Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Donut-Ökonomie
In der Bevölkerung scheint Optimismus vorzuherrschen, dass die Einführung der Kreislaufwirtschaft gelingen kann. Jedenfalls sind dort bereits eine Reihe von …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Ziel
Die Donut-Ökonomie ist ein wirtschaftswissenschaftlicher Denkrahmen von Kate Raworth. Sein Leitbild ist ein Donut: Die innere Begrenzung steht für soziale Mindeststandards, die äußere für die ökologischen Belastungsgrenzen des Planeten. Dazwischen liegt der „sichere und gerechte Handlungsraum“, in dem die Bedürfnisse aller Menschen erfüllt werden können, ohne die natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören. Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft ist nach diesem Ansatz, Wege zu untersuchen, durch die eine Wirtschaft in diesen Raum gelangt und dort bleibt.
Die sozialen Untergrenzen sind aus den UN-Nachhaltigkeitszielen abgeleitet. Dazu gehören beispielsweise ein ausreichender Zugang zu Bildung und zum Gesundheitssystem. Werden sie unterschritten, entsteht soziale Deprivation, also ein Mangel an grundlegenden Voraussetzungen für ein gutes Leben. Werden dagegen die planetaren Grenzen überschritten, drohen ökologische Schäden wie Klimawandel und der Verlust der Artenvielfalt.
Das zentrale Ziel ist daher nicht ein dauerhaft steigendes Bruttoinlandsprodukt (BIP), sondern menschliches Wohlergehen innerhalb sozialer und ökologischer Grenzen. Gegenüber Wirtschaftswachstum nimmt die Donut-Ökonomie eine agnostische Haltung ein: Wachstum wird nicht grundsätzlich ausgeschlossen, ist aber auch kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob sich das Wohlergehen verbessert, unabhängig davon, ob das BIP steigt, sinkt oder gleich bleibt. Für industrialisierte Staaten sowie einkommens- und vermögensstarke Gruppen können ein geringerer Ressourcenverbrauch oder wirtschaftliche Schrumpfung, also Degrowth, sinnvoll sein. Einzelne Branchen oder Regionen mit schwacher Infrastruktur können dagegen wachsen, sofern sie die festgelegten Grenzen einhalten.
Globaler Donut und Messwerte
Raworth stellte die Idee erstmals am 13. Februar 2012 in „A Safe and Just Space for Humanity“ vor und arbeitete sie in ihrem 2017 veröffentlichten Buch „Doughnut Economics: Seven Ways to Think Like a 21st-Century Economist“ aus. Die deutsche Ausgabe erschien 2018 als „Die Donut-Ökonomie: Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört“. Andrew L. Fanning und Kate Raworth veröffentlichten 2025 in Nature eine erneuerte globale Fassung, den „Doughnut v3“. Sie umfasst 21 Dimensionen und 35 Indikatoren sowie durchgängige Zeitreihen für 2000–2022.
Nach dieser Analyse sank der Median der weltweiten sozialen Unterversorgung zwischen 2000 und 2022 von 47 % auf 35 %. Um bis 2030 Mindeststandards für alle zu erreichen, müsste die Verbesserung im Median jedoch etwa fünfmal schneller erfolgen. Gleichzeitig stieg die mediane ökologische Überschreitung der planetaren Grenzen von 75 % auf 96 %. Im Jahr 2022 waren mindestens sechs von neun planetaren Grenzen überschritten. Für eine Rückkehr in sichere Bereiche bis 2050 müsste die Verschlechterung sofort enden; anschließend wäre ungefähr das Doppelte der bisherigen Veränderungsgeschwindigkeit in Richtung Regeneration erforderlich.
Obwohl sich das globale BIP seit 2000 verdoppelte, blieben die sozialen Fortschritte moderat, während die ökologische Überschreitung stark zunahm. Außerdem sind Belastungen und Mängel ungleich verteilt: Das reichste Fünftel der Staaten mit etwa 15 % der Weltbevölkerung verursacht je nach Indikator rund 26–73 % der jährlichen ökologischen Überschreitung und insgesamt mehr als 40 %. Im ärmsten 40-%-Cluster mit etwa 42 % der Weltbevölkerung entstehen dagegen 27–97 % der globalen sozialen Unterversorgung. Die ökologischen Fußabdrücke des reichsten Clusters sind 1,3- bis 12,4-mal höher als die des ärmsten. Daraus leiten die Autoren die Forderung ab, die Abhängigkeit von ständigem BIP-Wachstum zu überwinden und wirtschaftliche Aktivitäten regenerativ und distributiv, also erneuernd und besser verteilend, auszurichten.
Sieben neue Denkansätze
Raworth verbindet das Donut-Modell mit sieben Vorschlägen für eine Wirtschaftslehre des 21. Jahrhunderts:
• Das Ziel verändern: Nicht das Wachstum des BIP, sondern ein auskömmliches Leben aller Menschen innerhalb des Donuts soll wirtschaftlichen Fortschritt bestimmen.
