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Das Erdbeben in Chili

Das Erdbeben in Chili ist eine Novelle von Heinrich von Kleist, die er vermutlich im Jahr 1806 verfasst hat. Sie erschien zunächst 1807 in Cottas …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Entstehung
  2. 2. Vorlagen und Figuren
  3. 3. Handlung und Aufbau
  4. 4. Sprache und Deutungen
  5. 5. Veröffentlichung und Bearbeitungen

Gegenstand und Entstehung

Das Erdbeben in Chili ist eine Novelle von Heinrich von Kleist, vermutlich 1806 verfasst. Sie erzählt von den Liebenden Jeronimo Rugera und Donna Josephe Asteron, deren Beziehung durch kirchliche und gesellschaftliche Autoritäten verboten wird. Ein Erdbeben zerstört zunächst die bestehende Ordnung und ermöglicht ihre Rettung. Später führt jedoch eine religiös aufgeheizte Menschenmenge zu neuen Morden. Die Novelle untersucht damit das Verhältnis von Zufall, gesellschaftlicher Ordnung, Schuld, Gewalt und menschlichem Glück.

Die historische Vorlage bildet das Erdbeben von 1647 in Santiago de Chile, bei Kleist „St. Jago, [die] Hauptstadt des Königreichs Chili“. Ideengeschichtlich war besonders das Lissabonner Erdbeben von 1755 wichtig. Es verstärkte das Theodizeeproblem, also die Frage, wie angesichts von Leid und Ungerechtigkeit ein allmächtiger und guter Gott gedacht werden kann. In der Aufklärung hatte Gottfried Wilhelm Leibniz die Auffassung vertreten, die bestehende Welt sei die bestmögliche Welt; das Erdbeben von Lissabon stellte diese Vorstellung stark infrage.

Kleist liefert keine eindeutige religiöse Erklärung. In der Novelle wirkt weder eine erkennbare göttliche Fügung noch die Vernunft ordnend. Stattdessen bestimmt der Zufall das Geschehen. Er zerstört bestehende Zusammenhänge, schafft aber vorübergehend auch neue Beziehungen: Aus dem „Bastard“ Philipp wird am Ende ein Pflegesohn und damit ein Mitglied einer gesetzlichen Familie. Die Novelle stellt somit sowohl die Frage nach der Theodizee als auch nach dem natürlichen Gut-Sein des Menschen.

Kleist schrieb den Text wahrscheinlich während seiner Königsberger Zeit von Mai 1805 bis August 1806. Während seiner französischen Kriegsgefangenschaft von Januar bis Juli 1807 vermittelte sein Freund Otto August Rühle von Lilienstern das Werk an den Verleger Cotta. Es war Kleists erste gedruckte Erzählung. Eine weitere Lesart versteht den Text als „Geschichtsphilosophie des Poetischen“, die politisch auf die Französische Revolution von 1789 antwortet.

Vorlagen und Figuren

Das Grundgerüst der Handlung geht auf Jean-François Marmontels Roman Les Incas, ou La destruction de l'empire du Pérou von 1777 zurück. Dort verliebt sich der spanische Konquistador Alonzo Molina in Cora, eine einer Sonnengottheit geweihte einheimische Jungfrau. Ein Erdbeben zerstört den Tempel, in dem Cora festgehalten wird, und führt die beiden zusammen. Nach Coras Schwangerschaft droht ihr wegen des gebrochenen Keuschheitsgelübdes die Hinrichtung. Molina verteidigt natürliche Gefühle und christliche Vergebung; die beiden dürfen heiraten, sterben aber später im Krieg gegen die Konquistadoren unter Pizarro.

Das Motiv der verbotenen Liebe zwischen einem Hauslehrer und seiner Schülerin findet sich außerdem in Rousseaus Nouvelle Héloise und Voltaires Candide. Während Voltaire die Vorstellung von der „besten aller Welten“ verspottet, macht Kleist den Zufall zum bestimmenden Ereignis einer undurchschaubaren Welt. René Girard vergleicht den Ablauf zudem mit Euripides’ Bakchen: Eine Krise beginnt mit einem Erdbeben und endet mit Gewalt einer rasenden Menge; Ordnung entsteht dort durch die Sakralisierung eines willkürlich ausgewählten Opfers. Motive der Amnesie und der Aufhebung von Grenzen zwischen Mensch, Gott und Tier werden mit Shakespeares Mittsommernachtstraum verbunden.

