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Der alte Mann und das Meer

Der alte Mann und das Meer (Originaltitel The Old Man and the Sea) ist ein von Ernest Hemingway im Frühling 1951 auf Kuba geschriebener Kurzroman, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Werk und Handlung
  2. 2. Bedeutung und zentrale Deutungen
  3. 3. Entstehung und Veröffentlichung
  4. 4. Vorbild für Santiago
  5. 5. Kritik, Auszeichnungen und literarische Wirkung
  6. 6. Verfilmungen, Hörbücher und Nachwirkung

Werk und Handlung

Der alte Mann und das Meer (Originaltitel: The Old Man and the Sea) ist ein 1951 auf Kuba entstandener Kurzroman von Ernest Hemingway. Im Mittelpunkt steht der kubanische Fischer Santiago, der nach einer langen Pechsträhne allein weit auf das Meer hinausfährt und gegen einen riesigen Marlin kämpft. Die Erzählung verbindet einen realistisch geschilderten Existenzkampf mit Fragen nach Würde, Ausdauer, Alter, Einsamkeit und den Grenzen menschlicher Kraft.

Zu Beginn ist Santiago seit 84 Tagen ohne erfolgreichen Fang. Sein junger Gehilfe Manolin darf auf Anweisung seiner Eltern nicht mehr mit ihm ausfahren, weil Santiago als vom Pech verfolgt gilt. Manolin bleibt ihm jedoch verbunden, bringt ihm Essen, hilft ihm bei den Netzen und spricht mit ihm über Baseball, besonders über Joe DiMaggio. Santiago kündigt an, am nächsten Morgen weit in den Golf hinauszufahren.

Am 85. Tag fährt er allein hinaus. Ein großer Marlin beißt an, ist aber so stark, dass er das Boot hinter sich herzieht. Zwei Tage und zwei Nächte hält Santiago die schneidende Leine trotz schmerzender Hände fest. Wegen seiner Verletzungen und der gemeinsamen Anstrengung empfindet er eine geistige Verbundenheit mit dem Fisch und nennt ihn seinen Bruder. Am dritten Tag beginnt der Marlin zu kreisen, was auf Erschöpfung hindeutet. Santiago tötet ihn schließlich mit seiner Harpune.

Er bindet den Fisch an sein Boot und denkt, dass sein Fleisch viele Menschen satt machen und einen guten Preis erzielen wird. Zugleich erkennt er die außergewöhnliche Würde des Tieres und fragt sich, ob ein Mensch das Recht habe, es zu verspeisen. Das Blut lockt auf dem Rückweg Haie an. Santiago tötet den ersten, einen großen Makohai, verliert dabei aber seine Harpune. Drei weitere Haie erschlägt er mit einem Messer, das zerbricht. Mit einem Knüppel versucht er, weitere Angreifer abzuwehren. Nachts fressen andere Raubfische das restliche Fleisch. Im Hafen bleibt nur das blanke Skelett des Marlins zurück.

Santiago erreicht vor der Morgendämmerung des vierten Tages den Hafen. Er macht sich selbst Vorwürfe, schleppt den schweren Mast zu seiner Hütte und fällt in tiefen Schlaf. Am nächsten Tag versammeln sich Fischer an seinem Boot. Touristen halten das Skelett fälschlich für ein Haiskelett. Manolin findet Santiago mit aufgerissenen Händen, sorgt sich um ihn und verspricht, wieder mit ihm zu fischen. Santiago schläft weiter und träumt von Löwen an einem afrikanischen Strand.

Bedeutung und zentrale Deutungen

Die Handlung ist mit mehreren Bedeutungsebenen verbunden: einer autobiografischen, gesellschaftskritischen, intertextuellen und religiösen. Bereits die Exposition erinnert sprachlich an Hiob 1,1 EU sowie an die Versuchung Christi in der Wüste nach Matthäus 4,2 EU und Lukas 4,2 EU. Wie bei Hiob und Christus geht es um Versuchung, Ausharren und Bewährung.

