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Bilder deiner großen Liebe
Bilder deiner großen Liebe (Untertitel: Ein unvollendeter Roman) ist ein posthum veröffentlichtes Romanfragment, geschrieben von Wolfgang Herrndorf.
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Entstehung
Bilder deiner großen Liebe: Ein unvollendeter Roman ist ein posthum veröffentlichtes Romanfragment von Wolfgang Herrndorf. Es erschien 2014 im Rowohlt Verlag, herausgegeben von Marcus Gärtner und Kathrin Passig. Herrndorf bezeichnete den Text als Fortsetzung seines Romans Tschick aus der Sicht der Figur Isa Schmidt. Die Handlung ist als Road-Novel angelegt, spielt sich jedoch vor allem auf einem Fußweg ab.
Das Fragment entstand als Antwort auf Leserbriefe. Herrndorf begann 2011 mit der Niederschrift; in seinem autobiografischen Sterbetagebuch Arbeit und Struktur trug der Text zunächst den Arbeitstitel Isa. Am 19. Juni 2011 notierte er: „Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive angefangen.“ Zunächst fand er nach eigener Aussage schnell einen passenden Ton. Wegen starker gesundheitlicher Probleme infolge seiner 2011 diagnostizierten Krebserkrankung wurde die Arbeit später schwieriger. Herrndorf suchte zeitweise einen Koautor, fand aber keinen.
Lange wollte er den Text nicht als Fragment veröffentlichen. Erst etwa eine Woche vor seinem Tod erlaubte er Gärtner und Passig, das Material behutsam zu bearbeiten und zu einer linearen Erzählung zusammenzufügen. Die Fragmenthaftigkeit sollte dabei erhalten bleiben; darauf verweist auch der Untertitel Ein unvollendeter Roman. Den Titel Bilder deiner großen Liebe legte Herrndorf selbst fest. Das Titelbild ist ein Landschaftsgemälde von ihm.
Isas Weg und Begegnungen
Die 14-jährige Ich-Erzählerin Isa bricht aus einer Anstalt aus. Sie erreicht per Anhalter und zu Fuß ein Dorf, stiehlt in einem Supermarkt Essen und zieht sich dabei Schnittwunden zu. Nach einer Nacht im Kornfeld duscht sie unbemerkt im Rasensprenger eines Fußballplatzes. Ein abgelegenes Haus regt sie zu der Vorstellung eines Romans an, in dem sie selbst die Hauptfigur ist und auf ihren aus dem Krieg heimkehrenden Mann wartet.
Danach betritt Isa unerlaubt einen Lastkahn. Der Schiffer weist sie zunächst ab, verbindet ihr später jedoch die Füße und erzählt ihr seine Lebensgeschichte, darunter die Geschichte eines lange zurückliegenden Bankraubs. Bevor er an einer Schleuse nach dem versprochenen Absacker die Polizei verständigen kann, flieht Isa. Unterwegs findet sie die Tasche eines Mannes, der sich umgebracht hat.
Ein taubstummer Junge folgt ihr, wie sie einem Schild entnimmt. Obwohl eine Verständigung schwierig ist, unterhält sie sich mit ihm, weil er nicht von ihr ablassen will. Isa erzählt ihm von einem Hund, der während eines Spanienurlaubs ausgesetzt worden sei und bis nach Deutschland zu seinem Herrchen zurückgelaufen sei. Es folgen kurze Episoden: Ein Passant schenkt ihr ein Sandwich, sie beobachtet zwei Obdachlose, und ein Bauarbeiter erkennt in ihr seine erste Liebe wieder.
Später sieht Isa einem Mann beim Rasenmähen zu und bietet an, die Arbeit zu übernehmen. Der Schriftsteller bezahlt sie und gibt ihr Kleidung seiner Tochter. Isa nimmt zusätzlich den Schulranzen an sich. In einem Zimmer entdeckt sie eine abgemagerte Frau, deren Kopf nur von einem Flaum bedeckt ist und die Isa offenbar nicht von ihrer Tochter Angela unterscheiden kann. Isa verlässt das Haus unbemerkt durch ein Dachfenster.
Im Wald bittet sie Wanderer erfolglos um Essen. Anschließend findet sie einen toten Rehbock und einen toten Mann. Sie nimmt die Pistole und 50 Euro des Toten an sich und verbringt die folgende Nacht in einem heruntergekommenen Hotel. Später wird sie von einem Fahrer eines Tiertransporters per Anhalter mitgenommen. Bei einem Halt entblößt der Fahrer sein Genital. Isa kümmert sich dennoch um die transportierten Schweine und versorgt sie mit Wasser.
