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Bachkantate

Bachkantate (auch „Bach-Kantate“) ist eine häufig verwendete Bezeichnung für die Kantaten von Johann Sebastian Bach (1685–1750). Von ihm sind – neben vielen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Bestand und Funktion
  2. 2. Frühe Kirchenkantaten und Weimar
  3. 3. Köthen und die Leipziger Kantatenpraxis
  4. 4. Weltliche Kantaten
  5. 5. Forschung, Ausgaben und Datierung
  6. 6. Die umstrittene Chorbesetzung

Begriff, Bestand und Funktion

Als Bachkantaten bezeichnet man die Kantaten Johann Sebastian Bachs (1685–1750). Erhalten sind 200 Kirchenkantaten und 25 weltliche Kantaten. Bach selbst verwendete das Wort „Cantata“ allerdings nur für rein solistische Werke. Fast alle übrigen geistlichen Kantaten nannte er „Concerto“, einige wenige „Dialogus“.

Kirchenkantaten waren in größeren deutschen Städten regelmäßig Bestandteil des lutherischen Sonntagsgottesdienstes. Sie verbinden Gesang und Instrumente und können Chorsätze, solistische Rezitative – sprechnahe Vertonungen zur Fortführung eines Textes – sowie Arien enthalten. Die seit dem Barock übliche Da-capo-Arie wiederholt nach einem Mittelteil den Anfangsteil.

Oratorien und Passionen werden gewöhnlich nicht zu den Kantaten gezählt: Sie sind meist wesentlich umfangreicher und beruhen auf einer im Evangelium beschriebenen Handlung. Die sieben erhaltenen Motetten besitzen im Unterschied zu Kantaten keine selbständigen Instrumentalstimmen und verzichten auf Rezitative und Arien. Hinzu kommen eine große und vier kürzere Messen, einzelne Messsätze, Lieder und Arien sowie 371 vierstimmige Choralsätze, die Carl Philipp Emanuel Bach nach dem Tod seines Vaters veröffentlichte.

Frühe Kirchenkantaten und Weimar

Sechs erhaltene Kantaten entstanden in Bachs Mühlhausener Zeit oder in seinen ersten Weimarer Jahren. BWV 71, BWV 131 und BWV 150 hängen eindeutig mit seiner Anstellung in Mühlhausen von 1707 bis 1708 zusammen; BWV 106, BWV 4 und BWV 196 sind schwerer zu datieren. Stilistisch stehen alle sechs noch in der Tradition des „Geistlichen Konzerts“, wie es unter anderem Heinrich Schütz, Samuel Scheidt, Johann Hermann Schein, Johann Schelle und Dietrich Buxtehude pflegten. Ihre zeitliche Einordnung ist nach heutigem Wissen vor allem durch Stilkritik möglich.

Ab 1708 arbeitete Bach erneut in Weimar, zunächst als Kammermusiker und Hoforganist. Im März 1714 wurde er Konzertmeister und musste monatlich ein neues Werk schreiben und aufführen. Bis Dezember 1716 entstanden in weitgehend regelmäßigem Abstand etwa zwanzig Kantaten für den Sonntagsgottesdienst. Nachdem Bach erfahren hatte, dass er nicht Nachfolger des Kapellmeisters Johann Samuel Drese werden würde, brach er die Arbeit an Kirchenkantaten offenbar ab.

Fast alle Weimarer Kantaten beruhen auf Texten des Hofdichters Salomon Franck. Sie folgen einem neueren, von der italienischen Oper beeinflussten Typ mit Rezitativen und Da-capo-Arien. Aufgeführt wurden sie in der Schlosskapelle „Himmelsburg“. Orgel und Musiker befanden sich auf einer Balustrade über einer großen Deckenöffnung und blieben für die Zuhörer unsichtbar. Wegen der räumlichen Enge waren die Werke meist klein besetzt; Ausnahmen sind BWV 63 und BWV 31, die möglicherweise für die Stadtkirche bestimmt waren. Wahrscheinlich verwendete Bach einen solistisch besetzten Chor und ab Ostern 1715 teilweise noch kleinere Besetzungen.

Köthen und die Leipziger Kantatenpraxis

Während Bachs Anstellung in Köthen von 1717 bis 1723 gab es keine regelmäßige Kirchenkantatenproduktion, weil am reformierten Hof im Gottesdienst grundsätzlich keine Kantaten aufgeführt wurden. Mindestens einmal wurde jedoch eine Kirchenkantate zum Geburtstag des Fürsten bestellt. Die Köthener Kapelle hatte 16 Mitglieder und bestand hauptsächlich aus Streichern. Fest angestellte Sänger fehlten zunächst; bei Bedarf kamen Gäste zum Einsatz. Bach verlangte deshalb gewöhnlich nur einen oder zwei Solosänger. 1720 wurden die Schwestern Monjou für ein Jahr verpflichtet, anschließend Anna Magdalena Wilcke.

