Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Early Reggae
Der Early Reggae entstand Mitte 1968 in Jamaika aus dem Rocksteady und ging ab etwa 1972 in den Roots-Reggae über.
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Einordnung
Early Reggae, häufig auch Skinhead Reggae genannt, bezeichnet die Frühphase des Reggae. Er entstand Mitte 1968 in Jamaika aus dem Rocksteady und ging ab etwa 1972 allmählich in den Roots-Reggae über. Seine Entwicklung wurde später besonders durch den Einfluss der Rastafari-Bewegung und durch die Ausrichtung auf Erfolge in den weltweiten Musik-Charts verändert.
Der Early Reggae verbindet Elemente aus Ska und Rocksteady, geht aber zugleich über beide Stile hinaus. Er ist rauer und schneller als der Rocksteady, dessen Gesangsharmonien teilweise glatt und am Soul orientiert waren. Gegenüber dem Ska ist der Early Reggae rhythmisch dichter und komplexer.
Musikalische Merkmale und Inhalte
Charakteristisch sind kontinuierliche Achtel auf der Hi-Hat, die sich auch im Bass wiederfinden. Gitarre und Orgel werden häufig mit Effekten wie Delay, Hall und Phaser bearbeitet. Typisch war außerdem die Trio-Besetzung der bedeutenden Gesangsgruppen, darunter The Ethiopians, Toots & the Maytals, The Melodians und The Pioneers. Zu den wichtigen Hitlieferanten gehörten außerdem Jimmy Cliff und Desmond Dekker.
Instrumentalstücke waren besonders beliebt. Beispiele sind The Upsetters’ Return of Django (1968), Harry J. Allstars’ Liquidator (1969) und Dave & Ansel Collins’ Double Barrel (1971). Double Barrel erreichte zwei Wochen lang Platz 1 der UK Singles Charts.
In den Texten waren weiterhin Lovesongs verbreitet. Daneben entstanden zunehmend doppeldeutige oder anzügliche Lieder, etwa Wet Dream von Max Romeo (1968) und Birth Control von Lloyd Charmers (1968). Erste Themen der Rasta-Philosophie zeigten sich in sozialkritischen Liedern wie Everything Crash von den Ethiopians (1968) sowie in religiösen und spirituellen Inhalten, besonders bei Justin Hinds.
Umstritten ist, welche Aufnahme als erste Reggae-Aufnahme gilt. Genannt werden unter anderem Derrick Morgans Neuauflage des Ska-Hits Fat Man (1968) und Bangarang von Lester Sterling & Stranger Cole. Auch die Herkunft des Namens „Reggae“ ist unbekannt. Der erste Song mit dem Wort „Reggae“ im Titel war Do the Reggay (1968) von Toots & the Maytals, wobei damals noch eine andere Schreibweise verwendet wurde.
Produktion und Entstehung des Dub
Eine wichtige Rolle im Musikgeschäft spielten die Produzenten. Sie besaßen meist ein eigenes Studio und arbeiteten mit einer festen Studio-Band, die den Instrumental-Sound einspielte. Sänger oder Gesangsgruppen wurden wechselnd und gegen eine feste Gage für einzelne Plattenaufnahmen engagiert. Üblicherweise erschienen Singles, weil sie dem Kaufverhalten der finanziell schwachen Zielgruppe entsprachen. LPs waren fast ausschließlich Zusammenstellungen bereits veröffentlichter Singles.
Diese Produktionsweise ähnelte dem Verfahren von Motown. Das technische Equipment auf Jamaika war jedoch primitiver, weshalb die Aufnahmen heutigen Hi-Fi-Standards noch weniger entsprachen. Gerade diese Lo-Fi-Qualität, also der bewusst oder technisch bedingt weniger klare Klang, gilt für Fans als besonderer Reiz.
In die Zeit des Early Reggae fällt die Entstehung des Dub. Schlüsselfiguren waren King Tubby und Lee „Scratch“ Perry. Auf der B-Seite einer Single befand sich damals häufig die Instrumentalversion des Liedes. In den mobilen Diskos Jamaikas, den Soundsystems, sprach der Deejay darüber einen Rap-ähnlichen Sprechgesang. Daraus entstand die Idee, dieses Deejaying selbst auf Platte zu veröffentlichen. Als erste solche Dub-Aufnahme gilt Wake the Town (1970) von U-Roy. Weitere Deejays der ersten Generation waren I-Roy, Dennis Alcapone, King Stitt und Big Youth.