Einige Interpreten verstehen die Beziehung zwischen Santiago und dem Meer als hintergründiges Modell für „Der Mensch und Gott“. Santiago steht dabei für den „schlichten und braven“ Menschen, während das Meer die schöpferische Evolution symbolisiert. Religiös und nichtreligiös gelesen, handelt die Novelle von der Begrenztheit des Menschen und der Allmacht der Natur.

Der einsame Fischfang erinnert intertextuell an Ahabs Kampf mit dem weißen Wal in Herman Melvilles Moby-Dick. Hemingway gestaltet den Existenzkampf in einfachen, stilisierten Sätzen, die vor allem aus einfachen Verben und Substantiven bestehen. Santiago gehört zur Tradition von Hemingways „Code Hero“, also eines Helden, der sich durch Haltung, Selbstbeherrschung und Ausdauer im Kampf bewährt. Gleichzeitig altert diese Figur gemeinsam mit ihrem Autor.

Der Löwentraum ist ein autobiografisches Leitmotiv. Er hilft Santiago, seine Leiden zu ertragen, und beendet die Geschichte scheinbar tröstlich. Auch die Erinnerung an einen früheren siegreichen Kampf mit dem Schwarzen aus Cienfuegos zeigt, dass Santiagos große Zeit vorbei ist. Er besteht seinen letzten großen Kampf, erhält aber keinen endgültigen Sieg: Es bleibt die Einsamkeit. Traum und Erinnerung stellen deshalb die Frage, ob sein Vertrauen in die Einsamkeit („confidence in loneliness“) echte Zuversicht oder nur eine Illusion und ein Selbstbetrug ist. In diesem Selbstbetrug findet Santiago dennoch eine von seiner Umwelt anerkannte Würde.

Die Novelle schwächt damit Hemingways früheres Ideal des unabhängigen Einzelkämpfers ab. Santiago erkennt seine Grenzen und muss seine Kraft im Alter immer wieder neu beweisen. Anders als Nick Adams in Indian Camp, der sich selbst noch als vom Tod unberührt erlebt, steht Santiago dem Tod deutlich näher. Er verkörpert den Übergang des Hemingwayschen Helden vom Erwachsensein ins Greisenalter.

Die gesellschaftskritische Ebene entsteht besonders durch Manolin und die Partnerschaft zwischen dem Jungen und dem alten Mann. An die Stelle der natürlichen Vaterschaft oder der Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau in früheren Werken tritt eine solidarische Verbindung. Joe DiMaggio wird als Vorbild eines Einzelkämpfers gezeigt, der zugleich Teamspieler ist und trotz einer schmerzhaften Fußknochenverletzung für seine Mannschaft kämpft. Dadurch bekennt sich die Novelle zur Gemeinschaft gleichberechtigter Partner. Der amerikanische Traum von „Life, Liberty and the Pursuit of Happiness“ – „Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit“ – soll durch gegenseitige Hilfe in der gesellschaftlichen Realität erfüllt werden.

Entstehung und Veröffentlichung

Der alte Mann und das Meer entstand im Frühling 1951 auf Kuba. Hemingway hatte bereits 1936 in der Zeitschrift Esquire die Kurzgeschichte On the Blue Water veröffentlicht. Die Geschichte über Santiago sollte ursprünglich Teil eines größeren Werks mit dem Titel The Sea Book werden. Einige Elemente dieses Plans finden sich später im postum veröffentlichten Roman Inseln im Strom. Die positive Resonanz auf die Santiago-Geschichte bewog Hemingway schließlich, ein selbstständiges Werk zu schreiben.

Die etwa 27.000 Wörter umfassende Novelle erschien im September 1952 ungekürzt in der Zeitschrift Life. Innerhalb von zwei Tagen wurden 5,2 Millionen Hefte verkauft. Die erste Buchfassung erschien 1952 beim Scribner Verlag in New York; die Erstausgabe im Vereinigten Königreich veröffentlichte Jonathan Cape. Hemingway widmete das Buch seinem Verleger Charles Scribner und seinem Lektor Maxwell Perkins. Bis Jahresende wurde es in neun europäische Sprachen übersetzt, innerhalb der nächsten fünf Jahre weltweit in 26 Sprachen.

