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Bildungssystem in Schweden
Das Bildungssystem in Schweden umfasst ein breites Spektrum von der vorschulischen Bildung über die Schule bis zur Hochschul- und Erwachsenenbildung.
Inhalt6 Abschnitte
Aufbau und Steuerung
Das schwedische Bildungssystem reicht von der vorschulischen Bildung über die Schule bis zur Hochschul- und Erwachsenenbildung. Grundlage ist das Schulgesetz (Skollagen). Die schwedische Einheitsschule ist dezentral organisiert: Die Gemeinden sind für den Schulbetrieb zuständig und können innerhalb der gesetzlichen Vorgaben selbst über Schulorganisation, Ressourcen, Lehrereinstellung und Lehrerfortbildung entscheiden. Die Schulpflicht besteht vom 6. bis zum 16. Lebensjahr. Sie kann auch an freien Schulen oder durch Heimunterricht erfüllt werden; Heimunterricht ist jedoch so stark eingeschränkt, dass er praktisch kaum vorkommt.
Das Bildungsministerium (Utbildningsdepartement) koordiniert das System und setzt mit Lehrplänen und Richtlinien den politischen Rahmen. Mats Persson ist für Erwachsenenbildung, Hochschulen und Forschung zuständig, Lotta Edholm für Schule und Jugend. Das Skolverket kontrolliert und verbessert die Qualität durch Beobachtung, Auswertung und Überprüfung der Ausbildung, erarbeitet Vorschläge für Kurspläne und legt Notenkriterien fest. Die Schulinspektion (Skolinspektionen) beaufsichtigt einzelne Schulen, bearbeitet Beschwerden und genehmigt Schulgründungen. Die Behörde für Schulentwicklung unterstützt vor allem Gemeinden, Schulleitungen und Lehrkräfte. Das Spezialpädagogische Institut hilft Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderung.
Das öffentliche Schulsystem ist nicht in verschiedene Schulformen gegliedert. Es umfasst Vorschulwesen, Grundschule und Gymnasium. Die Analphabetenquote wird wegen ihrer offiziell sehr geringen Höhe nicht regelmäßig erhoben; Schätzungen nennen etwa 25.000 Analphabeten, meist eingewanderte Personen ohne Bildung in ihren Herkunftsländern. Der Anteil funktionaler Analphabeten liegt laut Artikel bei 7,5 Prozent in Schweden und 14,4 Prozent in Deutschland. Für viele ältere Schweden kann außerdem der fehlende Umgang mit digitalen Geräten problematisch sein.
Vorschule und Grundschule
Die Vorschule (förskola, umgangssprachlich dagis) betreut Kinder von der Geburt bis zum Schuleintritt, gewöhnlich im Alter von 1 bis 5 Jahren. Sie ist freiwillig und kostenpflichtig. 2019 besuchten 522.000 Kinder diese Schulform. Ab August des Jahres, in dem ein Kind drei Jahre alt wird, müssen Gemeinden mindestens 525 Stunden Vorschule pro Jahr kostenlos anbieten (allmän förskola). Kommunale Einrichtungen dürfen grundsätzlich nur während der Arbeits- und Wegezeiten der Erziehungsberechtigten genutzt werden. Ziel des Vorschulwesens ist es, die kindliche Entwicklung zu fördern und die Vereinbarkeit von Beruf oder Studium und Familie zu erleichtern. Für Fachpersonal ist ein vierjähriges Universitätsstudium vorgesehen; etwa 40 Prozent des Kollegiums haben Lehramt studiert. Für 2026 wird zunehmender Personalmangel genannt.
Im Herbstsemester des Jahres, in dem ein Kind sechs Jahre alt wird, muss die Gemeinde einen kostenlosen Platz in einer Vorschulklasse (förskoleklass) anbieten. Diese umfasst mindestens 525 Unterrichtsstunden pro Jahr und soll spielerisch auf die Grundschule vorbereiten. Etwa 95 Prozent der Sechsjährigen besuchen sie. Viele Gemeinden gliedern die Vorschulklasse räumlich in eine Grundschule ein; in einem Drittel der Gemeinden lernen Vorschulkinder gemeinsam mit Grundschülern.
