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Echte Kraken
Die Echten Kraken (Octopodidae) sind Weichtiere und bilden mit über 40 Gattungen die größte Familie in der Ordnung der Kraken. Namensgebende Gattung der …
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Überblick und Einordnung
Echte Kraken (Octopodidae) sind Weichtiere und bilden mit über 40 Gattungen die größte Familie innerhalb der Ordnung der Kraken. Die namensgebende Gattung Octopus umfasst zugleich mehr als 80 Arten. Die systematische Einordnung lautet: Stamm Weichtiere (Mollusca), Klasse Kopffüßer (Cephalopoda), Unterklasse Tintenfische (Coleoidea), Überordnung Achtarmige Tintenfische (Vampyropoda), Ordnung Kraken (Octopoda), Familie Echte Kraken (Octopodidae). Der wissenschaftliche Familienname lautet Octopodidae d’Orbigny, 1839.
Die Familie umfasst mehr als 250 Arten; einige werden zusätzlich in Unterarten gegliedert. Viele Arten sind noch unbeschrieben und daher in dieser Zahl beziehungsweise in den aufgeführten Arten nicht berücksichtigt. Zu den Gattungen gehören unter anderem Octopus, Enteroctopus, Hapalochlaena, Graneledone, Pareledone, Thaumoctopus und Wunderpus.
Körperbau und Bewegungsorgane
Der Körper eines echten Kraken besteht aus Mantel, Kopf und acht Armen, die im Artikel als Tentakel bezeichnet werden. Die Gesamtlänge wird von den Tentakelspitzen bis zum hintersten Ende des Mantels gemessen. Die Mantellänge reicht vom hinteren Mantelende bis zu den Augen, die meist in der Mitte des Kopfes liegen. Die Armlänge bezeichnet die Strecke vom Ende des Kopfes bis zu den Tentakelspitzen.
Körpergröße und Proportionen unterscheiden sich stark zwischen den Arten. Die größte bisher bekannte Art ist der Pazifische Riesenkrake (Enteroctopus dofleini) mit einer Armlänge von fünf Metern. Die kleinste bisher bekannte Art ist der Pygmäenkrake (Octopus wolfi), der lediglich 30 mm groß wird. Die Körpermasse kann gallertartig, fleischig oder muskulös sein; diese Eigenschaften sind nicht auf bestimmte Gattungen beschränkt.
Eine wichtige Besonderheit ist die vollständige Rückbildung der inneren Rückenschale, die auch Schulp oder Gladius genannt wird. Echte Kraken besitzen deshalb kein Innenskelett. Dadurch sind sie sehr beweglich und können sich durch extrem enge Öffnungen zwängen, die nur so breit sind wie der Abstand zwischen ihren Augenansätzen.
Im Unterschied zu Kalmaren und anderen zehnarmigen Kopffüßern besitzen sie acht statt zehn Arme. Deren Länge reicht je nach Art von der doppelten bis zur zehnfachen Mantellänge. Die Innenseiten sind mit unterschiedlich vielen Saugnäpfen besetzt. Die Saugnapfringe sitzen direkt an den Armen, sind radiär aufgebaut und tragen im Gegensatz zu denen mancher anderer Kopffüßer weder Widerhaken noch Zähne.
Haut, Sinnesorgane und innere Organe
Die Haut besteht aus einer einschichtigen Oberhaut (Epidermis) mit eingelagerten Drüsen und einer strafffaserigen, bei manchen Arten gallertartigen Lederhaut (Cutis). Viele Arten tragen warzenartige Papillen, die unterschiedlich groß sein können. Um die Augen herum wachsen sie meist besonders dicht und groß. Die unterste Hautschicht enthält Leucophoren, also reflektierende Zellen mit transparenten Proteinen, die alle Wellenlängen des Lichts zurückwerfen können.
Echte Kraken besitzen ein mehrteiliges Herz mit einem Hauptherzen und zwei Kiemenherzen. Außerdem haben sie zwei Coelome. Das sind flüssigkeitsgefüllte, vom Mesoderm abstammende und von einem Epithel ausgekleidete Körperhöhlen. Das Viscero-Herzbeutel-Coelom enthält Körperorgane und Herz; das zweite ist das Nephridial-Coelom.
Die meist großen Linsenaugen sind leistungsfähige primäre Sinnesorgane. Sie sind im Gegensatz zu Wirbeltieraugen evers aufgebaut: Die lichtabsorbierende Schicht der Sehzellen ist dem Licht zugewandt. Gewöhnlich befindet sich je ein Auge an einer Seite des Kopfes; manche Arten haben Stiel- oder Teleskopaugen. Die rechteckige Pupille fängt Licht ein, das vom Meeresboden reflektiert wird. Es gibt jedoch auch Arten mit kleinen Augen.
Der Trichter, auch Siphon oder Funnel genannt, ist ein rohrförmiges Organ für Atmung und Fortbewegung. Durch stoßartiges Ausstoßen von Wasser aus der Mantelhöhle können sich die Tiere durch Rückstoß schnell nach vorn oder hinten bewegen. Über den Trichter geben sie außerdem stoßweise Tinte und Abfallprodukte ab. Seitlich liegende Muskeln unterstützen seine Funktion.