Ihr Weg führt sie weiter zu einer Müllkippe. Dort findet sie eine Schatulle für Pistole und Tagebuch. An einer nahe gelegenen Tankstelle trifft sie Tschick und Maik und hilft ihnen, Benzin aus einem Auto abzuzapfen. Daraufhin nehmen die beiden sie mit. Am Ende wird eine Szene in den Bergen beschrieben: Isa steht nahe an einem Abgrund und schießt mit der Pistole in die Luft. Die Kugel fällt millimetergenau in den Lauf zurück.
Form und literarische Einordnung
Der Text ist ein Romanfragment und als Road-Novel gestaltet, wobei Isa nicht mit einem Fahrzeug, sondern zu Fuß unterwegs ist. Isa erzählt in der Ich-Form. Sie gilt als unzuverlässige Erzählerin, also als eine Erzählerin, deren Darstellung der Wirklichkeit nicht uneingeschränkt verlässlich ist. Das Fragment steht zugleich in der Tradition des Anti-Entwicklungsromans, des Adoleszenzromans und des Außenseiterromans.
Herrndorf selbst charakterisierte den Text als Fortsetzung von Tschick. Christoph Jürgensen erkennt dafür gemeinsame Handlungsereignisse und dasselbe Gattungsmuster der Road-Novel. Insgesamt sieht er jedoch eher ein „Oppositionspaar“: Bilder deiner großen Liebe entwerfe eine „tief eingedunkelte Version“ des hellen Tschick-Mikrokosmos. Rüther hält die Bezeichnung als Fortsetzung für falsch, weil beide Texte zur gleichen Zeit enden.
Als zentrales Stilprinzip beschreibt Elisabeth Hollerweger eine dichotome Gestaltung der Welt durch die Erzählerin. Der Text arbeitet demnach mit spannungsreichen Gegensätzen zwischen Natur und Kultur, Tier und Mensch, Wunsch und Wirklichkeit sowie Verrücktsein und Normalsein.
Referenzen und Bedeutung im Gesamtwerk
Im Text wurden autobiografische, literarische und filmische Bezüge erkannt. Genannt werden unter anderem Samuel Beckett, Thomas Mann und Robert Walser, besonders dessen Werk Jakob von Gunten, das im Roman auch namentlich erwähnt wird. Weitere Bezüge bestehen zu Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser und zu Martin Walsers Ehen in Philippsburg, das Isa missverständlich als Ehen in Harrisburg versteht.
Filmisch war Herrndorf stark von Helmut Käutners Unter den Brücken inspiriert. Diese Bezüge zeigen sich in den Episoden auf dem Lastkahn. Außerdem lässt Herrndorf Freunde im Roman auftreten. Er selbst erscheint als Mann auf dem Friedhof in grüner Trainingsjacke.
Rüther versteht Bilder deiner großen Liebe als Vereinigung von Herrndorfs vorherigen Büchern. Nach seiner Auffassung verbindet der Roman verschiedene Motive und Schreibweisen des Gesamtwerks. Christoph Jürgensen erkennt darin die jugendliche Verlorenheit aus Plüschgewitter, das adoleszente Fernweh aus Tschick, die lakonische, humorvolle und verzweifelte Selbsterlebensschreibung aus Arbeit und Struktur sowie den eisig existenzialistischen Ton von Sand.
Rezeption, Aufführungen und Ausgabe
Das Buch wurde sehr positiv rezensiert. Iris Radisch ordnete es in Die Zeit als Außenseiterroman ein und verglich Isa unter anderem mit Figuren aus Büchners Lenz, Robert Walsers Jakob von Gunten und Camus’ Der Fremde. Kurt Scheel lobte in der taz die kurzen Sätze, den „federnden Sound“ und die feinfühlige Bearbeitung durch Gärtner und Passig. Thomas Andre sah im Spiegel eine Verdichtung der Teenage Angst und hob die Verbindung von Tragischem und Komischem hervor. Gerrit Bartels bezeichnete das Buch im Tagesspiegel als einzigartig und beschrieb Isa als radikaler, lebensweiser und endgültiger als Maik und Tschick. Ulrich Seidler zeigte sich in der Frankfurter Rundschau von der Lebendigkeit der Figur gefangen und sah über einige Ungereimtheiten hinweg.
Eine bearbeitete Theaterfassung von Herrndorfs Freund Robert Koall wurde am 19. März 2015 am Staatsschauspiel Dresden unter der Regie von Jan Gehler uraufgeführt. Koall hatte bereits die Theaterfassung von Tschick bearbeitet. 2018 erschien außerdem eine Musikperformance von Sandra Hüller mit dem Titel Bilder deiner großen Liebe „singt und spricht“.
Die Erstausgabe lautet: Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe: Ein unvollendeter Roman. Herausgegeben von Marcus Gärtner und Kathrin Passig. Rowohlt, Berlin 2014, ISBN 978-3-87134-791-7. 2015 erschien eine Rowohlt-Taschenbuchausgabe in Reinbek mit der ISBN 978-3-499-26909-7.