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Lenz (Büchner)

Die Erzählung beschreibt den sich verschlechternden Geisteszustand des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz und basiert einerseits auf einigen Briefen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Entstehung
  2. 2. Lenz’ Reise und erste Krisen
  3. 3. Kunstgespräch und Wendepunkt
  4. 4. Zusammenbruch und Ende
  5. 5. Büchners Kunstauffassung
  6. 6. Bearbeitungen und Forschung

Einordnung und Entstehung

„Lenz“ ist eine Erzählung von Georg Büchner über den sich verschlechternden Geisteszustand des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz. Der Titel stammt nicht von Büchner selbst. Der Text erschien posthum 1839 in der Zeitschrift „Telegraph für Deutschland“. Die genaue Entstehungszeit ist unbekannt; nachweisbar beschäftigte sich Büchner spätestens seit dem Frühjahr 1835 mit dem Stoff und beendete die Arbeit daran vor Januar 1836.

Umstritten ist, ob der Text als Fragment zu verstehen ist. Ebenso ist seine Einordnung als Novelle nicht eindeutig. Inhaltlich verbindet die Erzählung eine äußere Handlung, nämlich Lenz’ Aufenthalt bei Pfarrer Johann Friedrich Oberlin, mit der Darstellung innerer Wahrnehmungen, Angstzustände und Wahnvorstellungen. Büchner stützte sich auf einige Briefe von Lenz und besonders auf schriftliche Beobachtungen Oberlins. Diese Beobachtungen machen ungefähr die Hälfte des Novellentextes aus und wurden von Büchner größtenteils wörtlich übernommen; deshalb wurde ihm wiederholt Plagiat vorgeworfen.

Lenz’ Reise und erste Krisen

Zu Beginn wandert Lenz durch das winterliche Gebirge nach Waldbach, gemeint ist in Wirklichkeit das elsässische Waldersbach, zum Pfarrer Oberlin. Schon auf dieser Reise zeigt sich sein gestörter seelischer Zustand. Kälte und Erschöpfung nimmt er kaum wahr, sein Gefühl für Raum und Zeit löst sich auf. Er hört Stimmen der Felsen, sieht jagende Wolken und in der Sonne ein „gleißend Schwert“. Glücksgefühle, Gleichgültigkeit, Einsamkeit und Angst wechseln sich ab. Am Abend steigert sich seine Furcht so sehr, dass es ihm vorkommt, als „jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm“.

Oberlin nimmt Lenz freundlich auf. Im Pfarrhaus erlebt Lenz zunächst Ruhe und Geborgenheit; das Familienleben erinnert ihn an seine Kindheit. Als er jedoch in sein kaltes, kahles Zimmer im Schulgebäude zieht, fällt er in Unruhe und „unnennbare Angst“ zurück. Vorübergehend stabilisiert er sich, indem er sich selbst Schmerzen zufügt und in den kalten Brunnen taucht.

In den folgenden Nächten verschlimmert sich sein Zustand. Seine Wahrnehmung löst sich von der Wirklichkeit, die Realität erscheint traumhaft, und „der Alp des Wahnsinns setzt sich zu seinen Füßen“. Tagsüber kann er sich zeitweise einleben und schöpft Hoffnung, doch mit der Dunkelheit kehren die Angstzustände zurück. Er versucht, sich an Oberlin zu orientieren, die Natur als Geschenk Gottes zu sehen und seine Ängste mit Hilfe der Bibel abzuwehren. Diese religiöse und seelische Selbsttherapie wirkt aber immer nur kurz; Einsamkeit und Verzweiflung werden stärker.

Kunstgespräch und Wendepunkt

Ein wichtiger Moment ist der Besuch von Lenz’ Freund Christof Kaufmann. Im Gespräch über Kunst spricht Lenz wieder konzentriert und gelöst. Er wendet sich leidenschaftlich gegen idealistische Literatur, also gegen Literatur, die die Wirklichkeit harmonisiert oder verschönert. Als Kaufmann ihn auffordert, zu seinem Vater zurückzukehren, bricht Lenz das Gespräch ab. Für ihn ist das Bergdorf der einzige Ort, an dem er sich vor seiner „Tollheit“ schützen kann; das bürgerliche Leben erscheint ihm als Gefahr.

Als Oberlin und Kaufmann am nächsten Tag in die Schweiz reisen, bleibt Lenz allein zurück. Das wird zum entscheidenden Wendepunkt seiner Krankengeschichte. Auf dem Rückweg durch die menschenleere Bergwelt kommt er nach Fouday. Dort findet er in einer armen Hütte ein todkrankes Mädchen und eine alte, halbtaube Frau, die unablässig Lieder aus dem Gesangbuch singt.

