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Else Ury

In Die erste Lüge wird das Laubhüttenfest gefeiert, in dem Märchen Im Trödelkeller lässt Ury eine Mesusa vom Werdegang einer zunehmend assimilierten jüdischen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Lebensweg
  2. 2. Aufstieg zur erfolgreichen Autorin
  3. 3. Die Nesthäkchen-Reihe
  4. 4. Merkmale und Themen des Werks
  5. 5. Verfolgung, Ermordung und Erinnerung

Bedeutung und Lebensweg

Johanna Else Ury (1. November 1877 in Berlin-Mitte–13. Januar 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau) war eine deutsche Schriftstellerin und Kinderbuchautorin. Sie gehörte in der ausgehenden Kaiserzeit und in der Weimarer Republik zu den bekanntesten Autorinnen für Mädchen. Ihre größte Bedeutung erlangte sie durch die zehnteilige Nesthäkchen-Reihe um die Berliner Arzttochter Annemarie Braun. Ury schrieb daneben Romane, Märchen und Kurzgeschichten, die überwiegend ein traditionelles bürgerliches Familien- und Frauenbild vermitteln. Als Jüdin wurde sie unter der nationalsozialistischen Herrschaft entrechtet, deportiert und ermordet.

Ury wuchs als drittes Kind des Tabakfabrikanten Emil Ury und seiner Frau Franziska, geborene Schlesinger, in einer wohlhabenden, liberalen jüdischen Familie auf. Die Familie pflegte jüdische Bräuche, beging aber auch christliche Feiertage als Kinderfeste und verstand sich als patriotisch deutsch. Else Ury und ihre Schwester Käthe besuchten die Königliche Luisenschule, ein privates Lyzeum. Die damalige Geschlechterordnung bereitete Jungen auf Studium und Beruf, Mädchen dagegen vor allem auf Haushalt und Familie vor. Ury verließ 1894 nach der zehnten Klasse die Schule, erlernte keinen Beruf und lebte weiterhin bei ihren Eltern. Ihr erstes erhaltenes Werk ist das 1898 für einen Polterabend geschriebene Theaterstück Im Bahnhofsrestaurant Danziger Röss’l. Die Vermutung, sie habe ab 1900 unter einem Pseudonym Reiseberichte und Märchen veröffentlicht, ist nicht belegt.

Aufstieg zur erfolgreichen Autorin

1905 erschien Urys erstes Buch Was das Sonntagskind erlauscht. Von dieser Märchensammlung wurden bis 1927 insgesamt 55.000 Exemplare verkauft. Sie war auf ein christliches Publikum zugeschnitten; die Geschichte Das Abendgebet enthält nach Einschätzung des Historikers Wolfgang Benz auch „rassistische Ressentiments“. 1906 machte der Roman Studierte Mädel Ury bekannt. Er behandelt die damals moderne Frage des Frauenstudiums und zeigt, dass eine akademische Ausbildung Ehe und Familie nicht verhindern müsse. Emanzipatorische Forderungen stellt der Roman jedoch nicht: Beide Hauptfiguren heiraten, eine bricht deshalb sogar ihr Studium ab. Ungewöhnlich für Urys Werk ist außerdem die scharfe Kritik am Adel.

Ury veröffentlichte Fortsetzungsgeschichten in Mädchenzeitschriften wie Das Kränzchen und anschließend als Bücher. Zu den frühen Erfolgen gehörten Vierzehn Jahr’ und sieben Wochen, dessen Fortsetzung Dornröschen, sowie Goldblondchen. Für Goldblondchen erhielt sie 1913 ihre einzige öffentliche Buchauszeichnung: Die Jugendschriften-Warte erklärte den Märchenband für Kinder der 3. Klasse für lesenswert.

Im Ersten Weltkrieg teilte Ury zunächst die verbreitete Kriegsbegeisterung und beteiligte sich an der Kriegsfürsorge des Nationalen Frauendiensts. Ihr Bruder Hans diente als Militärarzt. Werke wie Lieb Heimatland, Flüchtlingskinder und Eine kleine Heldin sind patriotisch, kaisertreu und verharmlosen teilweise den Krieg. Über Urys Reaktion auf Deutschlands Niederlage ist nichts bekannt.

