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Ernst Tugendhat

Ernst Tugendhat (geboren am 8. März 1930 in Brünn; gestorben am 13. März 2023 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Philosoph und Professor an der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und philosophischer Ansatz
  2. 2. Sprachanalyse und Selbstbewusstsein
  3. 3. Ethik
  4. 4. Anthropologie und Mystik
  5. 5. Lebensweg und gesellschaftliches Engagement

Bedeutung und philosophischer Ansatz

Ernst Tugendhat (8. März 1930–13. März 2023) war ein deutscher Philosoph und Professor an der Freien Universität Berlin. Er entwickelte sich von der durch Martin Heidegger und Edmund Husserl geprägten kontinentalen Philosophie zu einem der wichtigsten Vertreter der analytischen Philosophie in Deutschland. Besonders einflussreich waren seine Arbeiten zur Sprachanalyse, zum Selbstbewusstsein, zur Ethik sowie später zur Anthropologie und Mystik.

Tugendhat verstand Philosophie als „die Idee, das menschliche Leben im ganzen auf Wahrheit auszurichten, d. h. durch die Idee eines Lebens in kritischer Verantwortlichkeit“. Aussagen und Handlungen können demnach begründungs- und rechtfertigungsbedürftig sein. Aus der Frage nach der Wahrheit von Behauptungen entwickelte er eine von Ludwig Wittgenstein beeinflusste Sprachphilosophie; die Frage nach der Verantwortlichkeit des Handelns führte ihn zur Ethik und zum politischen Engagement.

Seine besondere Bedeutung liegt auch darin, dass er die kontinentaleuropäische phänomenologisch-hermeneutische Tradition mit der angloamerikanischen analytischen Philosophie verband. Seine Untersuchungen über Aristoteles, Husserl und Heidegger sowie seine Arbeiten zur Sprachanalyse und zum Selbstbewusstsein wurden zu philosophischen Standardwerken. Besonders stark wirkten seine moralphilosophischen Untersuchungen auf die deutschsprachige Gegenwartsphilosophie.

Sprachanalyse und Selbstbewusstsein

Tugendhats Programm einer sprachanalytischen „Ersten Philosophie“ soll die Grundlagen philosophischen Denkens durch die Untersuchung sprachlicher Ausdrücke klären. Die traditionelle Philosophie hatte sich nach seiner Darstellung in der Antike vor allem am Sein und in der Neuzeit am Bewusstsein orientiert. Tugendhat wollte diese Ansätze in die Frage umformen, wie sprachliche Ausdrücke verstanden werden.

In den Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie von 1976 entwarf er dazu eine „Formale Semantik“. Semantik bezeichnet hier die Untersuchung der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke. Diese neue formale Universalwissenschaft sollte frühere philosophische Grundlagenwissenschaften, besonders Ontologie und Erkenntnistheorie, ablösen. Ontologie untersucht das Sein beziehungsweise das, was existiert; Erkenntnistheorie befasst sich mit den Bedingungen und Grenzen des Erkennens. Auch Begriffe wie Bewusstsein, Erfahrung und Vernunft sollten sprachanalytisch geklärt werden.

Zwei Gebiete hielt Tugendhat jedoch nicht für vollständig durch analytische Philosophie behandelbar: die Frage nach dem Guten und danach, wie Menschen leben sollen, sowie „nicht gegenständliche Bewußtseinsweisen“, etwa das von Heidegger untersuchte Gestimmtsein.

In Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung von 1979 entwickelte er eine wesentlich von Wittgenstein beeinflusste Theorie des Selbstbewusstseins. Ihr Ziel war eine nicht zirkuläre Beschreibung: Selbstbewusstsein darf also nicht bereits vorausgesetzt werden, wenn es erklärt werden soll. Tugendhat deutete die Inhalte des Selbstbewusstseins wie jedes Bewusstsein von etwas als propositionale Einstellungen, also als Haltungen zu Aussagen oder Sachverhalten. Praktisches Selbstbewusstsein verstand er als Sich-zu-sich-Verhalten und, an Heidegger anschließend, als die Frage, was für ein Mensch man sein und wie man leben will.

Ethik

Tugendhat überarbeitete seine Antworten auf die Grundfragen der Ethik mehrfach. In den Drei Vorlesungen über Probleme der Ethik von 1981 vertrat er mithilfe sprachanalytischer Überlegungen die Auffassung, eine moralische Norm sei hinreichend begründet, wenn sie dem gleichmäßigen Interesse der betroffenen Individuen dient.

In den Vorlesungen über Ethik von 1993 wandte er sich gegen den Kontraktualismus, der moralische Regeln durch eine gedachte oder wirkliche Übereinkunft der Beteiligten begründet. Stattdessen versuchte er, den Geltungsanspruch moralischer Urteile über den Begriff der „guten Person“ zu erklären. Diese Konzeption gab er bald wieder auf und näherte sich erneut dem Kontraktualismus an. Diese letzte Entwicklungsphase begann mit dem 1997 veröffentlichten Dialog in Leticia und setzte sich in späteren Abhandlungen fort.

