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Agrippa Menenius Lanatus

war ein sagenhafter Politiker und Konsul in der Frühzeit der römischen Republik, der 494 v. Chr. durch eine Parabel die Plebejer angeblich zum Abbruch ihrer …

Inhalt3 Abschnitte
  1. 1. Person und Überlieferung
  2. 2. Die Parabel und die Sezession
  3. 3. Wirkung und unterschiedliche Deutungen

Person und Überlieferung

Agrippa Menenius Lanatus, auch Menenius Agrippa, war ein sagenhafter Politiker und Konsul der frühen römischen Republik. Er wurde vor 540 v. Chr. geboren und starb 493 v. Chr. Seine zugeschriebene Bedeutung liegt vor allem darin, dass er 494 v. Chr. die Plebejer – die nichtpatrizischen römischen Bürger – zum Ende ihrer ersten Sezession, also ihres Auszugs aus der Stadt als Protestmittel, bewogen haben soll.

Er bekleidete 503 v. Chr. das Konsulat. Seine soziale Herkunft ist unklar und in den Quellen widersprüchlich: Da das Konsulat bis zu den Leges Liciniae Sextiae von 367 v. Chr. den Patriziern vorbehalten war, erscheint eine Zuordnung zu diesem Stand naheliegend. Titus Livius bezeichnet ihn jedoch als Plebejer. Livius und Dionysios von Halikarnassos berichten außerdem von einem Triumph Agrippas über die Aurunker.

Nach beiden Autoren soll er in großer Armut gestorben sein, weshalb der Staat seine Bestattung bezahlt habe. Der Althistoriker Hans Georg Gundel hält diese Nachricht aber nicht für glaubwürdig. Er bewertet sie als „Exemplum paupertatis“, also als ein von antiker moralischer Geschichtsschreibung betontes Muster lobenswerter Bescheidenheit.

Die Parabel und die Sezession

Während der Ständekämpfe zogen die Plebejer 494 v. Chr. auf den Aventin oder den Mons Sacer. Sie protestierten damit gegen die ungerechte Behandlung durch die Patrizier. Der Senat soll Agrippa zu ihnen geschickt haben, um sie zur Rückkehr zu bewegen.

Nach Livius, Ab urbe condita 2,32,9, erzählte Agrippa die Parabel vom Magen und den Gliedern: Die Glieder eines Körpers stellten ihre Arbeit ein, weil sie nicht länger nur dem scheinbar faulen Magen dienen wollten. Dadurch wurden sie selbst schwach. Sie erkannten schließlich, dass in einem gegliederten Ganzen jeder Teil eine sinnvolle Aufgabe für das Ganze erfüllt. Übertragen auf den Staat bedeutet dies: Wie die Körperteile seien auch die verschiedenen Gruppen der Gesellschaft voneinander abhängig. Der Überlieferung zufolge beendeten die Plebejer daraufhin ihre Sezession.

Die althistorische Forschung betrachtet diese Erzählung als spätere Legende. Der britische Althistoriker A. Drummond nimmt an, sie stamme nicht aus römischen, sondern aus griechischen literarischen oder philosophischen Quellen. Als tatsächlichen Grund für das Ende des Streiks nennt der Artikel politische Zugeständnisse der Patrizier: Die Plebejer durften jährlich zwei eigene Magistrate wählen, die Volkstribune. Diese sollten ein Interzessionsrecht besitzen, also Entscheidungen des Senats und anderer Magistrate verhindern können.

Wirkung und unterschiedliche Deutungen

Die Fabel wurde vielfach aufgenommen. Dietmar Peil ermittelte mehr als 150 Versionen, Varianten, Bearbeitungen und Zitate. Sie unterscheiden sich in Ausgang und Deutung; teils werden sie mit Menenius Agrippa verbunden, teils ohne ihn erzählt.

Schon der Apostel Paulus griff das Bild im 1. Jahrhundert im ersten Korintherbrief auf: Die Gemeinde erscheint als Leib Christi aus vielen Teilen mit unterschiedlichen Aufgaben (1 Kor 12,12–30 Lut). Römische Historiker überliefern verschiedene Fassungen, ordnen sie aber stets in den gleichen Zusammenhang der Rückkehr der plebs in die Stadt ein und erwähnen auch die politischen Zugeständnisse an die Plebejer. Antike Fabelsammlungen übertrugen das Verhältnis von Magen und Gliedern auf das Verhältnis von Obrigkeit und Untertanen. Im Mittelalter wurde die Moral weiter gefasst: Sie betonte die gegenseitige Abhängigkeit in der Gesellschaft.

Zu Beginn der Neuzeit wurde die Fabel häufig zur Stützung bestehender Herrschaft verwendet. Erasmus Alberus deutete sie als Aufforderung, die angeblich unentbehrliche Obrigkeit zu ehren und ihr zu gehorchen. Nathan Chyträus verband sie mit Gehorsam und bereitwilliger Abgabenleistung. Georg Rollenhagen machte sie 1595 im Froschmeuseler zu einem antidemokratischen Argument. Jean de La Fontaine betonte dagegen eine ökonomische Erkenntnis und die zentrale Funktion des königlichen Hofes im Wirtschaftskreislauf.

Auch im 18. Jahrhundert überwog die politische Deutung. Daniel Wilhelm Triller stellte die Leistungen des Magens besonders heraus und verstand Dienstleistung vor allem als Pflicht der Untertanen; dadurch legitimierte seine Fassung bestehende Herrschaftsverhältnisse. Willibald Kobolt verglich den Magen mit der „Rent=Cammer“ eines Staates. Die 1760 in Nürnberg erschienene Sammlung „Aesopi Leben und auserlesene Fabeln“ fasste die Moral zusammen: „Ehr deine Obrigkeit, und gieb, was ihr gebühret, Weil sie dies schwehre Amt nur dir zum Nutzen führet.“ Im 19. Jahrhundert wurde die Fabel auch für Kinder und Jugendliche pädagogisch genutzt, etwa zur sozialen Interdependenz oder zur Betonung der Dienstbereitschaft.

In William Shakespeares 1608 entstandener Tragödie Coriolanus misslingt Menenius der Einsatz der Parabel. Ernst Bloch nannte sie 1936 „eine der ältesten Soziallügen“. Bertolt Brecht und Günter Grass griffen die Geschichte später in ihren Dramen erneut auf.

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