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Der Wolfsjunge

Der Film spielt um das Jahr 1800 in Frankreich. Er zeigt die Lebensgeschichte des Wolfsjungen Victor von Aveyron (gespielt von Jean-Pierre Cargol) nach dem …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Film und zentrale Fragestellung
  2. 2. Handlung und Entwicklung Victors
  3. 3. Entstehung, Besetzung und Herstellung
  4. 4. Inszenierung und filmische Mittel
  5. 5. Historischer Stoff und Deutung
  6. 6. Rezeption, Auszeichnungen und Bedeutung

Film und zentrale Fragestellung

Der Wolfsjunge (Originaltitel: L’Enfant sauvage) ist ein französischer Schwarzweißfilm von François Truffaut aus dem Jahr 1970. Der 81 Minuten lange Film spielt um 1800 und beruht auf den Berichten des Arztes Jean Itard über Victor von Aveyron, ein isoliert aufgewachsenes Kind. Truffaut führte Regie, schrieb gemeinsam mit Jean Gruault das Drehbuch und spielte selbst Dr. Itard.

Im Mittelpunkt steht die Frage, ob ein Kind, das ohne menschliche Kontakte und Erziehung aufgewachsen ist, noch Sprache, Gefühle und gesellschaftliche Verhaltensweisen erlernen kann. Der Film verbindet damit die Themen Kindheit, Bildung, Erziehung, Natur und Zivilisation. Er zeigt keine einfache Erfolgsgeschichte: Victor macht erkennbare Fortschritte, doch seine Entwicklung bleibt begrenzt und unsicher. 2003 wurde der Film in den Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung für die Arbeit an Schulen aufgenommen.

Handlung und Entwicklung Victors

Im Sommer 1798 wird im Wald bei Caune in Südfrankreich ein nackter Junge entdeckt. Er bewegt sich wie ein Tier, klettert auf Bäume und wird von Dorfbewohnern gefangen. Nach mehreren Fluchtversuchen kommt er in eine Gefängniszelle in Rodez und wird schließlich nach Paris in das nationale Taubstummeninstitut gebracht.

Professor Pinel untersucht ihn und stellt fest, dass Victor weder auf Geräusche noch auf optische Reize reagiert, außer wenn sie mit Nahrungsaufnahme verbunden sind. Er erkennt sein Spiegelbild nicht. Narben am Körper, besonders eine Narbe am Hals, führen zu der Vermutung, dass er im Alter von etwa drei Jahren ausgesetzt wurde. Pinel hält Victor für einen Idioten und möchte ihn in die Irrenanstalt nach Bicêtre überstellen. Dr. Itard dagegen meint, Victor sei durch jahrelange Isolation geprägt und grundsätzlich erziehbar. Er nimmt ihn zu sich nach Batignolles und betreut ihn gemeinsam mit seiner Haushälterin Madame Guérin, die dafür jährlich 150 Francs erhält.

Victor lernt nach und nach einfache Handlungen: Er isst Suppe mit einem Löffel, zieht sich an, trinkt aus einer Schale, deckt den Tisch und verständigt sich durch Gesten. Itard arbeitet spielerisch mit ihm und belohnt Lernerfolge mit Essen oder Trinken. Wörter mit dem Laut „o“ lösen bei Victor eine Reaktion aus; so erhält er den Namen Victor. Bei der Heranführung an die französischen Wörter für Wasser („eau“) und Milch („lait“) gelingt ihm als erste nicht-grunzende Äußerung ein hoch gepiepstes „lait“.

Victor ordnet Gegenstände an ihren früheren Platz zurück und kann Bilder von Hammer, Buch oder Kamm den Gegenständen zuordnen. Die Zuordnung zu geschriebenen Wörtern gelingt ihm jedoch nicht. Er reagiert häufig lust- und teilnahmslos oder wird wütend, wenn er Aufgaben nicht bewältigt. Beim freien Spiel kann er dagegen fröhlich sein. Itard bestraft ihn schließlich auch, unter anderem durch das Einsperren in eine Kammer. Als Victor daraufhin weint und sich später gegen eine ungerechte Bestrafung wehrt, deutet Itard dies als Zeichen für Gefühlsfähigkeit und einen beginnenden Gerechtigkeitssinn.

Neun Monate nach Victors Aufnahme bei Itard flieht er aus dem Fenster, kehrt aber bald selbstständig zurück. Itard beschließt, den Unterricht fortzusetzen. Der Film endet an diesem hoffnungsvollen Punkt, bevor die spätere Stagnation von Victors Entwicklung dargestellt wird.