Die reguläre Schullaufbahn besteht aus einer neunjährigen obligatorischen Grundschule. Sie ist schulgeldfrei; Lernmittel sind kostenlos, ebenso Schulmahlzeiten und Transporte in der Grundschule. Der Unterricht dauert gewöhnlich von 8 bis 15 Uhr, die Sommerferien etwa zwei Monate. Englisch beginnt je nach Gemeinde im ersten Schuljahr oder später. Eine weitere Fremdsprache kann Deutsch, Französisch oder Spanisch sein. Noten werden normalerweise ab dem sechsten Schuljahr nach einer sechsstufigen Skala von A bis F vergeben, wobei A bis E bestanden sind; manche Schulen benoten bereits ab Klasse vier. Die heutige Grundschule ist prüfungsfrei. Einheitliche landesweite Klausuren finden im dritten, sechsten und neunten Jahr in Basisfächern statt und messen die Erfüllung der Mindestanforderungen aus Lehrplan und Kursplänen. Am Ende gibt es ein Abgangszeugnis, das für die Bewerbung um einen Gymnasialplatz wichtig ist. 2018 besuchten 1,28 Millionen Kinder eine Grundschule.
Schweden gilt als Vorbild inklusiver Pädagogik. Schüler mit Lernschwierigkeiten können Sonderunterricht in Fördergruppen erhalten; für Schwierigkeiten wird ein Förderplan erstellt. Die meisten Schüler nehmen am regulären Unterricht teil. Kinder mit Behinderung werden häufig gemeinsam mit nichtbehinderten Schülern in barrierefreien Schulen unterrichtet, können aber auch eine Sonderschule (särskola) besuchen, vor allem bei geistiger Behinderung. 2006 besuchten 16 Prozent dieser Kinder eine Grundschule, 2015 waren es 11 Prozent. Kritisch gesehen werden die fehlende sonderpädagogische Ausbildung vieler Lehrkräfte, das geringe Interesse gewinnorientierter Privatschulen an Schülern mit Lernschwierigkeiten und die mögliche Nutzung von Inklusion für Einsparungen.
In PISA 2018 lag Schweden in Mathematik, Leseverständnis und Naturwissenschaften über dem OECD-Durchschnitt: Schweden erreichte 502, 506 und 499 Punkte, die OECD 489, 487 und 489 Punkte. Deutschland kam auf 500, 493 und 503 Punkte. Auch bei der Chancengleichheit lag Schweden 2015 über dem OECD-Durchschnitt; bei geschlechtsspezifischen Leistungsunterschieden zeigte sich ein vergleichsweise homogenes Bild. Im PISA-Ranking 2018 lag Schweden auf Platz 16 etwa gleichauf mit Dänemark, den Niederlanden und Deutschland. 2022 gingen die Werte weiter zurück: Schweden lag nur noch knapp über dem OECD-Durchschnitt, deutlich hinter der Schweiz, aber noch vor Deutschland.
Gymnasium und Berufsbildung
Auf die neunjährige Grundschule folgt ein dreijähriges Gymnasium, das im schwedischen System nicht dem deutschen Gymnasium entspricht. Der Besuch ist kostenlos und freiwillig, wird aber von fast allen Jugendlichen aufgenommen. Die offizielle Schulpflicht endet nach neun Schuljahren. Das Gymnasium bietet 17 Programme: 14 sind berufsbildend, zwei studienvorbereitend und eines verbindet Berufs- und Studienvorbereitung. Praktische Programme bereiten vor allem auf einen Ausbildungsberuf vor, theoretische Programme auf ein Studium. Alle Schüler müssen Kernfachkurse wie Schwedisch und Mathematik belegen. Eine Reform des Hochschulzugangs von 2008 sollte die Belegung von Mathematik, Englisch und zweiten Fremdsprachen stärken.
Die gymnasiale Leistung wird mit insgesamt 2.500 Punkten bewertet. Zusätzlich können Schüler Fächer im Umfang von 350 Punkten frei wählen; in manchen Programmen ist die Zahl höher. Kurse umfassen normalerweise 50 oder 100 Punkte, einzelne 150 oder 200 Punkte. 50 Punkte entsprechen gewöhnlich einem Semester, 100 Punkte zwei und 150 Punkte drei Semestern. Die Noten reichen von F (ungenügend) bis A. Für ein Abschlusszeugnis müssen alle 2.500 Punkte erreicht sein; höchstens 250 Punkte dürfen mit F bewertet werden.