In Leipzig gehörte ab 1723 die wöchentliche Kantatenaufführung im Sonntagsgottesdienst zu Bachs Pflichten. In seinen ersten beiden Amtsjahren führte er mit wenigen Ausnahmen jede Woche eine neue Kantate auf und schuf dadurch einen großen Vorrat. Für den dritten Jahrgang nahm er sich mehr Zeit. Ältere Werke aus Weimar und Köthen bearbeitete er im Parodieverfahren: Vorhandene Musik wurde insbesondere durch neue oder angepasste Texte für einen anderen Zweck nutzbar gemacht. Spätestens ab 1729 komponierte er kaum noch neue Kirchenkantaten.

Zur Verfügung standen Stadtpfeifer und deren Nachwuchs, Schüler der Thomas- und möglicherweise der Nicolaischule sowie Alumni, externe Schüler, Studenten und Privatschüler. Bach oder ein Präfekt leitete die Aufführung. Die Kantaten besaßen keine unveränderliche „finale Version“, sondern wurden an den jeweiligen Anlass und die verfügbaren Musiker angepasst. Bach ließ beispielsweise Stimmen für andere Instrumente oder Stimmlagen ausschreiben, änderte die Chorgröße, stützte schwächere Sänger durch ein Instrument oder einen zweiten Sänger und ergänzte Füllstimmen für Blechbläser. Die Aufführungen mussten häufig fast ohne Proben, im Winter in ungeheizten Kirchen und mit fehlerhaftem Notenmaterial stattfinden.

Nach 1726 schrieb Bach nur noch vereinzelt neue Kantaten und griff auf eigene ältere Werke sowie auf Musik anderer Komponisten wie Johann Ludwig Bach und Gottfried Heinrich Stölzel zurück. 1729 übernahm er das studentische Collegium musicum, mit dem er während der Messezeit ein- bis zweimal pro Woche meist im Zimmermannschen Kaffeehaus oder dessen Garten auftrat. Dadurch konnte er leichter zusätzliche Sänger und Instrumentalisten gewinnen.

Weltliche Kantaten

Bachs weltliche Kantaten waren meist Auftragswerke für einzelne Anlässe, darunter Geburtstage, Namenstage, Hochzeiten, Trauerfeiern und Huldigungen. Weil es nur selten eine zweite Aufführungsmöglichkeit gab, übernahm Bach einzelne Sätze später häufig in geistliche Werke. Die Zahl der belegten weltlichen Kantaten ist deshalb wesentlich größer als die Zahl der erhaltenen. Inhaltlich dienten viele Werke der Huldigung eines Fürsten; entsprechend dem damaligen Geschmack traten dabei oft mythologische Gestalten auf.

Die früheste, nur fragmentarisch erhaltene weltliche Vokalkomposition ist wahrscheinlich das spätestens zwischen 1705 und 1708 entstandene Hochzeits-Quodlibet BWV 524, das noch keine Kantate ist. Eine echte Kantate ist „Was mir behagt, ist nur die muntre Jagd“, die 1713 in Weißenfels und später in Weimar erklang. In Köthen gehörte die Komposition je einer Huldigungskantate zu Fürst Leopolds Geburtstag am 10. Dezember und zu Neujahr zu Bachs Amtspflichten. Von diesen Werken ist bis auf BWV 173 keines erhalten; nur ein Teil ist überhaupt belegt.

In Leipzig war Bach nicht zur Komposition weltlicher Kantaten verpflichtet, schrieb aber weiterhin fast ausschließlich auf Bestellung. Werke mit ausgearbeiteter Handlung heißen häufig „Dramma per Musica“. Zu ihnen gehören BWV 213 und BWV 214, deren Sätze später in das Weihnachtsoratorium eingingen. Auftraggeber waren unter anderem das kurfürstlich-sächsische Herrscherhaus, die Universität Leipzig, Schulen, der Stadtrat, Adelige und Bürger. Zu den Beispielen zählen Hochzeitskantaten und die „Bauernkantate“, Bachs späteste datierbare Kantate. BWV 201 und die „Kaffeekantate“ BWV 211 könnten dagegen ohne formellen Auftrag für Aufführungen im Zimmermannschen Kaffeehaus entstanden sein.

Viele Leipziger Werke verlangen eine große repräsentative Besetzung und waren wohl auf das Collegium musicum angewiesen. Da dieses aus männlichen Studenten bestand, dürften die beiden oberen Stimmen vierstimmiger Chöre normalerweise von männlichen Falsettisten gesungen worden sein.

