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Eulalia-Sequenz
Die Eulalia-Sequenz (französisch Chanson/Séquence/Cantilène de sainte Eulalie), welche um 880 entstand, gilt als frühestes Beispiel französischer …
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Bedeutung und Grundform
Die Eulalia-Sequenz entstand um 880 und gilt als frühestes Beispiel französischer Hagiographie, also religiöser Literatur über Heilige, sowie als erstes literarisches Sprachdenkmal des Französischen. Ihre Sprache steht der gesprochenen Sprache ihrer Zeit vermutlich deutlich näher als die Straßburger Eide.
Die 29 Verse sind unterschiedlich lang. Über das genaue metrische Schema besteht keine Einigkeit; meist werden 9- bis 13-Silber und ein 7-Silber als Schlussvers angenommen. Die Verse sind durch Assonanz, also den Gleichklang vor allem der Vokale, verbunden. Der Text ist in Karolingischer Minuskel geschrieben und gut lesbar.
Die Gattung Sequenz oder Cantilène entstand im 9. Jahrhundert aus der Liturgie. Sie ist eine melodieunabhängige Form geistlicher, insbesondere hagiographischer Dichtung. Eine Melodie ist nicht überliefert, auch wenn manche Forscher eine solche annehmen. Formal blieb die Eulalia-Sequenz ohne Nachfolge. Inhaltlich steht sie in der Tradition lateinischer Heiligenviten, weicht von ihrer lateinischen Vorlage aber unter anderem dadurch ab, dass Maximian als Richter auftritt und Eulalia nach dem Scheitern des Feuers durch das Schwert stirbt.
Handlung und religiöse Aussage
Die Dichtung erzählt das Martyrium der jungen Eulalia. Wegen ihres christlichen Glaubens zieht sie den Zorn des heidnischen Herrschers Dacianus auf sich. Die Gegner Gottes wollen sie durch Folter dazu bringen, dem Christentum abzusagen und dem Teufel zu dienen.
Eulalia lässt sich weder durch Gold und Silber, Schmuck, Drohungen des Königs noch durch Bitten umstimmen. Sie nimmt körperliche Qualen lieber auf sich, als ihre „virginitét“ zu verlieren. Das Wort kann hier als spirituelle Reinheit, Integrität oder Unschuld verstanden werden, nicht unbedingt als körperliche Jungfräulichkeit. Deshalb wird sie vor Maximian gebracht, der als König der Heiden bezeichnet wird.
Eulalia sammelt ihre Kraft beziehungsweise erträgt nach einer umstrittenen Lesart ihr „Element“, das Feuer. Sie wird auf den Scheiterhaufen geworfen, doch die Flammen können ihr nichts anhaben, weil sie keine Sünde begangen hat. Der heidnische König akzeptiert dies nicht und befiehlt, ihr mit einem Schwert den Kopf abzuschlagen. Eulalia widerspricht nicht, möchte das irdische Leben verlassen und betet zu Christus.
Beim Vollzug der Todesstrafe fliegt ihre Seele in Gestalt einer weißen Taube zum Himmel. Der kurze Epilog bittet die Leser oder Hörer, gemeinsam darum zu beten, dass Eulalia für sie Fürsprache einlegt, Christus Erbarmen mit ihnen hat und sie nach dem Tod durch seine Milde zu sich kommen lässt.
Überlieferung und Entstehungsraum
Überliefert ist die Sequenz in der Handschrift der Bibliothek von Valenciennes, Hs. 150, ehemals 143, fol. 141v. Die Handschrift stammt ursprünglich aus der Bibliothek des Benediktinerklosters Saint-Amand und wurde dort 1837 durch August Heinrich Hoffmann von Fallersleben neu entdeckt.
Die Datierung auf die Zeit um 880 gilt in der Forschung als gesichert. Die Sequenz steht auf den letzten Seiten einer Handschrift Gregors von Nazianz. Vor ihr steht die lateinische Version der Eulalia-Erzählung, nach ihr das deutschsprachige Ludwigslied. Dieses feiert den Sieg Ludwigs III. über die Normannen bei Saucourt am 3. August 881 und wurde kurz nach dem Tod des Königs am 5. August 882 in die Handschrift eingetragen. Daher wird die Eulalia-Sequenz in diese Zeit datiert, wohl nicht später als 882.