• Das Gesamtbild erfassen: Wirtschaft soll nicht nur als Marktkreislauf betrachtet werden, sondern als ein in Natur und Gesellschaft eingebettetes System. Neben Märkten sind Staat, Haushalte und Gemeingüter wichtige Bestandteile.
• Die menschliche Natur pflegen und fördern: An die Stelle des homo oeconomicus – eines isolierten, berechnenden und ausschließlich eigennützigen Menschen – soll das Bild eines sozialen, anpassungsfähigen und von der lebendigen Umwelt abhängigen Menschen treten.
• Systemisches Denken lernen: Wirtschaft ist demnach kein mechanisches System, das durch Marktkräfte automatisch ins Gleichgewicht gelangt, sondern ein komplexes und dynamisches System mit Rückkopplungen. Dieser Blick soll unter anderem Finanzmarktzyklen, sich selbst verstärkende Ungleichheit und klimatische Kipppunkte verständlicher machen.
• Auf Verteilungsgerechtigkeit zielen: Die Kuznets-Kurve beschreibt die Hypothese, dass Ungleichheit während des Wirtschaftswachstums zunächst zunimmt und später wieder abnimmt. Raworth hält wachsende Ungleichheit jedoch nicht für ein unvermeidliches Gesetz, sondern für einen Gestaltungsfehler. Produzierter Wert und Vermögen sollen von Anfang an besser verteilt werden.
• Auf Regeneration zielen: Auch die Umwelt-Kuznets-Kurve, nach der Umweltverschmutzung zunächst steigt und bei wachsendem Reichtum später wieder sinkt, sei keine zwingende Gesetzmäßigkeit. Eine saubere Umwelt dürfe nicht als Luxusgut gelten. Industrie soll von Beginn an regenerativ und zirkulär sein, Ressourcen also schonen und in Kreisläufen führen.
• Eine agnostische Haltung zum Wachstum einnehmen: Maßstab ist der Nutzen des Wirtschaftens für Menschen, nicht dauerhaftes BIP-Wachstum. Die Forschung soll untersuchen, wie finanzielle, politische und soziale Wachstumsabhängigkeiten überwunden werden können. Die Daten für 2000–2022 stützen diese Forderung durch die beobachtete Verbindung moderater sozialer Verbesserungen mit stark zunehmender ökologischer Überschreitung.
Lokale Umsetzung
Amsterdam entwickelte als erster Wirtschaftsraum gemeinsam mit Raworth ein Konzept, um Stadt- und Wirtschaftsentwicklung nach den Prinzipien der Donut-Ökonomie umzubauen. Das im April 2020 gestartete Vorhaben verbindet einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen mit der Sicherung menschlicher Grundbedürfnisse. Energie soll stärker aus Solar- und Windkraft stammen und der CO₂-Ausstoß deutlich sinken. Der Anteil recycelter Rohstoffe soll 2030 bei 50 % und 2050 bei 100 % liegen.
Zu den Projekten zählen ein Verfahren zur Wiederverwertung von Zement, klimaneutrale Häuser auf dem Wasser und platzsparender Nahrungsmittelanbau innerhalb der Stadt. Auch Kopenhagen, Philadelphia und Portland im US-Bundesstaat Oregon planen eine Orientierung am Donut-Prinzip. In Deutschland wollen sich Bad Nauheim und Krefeld an der Donut-Indikatorik ausrichten; zudem bestehen zivilgesellschaftliche Initiativen unter anderem in Berlin, Frankfurt am Main und Hamburg. In Birmingham wurde mit dem „Neighbourhood Doughnut“ eine Anwendung auf der Ebene eines Stadtquartiers erprobt.
Grenzen der bisherigen Umsetzung
Über lokale Projekte hinaus ist die Einführung einer Donut-Ökonomie bisher nicht gelungen. Eine empirische Studie von 2018 untersuchte 150 Länder. Keines von ihnen deckte gleichzeitig die Grundbedürfnisse aller Bürger und hielt zugleich ein weltweit nachhaltiges Maß der Ressourcennutzung ein. Eine ähnliche Studie aus dem Jahr 2006 hatte Kuba dagegen noch als einzigem Land die Einhaltung sowohl der ökologischen als auch der sozialen Kriterien bescheinigt.
Untersuchungen mithilfe des Energie- und Stoffstrommanagements (ESSM) sowie von Lebenszyklusanalysen (LCA), mit denen Ressourcen- und Umweltwirkungen betrachtet werden, legen nahe, dass innerhalb des von der Donut-Ökonomie beschriebenen Möglichkeitsraums bis zu 10,4 Milliarden Menschen angemessen versorgt werden könnten. Die praktische Frage, wie lokale Versuche auf ganze Volkswirtschaften übertragen und die dafür erforderlichen strukturellen Veränderungen erreicht werden können, bleibt jedoch offen.