Skinhead Reggae und erste Erfolge
In England, besonders in London, wurde Early Reggae vor allem von Skinheads gehört. In den Vorstädten kamen sie mit jamaikanischen Einwanderern zusammen und begeisterten sich für deren Musik. Die Verbindung spiegelte sich auch in Songtiteln wie Skinhead Moonstomp und Skinhead Girl von Symarip (1969), Skinhead Train und Skinhead Wreck the Town von Laurel Aitken, Skinhead, a Message to You von Desmond Riley sowie Skinheads Don’t Fear von den Hot Rod Allstars. In Skinhead-Kreisen wird Early Reggae deshalb bis heute auch Skinhead-Reggae genannt.
Der erste weltweite Reggae-Hit war Israelites von Desmond Dekker, der unter anderem in Deutschland und England Platz 1 erreichte. Aufgrund dieses Erfolgs zogen einige Reggae-Stars, darunter Dekker, Jimmy Cliff, Laurel Aitken und Derrick Morgan, nach England. Ein Top-Ten-Erfolg in England versprach deutlich höhere Umsätze als eine Nummer 1 in Jamaika.
Für den europäischen Musikgeschmack wurde der Reggae-Sound geglättet und mit Streichern ergänzt. Diese Anpassung war erfolgreich: Wonderful World, Beautiful People von Jimmy Cliff (1969) und Young Gifted & Black von Bob & Marcia (1970) erreichten jeweils Platz 5 in England. Nach Darstellung des Artikels litt darunter jedoch die musikalische Vielfalt und Originalität. Diese Entwicklung wird mit dem Übergang von Funk-Musik zu Disco-Musik verglichen. John Holt und Ken Boothe standen ebenfalls für einen eher kommerziellen Sound.
Übergang zum Roots-Reggae
Zwischen 1971 und 1973 vollzog sich allmählich der Übergang vom Early Reggae zum Roots-Reggae. Ein Beispiel aus dieser Zeit ist Leggo Beast von den Abyssinians (1972). Als eines der ersten reinen Roots-Reggae-Alben gilt Bob Marleys Catch a Fire (1973), das bei Island Records, einem Major Label, erschien. Es war Marleys erste Platte bei einer großen Plattenfirma und zugleich seine erste LP, die keine Zusammenstellung vorher veröffentlichter Singles war.
Das Tempo des neuen Stils wurde deutlich langsamer als beim Early Reggae und sogar langsamer als beim Rocksteady. Dies ist besonders am Titelstück Slave Driver von Catch a Fire zu erkennen. Gleichzeitig veränderten sich die Produktionsmethoden: Der Produzent verlor gegenüber Sänger und Songwriter an Einfluss, Studio-Gimmicks und Effekte traten zurück, und die Songtexte gewannen an Bedeutung. Auch die zuvor beliebten Instrumentalstücke verschwanden weitgehend.
Ein musikalischer Höhepunkt des Early Reggae war die Zusammenarbeit von Bob Marley mit Lee Perry und dessen Studioband The Upsetters. An Schlagzeug und Bass spielten Carlton und Aston Barrett, die später zur Keimzelle von Marleys eigener Band The Wailers wurden. Zu den Aufnahmen gehören Sun Is Shining und Duppy Conqueror (beide 1970) sowie Don’t Rock My Boat (1971). Marley erzielte damit noch nicht den späteren kommerziellen Erfolg; viele Fans halten die Aufnahmen wegen ihres authentischen Sounds dennoch für seine beste Arbeit. Teile erschienen auf der LP African Herbsman und später auf zahlreichen Samplern und Kompilationen.
1972 erschien mit The Harder They Come ein Film über die geradlinige, unverfälschte Form des Early Reggae. Jimmy Cliff spielt darin einen Rude Boy und Reggae-Sänger, der in den Slums von Kingston auf die schiefe Bahn gerät und schließlich von der Polizei erschossen wird. Am Soundtrack wirkten neben Cliff unter anderem Desmond Dekker, Toots & the Maytals und The Slickers mit. Der Roots-Reggae wurde rasch in ganz Europa und in geringerem Maß auch in den USA populär. Die Skinheads wandten sich ab; zugleich entwickelte sich Reggae von einer englischen Modeerscheinung zu einem politisch bedeutenden Phänomen in Afrika und Südamerika.