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Der Kanon
Der Kanon ist eine Anthologie herausragender Werke der deutschsprachigen Literatur, die den persönlichen Kanon des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki …
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Gegenstand und Aufbau
Der Kanon ist eine Anthologie herausragender Werke der deutschsprachigen Literatur. Sie enthält den persönlichen Literaturkanon des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki. Ziel war eine Auswahl besonders lesenswerter Texte, die sich ausdrücklich an Leserinnen und Leser sowie an Lehrer, Bibliothekare, Studierende und Schüler richtet.
Reich-Ranicki kündigte das Vorhaben am 18. Juni 2001 im Nachrichtenmagazin Der Spiegel unter dem Titel „Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke“ an. Die Sammlung erschien ab 2002 jährlich im Insel Verlag und umfasst fünf Teile: Romane (2002), Erzählungen (2003), Dramen (2004), Gedichte (2005) und Essays (2006). Die Ausgaben verbinden fiktionale und nichtfiktionale Literatur und reichen vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart.
Literarische Auswahl nach Epochen
Die Auswahl beginnt mit Werken bis zum 17. Jahrhundert, darunter Das Nibelungenlied, Gedichte Walthers von der Vogelweide, Auszüge aus Luthers Bibel sowie Gedichte von Andreas Gryphius und Christian Hofmann von Hofmannswaldau.
Für das 18. Jahrhundert stehen unter anderem Johann Christian Günther, Gotthold Ephraim Lessing, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Aufgenommen sind beispielsweise Lessings Minna von Barnhelm und Nathan der Weise, Goethes Die Leiden des jungen Werthers, Faust I und Die Wahlverwandtschaften sowie Schillers Kabale und Liebe, Don Carlos und Wallenstein.
Das 19. Jahrhundert ist mit zahlreichen Erzählungen, Romanen, Dramen, Gedichten und essayistischen Texten vertreten. Genannt werden unter anderem Friedrich Hölderlin, Novalis, E. T. A. Hoffmann, Heinrich von Kleist, Annette von Droste-Hülshoff, Heinrich Heine, Georg Büchner, Theodor Fontane und Friedrich Nietzsche. Beispiele sind Kleists Michael Kohlhaas und Prinz Friedrich von Homburg, Büchners Dantons Tod und Woyzeck, Fontanes Effi Briest sowie Droste-Hülshoffs Die Judenbuche.
Das 20. Jahrhundert umfasst Werke von Arthur Schnitzler, Thomas Mann, Franz Kafka, Bertolt Brecht, Anna Seghers, Max Frisch, Günter Grass, Paul Celan, Ingeborg Bachmann und vielen weiteren Autoren. Zu den ausgewählten Texten gehören Thomas Manns Buddenbrooks und Der Tod in Venedig, Kafkas Der Process und Die Verwandlung, Brechts Mutter Courage und ihre Kinder und Leben des Galilei, Seghers’ Das siebte Kreuz sowie Grass’ Die Blechtrommel. Neben bekannten Romanen und Dramen nimmt die Auswahl besonders viele Gedichte auf.
Die fünf Teile und ihre Schwerpunkte
Die Romanausgabe von 2002 umfasst 20 Bände. Sie enthält unter anderem Goethes Die Leiden des jungen Werthers und Die Wahlverwandtschaften, Hoffmanns Die Elixiere des Teufels, Kellers Der grüne Heinrich, Fontanes Frau Jenny Treibel und Effi Briest, Thomas Manns Buddenbrooks und Der Zauberberg, Kafkas Der Process, Döblins Berlin Alexanderplatz, Roths Radetzkymarsch, Seghers’ Das siebte Kreuz, Koeppens Tauben im Gras, Grass’ Die Blechtrommel, Frischs Montauk und Bernhards Holzfällen.
Die Erzählungen erschienen 2003 in zehn Bänden. Sie umfassen 180 Novellen, Kurzgeschichten, Parabeln, Märchen, Legenden und Kalendergeschichten von der Weimarer Klassik bis zur Gegenwart. Beteiligt sind 90 Autoren, darunter Goethe, Schiller, Hebel, Kleist, Brentano, Eichendorff, Storm, Keller, Fontane, Kafka, Thomas Mann, Brecht, Böll, Grass, Frisch und Thomas Bernhard.