Entstehung, Besetzung und Herstellung

Truffaut las 1964 über Lucien Malsons Buch Les enfants sauvages – mythe et réalité. Malson untersuchte darin 52 Fälle sogenannter Wolfskinder; einer davon war Victor von Aveyron. Truffaut ließ Jean Gruault ein Drehbuch nach Itards Aufzeichnungen entwickeln. Der Entwurf wuchs zunächst von 243 Seiten im November 1965 auf knapp 400 Seiten bis Ende 1966. Auf Anregung Jacques Rivettes konzentrierte Truffaut die Geschichte anschließend auf die beiden Hauptfiguren. Die Endfassung von Sommer 1968 umfasste 151 Seiten.

United Artists beteiligte sich mit zwei Millionen Francs an der Produktion und übernahm die weltweite Auswertung. Das Unternehmen hielt den Film für zu dokumentarisch und bezweifelte, dass ein Schwarzweißfilm Ende der 1960er Jahre ein großes Publikum erreichen würde. Tatsächlich wurde Der Wolfsjunge trotz dieser Bedenken profitabel.

Für die Rolle Victors wurden in und um Marseille etwa 2500 Kinder befragt und fotografiert. Anfang März 1969 wurde der zwölfjährige Jean-Pierre Cargol ausgewählt. Truffaut führte ihn mit bildhaften Anweisungen wie „schau wie ein Hund“ oder „bewege den Kopf wie ein Pferd“. Truffaut übernahm selbst die Rolle des Dr. Itard, vor allem aus praktischen Gründen: Er konnte den unerfahrenen Cargol als Regisseur unmittelbar anleiten, während die Figur Itard Victor im Film erzieht.

Die Dreharbeiten begannen am 2. Juli 1969 im Wald von Saint-Pardoux bei Montluçon und dauerten insgesamt 50 Drehtage. Hauptdrehort war Aubiat im Département Puy-de-Dôme. Ende August wurde eine Woche im Pariser Institut für Gehörlose gedreht. Kameramann war Néstor Almendros. Die Musik stammt ausschließlich aus zwei Werken Antonio Vivaldis, dem Konzert für Mandoline und dem Konzert für Flöte; Antoine Duhamel richtete sie für den Film ein.

Die deutsche Synchronfassung entstand im DEFA Studio für Synchronisation in Ost-Berlin. Erika Hirsch schrieb das Dialogbuch, Lisa Honigmann führte Regie. François Truffaut wurde als Dr. Itard von Winfried Wagner gesprochen, Françoise Seigner als Madame Guérin von Brigitte Lindenberg.

Inszenierung und filmische Mittel

Der Film ist in drei Teile gegliedert: Victors Gefangennahme und Zeit im Dorf, sein Aufenthalt im Gehörloseninstitut sowie die Jahre bei Itard auf dem Land. Die ersten beiden Teile umfassen etwa ein Drittel der rund 80-minütigen Filmdauer; die langen Lernmonate nehmen weniger als eine Stunde ein. Dadurch stehen die wenigen Erfolge neben den deutlich häufigeren Misserfolgen.

Truffaut orientiert sich eng an Itards schriftlichen Aufzeichnungen. Itard schreibt seine Beobachtungen regelmäßig am Schreibtisch nieder; Truffauts Erzählerstimme zitiert die Originalunterlagen und verbindet die Szenen. Lange Einstellungen, sparsame Schnitte und wenige Effekte lassen Fortschritte und Rückschläge unmittelbar wirken. Das feinkörnige Schwarzweiß soll an das frühe Kino erinnern und den Eindruck dokumentarischer Objektivität erzeugen. Irisblenden, ein Stilmittel des Stummfilms, lenken die Aufmerksamkeit auf Victor und symbolisieren zugleich seine Abgeschlossenheit.

Die Musik ist nicht ständig als Hintergrund vorhanden. Die neunminütige Anfangssequenz bleibt ohne Musik; Wald- und Dorfszenen werden von Naturgeräuschen und Vogelgezwitscher begleitet. Musik setzt erstmals ein, als Itard in der Zeitung von Victor liest. Das Flötenkonzert begleitet Fortschritte, Entscheidungen und Schritte auf dem Weg zur menschlichen Gesellschaft, aber auch Situationen, in denen der Gegensatz zwischen Natur und künstlicher Menschenwelt sichtbar wird. Das Mandolinenkonzert erklingt bei Stillstand, Rückschlägen, Spielen und Fluchten.