The Old Man and the Sea erschien erst zwei Jahre nach seiner Entstehung und fast genau 100 Jahre nach Melvilles Moby-Dick von 1851. Der Zeitpunkt deutet darauf hin, dass Hemingway sein Werk als Beitrag zum 100. Jahrestag von Moby-Dick präsentieren wollte. Ursprünglich war die Novelle außerdem als dritter Teil eines großen Werks über Land, Luft und Meer geplant, das Hemingways gesellschaftskritische Sicht auf das moderne Zeitalter umfassend darstellen sollte.

Hemingways persönliche Notizen und eigenhändig korrigierte Druckfahnen, die zuvor in Havanna verblieben und öffentlich nicht zugänglich waren, wurden 2002 mit Genehmigung Fidel Castros der John F. Kennedy Presidential Library in Boston übergeben. Die erste deutsche Übersetzung von Annemarie Horschitz-Horst erschien 1952 gleichzeitig im Steinberg-Verlag in Zürich und im Rowohlt-Verlag in Hamburg. Bei einigen frühen Ausgaben war der Originaltitel irrtümlich als „The Old Men and the Sea“ wiedergegeben. Bis 2012 blieb diese Übersetzung die einzige deutsche Fassung; 2012 erschien eine Neuübersetzung von Werner Schmitz. In Deutschland wurde das Buch mit knapp einer Million Exemplaren ein Bestseller.

Vorbild für Santiago

Hemingway erklärte einem Journalisten, der alte Mann sei keine bestimmte Person. Die Geschichte beruhe auf seinen Erfahrungen beim Fischfang während von 30 Jahren in den Gewässern um Kuba und auf früheren Erfahrungen. Wenn es überhaupt ein konkretes Vorbild gebe, sei es der Vater des Fischers Chago, mit dem Hemingway oft gefischt habe.

Die meisten Biografen sehen dennoch den kubanischen Fischer Gregorio Fuentes als wichtigstes Vorbild für Santiago. Fuentes wurde 1897 auf Lanzarote geboren, kam mit sechs Jahren nach Kuba und lernte Hemingway 1928 kennen. Er kümmerte sich gegen Bezahlung um Hemingways Boot Pilar und arbeitete mehr als 30 Jahre als dessen Kapitän. Fuentes fischte vom Hafen Cojímar nahe Havanna im Golfstrom, in dem wegen des Nahrungsreichtums große Raubfische wie Marline und Haie vorkommen. Zwischen ihm und Hemingway entstand eine enge Freundschaft.

Fuentes bestritt jedoch, dass die Geschichte direkt auf ihm beruhe. Er berichtete von einer Begegnung Hemingways und seines Freundes Carlos Gutiérrez mit einem alten Fischer und einem Jungen, die auf einem wackeligen Holzboot gegen einen großen Fisch kämpften und angebotene Hilfe zurückwiesen. Fuentes starb 2002 im Alter von 104 Jahren an Krebs. Kurz vor seinem Tod schenkte er die ihm testamentarisch vermachte Pilar der kubanischen Regierung; das Boot wird vor Hemingways ehemaligem Farmhaus Finca Vigía bei Havanna ausgestellt. Fuentes, der Analphabet war, hat die Novelle nie gelesen.

Weil Fuentes 1952 erst 54 Jahre alt war und damit als Vorbild für den alten Fischer zu jung erscheint, gehen andere Forscher davon aus, dass Santiago aus mehreren Vorbildern zusammengesetzt ist. Genannt werden Fischer aus Cojímar wie Anselmo Hernández, Carlos Gutiérrez und Miguel Ramírez.

Kritik, Auszeichnungen und literarische Wirkung

Die Novelle belebte Hemingways literarische Reputation und führte zu einer Neubewertung seines Gesamtwerks. Sie wurde schnell populär; der Verleger Charles Scribner bezeichnete sie als „Neue Klassik“ und stellte sie neben William Faulkners Der Bär von 1942 und Melvilles Moby-Dick von 1851. Faulkner nannte sie Hemingways bestes Buch.