Nach heutigem Konsens zeichnete ein Mönch von Saint-Amand den Text kurz nach der Überführung von Eulalias Reliquien aus Barcelona in das Frauenkloster Hasnon nahe Saint-Amand-les-Eaux im Jahr 878 auf. Ob der Musiker und Dichter Hucbald († 930) der Schreiber oder Verfasser war, ist umstritten.
Der Entstehungsort wird aufgrund des Dialekts in Nordfrankreich vermutet, möglicherweise in der Nähe von Saint-Amand. Der Dialekt liegt in einem Grenzgebiet zwischen Pikardisch und Wallonisch. Typische Merkmale sind der Verlust des unbetonten finalen t in „perdesse“ und „arde“ sowie „lei“ als betontes weibliches Singularpronomen. Zugleich zeigen Formen wie „sostendreiet“ und „voldrent“ den Einfluss einer überregionalen Literatursprache, der sogenannten scripta. Der Text gibt deshalb die gesprochene Sprache des 9. Jahrhunderts nicht vollständig getreu wieder; manche Latinismen könnten aus metrischen Gründen gewählt worden sein.
Altfranzösische Sprache
Die Eulalia-Sequenz ist in Altfranzösisch verfasst, einer aus dem Vulgärlatein entwickelten Sprache. Sie zeigt zentrale Entwicklungen der Romania: einen tiefgreifenden Wandel des Phonemsystems, Vereinfachungen der Deklination, die Entwicklung verbaler Umschreibungen, das erste Auftreten bestimmter und unbestimmter Artikel, des Personalpronomens der dritten Person und des Konditionals.
Auffällig sind diphthongierte betonte Vokale: o wird in freier Stellung zu uo, etwa in „buona“ und „ruovet“; e erscheint als „ei“ in „concreidere“, o als „ou“ in „bellezour“. Betontes a wird teilweise zu e, etwa in „presentede“ und „spede“, bleibt aber in „buona“, „pulcella“ und „anima“ erhalten. In einsilbigem „por“ fehlt die Diphthongierung; zugleich liegt hier Metathese vor: „por“ < PRO. Auch das prothetische e fehlt in „spede“, das nicht aus „espede“ entstanden ist.
Bei den Konsonanten tritt Palatalisierung häufig auf, etwa „manatce“ [ts] aus MINACIA, „bellezour“ aus BELLATIOREM und „fuiet“ aus FUGIAT. Inneres k oder g kann verschwinden, wie in „pleier“ aus PLICARE und „preiement“ aus PRECAMENTUM.
Die Sequenz belegt erstmals in einem Text den bestimmten und den unbestimmten Artikel. Der bestimmte Artikel geht auf ILLE beziehungsweise ILLA zurück und bezeichnet bereits eingeführte Personen oder Dinge, etwa „li Deo inimi“, „les mals conselliers“ und „lo Deo menestier“. Bei erstmaliger Nennung steht der unbestimmte Artikel, der von UNUS beziehungsweise UNA abstammt, wie in „ad une spede“. „Diaule“ für „Teufel“ steht noch ohne Artikel.
Bei den Verben werden Reste des lateinischen Plusquamperfekts als einfache Vergangenheit verwendet: HABUERAT > „auret“, POTUERAT > „pouret“ und FUERAT > „furet“. Daneben entstehen analytische Formen, etwa „fut presentede“ als Passiv. Zahlreiche Konjunktivformen gehen auf lateinische Plusquamperfektformen zurück, zum Beispiel AMAVISSET > „amast“, PERDIDESSET > „perdesse“ und HABUISSET > „auuisset“; sie können teilweise Gegenwartsbedeutung haben. „Fut“ ist typisch für das Altfranzösische, in dem das Imperfekt noch selten ist, während „eret“ bereits vom lateinischen Imperfekt abstammt.
Kontraktionen, besonders Enklitika, sind häufig. Treffen zwei einsilbige Wörter aufeinander, kann der letzte unbetonte Vokal des zweiten Wortes vor einem folgenden Konsonanten ausfallen: „enl“ < en le, „nos“ < non se und „no’nt“ < non inde, wobei „ent“ zusätzlich verkürzt ist.
