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Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines

Am 26. September 2022 wurde mit vier Sprengungen ein Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines verübt. Dabei wurden beide Stränge von Nord Stream 1 und einer …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Ablauf
  2. 2. Explosionen, Lecks und Sicherheitsmaßnahmen
  3. 3. Klimafolgen und Zustand der Leitungen
  4. 4. Politischer Hintergrund
  5. 5. Ermittlungen und Verdächtige
  6. 6. Weiterführende Medien

Überblick und Ablauf

Am 26. September 2022 wurden die Nord-Stream-Pipelines durch vier Sprengungen angegriffen. Nord Stream 1 und Nord Stream 2 verlaufen auf dem Grund der Ostsee und waren für den Transport von Erdgas von Russland nach Deutschland bestimmt. Zum Zeitpunkt des Anschlags waren beide Systeme jedoch außer Betrieb. Zerstört wurden beide Stränge von Nord Stream 1 sowie Strang A von Nord Stream 2; nur Strang B von Nord Stream 2 blieb intakt.

In der Nacht wurde zunächst ein unerwarteter Druckverlust bei Nord Stream 2, Strang A, gemeldet. Am Abend folgten Druckverluste in beiden Strängen von Nord Stream 1. Später wurde festgestellt, dass Nord Stream 2, Strang A, an diesem Abend erneut beschädigt worden war. Die erste Explosion erfolgte um 02:03 Uhr MESZ etwa 12 sm (22 km) südöstlich der dänischen Insel Bornholm. Drei weitere Explosionen ereigneten sich um 19:03 Uhr zwischen Bornholm und Öland.

Die Schäden lagen in 70 bis 80 Metern Tiefe, mit Abständen von 1 sm (2 km) bis 40 sm (74 km) zwischen den Berststellen. Eine Nord-Stream-1-Röhre wurde auf 250 Metern Länge zerstört; der beschädigte Nord-Stream-2-Strang erlitt noch größere Schäden. Die mehr Zentimeter dicken Stahlrohre besitzen zusätzlich eine Betonummantelung.

Explosionen, Lecks und Sicherheitsmaßnahmen

Die seismologische Auswertung ermittelte für das Ereignis um 02:03 Uhr eine Stärke von 2,3 auf der Richterskala und für die drei Ereignisse um 19:03 Uhr jeweils 2,1. Deutsche Sicherheitsbehörden vermuteten hochwirksame Sprengsätze mit einer Sprengwirkung von etwa 500 Kilogramm TNT.

Die Pipelines waren nicht in Betrieb, aber mit Erdgas unter hohem Druck gefüllt; im betroffenen Strang von Nord Stream 2 betrug der Druck zuvor 105 bar. Durch die Lecks entwich in den ersten Tagen viel Methangas. Über den Schäden schäumte es in einem Gebiet von etwa einem Kilometer Durchmesser tagelang an der Oberfläche; die Wasseroberfläche wölbte sich dabei nach oben. Der Effekt wurde bis zu 500 Meter horizontal von den Berststellen beobachtet. Später drang Meerwasser in die Rohre ein.

Das aufsteigende Methan war für Schiffe gefährlich: Es kann die Dichte des Wassers und dadurch den Auftrieb verringern; außerdem hätte es sich entzünden können. Die dänische Schifffahrtsbehörde verhängte am 26. September drei Befahrensverbote im Umkreis von 5 Seemeilen um die Lecks und stellte den Flugverkehr unterhalb von 1000 m Höhe ein. Am 29. September wurden die nördlichen Verbotszonen zu einem Bereich mit 7 Seemeilen Radius zusammengefasst.

Klimafolgen und Zustand der Leitungen

Aus den Schäden entstand tagelang eine großräumige Methanwolke. Das Integrated Carbon Observation System schätzte, sie entspreche den Methanemissionen eines ganzen Jahres in einer Stadt von der Größe von Paris oder eines Landes wie Dänemark. Der Leiter des International Methane Emissions Observatory (IMEO) des Umweltprogramms der Vereinten Nationen bezeichnete die Freisetzung als wahrscheinlich größte jemals aufgezeichnete Freisetzung von klimaschädlichem Methan.

Nach Experteneinschätzung bestand keine akute Umweltgefahr wie etwa bei einer Havarie von Ölplattformen: Methan ist ungiftig und löst sich teilweise im Wasser. Als Treibhausgas trägt es aber zur Erderwärmung bei.

Weil Meerwasser die Innenbeschichtung der Rohre sehr schnell korrodieren lässt, galten die drei beschädigten Stränge wahrscheinlich als irreparabel zerstört. Andere Einschätzungen hielten auch eine Reparatur des inneren Korrosionsschutzes für möglich, aber für zeitaufwändig. Russlands Energieminister erklärte am 5. Oktober 2022, Nord Stream 2 sei nach vorläufiger Einschätzung technisch geeignet; Sanktionen gegen Russland verhinderten aber Reparatur und Inbetriebnahme. Laut einem Bericht der New York Times vom 26. Dezember 2022 prüfte die Nord Stream AG Reparaturoptionen für Nord Stream 1; die Kosten sollten mindestens 500 Millionen US-Dollar betragen.

