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Dänische Literatur
Die dänische Literatur ist ein Teil der skandinavischen Literatur. Die dänische Literatur prägte lange Zeit die Literatur des übrigen Skandinaviens; sie hat …
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Begriff und frühe Grundlagen
Dänische Literatur ist die in dänischer Sprache geschriebene Literatur. Dazu zählt auch die dänischsprachige Literatur der dänischen Südschleswiger. Sie gehört zur skandinavischen Literatur und prägte lange Zeit die Literatur des übrigen Skandinaviens. Auch auf die englische Literatur wirkte sie ein, vom Beowulf bis zur Figur des Hamlet. Eine besondere Blütezeit erlebte sie in der Romantik des frühen 19. Jahrhunderts; später nahm sie internationale Strömungen wie den Existenzialismus auf.
Als älteste Werke gelten Volks- und Heldenlieder der Wikingerzeit, die Kæmpeviser. Sie lassen sich bis Ende des 11. Jahrhunderts zurückverfolgen, wurden aber erst etwa ein halbes Jahrtausend später aufgezeichnet. Deshalb ist unsicher, ob sie ursprünglich dänisch waren oder von Eddagedichten beeinflusst wurden. Sie erzählen von Sagengestalten wie Bjarki, Ingjald, Hagbard und Singe, von Zauberwesen und von historischen Personen und Ereignissen. Gesammelt wurden diese Balladen erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts durch Anders Sørensen Vedel in Hundrede Viser mit oplysende Anmærkninger, dem „Hundertliederbuch“ von 1591; spätere Bearbeitungen erweiterten die Sammlung auf etwa 450 Lieder. Noch ältere Zeugnisse sind Runeninschriften auf Runensteinen seit dem frühen 9. Jahrhundert, die Ole Worm 1636 sammelte.
Im Mittelalter waren viele Texte eher Sprach- und Rechtsdenkmäler als Literatur. Wichtig sind Kirchenrechte von 1162 und 1170 sowie weltliche Gesetzeswerke wie Skaanske Lov um 1160, Sjællandske Lov von König Waldemar I. um 1170 und besonders Jyske Lov, das 1241 in Vordingborg erlassen wurde. Vor der Reformation waren viele Schriften lateinisch. Von großer Bedeutung wurde Saxo Grammaticus mit den lateinischen Gesta Danorum, „Die Taten der Dänen“, nach 1185. Das Werk wurde 1514 teilweise und 1575 vollständig ins Dänische übersetzt und beeinflusste die dänische Prosa stark.
Reformation bis Aufklärung
Die Reformation schwächte die Vorherrschaft des Lateinischen, führte aber zunächst nicht zu einem starken Aufschwung der dänischen Nationalliteratur, weil Deutsch in gebildeten Kreisen an Bedeutung gewann. Christiern Pedersen wurde dennoch zu einer Schlüsselfigur und gilt als Vater der dänischen Schriftsprache. Er übersetzte die Bibel ins Dänische, veröffentlichte 1529 in Antwerpen ein dänisches Neues Testament, 1531 eine Psalmensammlung und 1550 die erste vollständige dänische Bibelübersetzung. Auch Hans Tausen und Frans Vormordsen schrieben und übersetzten religiöse Werke. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts brachte Hieronymus Justesen Ranch erste humoristische Stücke zur Aufführung.
Im Barock blieb Dänisch in höheren Kreisen lange wenig angesehen. Thomas Kingo veröffentlichte 1689 ein wichtiges evangelisches Gesangbuch für Dänemark und Norwegen. Anders Arrebo spielte mit seiner Schöpfungsdichtung eine ähnliche Rolle wie Martin Opitz in Deutschland. Arild Hvitfeld veröffentlichte zwischen 1595 und 1604 die zehnbändige Geschichtschronik Danmarks Riges Krønike. Eine besondere Ausnahme bilden die Gefängnismemoiren Jammers-minde von Leonora Christina Ulfeldt, die erst 1868 entdeckt und 1869 veröffentlicht wurden.
