

Mensch und Evolution

Teilhard behandelte den Menschen als Sonderfall der Evolution. In einer Vorstudie von 1911 stellte er vier zeitgenössische Positionen zur Evolution dar. Den klassischen Darwinismus hielt er für überwunden, weil er zu stark auf Kampf ums Dasein, natürliche Selektion und Überleben der am besten Angepassten konzentriert sei. Nach Teilhard erkläre diese Sicht das Auftreten neuer Merkmale und komplexerer Formen nicht ausreichend.

Den Neodarwinismus kritisierte er anders: Dieser könne durch die mendelsche Vererbungslehre spontan auftretende Mutationen erklären, berücksichtige aber nach Teilhard den Einfluss der Umwelt zu wenig. Den neo-lamarckistischen Ansatz, also die Annahme einer Erblichkeit erworbener Eigenschaften, hielt er für sehr schwer oder gar nicht nachweisbar.

Teilhard bevorzugte eine vierte Theorie, den „vitalistischen Transformismus“. Vitalismus bedeutet hier, dass Leben auf eine eigene Lebenskraft oder ein eigenes Prinzip zurückgeführt wird. Teilhard meinte, dieses Konzept könne die Grenzen der anderen Evolutionstheorien besser ausgleichen. Mit seinem Begriff des „inneren Anstoßes“, der „poussée interne“, grenzte er sich aber von Bergsons „élan vital“ ab. Dieser innere Anstoß beschreibt bei Teilhard das Wirken Gottes in der Welt.

Beim Menschen wird Evolution für Teilhard besonders problematisch und bedeutend, weil Intelligenz auftritt. Deshalb müsse ein „göttlicher Akt“ oder ein „Schöpfer der Seele“ anerkannt werden. Die biologische Herkunft des Menschen ließ er als Denkmöglichkeit zu, falls eindeutige wissenschaftliche Beweise für eine Herkunft aus dem Tierreich erbracht würden. Zugleich hielt er die Monogenismus-These, also die Abstammung aller Menschen von einem einzigen Paar, für eine dem Glauben nahe Behauptung. Andere biblische Aussagen, etwa über das Alter des Menschen, erklärte er als dogmatisch nicht verbindlich. Wissenschaftliche Entdeckungen könnten nach ihm den Kern des christlichen Glaubens nicht zerstören.

Geist, Materie und Freiheit

Ein zentrales Problem in Teilhards Denken ist das Verhältnis von Geist und Materie. Schon 1905 suchte er eine Dimension „unterhalb der Dinge“. 1909 sah er in unbestimmten Elementen der Materie eine Möglichkeit des Wirkens Gottes. 1912 verstand er das Gegenteil von Determinismus und Automatismus der Materie als Spontaneität. Determinismus bedeutet, dass alles streng festgelegt abläuft; Spontaneität meint bei Teilhard ein freies oder nicht völlig festgelegtes Moment.

Damit gab Teilhard schon den untersten materiellen Strukturen gewisse Freiheitsgrade. Das widersprach den damals herrschenden Vorstellungen. Auf der Ebene des Menschen wird dieser Indeterminismus zur Freiheit. Später fasste Teilhard „Innen“, „Bewusstsein“ und „Spontaneität“ eng zusammen. In Der Mensch im Kosmos schrieb er 1940: „Ein Innen, ein Bewusstsein und deshalb Spontaneität: diese drei Ausdrücke meinen dieselbe Sache.“

Teilhard sah Leben als Weiterentwicklung der Materie. Beim Menschen nahm er eine „Zone des Übergangs“ zwischen Materie und Geist an. Wenn die Seele den Körper belebt, verbindet sie sich so eng mit ihm, dass sie nicht mehr ohne die materiellen Elemente verstanden werden kann. Geist und Materie müssen zwar unterschieden werden, aber nicht im Sinn eines „fundamentalen Dualismus“.

Gleichzeitig gab Teilhard den Dualismus nicht völlig auf. Er hielt daran fest, dass die menschliche Seele von Gott geschaffen ist und sich durch Geistigkeit, Substantialität und Unsterblichkeit von der Materie unterscheidet. Später betonte er stärker die gemeinsame Entwicklung von Geist und Materie im Verlauf der kosmischen Evolution. Seine integrative Sicht wurde laut Artikel weiterhin von fundamentalistischen, kreationistischen und anti-darwinistischen Kreisen bekämpft, während sein Werk vom Panpsychismus adaptiert wurde.

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