In den 1920er Jahren wurde Ury zu einer wohlhabenden und öffentlich bekannten Autorin. Neben Nesthäkchen schrieb sie ab 1923 die fünfteilige Reihe Professors Zwillinge. Für beide Reihen zusammen wird die Auflage von 1922 bis 1933 mit etwa eineinhalb bis eindreiviertel Millionen Exemplaren angegeben; Ury erhielt ungefähr eine Viertelmillion Reichsmark Tantiemen. Da die Verlage sie in Goldmark bezahlten, traf die Inflation sie persönlich wenig. Sie kaufte ein Ferienhaus im schlesischen Krummhübel und nannte es Haus Nesthäkchen. Seit 1926 wurden ihre Geschichten im Radio vorgelesen. Zum 50. Geburtstag am 1. November 1927 veranstaltete ihr Verlag einen Empfang im Berliner Hotel Adlon.

Die Nesthäkchen-Reihe

Die zehn Bände der Nesthäkchen-Reihe erschienen bis 1925 und umfassen ungefähr siebzig Lebensjahre ihrer Hauptfigur Annemarie Braun. Die ersten sechs Bände begleiten die aufgeweckte, goldblonde Berliner Arzttochter von der Vorschulzeit bis zur Heirat. Damit wollte Ury die Reihe ursprünglich beenden. Auf Wunsch des Verlegers folgten vier weitere Bände über Annemaries Kinder und Enkel; in Nesthäkchen im weißen Haar hält sie schließlich ihr erstes Urenkelkind im Arm.

Die Reihe machte Annemarie zur Identifikationsfigur mehrerer Mädchengenerationen. Bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts wurden fast sieben Millionen Exemplare verkauft. Einige Bände erschienen in Übersetzungen, unter anderem in den Niederlanden, Frankreich und Norwegen; 2006 veröffentlichte Steven Lehrer eine englische Übersetzung des vierten Bandes als Nesthäkchen and the World War. 1983 setzte das ZDF die ersten drei Bände als Weihnachtsserie um. Außerdem entstanden verschiedene Hörspiele und Lesungen.

In der dargestellten Kinderwelt können Mädchen und Jungen zunächst ähnliche Stärken und Schwächen besitzen, miteinander spielen und wetteifern. Beim Übergang ins Erwachsenenleben endet diese relative Gleichberechtigung jedoch. Ehe und Familie erscheinen als höchste weibliche Erfüllung, während Frauen eigene Talente und Berufsziele aufgeben. Annemarie beendet ihr Medizinstudium nach einem Jahr und heiratet den Arzt Rudolf Hartenstein. Auch ihre Töchter ordnen berufliche Wünsche der Ehe unter.

Der vierte Band, Nesthäkchen und der Weltkrieg, spielt im Ersten Weltkrieg. Die zehnjährige Annemarie grenzt die deutsch-polnische Mitschülerin Vera zunächst als Ausländerin und angebliche „Spionin“ aus. Erst nachdem Veras Vater im deutschen Kriegsdienst fällt, werden beide Freundinnen. Das Buch endet mit der Hoffnung auf einen siegreichen Frieden für Deutschland. Das Erscheinungsjahr der Erstausgabe ist umstritten: Einige Fachleute nehmen wegen der Papierknappheit eine Veröffentlichung erst nach dem Krieg an, andere halten 1917 für wahrscheinlicher, wofür der zeitbezogene Schlusssatz spricht.

Seit 1950 wurden Nesthäkchen und Professors Zwillinge gekürzt und sprachlich verändert neu aufgelegt, zunächst ohne Angaben zu Urys Biografie. Band 4 der Nesthäkchen-Reihe entfiel; eine kurze Zusammenfassung wurde in ein zusätzliches Schlusskapitel des dritten Bandes eingebaut. Weitere Ausgaben fassten mehrere Bände stark gekürzt zusammen oder bearbeiteten sie erneut.

Merkmale und Themen des Werks

Urys Werk besteht aus Prosa, vor allem aus Kinder- und Jugendgeschichten, Romanen, Märchen und Kurzgeschichten für Mädchen bis ins höhere „Backfischalter“, also für heranwachsende Mädchen. Auch Jungen lasen ihre Bücher. Neben den Reihen Nesthäkchen und Professors Zwillinge veröffentlichte sie zahlreiche Einzelromane und Sammlungen. Die Literaturkritik stufte solche Mädchenbücher häufig als rührselig, trivial, brav oder kitschig ein; eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung ihres Gesamtwerks fehlt.

Obwohl Ury aus einer jüdischen Familie stammte, spielen ihre Geschichten fast immer in einem christlich-protestantischen Umfeld. Jüdisches Leben erscheint nur selten, besonders in Die erste Lüge und Im Trödelkeller. Dort erzählt eine Mesusa, ein am Türpfosten angebrachtes jüdisches Schriftzeichen, von einer zunehmend assimilierten jüdischen Familie. Warum Ury ihre Herkunft sonst weitgehend ausblendete, ist nicht überliefert. Als mögliche Gründe nennt der Artikel die starke Assimilation ihrer Familie, den verbreiteten Antisemitismus und bessere Absatzchancen in dem den meisten Lesern vertrauten Milieu.