Mit Ludvig Holberg begann eine neue Epoche der dänischen Nationalliteratur. Er gilt als Begründer der modernen dänischen Bühne und der skandinavischen dramatischen Literatur. Unter dem Einfluss Molières und des englischen Rationalismus schuf er eine eigenständige dänische Schaubühne. Zu seinen wichtigen satirisch-moralischen Stücken gehören Der politische Kannengießer und Jeppe vom Berge, beide von 1722. Holberg stärkte durch sprachpatriotische Bestrebungen die dänische Sprache gegenüber dem Deutschen. Hans Adolf Brorson vertrat den Pietismus, Johannes Ewald begründete unter dem Einfluss Klopstocks das dänische Trauerspiel, und Johan Herman Wessel machte mit Kjærlighed uden Strømper von 1772 das französische klassische Drama in Dänemark unmöglich. Nach 1775 wurde Dänisch Unterrichtsfach an Gymnasien, 1776 wurden Deutsche und andere Ausländer von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Die Zeit war zugleich von Patriotismus, Polemik und Spannungen zwischen dänischen und deutschen Einflüssen geprägt.
Romantik und Realismus
Das Goldene Zeitalter der dänischen Literatur begann um 1802. Die Romantik wurde durch deutsche Philosophie, besonders Kant, Fichte und Schelling, durch Heinrich Steffens und durch politische Erfahrungen wie die Napoleonischen Kriege, die Wegnahme der dänischen Flotte, den Krieg mit Schweden 1808 und den Verlust Norwegens 1814 geprägt. Diese Ereignisse stärkten freiheitliche Ideen, historisches Bewusstsein und die Rückbesinnung auf skandinavische Traditionen und Mythen.
Adam Oehlenschläger wurde zur Leitfigur der romantischen Schule. Er begann 1802 als Lyriker und Epiker und wandte sich dann dem Drama zu. Zu seinen Werken gehören Guldhornene, Aladdin eller den vidunderlige Lampe, Hakon Jarl von 1807, Baldur hin Gode, Palnatoke und Axel og Valborg. Nikolai Frederik Severin Grundtvig entwickelte auf Grundlage altnordischer Überlieferung ein gemeinskandinavisches, religiös geprägtes Geschichtsbewusstsein. Bernhard Ingemann wurde als beliebter Autor historischer Romane bekannt. Johan Ludvig Heiberg beendete mit seinem Werk die romantisch-idealistische Phase; er war besonders mit Vaudevilles erfolgreich und schrieb das nationalromantische Schauspiel Elverhøi von 1828.
Um 1830 gewann der Realismus an Bedeutung. Die Literatur wurde bürgerlicher, Prosaerzählung und Roman verdrängten das Versepos. Steen Steensen Blicher wurde durch jütländische Novellen bekannt und gilt als früher Autor der Dorfgeschichte; Der Pfarrer von Vejlby von 1829 ist ein Pionierwerk der Kriminalliteratur. Thomasine Gyllembourg-Ehrensvärd wurde eine wichtige Novellistin. Christian Winther schrieb über das Landleben; Henrik Hertz trat als Lyriker und Dramatiker hervor.
Der bekannteste Autor dieser Zeit ist Hans Christian Andersen. Seine Märchen, darunter Die kleine Meerjungfrau von 1837, machten ihn weltberühmt. Er konnte alltäglichen und unscheinbaren Erscheinungen poetische Bedeutung geben. Als Lyriker war er von deutscher Romantik und Heinrich Heine beeinflusst; als Romancier und Dramatiker war er weniger erfolgreich. Frederik Paludan-Müller schrieb das umfangreiche Epos Adam Homo, dessen erster Teil 1841 und dessen Schluss 1848 erschien. In der Mitte des 19. Jahrhunderts blieb eine gefühlsbetonte skandinavistische Romantik wichtig, geprägt von Begeisterung für die altnordische Vorzeit und vom politischen Wunsch nach engerer skandinavischer Verbindung.
Naturalismus bis Zwischenkriegszeit
Ab den 1870er Jahren veränderte Georg Brandes die dänische Literatur entscheidend. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 sah er Dänemark von europäischen Geistesströmungen abgeschnitten. In seinen Vorträgen von 1871/72 über die Hauptströmungen in der Literatur des 19. Jahrhunderts forderte er Anschluss an moderne europäische Entwicklungen. Beeinflusst von Darwinismus, Nietzsche und französischem Positivismus wurde er zum führenden Literaturästhetiker der jungen Generation. Er prägte eine realistisch-naturalistische Schule, die in Dänemark, Norwegen und Schweden einflussreich wurde.
