Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Deutsch-Französischer Campus von Sciences Po
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung politischer, wirtschaftlicher und sozialer Herausforderungen, denen die Europäische Union aktuell aus …
Inhalt5 Abschnitte
Profil und Bedeutung
Der Deutsch-Französische Europäische Campus Nancy, französisch „Campus européen franco-allemand à Nancy“, ist ein integraler Bestandteil der französischen Grande École Sciences Po. Er ist einer von sechs geografischen Schwerpunkt-Campus und verbindet das allgemeine Sciences-Po-Programm mit der dreisprachigen Mineure „Europäische Union und Deutsch-Französische Partnerschaft“. Eine Mineure entspricht ungefähr einem Nebenfach. Inhaltlich stehen die Europäische Union und die deutsch-französischen Beziehungen im Mittelpunkt.
Der staatlich und durch eine private Stiftung getragene Campus befindet sich in Nancy und wird von François Laval geleitet. Dort studieren etwa 350 Personen. Die Unterrichtssprachen sind Französisch, Deutsch und Englisch. Der Campus ist international ausgerichtet: Rund 40 % der Studierenden kommen aus dem Ausland, überwiegend aus Europa.
Entstehung und Standort
Der Campus wurde im Jahr 2000 auf Initiative von Richard Descoings gegründet, dem damaligen Direktor des Institut d’études politiques de Paris. Er war der erste der heute sechs regionalen Campus und entstand im Rahmen der Internationalisierung von Sciences Po.
Die Wahl Nancys hatte symbolische Bedeutung. Der deutsch-französische Campus sollte die zentrale Rolle der deutsch-französischen Beziehungen als „Motor der europäischen Integration“ hervorheben. Nancy liegt nahe Deutschland und Luxemburg sowie etwa eineinhalb Zugstunden von Paris entfernt. Der Campus ist im ehemaligen „Hôtel des Missions Royales“, einem historischen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, untergebracht.
Studienaufbau und Abschluss
Das Studium dauert drei Jahre und führt zum Bachelor of Arts. Die ersten beiden Studienjahre finden in Nancy statt; das dritte Jahr wird im Ausland an einer der 480 Partneruniversitäten von Sciences Po Paris absolviert. Alternativ kann das Auslandsjahr als „hybrides“ Jahr gestaltet werden, das ein Studiensemester mit einem praktischen Semester verbindet.
Die Ausbildung ist multidisziplinär, verbindet also mehrere Fachrichtungen. Sie umfasst vor allem Geistes- und Sozialwissenschaften, wird aber durch künstlerische Kurse und Zusatzfächer wie Mathematik ergänzt. Untersucht werden insbesondere aktuelle politische, wirtschaftliche und soziale Herausforderungen der Europäischen Union aus deutsch-französischer Perspektive.
Die Studiengebühren richten sich nach dem Einkommen der Eltern und liegen zwischen 0 und 14.720 €. Sie werden jährlich angehoben. Nach dem Bachelor können Absolventinnen und Absolventen der sieben Campus von Sciences Po einen Master am Hauptcampus in Paris aufnehmen oder für ein weiterführendes Studium an eine andere Hochschule wechseln. Zusätzlich bietet der Campus Nancy Doppelbachelor-Studiengänge mit der Freien Universität Berlin, dem University College London und der Luiss-Universität in Rom an.
Fächer und Spezialisierungen
Im ersten Studienjahr erwerben die Studierenden grundlegende wissenschaftliche Methoden und werden in die zentralen Fächer Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, Geschichte, Ökonomie, Soziologie und Politische Philosophie eingeführt. Künstlerisch-kreative Ateliers ergänzen das Programm. Außerdem kann in jedem Semester freiwillig ein Sportkurs belegt werden.
Im zweiten Studienjahr wählen die Studierenden eine transdisziplinäre Spezialisierung, die als Majeure bezeichnet wird. Zur Wahl stehen:
- „Politik und Regierung“ mit einem Schwerpunkt auf Politikwissenschaft und Recht,
- „Politische Geisteswissenschaften“ mit einem Schwerpunkt auf Geschichte und Politischer Philosophie,
- „Wirtschaft und Gesellschaft“ mit einem Schwerpunkt auf Ökonomie und Soziologie.
Zusätzlich ist einer von vier Kursen des auf allen Campus einheitlichen Tronc commun, also des Kernprogramms, zu belegen: Jura, Internationale Beziehungen, Handel und Internationale Finanzwirtschaft oder Globale soziologische Debatten.
Bürgerschaftliches Lernen und Campusleben
Der verpflichtende Parcours civique ist ein „Bürgerschaftliches Lernprogramm“, das akademisches Lernen mit zivilgesellschaftlichem Engagement verbindet. Im ersten Studienjahr entwickeln die Studierenden ein eigenes Projekt und stellen es in einer Lettre d’engagement, einem Engagementsschreiben, vor. Zwischen dem ersten und zweiten Jahr absolvieren sie ein soziales Praktikum, das dem Gemeinwohl dienen soll. Im zweiten Jahr arbeiten sie wöchentlich einige Stunden in einem zivilgesellschaftlichen Projekt aus einem zuvor festgelegten Interessengebiet. Zum Abschluss verbinden sie ihre praktischen Erfahrungen mit ihrem Fachwissen und ihren akademischen Fähigkeiten in einem „Capstone-Projekt“, das einer Bachelorarbeit ähnelt und für den Abschluss erforderlich ist.
Die geringe Zahl von etwa 350 Studierenden ermöglicht eine intensive Beteiligung am Campusleben. Studierende des zweiten Jahres organisieren und leiten mehr als 50 künstlerische, sportliche und soziale Projekte. Mehrmals im Jahr treffen sich die regionalen Campus zu Sport- und Kunstveranstaltungen an einem der sieben Standorte.
Zu diesen Veranstaltungen gehören die „Collégiades“, ein dreitägiger interdisziplinärer Wettbewerb mit Sport- und Kunstveranstaltungen. Daran nehmen jährlich mehr als 1.000 Studierende teil. Nancy hält mit zehn ersten und vier zweiten Plätzen bei 14 Ausgaben den Rekord für die meisten Siege. Zu den genannten Absolventen gehören der deutsche Politiker Oliver Luksic, der deutsche Diplomat Michael Schmidmayr und der deutsche Politiker Tobias Cremer.