Die dargestellten Familien gehören meist zum wohlhabenden Bildungsbürgertum. Die Väter sind etwa Ärzte oder Professoren, und die Familie Braun beschäftigt drei Dienstboten. Hausangestellte werden stereotyp beschrieben; für eine bürgerliche Heldin gilt es dagegen als beschämend, selbst in einem solchen Beruf arbeiten zu müssen.

Die Geschichten verfolgen pädagogische Ziele. Mädchen sollen Ordnung, Sauberkeit, Fleiß, Gehorsam, Pflichterfüllung und Hilfsbereitschaft lernen. Die Heldinnen sind jedoch häufig ungeschickt, eigensinnig und trotzköpfig, sodass Leserinnen sich leichter mit ihnen identifizieren konnten. Ein weiteres Kennzeichen ist Urys Berliner Humor: Bildhafte Sprache, Wortspiele und Situationskomik lockern die moralische Erziehung auf. Typische komische Missgeschicke entstehen etwa, wenn Annemarie mit Bimsstein einen Schreibfehler entfernt und dabei ein Loch ins Schulheft reibt oder beim Baden einer Puppe deren Haare zerstört.

Verfolgung, Ermordung und Erinnerung

Urys letzter Roman Jugend voraus! erschien 1933 und übernahm teilweise chauvinistische Sprache und Vorstellungen der Nationalsozialisten. Er schildert eine Familie in wirtschaftlicher Not und endet mit einer Kundgebung am 1. Mai, bei der Adolf Hitler und Paul von Hindenburg anwesend sind. Die Biografin Marianne Brentzel beschreibt Ury als unpolitische, konservative Bürgerin, die angesichts von Arbeitslosigkeit Hitler zunächst für eine mögliche Lösung der Staatskrise hielt und die politische Wirklichkeit verdrängte.

Die nationalsozialistische Entrechtung traf Ury danach schrittweise. Am 6. März 1935 wurde sie aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und erhielt damit Berufsverbot. Ein Versuch, ältere Texte ins Englische zu übersetzen und in England zu verkaufen, scheiterte 1938/1939, weil die Übersetzungen und Inhalte abgelehnt wurden, nicht aus antisemitischen Gründen. Mehrere Angehörige emigrierten. Ury besuchte 1938 ihre Neffen in London, kehrte aber nach Deutschland zurück, um ihre gehbehinderte Mutter zu pflegen. Eine Aufforderung zur Auswanderung wies sie nach einem später überlieferten Bericht zurück, weil sie das Schicksal ihrer zurückbleibenden Glaubensgenossen teilen wollte. Ein 1941 beantragtes Kuba-Visum blieb erfolglos.

Urys Ferienhaus wurde zwangsweise verkauft und am 9. April 1942 zugunsten des Deutschen Reichs beschlagnahmt. Nach dem Tod ihrer Mutter im April 1940 lebte sie ohne Angehörige in Berlin und war von immer stärkeren Beschränkungen betroffen. Am 6. Januar 1943 musste sie sich in der Sammelstelle Große Hamburger Straße 26 melden. Am 12. Januar wurde sie im 26. „Osttransport“ unter der Nummer 638 nach Auschwitz deportiert. Von den 1000 Berliner Juden, die am 13. Januar ankamen, registrierte die SS 127 Männer als arbeitsfähige Häftlinge. Die übrigen 873 Menschen, darunter Else Ury, wurden sofort in der Gaskammer ermordet.

1995 wurde in Auschwitz Urys Koffer mit der Aufschrift „Transport Nr. / Else Sara Ury / Berlin – Solinger Str. 10“ entdeckt. „Sara“ war ein von den NS-Behörden erzwungener Vorname. Der Koffer befindet sich im Museum Auschwitz. Private Aufzeichnungen Urys gingen größtenteils verloren; erhalten blieben wenige Briefe und amtliche Unterlagen, die ihre Ausgrenzung, Enteignung und Deportation dokumentieren. An Ury erinnern unter anderem Gedenktafeln in Berlin und an ihrem früheren Ferienhaus, der Else-Ury-Bogen, der Else-Ury-Weg, eine Berliner Familienbibliothek sowie eine Inschrift am Familiengrab auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee.

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