Die Dramen wurden 2004 in acht Bänden veröffentlicht. Die Auswahl reicht von Lessings Emilia Galotti und Nathan der Weise, Goethes Faust I, Egmont und Iphigenie auf Tauris sowie Schillers Die Räuber, Maria Stuart und Wilhelm Tell bis zu Werken des 20. Jahrhunderts. Dazu gehören Schnitzlers Reigen, Hauptmanns Die Ratten, Brechts Die Dreigroschenoper und Leben des Galilei, Frischs Biedermann und die Brandstifter, Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame, Horváths Kasimir und Karoline und Weiss’ Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade.
Die Gedichte sind in sieben Bänden geordnet. Band 1 reicht von Walther von der Vogelweide bis Friedrich Gottlieb Klopstock, Band 2 von Lessing bis Schiller, Band 3 von Hölderlin bis Droste-Hülshoff, Band 4 von Heine bis Frank Wedekind, Band 5 von Stefan George bis Kurt Tucholsky, Band 6 von Klabund bis Paul Celan und Band 7 von Erich Fried bis Durs Grünbein. Die Sammlung enthält sowohl frühe deutsche und mittelhochdeutsche Texte, etwa das Hildebrandslied, die Merseburger Zaubersprüche und Minnesang, als auch Gedichte zahlreicher moderner Autoren. Zu den häufig vertretenen Dichtern gehören Goethe, Schiller, Heine, Hölderlin, Eichendorff, Rilke, Brecht, Benn, Trakl, Celan, Bachmann und viele Autoren der Nachkriegszeit.
Essays, Hörbuch und Rezeption
Die Essay-Anthologie bereitete Reich-Ranicki nach eigener Aussage besonders viel „Kummer“. Umstritten war bereits der Titel „Essays“, weil nicht nur Essays, sondern auch Film-, Literatur-, Musik- und Theaterkritiken, Feuilletons, Reden, Tagebücher, Aphorismen und Briefe berücksichtigt werden sollten. Der Begriff „Essayistisches“ erschien ihm für ein Verkaufsobjekt ungeeignet.
Die Sammlung beginnt bei Martin Luther und reicht bis Durs Grünbein. Besonders hervorgehoben werden Schiller, den Reich-Ranicki als den genialsten Essayisten deutscher Zunge bezeichnete, sowie Goethe. Der Essay-Kanon ist in fünf Bereiche gegliedert: von Martin Luther bis Arthur Schopenhauer, von Leopold von Ranke bis Rosa Luxemburg, von Heinrich Mann bis Joseph Roth, von Bertolt Brecht bis Golo Mann und von Max Frisch bis Durs Grünbein. Insgesamt enthält er 255 Texte von 166 Autoren. Die Themen reichen von Deutschland und den Deutschen über Literatur, Kunst und Musik bis zu Theater- und Filmkritiken sowie politischen und gesellschaftlichen Reden. Die Darstellung weist zugleich auf eine Spannung hin: Einerseits ist etwa Jünger mit Tagebuchliteratur vertreten, andererseits erklärte Reich-Ranicki 2006, Tagebücher und Briefe letztlich nicht kanonisieren zu wollen, weil das Vorhaben sonst „ins Uferlose“ gerate.
2010 erschien bei Random House Audio die auf der Anthologie beruhende Hörbuchedition Der Hörkanon. Zu jedem der zehn Bände mit Erzählungen gab es eine Auswahl auf je vier CDs, insgesamt 40 CDs mit 2800 Minuten Laufzeit. Reich-Ranicki sprach das Vorwort; zu den Sprechern gehörten unter anderem Iris Berben, Martina Gedeck, Hansi Jochmann, Andrea Sawatzki, Dietmar Bär, Burghart Klaußner, Ulrich Noethen und Gert Voss.
Die Zusammenstellung stieß auf Zustimmung, aber auch auf Widerspruch und Vorbehalte. Reich-Ranicki hielt die Frage nach der Berechtigung eines Kanons für „unverständlich“, weil der Verzicht auf einen Kanon seiner Ansicht nach den „Rückfall in die Barbarei“ bedeute. 2015 veröffentlichte Hannes Bajohr den Roman Durchschnitt, der auf den 20 Romanbänden des Kanons beruht. Er ermittelte eine durchschnittliche Satzlänge von 18 Wörtern und erzeugte mithilfe eines Computerscripts ein Buch aus alphabetisch geordneten Sätzen dieser Länge.