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Lamarckismus
Lamarckismus ist die Theorie, dass Organismen Eigenschaften an ihre Nachkommen vererben können, die sie während ihres Lebens erworben haben.
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Grundidee und heutige Einordnung
Lamarckismus bezeichnet heute meist die Theorie, dass Organismen Eigenschaften, die sie während ihres Lebens erwerben, an ihre Nachkommen vererben können. Diese Form der Vererbung heißt auch „weiche Vererbung“. Sie war jedoch nur ein Teil der umfassenderen Evolutionstheorie von Jean-Baptiste de Lamarck (1744–1829).
Die Vererbung erworbener Eigenschaften galt zunächst als mögliche Erklärung der Evolution und fand sich 1859 auch in Charles Darwins Evolutionstheorie. Erst August Weismanns Arbeiten führten ab etwa 1883 zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen Neodarwinisten und Neolamarckisten. Mit der Synthetischen Evolutionstheorie, die natürliche Selektion und Genetik miteinander verband, setzte sich schließlich der Darwinismus durch.
Nach heutiger überwiegender Auffassung werden erworbene körperliche Veränderungen nicht vererbt: Die Erbinformation gelangt über die Keimbahn, also Eizellen und Spermien, zur nächsten Generation. Neue erbliche Merkmale entstehen insbesondere durch Mutation und Rekombination. Lamarck konnte diese Unterscheidung noch nicht kennen, weil Gene zu seiner Zeit nicht entdeckt waren.
Lamarcks Evolutionsmodell
Lamarck entwickelte in der Philosophie Zoologique (1809) und der Histoire naturelle des animaux sans vertèbres (1815–1822) einen der ersten systematischen Entwürfe einer Evolutionstheorie. Sein Modell beruhte auf zwei zusammenwirkenden Faktoren: der ungerichteten Anpassung an Umweltveränderungen und einem linearen Fortschritt zu größerer Komplexität.
Lamarck verband das geologische Uniformitätsprinzip mit dem Gradualismus. Danach wirkten in der Vergangenheit dieselben natürlichen Kräfte wie in der Gegenwart, und Veränderungen erfolgten allmählich statt durch plötzliche Katastrophen. Eine veränderte Umwelt sollte die Gewohnheiten eines Organismus verändern. Der veränderte Gebrauch oder Nichtgebrauch von Organen führe zu körperlichen, also somatischen Modifikationen, die anschließend vererbt würden.
Das bekannte Giraffenbeispiel veranschaulicht diesen Gedankengang: Giraffen hätten sich in einer trockenen Umgebung nach hoch gelegenen Blättern gestreckt, wodurch sich über viele Generationen der lange Hals entwickelt habe. Für Lamarck war dies nur eines von vielen Beispielen und nicht der Mittelpunkt seiner Theorie. Heute lässt sich der lange Giraffenhals auch als Ergebnis transformierender Selektion erklären.
Fortschritt, Artenvielfalt und Aussterben
Die Anpassung an wechselnde Umweltbedingungen konnte nach Lamarcks Modell nicht erklären, warum die Komplexität der Lebewesen insgesamt zunehmen sollte. Deshalb nahm er eine zweite evolutionäre Kraft an: Alle Organismen ließen sich auf einer linearen Skala der Komplexität einordnen, an deren Spitze der Mensch stehe. Ein innerer Vervollkommnungstrieb lasse sie diese Leiter durch graduelle Veränderungen hinaufsteigen. Dieser Prozess könne unabhängig von Umweltveränderungen und weicher Vererbung stattfinden. Als Ursachen nannte Lamarck nur ungenau „Bewegungen von Flüssigkeiten“ und „vitale Kräfte“.
Dass weiterhin einfache Lebensformen existierten, erklärte er durch eine ständig stattfindende Spontanzeugung. Lamarck vertrat außerdem keine Abstammungslehre im späteren darwinistischen Sinn: Zu jeder heute lebenden Art führe eine eigene Evolutionslinie. Die am weitesten entwickelten Organismen seien zuerst durch Urzeugung entstanden; deshalb sei die zum Menschen führende Linie die älteste und längste.
Die beobachtete Artenvielfalt passte allerdings nicht vollständig zu einer einfachen Leiter. Lamarck deutete diese daher als Idealisierung: Der lineare Fortschritt werde durch Anpassungen an unterschiedliche Umweltbedingungen seitlich abgelenkt. Evolution entstehe somit aus dem Zusammenspiel von Fortschritt und Adaptation.
Ein Aussterben von Arten bestritt Lamarck weitgehend. Eine vermeintlich ausgestorbene Art könne noch in unbekannten Gebieten leben oder sich durch Anpassung so stark verändert haben, dass sie nicht wiedererkannt werde. Er hielt es jedoch für möglich, dass Menschen einzelne Spezies ausrotten.
Neolamarckismus und wissenschaftlicher Streit
Der Neolamarckismus im heutigen Sinn entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts. August Weismanns Keimplasmatheorie stellte ihm eine Alternative gegenüber: Die Weismann-Barriere schließt einen rückwirkenden Einfluss somatischer Veränderungen auf das Erbgut aus. Für Weismann war natürliche Selektion die einzige evolutionäre Kraft; weiche Vererbungsmechanismen lehnte er ab.
