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Est-ce Mars

Est-ce Mars (französisch: Ist es Mars) ist eine ursprünglich aus Frankreich stammende Melodie, die im 17. und frühen 18. Jahrhundert in vielen Teilen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und musikalische Form
  2. 2. Entstehung und europäische Verbreitung
  3. 3. Patriotische Neufassungen im 19. Jahrhundert
  4. 4. Das niederländische und deutsche Seemannslied
  5. 5. Kennzeichen von Text und Melodie

Bedeutung und musikalische Form

Est-ce Mars („Ist es Mars“) ist eine ursprünglich aus Frankreich stammende Melodie, die im 17. und frühen 18. Jahrhundert in vielen Teilen Europas populär war. Sie wurde instrumental bearbeitet, mit unterschiedlichen Texten verbunden und in geistlichen, weltlichen und patriotischen Zusammenhängen verwendet. Damit ist sie eine „wandernde Melodie“: ein Musikstück, das über lange Zeit an verschiedenen Orten und für unterschiedliche Zwecke gebraucht wird, wobei seine Herkunft nicht immer bekannt bleibt.

Die Melodie besteht aus zwei unterschiedlich langen Abschnitten. Der wiederholte erste Teil umfasst insgesamt acht Takte, der zweite Teil fünf Takte. Durch diese ungleichen Längen ist die Form asymmetrisch. Besonders kennzeichnend ist ein Motiv, bei dem jeweils ein Ton dreimal wiederholt wird. Est-ce Mars ist in verschiedenen Dur-Tonarten überliefert. Manche Fassungen beginnen mit einem Auftakt, also mit unvollständigen Taktschlägen vor dem ersten vollständigen Takt. Auch die Schlusswendungen der beiden Teile unterscheiden sich teilweise. Einige Bearbeiter versuchten zudem, die asymmetrische Form auszugleichen.

Entstehung und europäische Verbreitung

Das erste gesicherte Auftreten der Melodie stammt aus einem Ballet de cour, einem höfischen Ballett, das am 17. November 1613 zu Ehren von Madame Élisabeth de Bourbon aufgeführt wurde. Sie war eine Schwester des französischen Königs Ludwig XIII. Die Musik komponierte Pierre Guédron. Der Text der ersten von fünf Strophen fragt, ob die auftretende Gestalt Mars, der Kriegsgott, sei, deutet sie wegen ihres Blicks aber eher als Amor. Zugleich ehrten die Strophen Madame Élisabeth.

Ob Guédron die Melodie vollständig selbst erfand, ist fraglich. In der Collection Philidor, dem Musikarchiv des französischen Hofes, befindet sich ein als Ballet des nègres dansé en 1601 bezeichnetes Stück, dessen erste Takte Est-ce Mars stark ähneln. Auch andere verbreitete Lieder weisen ähnliche Tonfolgen auf. Noch 1613 erschienen in Frankreich ein vierstimmiger Satz Guédrons und eine Fassung Gabriel Batailles für Gesang und Lautenbegleitung. Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden dort geistliche und weltliche Um- und Neudichtungen; anschließend nahm die Popularität in Frankreich offenbar ab.

In anderen Teilen Europas verbreitete sich die Melodie rasch. Sie steht in einer italienischen Lautenhandschrift aus der Zeit zwischen 1610 und 1620 sowie unter dem Titel The New Sa-Hoo im Fitzwilliam Virginal Book als Komposition von Giles Farnaby. Im deutschsprachigen Raum ist sie erstmals durch Lautenkompositionen um 1620 belegt und war bereits unter verschiedenen, auch deutschen Titeln bekannt. Samuel Scheidt veröffentlichte 1624 in seiner Orgelsammlung Tabulatura Nova zehn Variationen unter dem Titel Canto gallica: Est-ce Mars. Besonders im Umfeld der Norddeutschen Orgelschule blieb die Melodie beliebt; sie wurde außerdem als Tanz und Trinklied verwendet. Anfang des 18. Jahrhunderts verschwand sie aus den Quellen.

Am vielfältigsten wirkte Est-ce Mars im Gebiet der heutigen Niederlande und Belgiens. Nicolas Vallet veröffentlichte 1615 und 1616 in Amsterdam vier Bearbeitungen für eine beziehungsweise vier Lauten. Jacob van Eycks Fluyten Lust-hof von 1646 enthält Flötenbearbeitungen, und Jan Pieterszoon Sweelinck komponierte sieben Variationen für Tasteninstrumente. Hinzu kamen zahlreiche anonyme Bearbeitungen und Kontrafakturen, also neue Texte zu einer bereits vorhandenen Melodie.

Für das spätere Wiederaufleben waren zwei niederländische Textfassungen wichtig: ein um 1635 veröffentlichtes Lied über Vor- und Nachteile des damals aufkommenden Tabakgenusses, bekannt als Isser iemant uyt Oost-Indien gecomen oder Tabaklied, und Adriaen Valérys religiöses Lied Geluckig is hy die leert sterven. Dieses erschien 1626 im Nederlandtsche Gedenck-klanck, einem Werk über den niederländischen Freiheitskampf im Achtzigjährigen Krieg. Bei Valéry wurde die Melodie erstmals mit Auftakt und diminuierten, also in kleinere Notenwerte aufgeteilten Noten im dritten Takt gedruckt. Spätere Fassungen übernahmen diese Veränderungen meist.

Patriotische Neufassungen im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert wuchs im Zuge des Historismus das Interesse an älterem Liedgut. In der 1848 posthum erschienenen Sammlung Oude Vlaemsche liederen von Jan Frans Willems wurde Est-ce Mars als Tabakslied veröffentlicht. Autoren jener Zeit hielten diese Fassung meist irrtümlich für die ursprüngliche Form der Melodie.

