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Ludwigslied

Es ist das älteste historische Lied in deutscher Sprache. Die ersten beiden Seiten des Ludwigslieds. Das als Fürstenpreisung angelegte Zeitlied betont besonders …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Überlieferung und Wiederentdeckung
  3. 3. Form und Sprache
  4. 4. Inhalt und religiöse Deutung
  5. 5. Historischer Zusammenhang und Ausgaben

Gegenstand und Bedeutung

Das Ludwigslied ist ein althochdeutsches, endreimendes Gedicht im rheinfränkischen Dialekt. Es besingt den Sieg des westfränkischen Königs Ludwig III. über die Normannen in der Schlacht bei Saucourt-en-Vimeu in der Picardie am 3. August 881. Als ältestes historisches Lied in deutscher Sprache verbindet es ein zeitgeschichtliches Ereignis mit religiöser Deutung und Fürstenpreisung.

Das Gedicht stellt Ludwig besonders als frommen und Gott gefälligen Herrscher dar. Gott legitimiert seine Herrschaft, unterstützt ihn im Kampf und beeinflusst das Schicksal seines Volkes. Weil Ludwig im Lied noch als lebender König gefeiert wird, obwohl er am 5. August 882 starb, lässt sich die Entstehung relativ genau auf die Zeit zwischen dem 1. August 881 und dem 5. August 882 datieren. Die Überschrift weist allerdings darauf hin, dass die Niederschrift nach dem Tod des Königs erfolgte.

Überlieferung und Wiederentdeckung

Die einzige überlieferte Fassung steht als Nachtrag auf den Blättern 141r bis 143v der 143 Blätter umfassenden Sammelhandschrift Cod. Valenciennes B.M. Ms. 150 in der öffentlichen Bibliothek von Valenciennes. Die Handschrift misst 23,7 × 15 cm und besitzt jeweils 24 vorgeritzte Zeilen. Sie stammt aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts und ursprünglich aus dem Kloster Saint-Amand sur l’Elnon.

Der Hauptteil der Handschrift, die Blätter 1v bis 140r, enthält acht Werke Gregors von Nazianz in der lateinischen Übersetzung des Rufinus von Aquileia. Ab Blatt 141v folgt ein 14-zeiliger lateinischer Hymnus, „Cantica uirginis eulalie“, von einer anderen Hand. In einem freien Raum zwischen den Blättern 140r und 141v wurde außerdem die Sequenz „Dominus celi rex et conditor“ eingetragen. Blatt 141r war zunächst frei. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts schrieb eine weitere Hand dort zunächst das 15-zeilige altfranzösische Gedicht „Buona pulcella fut eulalia“ und anschließend sehr sorgfältig das Ludwigslied in 59 Zeilen und 27 Distichen.

Der französische Philologe und Altertumsforscher Jean Mabillon entdeckte das Werk 1672 bei Nachforschungen in der Klosterbibliothek von St-Amand. Er schickte eine Abschrift an den deutschen Historiker Johann Schilter. Da Schilter die Sprache für einen althochdeutschen Text zu modern fand, fragte er nach der genauen Herkunft. Bevor diese Fragen geklärt werden konnten, geriet die französische Bibliothek durch ein Erdbeben in Unordnung. Deshalb wurde das Ludwigslied zunächst in Mabillons teilweise fehlerhafter Abschrift veröffentlicht und ein Jahrhundert lang in dieser Form zitiert. Am 28. September 1837 wurde es in Valenciennes wiederentdeckt; Hoffmann von Fallersleben fertigte umgehend eine neue Abschrift und Veröffentlichung an.

Die Überschrift lautet: „Rithmus teutonicus de piae memoriae Hluduico rege filio Hluduici aeque régis“. Sie bedeutet: „Deutsches Gedicht auf König Ludwig frommen Angedenkens, den Sohn König Ludwigs“.

Form und Sprache

Das Ludwigslied ist in Endreimpaaren gestaltet; die Gliederung wird durch Initialen sichtbar gemacht. Die Angaben zur Einteilung sind dabei unterschiedlich: Die Sprachbeschreibung nennt 59 Endreimpaare, während die Handschriftenbeschreibung von 59 Zeilen und 27 Distichen spricht. Die Sprache ist rheinfränkisch, enthält aber auch nieder- und mittelfränkische Elemente.

Die Forschung ist sich uneinig, warum die Lautgestalt für die Herkunft der Schrift ungewöhnlich erscheint. Der historische Inhalt bezieht sich auf das Westfrankenreich, während die verwendete deutsche Mundart dem Gebiet des heutigen Südhessen zugerechnet wird. Zwei Erklärungen haben sich besonders herausgebildet. Nach der ersten könnte sich die Sprache der im fränkischen Gebiet herrschenden Karolinger über den Zerfall ihrer Herrschaft und über territoriale Grenzen hinweg als frühere Hofsprache erhalten haben. Nach der zweiten könnte ein alteingesessener westfränkischer Dialekt durch die weitreichenden verwandtschaftlichen Beziehungen des Adels auch nach späteren Sprachreformen fortbestanden haben.