Einige Tage später erfährt Lenz vom Tod eines kleinen Mädchens. Er entwickelt die fixe Idee, „wie ein Büßender“ mit aschebeschmiertem Gesicht nach Fouday zu pilgern und das Mädchen wie Jesus von Nazareth Lazarus wiederzubeleben. Vor der Toten erkennt er jedoch nur seine eigene Ohnmacht. Das führt zu wilden Gotteslästerungen und zu einem vorübergehenden Atheismus: „Lenz musste laut lachen, und mit dem Lachen griff der Atheismus in ihn und fasste ihn ganz sicher und ruhig und fest.“

Zusammenbruch und Ende

Nach Oberlins Rückkehr zeigt sich Lenz in einem desolaten Zustand. Er leidet unter religiösen Gewissensbissen und Scham. Oberlin verweist ihn auf Jesus, der für die Vergebung der Abgefallenen gestorben sei. Lenz fragt nach dem Zustand „des Frauenzimmers“ und deutet dann an, aus Eifersucht seine Geliebte getötet zu haben: „Verfluchte Eifersucht, ich habe sie aufgeopfert – sie liebte noch einen anderen – ich liebte sie, sie war’s würdig – o gute Mutter, auch die liebte mich. Ich bin ein Mörder.“ Dieses Geständnis ist kein tatsächlicher Mordbericht, sondern ein Produkt seiner Wahnvorstellungen.

Von da an gibt es nur noch wenige kurze Momente klaren Verstandes. Die Ruhe, die er vorher aus dem Tal und aus Oberlins Nähe gewinnen konnte, wirkt nicht mehr. Lenz stürzt sich wiederholt nachts aus dem Fenster und versucht, sich umzubringen. Oberlin lässt ihn deshalb nach Straßburg bringen. Während der Fahrt bleibt Lenz apathisch; selbst die Abendlandschaft berührt ihn nicht mehr. In einer Herberge unternimmt er „mehrere Versuche, Hand an sich zu legen“, wird aber streng bewacht. In Straßburg wirkt er äußerlich wieder vernünftig, spricht mit Leuten und handelt wie andere. Innerlich aber bleibt nur Leere: Er fühlt „keine Angst mehr, kein Verlangen“; sein Dasein ist ihm „eine notwendige Last“. Die Erzählung endet mit dem Satz: „So lebte er hin.“

Büchners Kunstauffassung

Im Zentrum der Erzählung steht das kunsttheoretische Streitgespräch zwischen Lenz und Kaufmann. Darin formuliert Büchner, durch die Figur Lenz, ein künstlerisches Programm. Lenz kritisiert die klassische und romantische Poesie, weil sie die Wirklichkeit harmonisiere und idealisiere. Dieser Idealismus sei für ihn unnatürlich und inhuman, sogar „die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur“.

Lenz greift aber auch einfache Realisten an, also Dichter, die angeblich Wirklichkeit darstellen. Er sagt, diese hätten „keine Ahnung davon“, seien aber immer noch erträglicher als jene, die die Wirklichkeit verklären wollten. Entscheidend sei nicht, ob etwas schön oder hässlich ist. Entscheidend sei, ob es Leben hat: „Ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut“. Dieses Lebensgefühl sei „das einzige Kriterium in Kunstsachen“. Als Beispiele nennt der Text Shakespeare, Volkslieder und manchmal Goethe.

Jochen Schmidt nennt diese radikale Auffassung von Nachahmung der Wirklichkeit „Fundamentalrealismus“. Der Begriff beschreibt hier eine Kunst, die nicht verschönert, sondern Lebendigkeit und reale Existenz zeigen will. Gleichzeitig zeigt die Erzählung, dass Lenz praktisch daran scheitert. Sein Programm fordert Nähe zur Lebenswirklichkeit, aber seine eigene Existenz zerfällt. Er ist „metaphysisch Entwurzelter“, also jemand, dem ein tragender Sinnzusammenhang verloren gegangen ist; deshalb zerfällt ihm die Welt.

Bearbeitungen und Forschung

Der Artikel nennt mehrere spätere Bearbeitungen und Materialien zu Büchners „Lenz“. Als Hörbuch erschien 2008 „Lenz“ mit Philipp Hochmair, produziert und inszeniert von Herzrasen – Andrea Gerk, mit Komposition von Michael Maierhof. Eine Vertonung ist Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“ aus den Jahren 1977/78 mit einem Libretto von Michael Fröhling; die Uraufführung war am 8. März 1979 in Hamburg. Außerdem erschien 2021 Andreas Eikenroths „Lenz. Eine grafische Novelle“ als Comicadaption.

Der Text wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1971 von George Moorse, 1981 von Alexandre Rockwell, 1992 als „Lenz – Ich aber werde dunkel sein“ von Egon Günther, 2006 von Thomas Imbach, 2009 von Andreas Morell und 2023 als Kurzfilm „LENZ“ von Felix Bausch. Die Literaturhinweise umfassen Ausgaben, Interpretationshilfen und wissenschaftliche Arbeiten, darunter Burghard Dedners Suhrkamp-Ausgabe von 1998 und Jochen Schmidts Untersuchung zum Geniegedanken, in der auch Büchners „Lenz“ behandelt wird.

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