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Sand (Roman)
Sand ist ein 2011 im Rowohlt Verlag erschienener Roman von Wolfgang Herrndorf. Es ist der letzte Roman, den Herrndorf vor seinem Tod vollenden konnte.
Inhalt5 Abschnitte
Überblick
„Sand“ ist ein Roman von Wolfgang Herrndorf, der 2011 im Rowohlt Verlag erschien. Es war der letzte Roman, den Herrndorf vor seinem Tod vollenden konnte. Der Text lässt sich keinem einzelnen Genre eindeutig zuordnen: Er enthält Elemente eines Thrillers, eines Spionageromans und eines Krimis, kann wegen seiner komödiantischen und absurden Züge aber auch als Parodie auf diese Genres gelesen werden.
Im Mittelpunkt steht ein Mann mit Amnesie, also Gedächtnisverlust. Seine Suche nach der eigenen Identität bildet über weite Strecken den roten Faden der Handlung. Der Roman spielt ab dem 23. August 1972 in der fiktiven Hafenstadt Targat und in der nahegelegenen Oase Tindirma, in einem ungenannten nordafrikanischen Wüstenstaat, der an Marokko erinnert.
Handlung
Der Roman ist in fünf Bücher gegliedert. Zu Beginn stehen mehrere scheinbar unverbundene Handlungsstränge: Die jungen Kriminalkommissare Canisades und Polidorio stellen sich aus Spaß falsche Dienstausweise mit Phantasienamen aus. Ein junger Mann namens Amadou Amadou wird beschuldigt, vier Europäer einer Hippiekommune ermordet zu haben. Die Amerikanerin Helen Gliese kommt im Auftrag einer Kosmetikfirma nach Targat. Gleichzeitig wartet der Geheimagent Lundgren in Tindirma auf einen Kontaktmann, dem er Mikrofilme mit Konstruktionsplänen für Ultrazentrifugen zur Uran-Anreicherung übergeben soll.
Im zweiten Buch erwacht ein Mann mit einer Kopfwunde in einem Gebäude in der Wüste. Er weiß nicht, wer er ist. Er beobachtet Männer, die über jemanden namens Cetrois sprechen, und flieht. Zwei Touristen helfen ihm nicht, sondern berauben ihn und verbrennen fast alle seine Papiere. Später trifft er Helen Gliese, die ihn aufnimmt, seine Wunde versorgt und ihn „Carl“ nennt. Gemeinsam versuchen sie herauszufinden, wer er ist.
Im weiteren Verlauf wird Carl entführt und zu Adil Bassir gebracht, einem örtlichen Unterweltkönig. Bassir behauptet, Carls Frau und Kind in seiner Gewalt zu haben, und fordert innerhalb von 72 Stunden eine „Mine“ zurück. Carl und Helen missverstehen zunächst, worum es geht, und suchen nach Bergwerken und Landminen. Eine Goldmine in den Bergen bei Tindirma wird wichtig. Carl begegnet außerdem dem Psychiater Dr. Cockcroft, dem er ebenso misstraut wie später Helen, in deren Koffer er Handschellen und eine Waffe findet.
Nach vielen Verwechslungen und Fluchten findet Carl in einem Mercedes einen Kugelschreiber, in dessen Mine zwei kleine Metallkapseln versteckt sind. Diese Kapseln enthalten offenbar die gesuchten Mikrofilme. Helen vermutet schließlich, Carl selbst sei Cetrois. Später stellt sich heraus, dass Helen und Cockcroft US-Agenten sind. Sie foltern Carl in der Goldmine, weil sie Informationen über die Konstruktionspläne haben wollen. Carl weiß jedoch wegen seiner Amnesie nichts.
Am Ende kehrt Carls Erinnerung zurück: Er ist Polidorio, der sich den falschen Ausweis auf den Namen Cetrois ausgestellt hatte. Lundgren hatte ihn zufällig für seinen Kontaktmann gehalten und ihm den Kugelschreiber übergeben. Bassirs Männer hatten das beobachtet. Carl wurde in der Wüste am Kopf verletzt und verlor sein Gedächtnis. Nachdem er sich aus der Mine befreien kann, wird er von Hakim, einem Goldgräber, irrtümlich für einen Agenten gehalten und erschossen. Der Kugelschreiber gelangt noch unter Kinder einer Slum-Schule, bis er bei einer „Säuberung“ der Slums unter einem Bulldozer endet.