Zu den Protagonisten gehören Jeronimo und Josephe sowie die Familie um Don Fernando Ormez. Jeronimo ist bürgerlicher Hauslehrer und Josephes Geliebter; Josephe ist die Tochter des adligen und reichen Don Henrico Asteron. Don Fernando, Sohn des Kommandanten von St. Jago, ist mit Donna Elvire verheiratet und Vater des Sohnes Juan. Donna Elvire, ihre Schwestern Donna Constanze und Donna Elisabeth sowie ihr Vater Don Pedro bilden seine Familie. Jeronimos und Josephes Sohn heißt Philipp.

Als Gegenspieler erscheinen Vertreter von Kirche, Staat, Familie und Volkszorn: Josephes Vater, ihr Vater Don Henrico, der Erzbischof, der ihre Verurteilung betreibt, der Vizekönig, der die Enthauptung anordnet, der Chorherr mit seiner Hasspredigt und Meister Pedrillo, der zum Mord hetzt. Jeronimo und Josephe dominieren den ersten Teil; im weiteren Verlauf tritt Don Fernando stärker hervor. Er wird zunächst als „göttlicher Held“ aufgebaut, erweist sich im Kampf gegen die Menge jedoch als zögerlicher Un-Held.

Handlung und Aufbau

Jeronimo verliebt sich in seine Schülerin Josephe; beide erwidern ihre Liebe. Gegen die Warnungen ihres Vaters setzen sie die Beziehung fort. Jeronimo wird entlassen, Josephe kommt in ein Kloster. Im Klostergarten kommt es zur körperlichen Vereinigung, die Kleist mit „vollen Glückes“ umschreibt. Das dabei gezeugte Kind Philipp wird am Fronleichnamsfest geboren. Josephe wird trotz ihres „sonst untadelhaften Betragens“ auf Befehl des Erzbischofs angeklagt. Der Vizekönig wandelt die Verurteilung zum Feuertod in eine Enthauptung um. Auch Jeronimo wird eingesperrt.

Ein Fluchtversuch Jeronimos scheitert. In seiner Hoffnungslosigkeit beschließt er, sich am Tag der Hinrichtung Josephes zu erhängen. Genau dann bricht das Erdbeben aus. Die Gefängnismauern stürzen ein, Jeronimo kann fliehen und erlebt in der zerstörten Stadt Tod und Verwüstung. Außerhalb der Stadt wird er ohnmächtig. Nach dem Erwachen dankt er „Gott für seine wunderbare Errettung“, erinnert sich dann aber an Josephe und kehrt in die Stadt zurück. Als er glaubt, ihre Hinrichtung sei vollzogen, verzweifelt er und setzt seine Suche fort.

In einem lieblichen Tal findet er Josephe und Philipp an einer Quelle wieder. Auch Josephe konnte durch den Einsturz der Gebäude fliehen und ihr Kind aus dem brennenden und zusammenfallenden Kloster retten. Die Liebenden erleben das Tal „als ob es das Tal von Eden“ wäre. Am nächsten Morgen bittet Don Fernando Josephe, seinen schwer verletzten Sohn Juan zu stillen, da dessen Mutter verletzt ist. Die Familie nimmt Jeronimo und Josephe zum Frühstück auf. Für kurze Zeit scheinen Standesunterschiede aufgehoben; alle haben dasselbe Unglück erlebt. Das Paar beschließt, beim Vizekönig um Gnade zu bitten.