Forschung, Ausgaben und Datierung

Die 1850 gegründete Bach-Gesellschaft Leipzig begann mit der wissenschaftlichen Gesamtausgabe Bachs, der „BGA“. Ihr erster Band von 1851 enthielt zehn Kantaten; 1899 war die Edition abgeschlossen. Die Kantaten erschienen in mehr oder weniger zufälliger Reihenfolge und erhielten fortlaufende Nummern. Diese Nummerierung wurde 1950 in das Bach-Werke-Verzeichnis übernommen.

Da sich wissenschaftliche Methoden erst während der Arbeit entwickelten, zeigten sich später Schwächen der Ausgabe. Philipp Spitta untersuchte 1873/1880 in seiner Bach-Biographie Papierarten und Wasserzeichen. Von 1954 bis 2007 erarbeiteten das Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und das Bach-Archiv Leipzig gemeinsam die Neue Bach-Ausgabe („NBA“). Jede editorische Entscheidung wurde in einem kritischen Bericht begründet; allein die Kantaten umfassen 46 Bände. Neuere Revisionen erscheinen als „NBA^{rev}“.

Alfred Dürr und Georg von Dadelsen bestimmten seit den späten 1950er Jahren für die meisten Leipziger Kirchenkantaten Entstehungszeit und Datum der Erstaufführung. Sie verglichen Wasserzeichen, Bachs sich wandelnde Handschrift und die Handschriften der Kopisten. Dabei zeigte sich, dass Bach in seinen ersten Leipziger Jahren drei fast vollständige Kantatenjahrgänge schuf und sich spätestens 1729 weitgehend von der regelmäßigen Neukomposition zurückzog.

Ungeklärt bleibt die Angabe des Nekrologs, Bach habe fünf Jahrgänge hinterlassen, obwohl nur drei erhalten sind. Picander veröffentlichte 1728 Texte für ein ganzes Kirchenjahr, doch existieren dazu nur wenige, oft fragmentarische Vertonungen. Nicht anderweitig bekannte Choralsätze könnten Spuren verlorener Kantaten sein; ebenso sind Parodiebeziehungen zu erhaltenen Sätzen möglich. Wegen der schwachen Überlieferung spricht man heute eher von einer „Picander-Gruppe“ als sicher von einem vollständigen vierten Jahrgang. Auch ein Irrtum im Nekrolog bleibt möglich. Die Annahme, der teilweise aus zweiteiligen Kantaten bestehende erste Jahrgang sei von den Erben als zwei Jahrgänge angesehen worden, ist ebenfalls umstritten.

Zur Zahlenmystik vertrat Friedrich Smend 1950 die These, Bach habe regelmäßig ein Zahlenalphabet verwendet, etwa A = 1 bis Z = 24 und BACH = 14. Ruth Tatlows Untersuchungen der tatsächlich im 17. und 18. Jahrhundert verwendeten Systeme stellten die Bedeutung solcher Deutungen stark infrage. Die Musikwissenschaft beurteilt entsprechende Zählungen heute zurückhaltend.

Die umstrittene Chorbesetzung

Bach erklärte 1729 und 1730 gegenüber dem Leipziger Rat, seine ideale Chorbesetzung bestehe aus je drei Sängern für Sopran, Alt, Tenor und Bass. Zu den meisten Kantaten ist jedoch nur jeweils eine ausgeschriebene Stimme pro Stimmlage erhalten, die sämtliche Sätze umfasst. Seit spätestens 1936 nahm man daher häufig an, dass je ein Sänger die Stimme hielt und in den Chorsätzen möglichst von zwei weiteren Sängern unterstützt wurde.

Joshua Rifkin stellte 1982 die umstrittene These auf, Bach habe seine Chöre fast immer solistisch, also regelmäßig mit nur vier Einzelsängern, besetzt. Andrew Parrott führte diese Auffassung weiter aus. Kritiker bemängelten methodische Schwächen, fehlende Belege für Leipzig und die unzulässige Übertragung von Praktiken anderer Orte. Auch Bachs anfängliche Anfertigung zusätzlicher Gesangsstimmen und der schnelle Verzicht darauf können als Arbeitserleichterung statt als Änderung seines Klangideals verstanden werden.

Als Gegenargument wird außerdem die öffentliche und repräsentative Bedeutung der sonntäglichen Kirchenmusik in der Messestadt Leipzig angeführt: Bei bis zu 2000 Zuhörern und einem großen Aufwand an Instrumentalisten erscheine eine entsprechend größere Sängerzahl aus Gründen der Klangbalance plausibel. Sicher belegt sind Bachs Idealvorstellungen von je drei Sängern pro Stimme; wie viele Sänger bei einzelnen historischen Aufführungen tatsächlich mitwirkten, bleibt dagegen Gegenstand der Forschung.

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