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Die helle Kammer
Die helle Kammer (La chambre claire, Paris 1980) ist ein Essay des französischen Philosophen Roland Barthes. Seine letzte Veröffentlichung ist eines der …
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Werk und Aufbau
Die helle Kammer (La chambre claire, Paris 1980) ist ein Essay des französischen Philosophen Roland Barthes und seine letzte Veröffentlichung. Mit dem Untertitel „Bemerkung zur Photographie“ zählt das Werk zu den Standardwerken über Photographie. Es verbindet systematische Überlegungen mit sehr persönlichen Passagen, besonders über den Tod von Barthes’ Mutter.
Das Buch hat zwei Teile. Der erste Teil kritisiert frühere Literatur, grenzt Barthes’ Position ab und formuliert allgemeinere Aussagen über Photographie. Barthes prüft dabei die Möglichkeit einer Phänomenologie, also einer Beschreibung der Erscheinungs- und Wahrnehmungsweise, sowie eines Kompendiums der Photographie.
Der zweite Teil ist bewusst intim und relativiert dadurch die lehrhaften Aussagen des ersten Teils im Sinne der Dekonstruktion. Zentral ist dort ein nicht abgedrucktes Kindheitsfoto seiner Mutter. Barthes findet es nach ihrem Tod bei der Durchsicht ihrer Fotos zufällig und erkennt darin für sich ihr Wesen. Gerade weil dieses Bild ausschließlich für ihn Bedeutung besitzt und andere höchstens Epoche, Kleidung oder Photogenität studieren könnten, betont er die Subjektivität der photographischen Erfahrung.
Studium und punctum
Die wichtigsten, oft als Gegensatz verstandenen Begriffe sind studium und punctum. Barthes entwickelt sie im ersten Teil, spielt im zweiten Teil aber mit ihnen, vertauscht und überlagert sie. So soll sein Diskurs nicht in einer „doxa“, also einer festen Lehrmeinung, enden.
Das studium bezeichnet das allgemeine Interesse an einer Photographie. Betrachtende können ihren Sinn mithilfe geschichtlich und kulturell geprägter Kenntnisse erfassen. Barthes nennt etwa Fotografien als Zeugnisse politischen Geschehens oder als anschauliche Historienbilder. Als Angehörige einer Kultur können Betrachtende Figuren, Mienen, Gesten, äußere Formen und Handlungen verstehen und würdigen.
Das punctum durchbricht oder „skandiert“ das studium. Es wird nicht bewusst gesucht, sondern tritt wie ein Pfeil aus dem Bildzusammenhang hervor und trifft die betrachtende Person. Punctum bedeutet unter anderem Stich, kleines Loch, kleiner Fleck, kleiner Schnitt und Wurf der Würfel. Es ist das Zufällige einer Photographie, das jemanden besticht, aber auch verwundet oder trifft. Damit beschreibt Barthes vor allem eine sinnliche, kaum oder nicht sagbare und „atopische“ Wirkung, nicht die allgemeine Bildbotschaft.
Bezüge zu Walter Benjamin
Barthes’ Essay wird häufig mit Walter Benjamins Schriften zur Photographie verglichen. Jacques Derrida zufolge durchdringen, überschreiten und nutzen beide die Möglichkeiten phänomenologischer und strukturaler Analyse. Ihre Texte könnten die beiden grundlegenden Texte zur Frage nach dem „REFERENTEN“ in der technischen Moderne sein.
Besonders Barthes’ punctum überschneidet sich mit Benjamins Aura aus Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und Kleiner Geschichte der Photographie. Bei Benjamin erzeugt Aura wie das punctum einen „choc“, der den „Assoziationsmechanismus“ außer Kraft setzt. Barthes beschreibt eine vergleichbare plötzliche Evidenz beim Betrachten der Fotos seiner Mutter: ein „Das ist es!“, ein jähes Erwachen ohne bloße Ähnlichkeit, ein satori, bei dem Worte versagen.
Photographischer Blick und Ausdruck
Eine weitere Parallele betrifft Blick, Aura und Ausdruck. Für Benjamin bedeutet Aura einer Erscheinung erfahren, ihr das Vermögen zu verleihen, „den Blick aufzuschlagen“. Barthes untersucht ebenfalls Situationen, in denen Menschen sich angesehen glauben, und überträgt dies auf den photographischen Blick.
Dieser Blick ist für ihn paradox: Man kann ansehen, ohne sicher zu sein, wirklich zu sehen. Photographie trennt nach Barthes Beachtung von Wahrnehmung und bildet nur die Beachtung ab, obwohl sie ohne Wahrnehmung nicht denkbar sei. Er nennt dies eine „Noesis ohne Noema“, also einen Denkakt ohne Gedanke, beziehungsweise ein Zielen ohne Ziel. Dennoch kann daraus die seltene Erscheinung eines Ausdrucks entstehen.
An André Kertész’ Foto Piet Mondrian in seinem Atelier (Paris 1926) fragt Barthes: „Wie kann man einen intelligenten Ausdruck haben, ohne etwas Intelligentes zu denken?“ Der Porträtierte betrachte im Moment der Aufnahme lediglich schwarzen Kunststoff. Bei einem weiteren Kertész-Foto eines Jungen mit Hund sieht der Junge zwar traurig, eifersüchtig und ängstlich in die Kamera, sehe aber in Wirklichkeit nichts an. Er halte Liebe und Angst nach innen zurück; für Barthes ist dies der BLICK.