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Deutsche Gebärdensprache
Ein Kompositum ist im einfachsten Fall ein aus zwei freien Morphemen zusammengesetztes Wort (bspw. Fahr-stuhl, Sach-buch). In DGS ist dies auch die maximal …
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Grundlagen und Verwendung
Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist eine eigenständige visuell-manuelle Sprache. Sie dient vor allem gehörlosen und schwerhörigen Menschen in Deutschland, Belgien und Luxemburg zur Kommunikation untereinander und mit Hörenden. Ihre sprachlichen Zeichen heißen Gebärden. Etwa 200.000 Menschen verwenden die DGS dauerhaft oder gelegentlich; genannt werden etwa 80.000 gehörlose sowie 120.000 hörende oder schwerhörige Personen.
DGS hat eine eigene Grammatik und ist nicht einfach Deutsch, das mit den Händen dargestellt wird. Zeitangaben stehen meist am Satzanfang, während Verben nach dem Subjekt oder am Satzende vorkommen können. Die österreichische Gebärdensprache (ÖGS) und die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS) sind nicht mit der DGS verwandt, sondern gehören zur Familie der französischen Gebärdensprachen.
Neben DGS gibt es Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG, „gebärdetes Deutsch“), die ganz oder teilweise der deutschen Grammatik folgen. Außerdem nennt der Artikel unter anderem Lautsprachunterstützte Gebärden (LUG), Visual Vernacular (VV), Visuell gestische Kommunikation (VGK), Gebärdenunterstützte Kommunikation (GuK), Lormen, Fingeralphabet, Lautgesten und taktile Gebärden.
Gebärden werden mit den Händen ausgeführt, aber Körperhaltung und Mimik tragen ebenfalls Bedeutung, besonders bei Grammatik wie Konditionalsätzen. Personen und Orte können an Punkten im Gebärdenraum verortet werden; die Richtung einer Gebärde zwischen solchen Punkten kann ihre Bedeutung verändern. Das Fingeralphabet hilft beim Buchstabieren von Eigennamen und unbekannten Wörtern.
Die DGS wurde im Rahmen des Oralismus über mehr als 175 Jahre unterdrückt. Heute ist sie in Deutschland als eigenständige Sprache anerkannt. Die politische Anerkennung erfolgte 1998 in Hessen, die rechtliche Anerkennung 2002 durch § 6 und § 9 des Behindertengleichstellungsgesetzes; die Kommunikationshilfenverordnung trat im Juli 2002 in Kraft. Daraus folgt unter anderem das Recht auf Gebärdensprachdolmetscher bei behördlichen Angelegenheiten. Regional gibt es Dialekte und eine Jugendsprache; das DGS-Korpus teilte Deutschland in 13 Spracherhebungszonen ein. Ein Unterschied zwischen Nord- und Süddeutschland gilt als unstrittig, Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sollen weiter erforscht werden.
Wie Gebärden aufgebaut sind
Die Grammatik der DGS wird mit den Bereichen Phonologie, Morphologie, Morphosyntax und Syntax beschrieben. Gebärden werden dabei oft durch Glossen, also schriftliche Bezeichner für Gebärden, notiert.
In der Phonologie werden Gebärden in kleinere bedeutungsunterscheidende Einheiten zerlegt. Die manuellen Komponenten sind Handform, Handstellung oder Handorientierung, Ausführungsstelle und Bewegung. Die Handform beschreibt die Stellung der Finger zum Handballen; die Handstellung das räumliche Verhältnis von Handfläche und Fingern zu Körper und Raum. Die Ausführungsstelle liegt am Körper oder im Gebärdenraum. Bewegung wird unter anderem nach Bewegungstyp, Ausführungsart und Bewegungsrichtung unterschieden. Ändert sich nur eine dieser Komponenten, kann eine andere Gebärde entstehen. Zwei Gebärden, die sich nur in einer Komponente unterscheiden, heißen Minimalpaar.
Die DGS kennt 32 Handformen und sechs Grundhandformen. Gebärden können mit einer oder zwei Händen ausgeführt werden, konventionell-lexikalisch oder produktiv-veränderbar sein; außerdem gibt es Spezialgebärden wie idiomatische Redewendungen. Bei Zweihandgebärden gilt häufig die Symmetrieregel: Beide Hände bewegen sich gleichzeitig und haben dieselbe Handform. Bei der Dominanzregel haben die Hände unterschiedliche Handformen; nur die dominante Hand bewegt sich.