Aufbau und Erzählweise
„Sand“ besteht aus fünf Büchern mit insgesamt 68 Kapiteln, die sehr unterschiedlich lang sind. Jedem Kapitel ist ein Motto vorangestellt. Diese Zitate können als ironische Kommentare zur jeweiligen Handlung oder zum gesamten Roman verstanden werden. Die genannten Motto-Autoren reichen von Herodot bis Ulla Berkéwicz.
Der Roman ist überwiegend chronologisch erzählt, also in zeitlicher Reihenfolge. Nur wenige Zeitsprünge unterbrechen diese Ordnung. Die Erzählperspektive wechselt: Teilweise wird auktorial erzählt, also mit einem Erzähler, der mehr Überblick hat als die Figuren. Häufiger ist aber eine personale Perspektive, bei der die Wahrnehmung einer Figur im Vordergrund steht. Besonders Carls Orientierungslosigkeit und sein Unverständnis verunsichern auch die Leserinnen und Leser. Nur an zwei Stellen tritt kurz ein anonymer Ich-Erzähler auf, der zur Zeit der Handlung noch ein Kind war.
Zentrale Motive
Ein zentrales Motiv ist die Frage, ob man überhaupt sicher erkennen kann, wer oder was ein Mensch wirklich ist. Das zeigt sich vor allem in Carls Suche nach seiner Identität, aber auch in vielen Spiegelungen der Handlung: falsche Ausweise, unklare Schuldfragen, erfundene oder zweifelhafte Geschichten von Helen und Cockcroft und Figuren, deren Rolle sich später anders darstellt. Selbst scheinbar harmlose Beobachtungen können im Roman eine zweite Bedeutung bekommen.
Ebenso wichtig ist das Motiv der Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit. Carl versucht immer wieder zu fliehen, sich zu befreien oder etwas herauszufinden. Diese Bemühungen scheitern oft oder bringen nur so viel Erfolg, dass die Handlung weitergehen kann. Besonders deutlich wird dieses Motiv am Ende: Carl findet seine Erinnerung und scheint befreit zu sein, stirbt aber kurz darauf vollkommen sinnlos. Auch viele andere Figuren scheitern. Ein gutes Ende erhalten nach dem Artikel nur Michelle Vanderbilt und Helen.
Titel, Aufnahme und Auszeichnung
Herrndorf führte in seinem Internettagebuch „Arbeit und Struktur“ neben „Sand“ zahlreiche mögliche Alternativtitel auf. Sie beginnen mit ernst wirkenden Varianten wie „WÜSTENROMAN“, „AMNESIE“, „GEHEIMSACHE SAND“ oder „ZWISCHENFALL AN DER OASE TINDIRMA“ und gehen dann zunehmend in parodistische Anspielungen auf Film- und Buchtitel über, etwa „SCHULD UND DÜNE“, „IN WÜSTEN NICHTS NEUES“ oder „FÜR EINE HANDVOLL URAN 235“.
Die Kritik nahm den Roman größtenteils positiv auf. Einige Kritiker verstanden „Sand“ als Gegenentwurf zu Herrndorfs im Vorjahr erschienenem Roman „Tschick“, weil das tragische, nihilistisch wirkende Ende stark mit dem Happy End in „Tschick“ kontrastiert. Die FAZ betonte, dass es sich nicht um einen deprimierenden Krankheitsbewältigungsbericht handle, sondern um das Werk eines „gewitzten und universal belesenen Artist[en]“. Die Zeit nannte „Sand“ ein „literarisches Experiment an der Grenze zwischen Existenzialismus und Spionagethriller“. Michael Maar bezeichnete den Roman als „den größten, grausigsten, komischsten und klügsten Roman der letzten Dekade“.
Wolfgang Herrndorf erhielt für „Sand“ den Preis der Leipziger Buchmesse 2012 in der Kategorie Belletristik. Erschienen ist der Roman 2011 bei Rowohlt Berlin mit der ISBN 978-3-87134-734-4. Eine Taschenbuchausgabe erschien 2013 bei Rowohlt Reinbek bei Hamburg, außerdem 2012 ein Hörbuch auf 11 CDs mit 807 Minuten, gelesen von Stefan Kaminski und unter der Regie von Harald Krewer.