Die frühe Kritik war überwiegend positiv, deutete das Werk aber unterschiedlich. Ein Teil sah eine einfache, realistische Fischfanggeschichte und Darstellung eines lebensnotwendigen Existenzkampfes. Andere verstanden sie als durchgehende Parabel. Später wandelte sich die anfängliche Verehrung der vorsichtigen Mystik und religiösen Intonation teilweise in Ablehnung. Kritiker warfen Hemingway vor, den Realismus zu verlassen und Santiago in eine übernatürliche, fast hellseherische Unmöglichkeit zu führen. Philip Young lobte die Novelle 1952 als das Werk, in dem Hemingway das Feinste ausdrücke, was er je ausdrücken könne, bezeichnete sie 1966 jedoch als „verfehlte Novelle“. Kenneth S. Lynn sah in ihr eine kaum verschleierte Parabel über Hemingways Kampf mit sich selbst als Schriftsteller und als Mann. Spätere literaturwissenschaftliche Untersuchungen urteilten differenzierter.

Am 4. Mai 1953 erhielt Hemingway für die Novelle den Pulitzer-Preis für Belletristik. Im selben Jahr verlieh ihm die American Academy of Letters die Award of Merit Medal for the Novel. Für den National Book Award war er 1953 nominiert, unterlag jedoch Ralph Ellison. 1954 erhielt Hemingway den Nobelpreis für Literatur „für seine Meisterschaft in der Kunst des Erzählens, erst gerade demonstriert in ‚Der alte Mann und das Meer‘, und für seinen Einfluss, den er auf den heutigen Stil hatte“. Das Werk wurde außerdem in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Der Satz „Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben“ wurde als Aphorismus in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen.

Verfilmungen, Hörbücher und Nachwirkung

Die Novelle wurde mehrfach für Film und Theater bearbeitet. Die erste Verfilmung entstand 1958 mit Spencer Tracy als Santiago und Felipe Pazos als Manolin. Das Drehbuch schrieb Peter Viertel; Regie führten John Sturges sowie, ungenannt, Henry King und Fred Zinnemann. Der Film gewann den Academy Award für die beste Musik und war für den besten Hauptdarsteller und die beste Kamera nominiert. 1989 folgte ein Fernsehfilm mit Anthony Quinn; die zusätzlichen Figuren Tom und Mary Pruitt kommen in der Novelle nicht vor. Der kubanische Film Hello Hemingway von Fernando Pérez aus dem Jahr 1990 zeigt ein Mädchen, das die Novelle liest und von einem Studium träumt; ihr sozial bedingtes Scheitern verläuft parallel zu Santiagos Scheitern.

1999 erschien ein aus 29.000 handgemalten Einzelbildern bestehender Großbildanimationsfilm von Alexandr Petrov, der 2000 den Oscar als bester animierter Kurzfilm gewann. All Is Lost von 2013 mit Robert Redford ist keine direkte Adaption, weist aber Parallelen auf: Einsamkeit, Kampfeswillen und wiederkehrende, schwerer werdende Rückschläge. 2011 wurde die Novelle erstmals als Theaterstück am Kap Arkona auf Rügen aufgeführt; Horst Janson spielte die Hauptrolle, Jens Hasselmann führte Regie.

Anspielungen finden sich unter anderem in Arrested Development, Family Guy, Die Simpsons und South Park. Der Titel inspirierte außerdem den Namen der dänischen Prog-Rock-Band The Old Man & The Sea sowie die Kapitelüberschrift „Der alte Mann und die Snare“ in der Autobiografie Bis zum bitteren Ende… der Toten Hosen. Der Spiegel erinnerte 1952 daran, dass die Figur des leidgeprüften Fischers bereits 1936 in Hemingways Esquire-Artikel vorkam.

Es gibt drei deutschsprachige Hörbuchlesungen auf CD: eine ungekürzte Fassung mit Rolf Boysen von 1998, eine gekürzte, 63 Minuten lange Fassung mit Wolfgang Dehler von 2005 und eine ungekürzte, 181:38 Minuten lange Lesung mit Christian Brückner von 2012. Zur deutschsprachigen Forschung und Unterrichtsvorbereitung existieren außerdem Ausgaben mit Anmerkungen, Interpretationen und Materialien, darunter die Übersetzungen von Annemarie Horschitz-Horst und Werner Schmitz.

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