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Deagglomeration (Regionalökonomie)
Wird die urbane Substanz einer Kernstadt durch diesen Prozess betroffen, spricht man auch von Entstädterung (Desurbanisierung). Ein Beispiel dafür ist die …
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Begriff und Bedeutung
Deagglomeration, auch Desagglomeration, bezeichnet in der Regionalökonomie und Urbanistik die Auflösung einer urbanen oder industriellen Agglomeration. Eine Agglomeration ist ein räumlich stark verdichteter Ballungsraum von Bevölkerung, Siedlungen und wirtschaftlichen Aktivitäten. Bei einer Deagglomeration schrumpft dieser Raum, besonders sein Kern, etwa durch Abwanderung, Deindustrialisierung oder fehlende Investitionen. Wird dabei die städtische Substanz einer Kernstadt geschwächt, spricht man von Entstädterung oder Desurbanisierung.
Deagglomeration ist nicht dasselbe wie bloße Dezentralisierung oder regionale Streuung, die auch Deglomeration genannt wird. Deglomeration kann beispielsweise durch Suburbanisierung, also die Verlagerung von Bevölkerung und Funktionen ins Umland, durch die Entstehung von Speckgürteln oder durch Zersiedlung entstehen. Deagglomeration meint dagegen die Umkehrung eines früheren Agglomerationsprozesses: Der Kern wird ausgehöhlt oder die Agglomeration zerfällt in mehrere Subzentren. In der Praxis werden Deagglomeration und Deglomeration allerdings häufig für dieselben Erscheinungen verwendet.
Kräfte und allgemeine Entwicklung
Agglomerationen gelten als Gebilde in einem labilen Gleichgewicht zwischen Agglomerations- und Deagglomerationstendenzen. Agglomerationstendenzen fördern Konzentration und Wachstum, während Deagglomerationstendenzen Bevölkerung und wirtschaftliche Aktivitäten aus dem Zentrum herausdrängen.
Von den 1960er bis zu den 1980er Jahren überwog die Deagglomerationstendenz. Die Standortvorteile von Ballungsräumen, darunter eine hohe Kontaktdichte und kurze Wege, drohten durch zunehmende Belastungen verloren zu gehen. Heute kehrt sich dieser Trend in vielen Ländern wieder um.
Deagglomeration setzt ein, wenn zentrifugale Kräfte und Anreize stärker werden als zentripetale Wachstums- und Wanderungsimpulse. Zentrifugale Kräfte wirken aus dem Ballungsraum hinaus; zentripetale Kräfte ziehen Menschen, Unternehmen und Investitionen in das Zentrum.
Wirtschaftliche, räumliche und technische Ursachen
Eine wichtige Ursache ist die Überagglomeration. Damit ist eine extreme Verdichtung gemeint, die in Ballungsräumen zu Ressourcenknappheit oder Ressourcenerschöpfung sowie zu Umweltproblemen führen kann. Weitere Ursachen sind Branchenkrisen, die Arbeitsplätze vernichten und Abwanderung auslösen, sowie längere Pendelwege infolge unzureichender Verkehrsinfrastruktur. Auch benachbarte, konkurrierende Agglomerationen können eine stärkere Anziehungskraft entwickeln.
Technologische Entwicklung und Vernetzung beeinflussen Agglomeration und Deagglomeration in wechselnder Weise. Die Eisenbahn begünstigte eher die Zentralisierung, das Kraftfahrzeug eher die Deagglomeration; auch das Internet hat entscheidenden Einfluss auf beide Prozesse.
Bedeutsam ist außerdem, wie schnell die Arbeitsproduktivität in Stadt und Land wächst. Bei der nachholenden Industrialisierung von Schwellenländern entwickelt sie sich an verschiedenen Orten unterschiedlich schnell. Dadurch können Unternehmen ihre Standorte kurzfristig verlagern und Arbeitskräfte ihren Wohn- oder Arbeitsort wechseln.
In Deutschland führte die Niedrigzinspolitik seit 2009 dazu, dass Bauland in den Städten immer teurer wurde, während zugleich die Kosten des Eigenheimbaus auf dem Land sanken. Dies förderte die Ausdehnung der Siedlungsflächen an den Rändern der Ballungsräume. Gleichzeitig konnte der Wohnungsbedarf in den Städten nicht durch Neubauten gedeckt werden.
Gesellschaftliche Unsicherheit und neue Raumformen
Der Politikwissenschaftler Simon Curtis von der University of East Anglia nennt als weitere, wenn auch nicht völlig neue Ursache die Angst vor einem Zusammenbruch der neoliberalen „Sozialfabrik Stadt“. Ballungsräume und Geschäftszentren würden demnach wegen Kriminalität, Terror, Verkehrschaos und möglichen Infrastrukturzusammenbrüchen als zunehmend instabil und verletzlich wahrgenommen.
Diese Entwicklung zeigt sich laut Curtis in der Dezentralisierung von Firmensitzen, in sozialer Segregation, also der räumlichen Trennung gesellschaftlicher Gruppen, und in der Entstehung von Gated Communities außerhalb der Zentren. Auch vollständig neu gebaute Industrie„städte“ außerhalb alter Zentren, etwa in China, und Vergnügungs„städte“ deutet er als Versuch, die herkömmliche Stadt durch ein Simulacrum, also ein künstliches Abbild, zu ersetzen. Curtis sieht jedoch ebenso wie Saskia Sassen auch Chancen: Aus der Dezentralisierung könnten „Netzwerkstädte“ entstehen, deren räumlich getrennte Teile eng miteinander verbunden sind.
Typische Beispiele
Detroit gilt als Beispiel für eine Deagglomeration. Die Stadt schrumpfte in den letzten Jahrzehnten und besonders seit 2009. Eine wichtige Ursache war die Krise der Autoindustrie, die wirtschaftlichen Niedergang und die Abwanderung von Bevölkerung auslöste.
Schon der seit dem 14. Jahrhundert in Italien verbreitete Bautyp der Villa fernab der Städte war eine Reaktion auf Seuchen und Pandemien. Auch während der COVID-19-Pandemie zeigten sich in Paris und anderen Ballungsräumen Abwanderungstendenzen. Hohe Mieten und die wachsende Möglichkeit, im Home Office zu arbeiten, erleichterten den Umzug aus den Zentren. Immobilienexperten betrachteten dies als erstes Anzeichen dafür, dass mehr Menschen in Umlandgemeinden und in Mittelstädte ziehen, die verkehrs- und kommunikationstechnisch gut angebunden sind.