Unflektierte Gebärdenwörter sind höchstens zweisilbig. Eine Silbe besteht aus Hold (H), einer gehaltenen Handkonfiguration an einer Stelle, und/oder Movement (M), einer Bewegung der Handkonfiguration. Möglich sind M, HM, MH und HMH; H allein ist aus phonotaktischen Gründen ausgeschlossen.
Nichtmanuelle Komponenten sind etwa Blickrichtung, Augenbrauen, Mund, Mimik, Kopfbewegungen und Körperhaltung. Sie laufen meist gleichzeitig mit den manuellen Parametern ab und können Satztypen oder adverbiale Bedeutungen markieren. Orale Komponenten umfassen Mundgestik und Mundbild. Ein Mundbild kann eine lautsprachliche Lippenbewegung nachbilden und bei gleichen Gebärden Bedeutungen unterscheiden; es ist aber nicht fest vorgeschrieben. Mundgestik ist keine Nachbildung von Wörtern, sondern kann etwa räumliche Distanz ausdrücken oder bei Adjektiven grammatische Funktion übernehmen. Im Vergleich zur American Sign Language (ASL) ist DGS stärker oralbetont; Lippenbewegungen sind jedoch kein zwingender Bestandteil der DGS.
Wortbildung und grammatische Markierungen
Die DGS hat weniger Wortarten als die deutsche Lautsprache und keine Artikel. Substantive, Numerale, Verben und Adjektive werden grundsätzlich in unveränderlicher Grundform gebärdet. Ob eine Gebärde Substantiv, Adjektiv oder Verb ist, ergibt sich häufig erst aus dem Kontext. Einfache Adjektive, die keine Größe oder Form ausdrücken, können durch veränderte Bewegungen gesteigert werden. Manuelle und nichtmanuelle Bestandteile können gleichzeitig genutzt werden; deshalb dauert Kommunikation in DGS nicht länger als Lautsprache.
Wortbildung erfolgt durch Komposition und Derivation. Ein Kompositum verbindet zwei freie Morpheme und wird in DGS so verkürzt, dass es höchstens zweisilbig bleibt. Bei der Derivation wird eine Gebärde durch Hinzufügen oder Veränderung einer Bewegung abgeleitet. Besonders produktiv ist die Negation durch eine Alpha-Bewegung, etwa bei richtig, kennen, müssen oder glauben. Zahlgebärden können mit anderen Bestandteilen verbunden werden, zum Beispiel DREI-UHR, IN-DREI-TAGEN, DREI-STUNDEN und DREI-EURO; dies wird oft Inkorporation genannt.
DGS ist nicht bloß Pantomime, obwohl manche Gebärden ikonisch sind: Ihre Form ähnelt dem Gemeinten, etwa wenn die Hand bei essen zum Mund geführt wird. Diese Ähnlichkeit besteht nicht bei allen Gebärden und kann historisch verblassen. Die Gebärde für Deutschland ist beispielsweise an eine Pickelhaube angelehnt.
Morphosyntaktisch wird DGS als synthetische, flektierend-agglutinierende Sprache beschrieben. Sie hat ausgeprägte Mittel für Kongruenz, Aspekt, Klassifikation, Numerus und Modus, aber keine Tempus- oder Genusflexion. Bei der Kongruenz zeigt der Ort einer Verbgebärde im Gebärdenraum den Bezug zu Personen, Gegenständen oder Orten. Personenkongruente Transfer- oder Richtungsverben wie geben, leihen und schenken können vom Subjektpunkt zum Objektpunkt geführt werden. Ortskongruente Verben drücken Bewegung, Lage oder Handhabung an einem Ort aus, etwa sitzen, stehen, liegen, setzen, stellen und legen. Schwach kongruente oder einfache Verben haben oft keine sichtbare Kongruenz.