Wer ein Berufsgymnasium besucht, erhält die grundlegende Hochschulreife nur, wenn die dafür notwendigen zusätzlichen Kurse belegt werden, etwa weiterführende Kurse in Schwedisch und Englisch. Diese Reife kann auch nach dem Gymnasium über die kommunale Erwachsenenbildung (Komvux) erworben werden. 2018 besuchten 552.000 Schüler ein Gymnasium. Fach- und Berufsschulen sind seit den 1970er-Jahren in die Gymnasialschule integriert. Am 1. September 2009 wurde eine nationale Agentur für Höhere Berufsbildung eingerichtet.
Freie Schulen und Qualität
Seit 1992 dürfen Schulen in privater Trägerschaft gegründet werden. Diese freien Schulen (friskolor) stehen neben den kommunalen Schulen. Ihr damaliger Leitgedanke war, dass Wettbewerb und freie Schulwahl das Leistungsniveau insgesamt erhöhen. Öffentliche und freie Schulen erhalten von der Gemeinde für jeden Schüler Geld, den sogenannten skolpeng. Damit sollen laufende Kosten wie Mieten, Lehrergehälter und Lehrmaterial finanziert werden. Private Schulunternehmen dürfen Gewinne machen und diese grundsätzlich frei verwenden, beispielsweise zur Ausschüttung an Aktionäre.
Im Schuljahr 2020/2021 besuchten 15,7 Prozent der Grundschüler und 29,4 Prozent der Gymnasialschüler eine freie Schule. 17,4 Prozent der Grundschulen und 35,3 Prozent der Gymnasien waren freie Schulen. Der durchschnittliche Gewinn vor Steuern betrug 3,4 Prozent.
Befürworter betonen die Wahlmöglichkeiten und die Möglichkeit, auch in sozial schwachen Gebieten eine bessere Schule zu wählen. Kritiker sehen in dem System eine Verstärkung der sozialen Segregation. Untersuchungen deuten außerdem darauf hin, dass der Wettbewerb zu steigenden Noten im ganzen Land geführt haben könnte, weil Schulen Schüler mit guten Bewertungen anziehen wollten. Kritisiert werden auch eine geringere Zahl von Lehrkräften und ein deutlich niedrigerer Anteil ausgebildeter Lehrer an freien Schulen im Vergleich zu öffentlichen Schulen.
Der Konkurs des großen Schulunternehmens John Bauer Education im Sommer 2013 verschärfte die Debatte. Befürworter sahen darin einen Beleg für einen funktionierenden Wettbewerb, während Kritiker darauf hinwiesen, dass ein Teil des skolpeng zur Begleichung von Zinsschulden verwendet worden sei. Die Schulinspektion, die 2007 eingerichtet wurde, überprüft Schulen regelmäßig und kann Einrichtungen wegen gravierender pädagogischer Mängel schließen. Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt Gewinnstreben im Schulwesen ab. Eine Gesetzesinitiative von Sozialdemokraten, Grünen und Linkspartei aus dem Juni 2018 scheiterte jedoch. Im Herbst 2023 erklärte Schulministerin Lotta Edholm das private Schulsystem angesichts gesunkener Bildungsergebnisse für gescheitert.
Hochschule, Erwachsenenbildung und Studienunterstützung
2018 begannen etwa 72 Prozent eines Jahrgangs innerhalb von fünf Jahren nach dem Gymnasium ein Studium oder eine höhere Ausbildung im tertiären Bereich; für Deutschland werden 70 Prozent genannt. Für die Zulassung sind eine einheitliche allgemeine Studienberechtigung und zusätzliche Qualifikationen für einzelne Studiengänge erforderlich. Da die Studienplätze begrenzt sind, gibt es bei zu vielen Bewerbern ein Auswahlverfahren ähnlich dem deutschen Numerus clausus.
Das Hochschulstudium ist in Kurse gegliedert, die Studierende zu Studiengängen und akademischen Abschlüssen zusammenstellen. Hochschulen können dafür Programme anbieten. Neben Berufsexamen gibt es sechs akademische Abschlüsse: den zweijährigen Universitätsabschluss (högskoleexamen), den dreijährigen Bachelor, den einjährigen Magister, den zweijährigen Master, das Lizenziat nach einer kürzeren Forscherausbildung mit Lizentiatsabhandlung und das Doktorat nach einer vierjährigen Forscherausbildung mit Dissertation. 60 Punkte entsprechen einem Studienjahr von 40 Studienwochen. Die Hochschulen bestimmen Unterrichts- und Prüfungsformen; bei den Noten gibt es Skalen mit zwei bis fünf Stufen oder das europäische System. Vorbereitungskurse (basår) können in einem Jahr fehlende Gymnasialkenntnisse und damit Zugangsvoraussetzungen nachholen. Als Spitzenuniversitäten werden das Karolinska-Institut, die Universität Stockholm und die Universität Uppsala genannt. 2016 gab es rund 400.000 Studierende, 14 staatliche Universitäten und 24 staatliche Hochschulen.