Um 1885 begannen heftige Debatten zwischen Neodarwinisten und Neolamarckisten. Die darwinistische Seite hatte unter anderem Schwierigkeiten, die Rückbildung von Organen zu erklären. Die Neolamarckisten konnten dagegen kaum überzeugende experimentelle Belege liefern und ihre Theorie nur schwer mit der um die Jahrhundertwende wiederentdeckten Genetik Gregor Mendels vereinbaren. Um 1900 war der Neolamarckismus dennoch weithin akzeptiert. Die Hoffnung, gegenwärtige Verbesserungen könnten unmittelbar das Erbgut kommender Generationen verbessern, machte ihn für viele Menschen attraktiv.
Seit den 1930er Jahren wurde der wissenschaftliche Streit zunehmend politisiert. Während sich eugenische Theorien besonders im nationalsozialistischen Deutschland auf Darwin und Mendel beriefen, wurde der Lamarckismus mit linken und sozialistischen Positionen verbunden. Mit der Verbindung von Genetik und Darwinismus in der modernen evolutionären Synthese wurde er wissenschaftlich obsolet.
In der Sowjetunion behauptete sich unter Josef Stalin eine abgewandelte Form länger. Der Agronom Trofim Denissowitsch Lyssenko wollte die Vererbung erworbener Eigenschaften beweisen. Auf seine Anweisung wurden große Flächen mit klimatisch ungeeignetem Weizen bepflanzt; die Missernten verschärften während Hungersnöten die schlechte Ernährungslage. Die politische Kontrolle der Wissenschaft in diesem Zusammenhang heißt Lyssenkoismus. Nach Stalins Tod nahm Lyssenkos Einfluss ab; 1962 wurde er entlassen.
Experimente und Beweislage
Mehrere Forscher versuchten, lamarckistische Vererbung experimentell nachzuweisen oder zu widerlegen. Charles-Édouard Brown-Séquard wollte zeigen, dass künstlich hervorgerufene Epilepsie bei Meerschweinchen vererbt werde. August Weismann schnitt Mäusen die Schwänze ab; dennoch hatten alle Folgegenerationen vollständig ausgebildete Schwänze. Dieses Experiment galt jedoch schon damals als unzureichend, weil Lamarcks Theorie keine Vererbung von Wunden oder äußerer Gewalt behauptete. Entscheidend war vielmehr die Folge von Umweltveränderung, veränderten Gewohnheiten beziehungsweise Gebrauch oder Nichtgebrauch eines Organs und anschließender Vererbung.
Paul Kammerer untersuchte unter anderem Salamander und Geburtshelferkröten. Seine Ergebnisse konnten nicht reproduziert werden, da nur er die Kröten in Gefangenschaft zur Fortpflanzung bringen konnte. Nachdem mit Tinte manipulierte Tiere gefunden worden waren, verlor er seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit und nahm sich 1926 das Leben. Ob er selbst betrogen hatte, ist bis heute ungeklärt. Es wird zudem erwogen, seine Versuche auf Grundlage der Epigenetik neu zu bewerten.
Seit 1900 blieb die experimentelle Evidenz für den Lamarckismus überwiegend schwach; für die wenigen unterstützenden Befunde gab es meist alternative Erklärungen. Eine weiterhin umstrittene These deutet den CRISPR/Cas-Mechanismus mancher Bakterien als ersten gefundenen lamarckistischen Vererbungsmechanismus: Bakterien übernehmen DNA von Phagen, also Viren, in ihr Erbgut und vererben dadurch eine erworbene Immunität.
Wahrnehmung und Verhältnis zu Darwin
Lamarcks Theorie erhielt zu seinen Lebzeiten wenig Zustimmung. Georges Cuvier kritisierte ihren spekulativen und schwach empirischen Charakter. Er stellte sie zugleich verzerrt so dar, als würden Wille oder Wünsche der Organismen die Evolution steuern. Diese heute als „Karikatur“ oder „Pseudolamarckismus“ bewertete Darstellung prägte die öffentliche Wahrnehmung. Tatsächlich war Lamarck Materialist; ein Schöpfer spielte in seiner Theorie einschließlich der spontanen Entstehung von Leben keine Rolle.
Charles Darwin äußerte sich abwertend über Lamarcks Schriften, wurde nach heutiger Einschätzung aber möglicherweise stärker von ihm beeinflusst, als lange angenommen. Darwins Pangenesistheorie enthielt ebenfalls die Vererbung erworbener Eigenschaften. Der entscheidende Unterschied blieb die natürliche Selektion: Sie war für Darwin zentral, Lamarck dagegen fremd, weil individuelle Unterschiede innerhalb einer Art in seinem Modell keine wichtige Rolle spielten. Wissenschaftshistoriker kritisieren deshalb Darstellungen, die Lamarck bloß als Gegenspieler Darwins zeigen und seine gesamte Theorie auf den Giraffenhals reduzieren.