Aspekt beschreibt die Veränderung einer Handlung. Der Temporalaspekt umfasst durativ, iterativ, habituativ, perfektiv und progressiv. Durativ bedeutet andauernd, iterativ wiederholt, habituativ gewohnheitsmäßig wiederholt, perfektiv abgeschlossen und progressiv im Verlauf. Dies wird durch Einfrieren, Dehnen, Reduplikation, höhere Geschwindigkeit, abruptes Ende oder Kopfnicken gebildet. Der perfektive Aspekt der DGS ist nicht gleich dem deutschen Perfekt. Die Art und Weise einer Handlung wird oft durch Mimik markiert; die Aktionsart, etwa langsam lesen oder in Schlangenlinien fahren, durch die Bewegungsart oder -geschwindigkeit.
Klassifikatoren drücken Eigenschaften von Gegenständen oder Lebewesen aus. Nominalklassifikatoren, auch SASS („Size and shape-specifier“), beschreiben Größe, Form oder Dekor, etwa BUCH SASS:DICK-GROSS. Verbalklassifikatoren sind an Verben gebunden: Subjektklassifikatoren beziehen sich auf das Subjekt, Objektklassifikatoren auf das direkte Objekt. Beim Beispiel fahren kann die Handform entweder das Auto als Subjekt darstellen oder beim Chauffeur das Auto als Objekt. Instrumentalklassifikatoren bezeichnen das verwendete Werkzeug, etwa beim Schneiden mit Schere oder Brotmesser.
Numerus kann in Nominalphrasen durch Zahlwörter, Quantoren, Determinative oder Reduplikation ausgedrückt werden. Verben können durch Reduplikation mehreren Referenten mehrere Raumpunkte oder eine Raumpunktmenge zuweisen. Neben Singular und Plural sind je nach Verbklasse auch Dual und Paukal möglich. Modalität wird bei Verpflichtung, Wunsch oder Absicht mit Modalverben wie wollen, müssen, sollen und dürfen ausgedrückt. Wahrscheinlichkeit und Sprechereinstellung werden dagegen nichtmanuell durch Mimik sowie Kopf- und Körperhaltung über dem gesamten Satz markiert.
Negation kann syntaktisch, morphologisch oder lexikalisch erfolgen. Syntaktische Negation wird mit Kopfschütteln über dem Verb oder über Verb und Objekten markiert; das ganze Satzgefüge einschließlich Subjekt zu markieren, ist ungrammatisch. Morphologische Negation nutzt Ableitungen oder Komposita, lexikalische Negation beispielsweise nicht, niemand, nirgends und keiner. Die Gebärde nicht betont die Negation, während syntaktische Negation der unmarkierte Fall ist.
Satzbau und Satzarten
Die unmarkierte Wortstellung der DGS ist Subjekt–Objekt–Verb (SOV), zum Beispiel „du – Arbeit – suchen“. Bei Verbketten folgt das Modalverb gewöhnlich dem Vollverb. Ein indirektes Objekt steht vor dem direkten Objekt. Zeitangaben und Satzadverbien stehen häufig am Satzanfang; Ortsangaben tendenziell nach der Zeitangabe und vor den übrigen Satzteilen. Dies wird mit dem Figur-Grund-Prinzip erklärt: Kleinere, beweglichere Referenten folgen meist größeren, festeren Referenten. Fragewörter stehen oft nach dem Verb am Satzende. Determinative folgen dem Nomen und verorten Referenten im Gebärdenraum; einen Unterschied zwischen bestimmten und unbestimmten Artikeln gibt es nicht. Attributive Adjektive folgen unmittelbar dem Nomen. Eine Kopula wie sein gibt es nicht.
Verben können fehlen, wenn die Bedeutung auch ohne sie klar ist, besonders bei sein und haben. Satzteile außer Verben können topikalisiert, also an den Satzanfang verschoben werden. Sie erhalten dann eine mimische Markierung, etwa hochgezogene Augenbrauen. Eine Topik kann die Bedeutung des folgenden Satzes eingrenzen: LAND vor „ich Italien liebhaben“ ergibt „Mein Lieblingsland ist Italien“, ESSEN ergibt „Mein Lieblingsessen ist Italienisch“.