Anders als bei vielen anderen althochdeutschen Texten wird die Grammatik des Ludwigslieds nicht einfach nach dem Muster der lateinischen Grammatik ins Deutsche übertragen. Das zeigt sich besonders an den Nebensätzen. Sie entsprechen nicht einem deutschen Gegenstück zum lateinischen Ablativus Absolutus, sondern werden mit Subjunktionen gebildet. Subjunktionen sind unterordnende Konjunktionen, die Nebensätze einleiten, etwa „wenn“, „dass“, „weil“ und „ob“. Das frühmittelalterliche „ob“ hat im Ludwigslied noch die konditionale Bedeutung „wenn“ oder „falls“, während es im Neuhochdeutschen in dieser Funktion inhaltlich leer ist.

Die häufigen Verknüpfungen von Sachverhaltsdarstellungen unterscheiden das Gedicht ebenfalls von anderen althochdeutschen Schriften, in denen oft Personenbeschreibungen mit Relativsätzen im Mittelpunkt stehen. Die Sätze des Ludwigslieds sind stark miteinander verbunden und zeigen einen konzeptionell schriftlichen, strukturierten Text. Die schlussfolgernden Zusammenhänge dienen dazu, Ludwig als einen König darzustellen, der seinem Volk ohne Zögern beisteht. Gott bleibt dabei die übergeordnete Kraft, die das Schicksal des Volkes lenkt.

Inhalt und religiöse Deutung

Das Gedicht beginnt mit dem Lob Ludwigs: „Einan kuning uueiz ih, Heizsit her hluduig, / Ther gerno gode thionot: Ih uueiz her imos lonot.“ In neuhochdeutscher Übersetzung heißt es: „Ich kenne einen König, er heißt Ludwig, / der eifrig Gott dient: Ich weiß, er wird es ihm lohnen.“ Danach wird erzählt, dass Ludwig als Kind seinen Vater verlor. Als Ersatz wurde der Herr selbst sein Erzieher: „Kind uuarth her faterlos. Thes uuarth imo sar buoz: / Holoda inan truhtin, Magaczogo uuarth her sin.“

Ludwig erscheint dadurch als Gesandter Gottes und als christlicher Ritter. Seine Herrschaft wird als Zeichen eines neuen Bundes zwischen Gott und seinem Volk verstanden. Das irdische Geschehen hängt unmittelbar von Gottes Plänen ab. Körperliche oder politische Entfernung Ludwigs von seinem Volk kann zugleich als Bild für die Entfernung des Volkes von Gott gedeutet werden. Auf diese Weise verherrlicht das Gedicht den König und deutet seine zeitgeschichtlich problematische Abwesenheit heilsgeschichtlich um.

Das Volk hat sich nach der Darstellung durch sündhaftes Verhalten von Gott entfernt. Leid und Unglück, insbesondere die plötzlichen Einfälle der mordenden und raubenden Normannen, erscheinen als Folge dieser Sünde. Zur Wiedergutmachung reicht die Buße eines Einzelnen nicht aus; das gesamte Volk muss Buße leisten. Der lebensgefährliche Kampf gegen die Normannen wird deshalb zugleich als gemeinschaftliche Bußleistung dargestellt.

Nach seiner Rückkehr hält Ludwig eine Ansprache an sein Volk. Er erklärt den bevorstehenden Kampf gegen die „Heiden“, womit die Normannen gemeint sind, und begründet seine eigene Stellung durch Gottes Legitimation. Den Kämpfenden verspricht er großzügige Entschädigung; im Fall ihres Todes soll diese ihren Hinterbliebenen zugutekommen.

Im Kampf singen alle gemeinsam „Kyrrieleison“ – „Kyrie eleison“. Dadurch erhält die Schlacht einen ausdrücklich religiösen Charakter: Sie wird für Gott und gegen die Gottlosen geführt. Kein Kämpfer handelt so tapfer und ehrenhaft wie Ludwig. Schließlich erringt er gemeinsam mit seinem Volk den Sieg über die Normannen.

Historischer Zusammenhang und Ausgaben

Das Ludwigslied verarbeitet vor allem zwei historische Vorgänge. Der erste ist der Thronfolgestreit nach dem Tod Ludwigs II., genannt „der Stammler“, im Jahr 879. Ludwig II. vererbte entgegen einem bestehenden Vertrag das gesamte Königreich seinem älteren Sohn, anstatt es nach fränkischem Recht zu gleichen Teilen unter beiden Söhnen aufzuteilen. Das Gedicht löst diesen Erbschaftsstreit durch Gottes Legitimation und stellt Ludwig III. als den einzig rechtmäßigen Herrscher dar.

Der zweite Vorgang sind die Normanneneinfälle. Nach zahlreichen Raubzügen, besonders in westfränkischen Gebieten, erlitten die Normannen unter Ludwig eine militärische Niederlage. Das Ludwigslied ist daher nicht nur ein literarisches Werk, sondern auch eine wichtige zeitgeschichtliche Primärquelle. Seine stark komprimierte Darstellung gibt Einblick in das Gottes-, Herrscher- und Menschenbild des 9. Jahrhunderts.

Genannte Ausgaben sind Wilhelm Braunes „Althochdeutsches Lesebuch“, 15. Auflage, herausgegeben von Ernst Alfred Ebbinghaus, Max Niemeyer, Tübingen 1969, sowie Elias von Steinmeyers „Die kleineren Althochdeutschen Sprachdenkmäler“, Wiedemannsche Buchhandlung, Berlin 1916.

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