Jens Peter Jacobsen markierte mit Mogens von 1872 den Übergang zwischen Realismus und neueren Strömungen. Sein Roman Fru Marie Grubbe von 1876 gilt als wichtiges naturalistisches Werk. Herman Bang wurde zum Meister des dänischen literarischen Impressionismus. Sein Roman Am Weg von 1886 erzählt von einer unverstandenen jungen Ehefrau, die an ihrer konventionellen Umgebung zerbricht. Henrik Pontoppidan war ebenfalls ein Hauptvertreter des Naturalismus und Wegbereiter der Moderne; sein Hauptwerk Hans im Glück von 1898 bis 1904 beschreibt das Scheitern der Träume eines Ingenieurs. 1917 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Johannes Vilhelm Jensen schrieb vitalistische Gedichte und evolutionistisch geprägte Romane; sein dreiteiliger Roman Des Königs Fall von 1900/1901 wurde 1999 zum „Dänischen Buch des Jahrhunderts“ gekürt, 1944 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Martin Andersen Nexø steht mit Pelle Erobreren von 1909/10 für den optimistisch-proletarischen Entwicklungsroman.
Als Gegenbewegung zum Naturalismus entstand um die Zeitschrift Taarnet 1893/94 eine symbolistische Richtung. Johannes Jørgensen veröffentlichte Übersetzungen von Huysmans, Baudelaire, Mallarmé, Verlaine, Edgar Allan Poe und anderen. Zur Gruppe gehörten auch Viggo Stuckenberg und Sophus Claussen.
Zwischen 1920 und 1945 standen viele Strömungen nebeneinander: Expressionismus, Surrealismus, christliche, marxistische, psychoanalytisch geprägte und neorealistische Literatur. Um Kritisk Revy sammelten sich Marxisten, Freudianer und Anhänger Wilhelm Reichs. Hans Rudolf Kirk wurde durch Fiskerne von 1928 bekannt, einen Roman über soziale und fundamentalistische Konflikte unter Fischern am Limfjord. Tania Blixen, eigentlich Karen Blixen, schrieb psychologisch raffinierte Erzählungen; in Dänemark gilt Wintergeschichten von 1942 als ihr wichtigstes Werk. Kaj Munks Drama Das Wort von 1932 behandelt Glaubenskonflikte, Kjeld Abells Anna Sophie Hedwig von 1939 fragt nach Widerstand gegen Tyrannei.
Nachkriegsmoderne und Frauenliteratur
Nach 1945 spiegelte die dänische Literatur vor allem gesamteuropäische Entwicklungen. Existenzialismus, Psychoanalyse und ethische Fragen wurden wichtig. Martin Andersen Nexø nahm in Morten hin Røde von 1945 bis 1947 seinen früheren proletarischen Entwicklungsoptimismus zurück. Hans Christian Branner arbeitete mit psychoanalytischen Modellen und setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit der deutschen Okkupation auseinander. Martin Alfred Hansen behandelte ethische Fragen im Anschluss an Kierkegaard; sein wichtiges Werk ist Der Lügner.
Die Zeitschrift Heretica von 1948 bis 1953 prägte die dänische Moderne der Nachkriegszeit. Zu ihrem Umfeld gehörten Thorkild Bjørnvig, Jørgen Gustav Brandt und Peter Seeberg. Gleichzeitig blieb sozialer Realismus wichtig. Carl Erik Martin Soya schrieb neorealistische Romane und Dramen und war ein Vorkämpfer der sexuellen Befreiungsbewegung. Tove Ditlevsen, aus einem armen Arbeiterviertel Kopenhagens, wurde mit autofiktionalen Texten zu einer Wegbereiterin der dänischen Frauenliteratur und wichtigen Vertreterin des sozialen Realismus. Ihre Kopenhagen-Trilogie erschien 2021 auf Deutsch; Gift löste 1971 einen Skandal aus.
In den 1960er Jahren verdrängten collageartige Formexperimente die traditionell erzählende Prosa. Die literarische Moderne hatte von 1965 bis 1972 eine Hochphase. Sprache wurde nicht nur als Kommunikationsmittel verstanden, sondern als eigenständiges Medium, als „Gegensprache“. Villy Sørensen wurde durch kafkaeske Erzählungen mit symbolisch-phantastischer Formensprache bekannt. Klaus Rifbjerg war Kritiker, Essayist, Drehbuchautor und Romancier; Den kroniske Uskyld von 1958 behandelt sexuelle Erfahrungen von Jugendlichen. Cecil Bødkers Silas und die weiße Stute von 1967 ist der einzige Kinderroman im Dänischen Literaturkanon.