Aussage-, Frage- und Befehlssätze haben grundsätzlich keine unterschiedliche Wortstellung. Entscheidungsfragen werden mit hochgezogenen Augenbrauen und leicht nach vorn geneigtem Kopf markiert; ein Personalpronomen als Subjekt wird häufig am Ende wiederholt. Ergänzungsfragen mit wer, was, wo, wann oder warum stehen am Satzanfang oder -ende und haben meist zusammengezogene Augenbrauen. Imperative werden durch erhöhte Ausführungsgeschwindigkeit sowie je nach Sprechakt zusätzlich nichtmanuell markiert.
Viele Verbindungen in Nebensätzen werden nichtmanuell ausgedrückt. Konditionalsätze folgen der Reihenfolge Antezedens, also wenn-Satz, vor Konsequenz, also dann-Satz; der wenn-Satz hat hochgezogene Augenbrauen, die Konsequenz ein Kopfnicken über dem Verb. Komparativsätze ordnen Vergleichsbasis vor Vergleich. Temporale Nebensätze stehen vor dem Hauptsatz; bei Gleichzeitigkeit werden die beiden Handlungen durch entgegengesetzte leichte Körperneigungen unterschieden. Relativsätze folgen direkt ihrem Bezugsnomen, werden mit einem Relativdeterminativ angeschlossen und sind grundsätzlich restriktiv. Bei dass-Sätzen steht der Matrixsatz vor dem Konstituentensatz und wird durch eine kurze Pause getrennt. Aneinandergereihte Hauptsätze werden ohne Verbindungselemente direkt nacheinander gebärdet; ob sie eine Satzreihe bilden, ergibt sich aus dem Kontext.
Zugang, Bildung und Literatur
Barrierefreie Internetangebote können DGS-Filmsequenzen enthalten. Für die Startseite einer Website einer öffentlichen Stelle sind Erklärungen in Gebärdensprache vorgeschrieben. Nach BITV 2.0 sollen Darstellende schattenfrei mit gut erkennbarer Mimik vor statischem Hintergrund zu sehen sein. Kleidung, Hände und Hintergrund sollen kontrastieren; die Filme dürfen 320 × 240 Pixel und 25 Bilder pro Sekunde nicht unterschreiten, sollen herunterladbar sein und mit dem DGS-Logo gekennzeichnet werden.
Im Vorschulalter können Hausgebärdensprachkurse den Spracherwerb unterstützen; manche Kitas bieten gebärdensprachliche Kitabegleitungen. An Förderschulen für Hörgeschädigte gab es Lehrpläne für DGS in Baden-Württemberg (2011), Bayern (2010), Berlin (2015), Brandenburg (2015), Hamburg (2017) und Sachsen-Anhalt (2015). Empfehlungen zum DGS-Einsatz bestanden in Bremen (2002), Hessen (2021), Niedersachsen (2010), Rheinland-Pfalz (2001), Sachsen (2014) und Schleswig-Holstein (2002). Die Kultusministerkonferenz beschloss am 8. Oktober 2021 die bundesweite Einführung von DGS als Wahlpflichtfach der Sekundarstufe I.
Gebärdensprache beziehungsweise Deaf Studies kann an der Universität Hamburg und der HU Berlin studiert werden. Zusatzqualifikationen und Gebärdensprachkurse fördern Inklusion, ersetzen jedoch keine Dolmetscher. Auch DGS und ihre Vermittlung werden wissenschaftlich untersucht.
Der Artikel enthält außerdem Abschnitte zu Gebärdensprachliteratur und weist selbst darauf hin, dass diese überwiegend Gebärdensprachen allgemein und nicht speziell die DGS betreffen. Gebärdensprachpoesie verwendet die Form der Sprache mindestens ebenso wichtig wie die Botschaft. Stilmittel sind Wiederholungen, neue Gebärden sowie „Reime“ durch wiederkehrende Handformen, Bewegungen, Ausführungsstellen oder nichtmanuelle Markierungen. Da Gebärdensprachen nicht schriftlich stattfinden, ist die Performance für solche Texte besonders wichtig; Videoaufnahmen ermöglichen ihre Bewahrung und Verbreitung.
Die Literaturinitiative „handverlesen“ versteht sich als mehrsprachige emanzipatorische Initiative für Texte in Laut- und Gebärdensprache. Sie bietet Veranstaltungen und Workshops an, veröffentlicht Magazine, Filme und Bücher und betreibt eine Online-Bibliothek für Gebärdensprachliteratur.