Eine Dankmesse in der einzigen erhaltenen Kirche führt zur Katastrophe. Der Chorherr deutet das Erdbeben als Strafe Gottes für „das Sittenverderbnis der Stadt“ und erinnert an die Liebe im Klostergarten. Er übergibt die Schuldigen „allen Fürsten der Hölle“. Die Kirchenbesucher erkennen Josephe und Jeronimo und fordern ihre Bestrafung. Don Fernando wird zunächst mit Jeronimo verwechselt; Jeronimo gibt sich daraufhin zu erkennen. Zwar können die beiden Familien die Kirche mit den Kindern verlassen, doch vor der Kirche wartet der Mob. Jeronimo wird von seinem eigenen Vater erschlagen, Donna Constanze fällt ebenfalls der Menge zum Opfer. Josephe fordert den Tod heraus und wird von Meister Pedrillo erschlagen. Don Fernando tötet mehrere Angreifer, kann aber nicht verhindern, dass Pedrillo seinen Sohn Juan an einem Kirchpfeiler zerschmettert. Nach dem Massaker nehmen Don Fernando und Donna Elvire den verwaisten Philipp als Pflegesohn an.

Die Handlung gliedert sich vordergründig in drei Teile: Vorgeschichte und Erdbeben, idyllisches Tal mit einer Gemeinschaft über Klassengrenzen hinweg sowie Dankgottesdienst und Lynchmorde. Zugleich entspricht der Ablauf dem fünfteiligen Aufbau eines Regeldramas: Vorbereitung, Peripetie durch die Naturkatastrophe, versöhnlich wirkender Mittelteil, erneute Wendung zum Schlimmen und Schlusskatastrophe. Rettung und Vernichtung fallen mehrfach ineinander; der Mittelteil bildet eine vorübergehende „Wölbung“, die tödliche Gewalt aussetzt.

Sprache und Deutungen

Der Erzähler bleibt sachlich und enthält sich einer eindeutigen Deutung oder emotionalen Beteiligung, auch bei grausamen Ereignissen. Die Sprache bildet jedoch die chaotische Handlung nach. In Kampfszenen folgen Haupt- und Nebensätze in langen, turbulenten Konstruktionen aufeinander. Die Figuren stehen unter ständigem Zeitdruck und können ihre Entscheidungen kaum reflektieren. Zugleich werden entscheidende Augenblicke, etwa der Einsturz der Mauern, stark verlangsamt und dadurch beinahe wie in einer filmischen Zeitlupe dargestellt.

Auffällig sind Begriffsfelder um „Sturz“ und „stürzen“ sowie relativierende Formeln wie „es schien“ und „es war, als ob“. Sie stellen die scheinbar objektive Eindeutigkeit des Geschehens infrage. Auch die Bemerkung, die Nacht breche herein „wie nur ein Dichter davon träumen mag“, lässt die Realität des idyllischen Mittelteils unsicher erscheinen. Weil der Erzähler keine verbindliche Erklärung gibt, sind die Deutungen an die Perspektiven der Figuren gebunden.

Eine zentrale Interpretation betrifft die Theodizee. Kleist rechtfertigt Gottes Handeln nicht und erklärt das Erdbeben nicht als sinnvoll geplante Strafe. Gerade die Menschen, die behaupten, Gottes Willen zu kennen und die Katastrophe auf Josephe und Jeronimo zurückführen, werden als fanatische Mörder entlarvt. Die Novelle zeigt damit die menschliche Hybris jeder Deutung von Naturkatastrophen als Strafe für individuelles Fehlverhalten. Die Frage nach einem gerechten und guten Gott bleibt in einer Aporie, also in einem unauflösbaren Widerspruch, stehen.

Werner Hamacher deutet Philipp als christusähnliche Figur. Er steht zunächst für ein Idyll, in dem Gesetz und Natur, Vater und Mutter, versöhnt scheinen. Diese Erlösung wird jedoch durch ein stellvertretendes Opfer und den religiösen Massenwahn zerstört. Für Helmut J. Schneider verarbeitet die Erzählung poetisch die Französische Revolution: Das Massaker erscheint als Rache eines lustfeindlichen kleinbürgerlichen Kollektivs am individuellen „Ausnahmeglück“. Günter Blamberger betont, dass Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Tal nur vorübergehend gelten; danach wird der Mensch wieder zum Wolf. Die Adoption Philipps kann allerdings als versöhnlicher Rest und als mögliches Versprechen verstanden werden, etwas aus der idyllischen Gemeinschaft zu bewahren.