Trotz dieser Änderungen blieben zentrale Gedanken bestehen. Für Tugendhats Moralbegriff sind moralische Gefühle wichtig, besonders Empörung und Schuld. Sie wirken als Sanktionsinstanzen, weil Menschen den Wunsch haben, Mitglieder einer Gemeinschaft zu sein. Eine absolute Begründung, die über die tatsächlich geltende Moral einer Gemeinschaft hinausgeht, hielt er in der Moderne offenbar nicht für möglich, da religiöse und metaphysische Traditionen ihre allgemeine Gültigkeit verloren hätten.

In der Metaethik, also der Untersuchung von Bedeutung und Begründung moralischer Urteile, lehnte Tugendhat jede apriorische Begründung ab. „Apriorisch“ bedeutet hier: unabhängig von Erfahrung und empirischen Interessen. Die Rechtfertigung einer modernen Moral könne nur auf den empirischen Interessen der Betroffenen beruhen. Zugleich hielt er am grundlegenden Wert der Autonomie des einzelnen Menschen und am Egalitarismus, dem Prinzip der Gleichheit, fest.

Anthropologie und Mystik

Ab 2000 wandte Tugendhat analytische Methoden auf anthropologische Grundfragen an. Anthropologie ist hier die philosophische Untersuchung grundlegender Merkmale des Menschseins. Er betrachtete sie nun als „erste Philosophie“, die von existenziellen menschlichen Grundphänomenen ausgeht.

Eine zentrale Rolle spielt die prädikative Struktur der menschlichen Sprache: Menschen können einem Gegenstand eine Eigenschaft zusprechen und dadurch gegliederte Aussagen bilden. Tugendhat sah darin innerhalb der biologischen Evolution den entscheidenden Durchbruch zum Menschlichen. Zugleich sei mit der Struktur menschlicher Sprache eine Egozentrizität verbunden, also eine Ausrichtung auf das eigene Ich.

Mystik verstand Tugendhat als eine Möglichkeit, die menschliche Kontingenz zu bewältigen. Kontingenz bedeutet, dass das menschliche Leben und seine Umstände auch anders sein könnten und nicht notwendig sind. Religiöse Antworten lehnte er als bloße Wunschprojektionen ab. Mystik benötige dagegen weder Offenbarung noch Tradition, sondern ergebe sich aus anthropologischen Wurzeln des Menschen: aus einem Gesammeltsein in sich, das sowohl das eigene Ich als auch die Welt „im Ganzen“ betrachtet. Auf diese Weise könne Mystik die menschliche Egozentrizität relativieren und überschreiten.

Lebensweg und gesellschaftliches Engagement

Tugendhat wurde 1930 in Brünn geboren. Seine jüdische Familie floh 1938 vor der drohenden Ausdehnung des nationalsozialistischen Machtbereichs in die Schweiz und zog 1941 nach Venezuela weiter. Von 1946 bis 1949 studierte er an der Stanford University Philosophie und Klassische Philologie. Anschließend setzte er sein Studium in Freiburg fort, wo er unter anderem Vorlesungen Heideggers besuchte. 1956 schloss er seine Dissertation über Struktur und Ursprung aristotelischer Grundbegriffe ab; 1965 habilitierte er sich mit Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger.

Nach einer zeitweiligen Abkehr von der Lehre arbeitete Tugendhat ab 1975 für fünf Jahre am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg. Dort verlagerte sich sein Schwerpunkt auf die Begründung der Moral. Von 1980 bis 1992 war er Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin. In den 1990er Jahren lehrte er unter anderem als Gastprofessor in Santiago de Chile und hielt Vorlesungen in Wien und Prag. Ab 2000 konzentrierte er sich auf Anthropologie und Mystik. Er starb 2023 im Alter von 93 Jahren in Freiburg im Breisgau.

Tugendhat engagierte sich in der Friedensbewegung, für Menschenrechte und in Fragen des Asylrechts. Ab 1982 gehörte er dem Vorstand des Berliner „Arbeitskreises Atomwaffenfreies Europa“ an und war langjähriger Schirmherr der Gesellschaft für bedrohte Völker. Er wandte sich gegen den ersten Irakkrieg 1991 und gegen die Besatzungspolitik Israels. Außerdem war er Ehrenvorsitzender des Dialogforum Europa-China.

Zu seinen Auszeichnungen gehörten die Ehrenbürgerwürde der Stadt Brno im Januar 2002, Ehrendoktorwürden der Universidad Autónoma de Madrid am 9. Mai 2005 und der Universität Zürich 2008 sowie der mit 50.000 Euro dotierte Meister-Eckhart-Preis von 2005. Das Preisgeld spendete er der Schule „Talitha Kumi“ in Beit Jala in Palästina.

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