Neue Popularität brachte eine Bearbeitung des belgischen Komponisten François-Auguste Gevaert. Er verwendete die Melodie in einer Kantate über den flämischen Helden Jacob van Artevelde. Das Werk wurde am 14. September 1863 bei der Enthüllung eines monumentalen Artevelde-Denkmals auf dem Vrijdagmarkt in Gent von 1200 Mitwirkenden aufgeführt. Besonders eindrucksvoll wirkte das auf Est-ce Mars beruhende Loblied Wie herbracht hier de rust. Gevaert veränderte die Harmonik und glich die asymmetrische Form aus, indem er die vier Anfangstakte am Ende wiederholte. Als patriotisches Arteveldelied entwickelte sich das Stück anschließend eigenständig weiter. Es wurde zum Studentenlied und im Ersten Weltkrieg zum Soldatenlied. Vor allem im niederländischsprachigen Teil Belgiens blieb es bis nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt.

In den Niederlanden veröffentlichte Abraham Dirk Loman 1871 eine bearbeitete Auswahl von 19 Liedern aus Valérys Gedenck-klanck. Darunter befand sich Geluckig is hy die leert sterven mit einem patriotischer gestalteten Text, die Sammlung fand jedoch zunächst wenig Beachtung. Größeren Erfolg hatte Eduard Kremsers 1877 in Wien erschienener Zyklus Sechs Altniederländische Volkslieder. Josef Weyl versah die Lieder mit neuen deutschen Texten, die den niederländischen Freiheitskampf darstellen sollten. Est-ce Mars erschien darin als Kriegslied mit dem pathetischen Beginn „Wohl sehr glücklich ist, wer zu sterben weiß für Gott und das theure Vaterland …“ Der Zyklus wurde in Deutschland und den Niederlanden häufig aufgeführt und verbreitete die Melodien stark. Noch erfolgreicher waren allerdings das Altniederländische Dankgebet und das sogenannte Wilhelmuslied. Letzteres erhielt bald einen niederländischen Text und bildet seit 1932 als Het Wilhelmus die niederländische Nationalhymne.

Das niederländische und deutsche Seemannslied

Loman fand, dass weder seine Textfassung von 1871 noch Valérys religiöser Text von 1626 zum fröhlichen Charakter der Melodie passten. Für die zweite Auflage seiner Oud-Nederlandschen Liederen schrieb er deshalb 1892 einen völlig neuen niederländischen Text. Wie gaat met ons mee over zee handelt von Abenteuerlust, Tatendrang und dem Leben der Seefahrer. Es entspricht dem damaligen Ideal eines aufrechten, männlichen Heldentums. Dadurch eignete es sich später auch als Fahrtenlied der Jugendmusikbewegung und wurde in zahlreiche Liederbücher aufgenommen.

1901 übertrug Karl Budde Lomans neuen Text ins Deutsche. Anlass war unter anderem die Kritik an den stark pathetischen Texten Josef Weyls zu Kremsers Sechs Altniederländischen Volksliedern. Gemeinsam mit dem Komponisten Julius Röntgen schuf Budde die deutsche Fassung Wer geht mit, juchhe! über See!, die auch zu den Vorstellungen des wilhelminischen Deutschlands passte.

Anfangs verbreitete sich das deutsche Lied nur langsam. Ab 1906 gewann es durch die Aufnahme in das Volksliederbuch für Männerchor an Bekanntheit. Als „echtes“ Seemannslied, das tatsächlich von Seeleuten gesungen wurde, galt es wegen seiner romantisch verklärten Darstellung des Seefahrerlebens nicht. Umso beliebter wurde es besonders ab 1930 in der Jugendmusikbewegung. Während der Zeit des Nationalsozialismus blieb es mit kleineren Änderungen wie „Jungens von Deutschland“ anstelle von „Jungens von Holland“ populär; seine Melodie wurde außerdem für einige Propagandalieder genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Fassung von Budde und Röntgen wegen ihres politisch unproblematischen Textes in Liederbüchern verschiedener Jugendbewegungen und im Liederbuch der Bundeswehr vertreten. Erst seit den 1970er-Jahren nahm ihre Popularität deutlich ab.

Kennzeichen von Text und Melodie

Das Seemannslied beruht musikalisch auf Adriaen Valérys Fassung von Est-ce Mars. Es verwendet daher die Variante mit Auftakt und der Diminution im dritten Takt. Der niederländische Text Lomans von etwa 1892 und die deutsche Fassung von Budde und Röntgen aus dem Jahr 1901 sind in Aufbau und Inhalt eng verwandt.

Wiederkehrende Rufe wie „Houd het roer recht!“ beziehungsweise „Fest das Ruder!“ gliedern den Text. Die Sänger werden aufgefordert, das sichere Zuhause zu verlassen, aufs Meer hinauszufahren und dort Mut sowie Tatkraft zu beweisen. Weitere Motive sind der frische Wind, drohende Stürme, die Beherrschung des Schiffes, mögliche Beute sowie der Dienst für „König und Land“. Die See erscheint als Bewährungsraum des Helden. In der deutschen Schlussstrophe heißt es entsprechend: „Hier ist’s weite Feld für den Held“ und „Hier zeigt der Mann noch, was er gelt’“. Der Seemann begegnet Kampf und Sturm ohne Furcht und fürchtet nach dem Text allein Gott. Diese bewusst heldenhafte und romantisierte Darstellung erklärt sowohl die Verwendung als Jugend- und Fahrtenlied als auch die geringe Nähe zum wirklichen Arbeitsgesang von Seeleuten.

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