Die Studienunterstützung können Personen bis 54 Jahre unabhängig von Einkommen und Wohnort beantragen. Sie besteht aus Beihilfe und Darlehen und wird höchstens 240 Studienwochen gewährt. Bei Vollzeitstudium beträgt die Beihilfe 2.572 schwedische Kronen monatlich, das Darlehen bis zu 4.920 Kronen. Das Darlehen muss innerhalb von 25 Jahren oder spätestens mit 60 Jahren zurückgezahlt werden. Laut OECD begannen 2014 46 Prozent eines Jahrgangs ein Hochschulstudium, in Deutschland 28 Prozent. Der erste Hochschulabschluss wird in Schweden meist zwischen 23 und 26 Jahren erreicht, in Deutschland zwischen 25 und 26 Jahren. Der Vergleich wird dadurch beeinflusst, dass in Schweden manche Berufe, etwa Krankenschwestern, ein Hochschulstudium voraussetzen.
Komvux bietet Erwachsenen in jeder Gemeinde die Möglichkeit, einen fehlenden Grundschul- oder Gymnasialabschluss nachzuholen oder Zugangskurse für ein Studium zu ergänzen. Die Einrichtungen wurden 1968 gegründet und haben einen eigenen Lehrplan. Särvux richtet sich an Erwachsene ab 20 Jahren mit geistiger Behinderung. Zusätzlich gibt es 148 Volkshochschulen mit Kursen und Studienzirkeln. Sie bescheinigen Kenntnisse auf Gymnasialniveau und arbeiten im Gegensatz zu Komvux nach einem dauerhaften Klassenschema. Studienzentren (lärcentra) unterstützen außerdem Bewohner von Gemeinden, die an Fernstudiengängen teilnehmen.
Finanzierung, Entwicklung und Digitalisierung
Das öffentliche Schul- und Hochschulwesen wird vor allem aus Steuereinnahmen von Gemeinden und Staat finanziert. Zusätzlich erhalten die Gemeinden staatliche Beiträge über ein Ausgleichssystem, das unterschiedliche Finanzkraft berücksichtigt. 2019 gaben die Gemeinden 304 Milliarden Kronen für Vorschule, Schule und Erwachsenenbildung aus.
Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung betrugen in Schweden 2018 3,3 Prozent des Bruttonationaleinkommens. Nur Israel und Südkorea lagen weltweit höher. 75 Prozent stammten von der Wirtschaft, 20 Prozent von den staatlichen Hochschulen, der Rest aus dem Ausland. Die FuE-Ausgaben beliefen sich auf etwa 18 Milliarden US-Dollar, in Deutschland auf 141 Milliarden US-Dollar. Die öffentlich finanzierte Forschung findet überwiegend an Universitäten und Hochschulen statt; etwa die Hälfte wird durch direkte staatliche Zuschüsse und die andere Hälfte durch Drittmittel finanziert. Die industrielle Forschung konzentriert sich vor allem auf Transport, Elektrotechnik und Pharmazie.
Historisch gingen die schwedischen Lehranstalten aus mittelalterlichen Klosterschulen und Kathedralschulen hervor. Die 1085 gegründete Katedralskolan in Lund gilt als älteste Lehranstalt Skandinaviens. 1842 wurde die vierjährige Volksschule (folkskola) beschlossen; sie wurde später erweitert. Die neunjährige Einheitsschule wurde ab 1949 regional eingeführt, 1962 obligatorisch und 1972 im ganzen Land umgesetzt. Das dreijährige Gymnasium besteht in seiner heutigen Form seit 1971. Die Universität Uppsala wurde 1477 gegründet; heute gibt es neben ihr zahlreiche weitere Hochschulen, darunter das 1810 gegründete Karolinska Institutet.
Schweden begann früh mit der Digitalisierung des Bildungswesens, auch in Vorschulen. Medienberichte und eine Stellungnahme des Karolinska Institutet vom April 2023 verwiesen jedoch auf mögliche Ablenkung, geringere Konzentration und Probleme beim tieferen Verständnis. Das Institut forderte außerdem ein Schulfach für digitale Kompetenz. In der Folge wurde im schwedischen Schulsystem wieder stärker auf Bücher gesetzt.