Friedrich Kittler sieht den Text als weitgehend hermeneutischen Deutungen gegenüber unzugänglich. Er verbindet den dreiteiligen Aufbau mit zeitgenössischen politischen und militärischen Diskursen: Auf eine technisch präzise Anfangskatastrophe folgt ein idyllisches Arkadien und schließlich eine mit dem „kalten Blick des Kriegstechnikers“ dargestellte Schlusskatastrophe. Die Erzählung kritisiere den bürgerlichen Bildungsdiskurs und die Vorstellung der heiligen Familie. Zugleich verweise sie auf die preußische Heeresreform, die spontane Einzelaktionen und eine flexible Kriegsführung an die Stelle starrer militärischer Regeln setzte.

Zahlreiche Namen und Handlungselemente werden politisch gelesen. „Rugera“ lässt sich als Anagramm von guerra, spanisch für Krieg, verstehen; Meister Pedrillo verkörpert zugleich den Mob und den „Stein“ als alchemistisches Symbol der Unschuld. Die Namen Jeronimo, Josephe, Don Fernando und Donna Elvire werden mit Napoleon, den Bonapartes und der europäischen Herrschaftskrise um 1806 verbunden. Der Einsturz der Gefängnismauern kann als Symbol für die Erstürmung der Bastille und den Zusammenbruch legitimer Ordnungen gelesen werden. Insgesamt stellt die Novelle das alteuropäische Legitimationsprinzip von Staat, Kirche, Dynastie und Familie infrage, ohne eine dauerhaft tragfähige neue Ordnung zu zeigen.

Veröffentlichung und Bearbeitungen

Die Erzählung erschien 1807 zunächst in Cottas Morgenblatt für gebildete Stände unter dem Titel Jeronimo und Josephe. Eine Szene aus dem Erdbeben zu Chili, vom Jahr 1647. 1810 wurde sie im ersten Band der Erzählungen unter dem heute bekannten Titel veröffentlicht. Der Band sollte ursprünglich Moralische Erzählungen heißen. Die Wiener Zensur verbot seine Veröffentlichung 1810 insbesondere wegen des Schlusses der Novelle, der als „im höchsten Grade gefährlich“ beurteilt wurde.

Das Werk gehört zur Gattung der Novelle, ist aber nicht nach festen Regeln gestaltet, wie sie später etwa Theodor Storm und Paul Heyse formulierten. Als mögliche Traditionslinien werden die französischen Moralisten und vor allem Cervantes’ Novelas ejemplares, insbesondere La fuerza de la sangre, genannt. Wie im Decamerone von Giovanni Boccaccio führt eine Katastrophe zur Auflösung gesellschaftlicher Zwänge und zu sittlicher Enthemmung. Kleists Novellen gelten auf ihre eigene Weise als Vorläufer der modernen Kurzgeschichte.

Die Novelle wurde 1975 von Helma Sanders-Brahms für das ZDF als Fernsehfilm verfilmt; Drehbuch und Regie übernahm Sanders-Brahms. Bühnenfassungen entstanden 2011 unter der Regie von Armin Petras in Dresden sowie unter der Regie von Tilman Gersch am Hessischen Staatstheater Wiesbaden.

Für das Musiktheater wurde der Stoff mehrfach bearbeitet, ohne dass eine dieser Opern besonders erfolgreich war. Dazu gehören Awet Terterjans Das Beben, 2003 am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz uraufgeführt, Ján Cikkers Rozsudok, dessen deutsche Erstaufführung 1979 an den Städtischen Bühnen Erfurt stattfand, sowie Toshio Hosokawas Erdbeben. Träume mit einem Libretto von Marcel Beyer, ein Auftragswerk der Oper Stuttgart, uraufgeführt am 1. Juli 2018. Eine frühe Hörspieladaption entstand 1954 für den Hessischen Rundfunk nach einer Bearbeitung von Curt Langenbeck, mit Kompositionen von Werner Zillig und unter der Regie von Walter Knaus. 2011 produzierte der WDR eine 53-minütige Textmontage unter der Regie von Jörg Schlüter.

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