Nahrungsaufnahme und besondere Fähigkeiten
Echte Kraken besitzen kein Gebiss, sondern eine Radula. Dieses bezahnte Mundwerkzeug wird auch Raspelzunge oder Reibezunge genannt und dient dazu, Nahrung festzuhalten, zu zermahlen und zu zerkleinern. Die meisten Arten besitzen eine weiterentwickelte Schmalzunge. Sie besteht aus dem Mittelzahn Rhachis, Seitenzähnen, beidseitig jeweils einer Mittelplatte und Seitenplatten aus Chitin. Der Rhachis kann mehrere Spitzen besitzen. Unterhalb der Radula und im hinteren Schlund liegen weitere Zähnchen. Bei vielen Arten verengen Laterallappen oberhalb der Radula den Darmtrakt; bei Tintenfischen sind diese Lappen mit einer bezahnten Chitinschicht versehen, die ein Zurückrutschen der Beute verhindern soll.
Das Nervensystem ist hoch organisiert, leistungsfähig und stark zentralisiert. Echte Kraken können komplexe Aufgaben lösen. Sie öffnen beispielsweise Gläser mit Schraubverschluss oder anderen Mechanismen und können durch Abtasten einer Öffnung einschätzen, ob sie hindurchpassen. Durch gegenseitige Beobachtung können sie verschiedene Fähigkeiten erlernen. Manche Arten ahmen das Aussehen anderer Tiere nach; in Versuchen konnten sie sogar komplexe Farbmuster nachahmen, die in der Natur nicht vorkommen.
Tarnung und Gift
Viele Arten können ihre Farbe wechseln und andere Lebewesen oder Gegenstände imitieren. Obwohl echte Kraken in der Regel farbenblind sind, stimmen Farbe und Textur ihres Körpers oft bemerkenswert mit dem Hintergrund überein. Die Tarnung entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener Chromatophoren, also farbverändernder Zellen, und durch eine Veränderung der Hauttextur.
Zusätzlich zu den Leucophoren besitzen sie Iridophoren. Das sind Zellen mit dünnen Chitinplättchen, die in blauen, grünen und silbrigen Farbtönen schillern und wie ein Interferenzfilter wirken. Ob Iridophoren die Helligkeit verstärken, ist noch nicht geklärt. Die Hautoberfläche kann außerdem schnell von glatt zu grobwarzig verändert werden, sodass sie sich an unterschiedliche Untergründe anpasst.
Mit Ausnahme der Gattung Hapalochlaena besitzen echte Kraken nur ein sehr schwaches und für Menschen unbedeutendes Gift. Die Arten dieser Gattung können dagegen beim Biss ein starkes, für Menschen tödliches Nervengift abgeben. Es handelt sich um Tetrodotoxin (TTX), das auch Maculotoxin oder Tarichatoxin genannt wird. Das Gift wird nicht von den Kraken selbst hergestellt, sondern von Bakterien im Vorderdarm und in den Speicheldrüsen. Diese Bakterien werden an die Nachkommen weitergegeben.
Fortpflanzung und Lebensräume
Bei der Begattung überträgt das Männchen Spermatophoren, also Spermienpakete, mit einem speziell umgebildeten Arm, dem Hectocotylus. Entlang dieses Arms liegt eine offene Vertiefung; seine löffelförmige Spitze heißt Ligula. Das Männchen platziert die Spermatophoren direkt im Eileiter des Weibchens. Bei den meisten Arten besitzt der Hectocotylus weniger Saugnäpfe als die übrigen Arme.
Weibchen vieler Gattungen können Spermien bis zu zehn Monate befruchtungsfähig in ihrem Körper aufbewahren. Bei einigen Gattungen paaren sie sich bereits vor der Geschlechtsreife und bewahren das Sperma bis zur Empfängnisbereitschaft auf. Bei vielen Arten bleiben die Weibchen während der Brutzeit bei den Eiern und stellen die Nahrungsaufnahme vollständig ein. Nach dem Schlüpfen der Jungen stirbt das Weibchen. Bei den meisten Arten gibt es mehr Weibchen als Männchen.
Die Gattungen der Familie kommen in allen Ozeanen und in sämtlichen Klimazonen der Erde vor. Sie leben unter anderem an Felsen- und Korallenriffen, in Seegraswiesen und Algenbetten sowie auf Sand, Schlamm und anderen weichen Böden. Die meisten sind Grundbewohner. Einige Flachmeerarten können vorübergehend außerhalb des Wassers überleben und sich dort fortbewegen, etwa in Gezeitentümpeln, wo sie nach Krebsen, Schnecken und anderen Tieren jagen. Dauerhaft können sie wegen ihrer Kiemenatmung nicht an Land leben. Nachweise gibt es bis in Tiefen von 5000 Metern.