Seit 1973 wandte sich die Literatur wieder stärker Neorealismus und Dokumentarismus zu. Themen waren der Alltag, der Wohlfahrtsstaat an seinen Grenzen, Gescheiterte, Ausgestoßene und Kriminelle. Wichtige Autoren waren Anders Bodelsen, Tage Skou-Hansen, Thorkild Hansen, Jørn Riel, Dan Turèll, Jess Ørnsbo, Benny Andersen und Svend Åge Madsen. Seit den späten 1960er Jahren gewann auch die Frauenbewegung literarischen Einfluss. Vita Andersen kritisierte eine gefühlsarme Männerwelt, Ditte Cederstrand schrieb über Einwandererproletariat, Dorrit Willumsen erhielt als erste Frau den Preis der dänischen Akademie, Dea Trier Mørch wurde mit Vinterbørn bekannt, Suzanne Brøgger vertrat einen feministischen Magischen Realismus, und Inger Christensen erlangte mit det von 1969 und Sommerfugledalen von 1991 internationale Reputation.
Gegenwart und Literaturbetrieb
Die neuere dänische Literatur löst sich von der intellektuell-ironischen Ästhetik der 1990er Jahre und von teils minimalistischem Erzählen und orientiert sich stärker an realistischen Vorbildern. International bekannt wurden Bjarne Reuter, zunächst als Kinderbuchautor und Schöpfer der Figur Buster von 1980, Peter Høeg mit Fräulein Smillas Gespür für Schnee, Janne Teller mit Nichts – Was im Leben wichtig ist und Krieg – Stell dir vor, er wäre hier, Kim Leine mit grönländischen Themen und Carsten Jensen mit Wir Ertrunkenen. Jens Christian Grøndahl schreibt Romane, Theaterstücke und Essays; Jussi Adler-Olsen, Julie Hastrup und Anne Mette Hancock sind erfolgreiche Krimi- und Thrillerautoren. Jakob Ejersbos Nordkraft von 2002 schildert drastisch das Milieu von Kleinkriminellen, Dealern und Drogenabhängigen in Aalborg. Helle Helle beschreibt dänische Provinz, Alltag und Beziehungskrisen der Mittelschicht. Seit den 1990er Jahren beteiligen sich auch mehr Autoren mit Migrationshintergrund an der dänischen Literaturproduktion, darunter Lone Aburas, Alen Meskovic und Yahya Hassan, dessen umstrittenes Debüt 2013 sehr hohe Verkaufszahlen erreichte.
Der Buchmarkt ist breit. 2014 erschienen in Dänemark insgesamt 11.340 gedruckte und E-Books, einschließlich Übersetzungen und Neuausgaben, etwa 5 % mehr als im Vorjahr. Etwa 30 % waren E-Books. Bei fiktionaler Literatur gab es langfristig deutliche Zuwächse: 2014 erschienen 1365 Neuveröffentlichungen, 11 % mehr als im Vorjahr, etwa 33 % mehr als 2010 und mehr als doppelt so viele wie 2001. Wichtige Preise sind der seit 1957 vergebene dänische Kritikerpreis, der Danske Akademis Store Pris seit 1961, De Gyldne Laurbær seit 1949 und der Søren-Gyldendal-Preis seit 1958.
Zur dänischen Literatur gehören auch dänischsprachige Schriftsteller in Südschleswig. Willy-August Linnemann schrieb konservativ geprägte Romanzyklen über das Grenzgebiet, Karin Johannsen-Bojsen behandelt die Identität der dänischen Minderheit in Deutschland. Gynther Hansen schrieb realistische und existenzialistisch geprägte Romane und Erzählungen über Wohlfahrtsstaat, Heimat, Kriegserinnerung und Neonazismus. Auch wissenschaftliche Literatur ist Teil der Entwicklung: Holberg schrieb Danmarks Historie, Grundtvig prägte Theologie und Volksleben, Søren Kierkegaard gilt als „größter Denker Dänemarks“, und Hans Christian Ørsted wurde als Entdecker des Elektromagnetismus bekannt.