Politischer Hintergrund

Der Anschlag geschah in einer angespannten geo- und energiepolitischen Lage zwischen Russland, Europa und den USA. Russland hatte 2014 völkerrechtswidrig die ukrainische Halbinsel Krim annektiert und damit den Krieg in der Ukraine eingeläutet. Deshalb war der Beschluss der damaligen deutschen Bundesregierung, ab 2015 Nord Stream 2 zu bauen, in Deutschland und international umstritten; besonders die USA kritisierten ihn.

Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 erteilte Bundeskanzler Olaf Scholz keine Genehmigung für Nord Stream 2. Gazprom reduzierte die Gaslieferungen über Nord Stream 1 im Sommer 2022 und stellte sie im August vertragswidrig vollständig ein. Nach den Zerstörungen berief sich Gazprom auf „höhere Gewalt“. Am Tag nach den Explosionen eröffneten Polen und Norwegen die Baltic Pipe, die norwegisches Erdgas über dänisches Territorium nach Polen transportiert und eine Alternative zu Nord Stream 1 und 2 ist.

Die Regierungen Schwedens, Dänemarks, Polens und Deutschlands sowie die EU-Kommission gingen von vorsätzlichen Explosionen aus. Der Nordatlantikrat bewertete die Schäden als Folge absichtlicher, rücksichtsloser und unverantwortlicher Sabotageakte und verlangte besseren Schutz kritischer Infrastruktur. Wladimir Putin nannte den Anschlag im Oktober 2022 „internationalen Terrorismus“. Eine von Russland im Februar 2023 geforderte unabhängige UN-Untersuchung kam nicht zustande: Russland, China und Brasilien stimmten dafür, die übrigen zwölf Staaten enthielten sich. Seymour Hershs Behauptung einer amerikanisch-norwegischen Urheberschaft blieb wegen Ungereimtheiten und unbestätigter Quellen umstritten.

Ermittlungen und Verdächtige

Schwedische, dänische und deutsche Behörden ermittelten wegen des Verdachts der vorsätzlichen Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie verfassungsfeindlicher oder schwerer Sabotage. Schwedische und dänische Untersuchungen bestätigten massive Explosionen und Sabotage durch Sprengstoff. Schwedische Ermittler hielten eine staatliche Beteiligung für wahrscheinlich, nannten aber keine Täter. Fotos eines Greenpeace-Tauchroboters stützten die Annahme, dass Sprengsätze von außen auf die Rohre eingewirkt hatten.

Deutsche Behörden verfolgten seit Ende 2022 Spuren möglicher ukrainischer Täter. Im Mittelpunkt stand die 15 m lange, von einer polnischen Firma in Rostock gecharterte Segelyacht Andromeda des Typs Bavaria C50. Dort sollen Sprengstoff transportiert worden sein; später wurden Oktogen-, DNA- und Fingerabdruckspuren bekannt. Schweden und Dänemark stellten ihre Ermittlungen im Februar 2024 ein; Schweden übergab mögliche Beweismittel an Deutschland.

Nach Ermittlungen der Bundesanwaltschaft bestand das Team aus einem Skipper, vier Tauchern und einem Sprengstoffexperten und wurde vom Geheimdienstoffizier Serhij K. angeleitet. Es soll mindestens vier Sprengsätze von jeweils 14 bis 27 kg aus Hexogen und Oktogen angebracht haben. Selbst gebaute Schneidladungen aus Taucherflaschen sollen an den weniger widerstandsfähigen Verbindungsnähten der Rohre platziert worden sein. Haftbefehle richteten sich gegen Serhij K. und fünf weitere Personen; ein siebter Verdächtiger ist vermutlich in der Landesverteidigung gegen Russland gefallen.

Serhij K. wurde im August 2025 in Italien festgenommen, am 27. November an die deutsche Polizei übergeben und in Untersuchungshaft genommen. Seine Haftbeschwerde verwarf der Bundesgerichtshof Mitte Dezember 2025. Im Juni 2026 erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen ihn vor dem Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichtes in Hamburg. Der Ukrainer Wolodymyr Z. beziehungsweise Wolodymyr S. wurde Ende September 2025 in Polen festgenommen, aber nicht an Deutschland ausgeliefert. Das Warschauer Gericht ließ ihn frei und prüfte den Tatvorwurf wegen gesetzlicher Auslieferungshindernisse nicht; im August 2026 wurde er in Kroatien festgenommen.

Weiterführende Medien

Als ergänzende Medien nennt der Artikel die ZDF-Frontal-Dokumentation „Der Fall Nord Stream. Spurensuche auf der Ostsee“ vom 25. August 2023 mit 36 Minuten Länge sowie die vierteilige Spiegel-Podcastreihe „Operation Nord Stream“ aus dem Jahr 2023. Außerdem wird der Spiegel-Podcast „Der Geheimplan des ukrainischen Sabotagekommandos“ vom 27. März 2025 aufgeführt.

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