Zentrale Symbole sind Bücher und Schlüssel: In ihrer Verbindung zeigen sie Bildung als Zugang zur menschlichen Entwicklung. Spiegel, Kerze, Mond, Fenster, Wasser, der eingezäunte Garten und die Gegenüberstellung von Victors Nacktheit mit den Gewändern der Dorfbewohner markieren den Gegensatz zwischen freier Natur und künstlicher Zivilisation. Die Erwachsenen bleiben meist nüchtern und emotionsarm, damit Victors seltene Gefühlsäußerungen besonders deutlich werden.

Historischer Stoff und Deutung

Der Film folgt dem historischen Fall, verändert ihn aber deutlich. Die reale Entdeckung Victors wird auf den Sommer 1798 datiert; historisch wurde er bereits im Frühjahr 1797 in der Nähe von Saint-Sernin-sur-Rance gesichtet und gefangen. Seine ersten drei Jahre, die Beobachtungen durch den Naturforscher Bonnaterre und die unterschiedlichen Positionen mehrerer Ärzte werden stark verkürzt oder ausgelassen. Im Film wird die wissenschaftliche Kontroverse vor allem auf Itard und Professor Pinel konzentriert.

Der historische Victor trug bei seiner Gefangennahme ein zerrissenes Hemd, im Film ist er nackt. Truffaut besetzte die Rolle außerdem bewusst mit einem schönen Jungen, um die Sympathie des Publikums zu lenken. Die Filmhandlung fasst die Erfolge aus Itards Berichten von 1801 und 1806 in den ersten neun Monaten zusammen und endet vor der späteren Entwicklungsstagnation. Auch die historische Bestrafung, bei der Itard Victor aus einem Fenster im vierten Stock hielt, wurde durch das Einsperren in die Kammer ersetzt.

Der Stoff steht sowohl im Zusammenhang mit der Aufklärung als auch mit den Studentenunruhen von 1970. Rousseaus Vorstellung vom „edlen Wilden“ und Linnés Begriff des homo ferus prägten die zeitgenössischen Vorstellungen vom Naturmenschen. Im Erscheinungsjahr des Films wurden Erziehung, Machtverhältnisse, Gesellschaft und bürgerliche Werte intensiv diskutiert. Victor wird dadurch zur Projektionsfläche für Fragen nach Bildung, Vereinzelung, sozialer Interaktion und dem Verhältnis von Natur und Kultur.

Die Beziehung zwischen Itard und Victor enthält autobiographische Bezüge zu Truffauts Verhältnis zu Jean-Pierre Léaud und zu seinem eigenen Ziehvater André Bazin. Truffaut war als Filmemacher Autodidakt; entsprechend erscheint auch Itard als jemand, der seine pädagogische Methode während der Arbeit entwickelt und aus seinen Beobachtungen lernt.

Rezeption, Auszeichnungen und Bedeutung

Die Premiere fand am 26. Februar 1970 in Paris statt. Kritik und Publikum reagierten sehr positiv. In Frankreich sahen den Film innerhalb weniger Wochen 200.000 Menschen; innerhalb eines halben Jahres erschienen rund 150 Zeitungsartikel. Truffaut erhielt viele Briefe von Schülern und Lehrern und wurde als „pädagogischer Regisseur“ wahrgenommen.

Auch in den USA wurde der Film über Cineastenkreise hinaus bekannt. Er eröffnete am 10. September 1970 das achte New York Film Festival. In amerikanischen Universitätsstädten wurde er für Vorlesungen über Erziehungswissenschaften eingesetzt und spielte rund 210.000 Dollar ein. Die Deutschland-Premiere fand am 8. April 1971 statt; noch im selben Monat kam der Film auch in die DDR-Kinos.

Der Film gewann den Spezialpreis der Jury beim sechsten Internationalen Filmfestival in Teheran und 1971 in Frankreich den Prix Méliès als bester Film. Das National Board of Review zeichnete ihn 1971 als besten ausländischen Film und François Truffaut als besten Regisseur aus. Bei den Laurel Awards erreichte er den dritten Platz in der Kategorie Bester ausländischer Film. Néstor Almendros erhielt für die Kameraarbeit den NSFC Award der National Society of Film Critics Awards.

Die retrospektive Kritik bewertet Der Wolfsjunge überwiegend positiv. Er gilt als menschlich und künstlerisch eindrucksvolles Dokument des Glaubens an die Entwicklungsfähigkeit des Menschen. Zugleich zeigt der Film, dass sich menschliche Anlagen nur in einer sozialen Umgebung entfalten können und dass Erziehung immer unvollendet bleibt. Seine Aufnahme in den Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung im Jahr 2003 unterstreicht seine Bedeutung für die schulische Auseinandersetzung mit Erziehung, Bildung und gesellschaftlicher Entwicklung.

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