Die Wortstellung ist noch flexibel. In Vers 2 fehlt das ausdrücklich genannte Subjekt, und Adjektiv und Substantiv werden durch das Verb getrennt: „Bel auret corps“. Vers 20 weist die Reihenfolge SOV auf, Vers 27 dagegen VSO. Der Wortschatz ist überwiegend religiös und stellt Körper und Seele gegenüber, etwa „corps/anima“. „Fou“ geht auf FOCUS, ‚Feuerstelle‘, zurück und nicht auf das klassische IGNIS. „Chieef“ stammt von CAPUT, ‚Kopf‘, während das spätere französische „tête“ auf die vulgärlateinische metaphorische Form TESTA zurückgeht.
Die Orthographie ist noch nicht standardisiert. Betontes a erscheint teils als e, teils als a; dies beruht wahrscheinlich eher auf lateinischer Schreibtradition als auf einem festen Lautgegensatz. Auch „krist/christus“ zeigt die schwankende Schreibung. „Manatce“ mit tc gibt den Laut [ts] wieder, der später zu [s] wird. [k] wird vor o als c in „cose“, vor i als ch in „chi“ geschrieben. Hilty (1990) deutet den ersten Vers außerdem als mögliches Anagramm für „alleluia“: „BuonA puLcELla fUt EulalIA“.
Heilige Eulalia und schwierige Lesarten
Eulalia von Mérida ist eine spanische Heilige, deren Name aus griechisch eu ‚gut‘ und lalein ‚sprechen‘ zusammengesetzt ist. Nach der Passio des Prudentius ging sie als junges Mädchen nach Mérida, um gegen die Verfolgung von Christen Einspruch zu erheben. Unter Kaiser Maximian wurde sie gefangen genommen und mit heißem Öl, Verbrennungen und dem Feuerofen gefoltert, blieb aber unversehrt. Der späteren Legende nach stieg ihre Seele beim Tod durch das Schwert als weiße Taube zum Himmel; Schnee hüllte ihren Leichnam ein. Ihr Tod wird auf den 10. Dezember 304 datiert.
Seit dem 7. Jahrhundert ist außerdem die Verehrung einer gleichnamigen Märtyrerin in Barcelona bezeugt. Da frühere Quellen nur Eulalia von Mérida nennen, gelten beide vermutlich als identisch. Die Eulalia von Barcelona soll als Vierzehnjährige um 305 unter Kaiser Diokletian gekreuzigt worden sein; ihr Gedenktag ist der 12. Februar. Sie gilt als Patronin der Reisenden und Schwangeren. Darstellungen zeigen Eulalia unter anderem mit Folterhaken, am Kreuz oder auf einem Scheiterhaufen. Der Feuerofen wird dabei fälschlicherweise als Todesursache verstanden.
Besonders umstritten ist Vers 15: „ell’ent aduret lo suon element“ beziehungsweise die in der Handschrift zunächst gelesene Form „adunet“. Unklar sind „ent“, „aduret/adunet“ und „element“. Hilty (1990) versteht „ent“ zeitlich und kausal im Sinn von ‚danach‘ und ‚als Konsequenz‘. „Aduret“ führt er auf adurer zurück und deutet es als ‚ertragen‘; „element“ bezeichnet dann das Feuer als eines der vier Elemente: „elle endure le feu“. Price (1990) folgt im Wesentlichen Hilty.
Learned kam 1938 aufgrund unterschiedlich starker Tinte zu dem Schluss, dass ein ursprüngliches r verwischt und wie n gelesen worden sei. Barnett, Avalle und Hilty übernahmen daraufhin „aduret“. Price hält allerdings auch eine bewusste Korrektur zu „adunet“ für möglich. Dann könnte das spätlateinische adunare ‚versammeln‘ zugrunde liegen und der Vers bedeuten: ‚Sie sammelte all ihren Mut‘. Barnett deutet „aduret“ dagegen als Form von adorare und „element“ als ‚falscher Gott‘. Weitere Deutungen, etwa ‚Geist‘, ‚anderweitig‘ oder ‚Leinengewand‘, fanden keinen festen Eingang in die gängige Lehrmeinung.