Ludwig Feuerbach | Religionskritik Ethik-Abi by BOE https://www.youtube.com/watch?v=dPJImnjKv4k Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Gibt es einen Gott oder hat der Mensch ihn nur erfunden? Diese Frage stellt sich der Religionskritiker Ludwig Feuerbach 1841 in seinem Werk „Das 0:10 Wesen des Christentums“. Als Antwort entwickelt er seine berühmte Projektionstheorie, die spätere Religionskritiker 0:18 wie Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud nachhaltig beeinflusst hat. Ludwig Feuerbach (1804-1872) ist einer der berühmtesten Religionskritiker überhaupt. 0:28 In seinem Hauptwerk „Das Wesen des Christentums“ (1841) entwickelt er eine fundamentale Religionskritik, in welcher er die christliche Religion - genauer die christliche Theologie und Philosophie 0:39 - kritisiert. Vor seinem Philosophiestudium hat Feuerbach ein Jahr lang Theologie studiert. 0:45 Seine hier erlangten theologischen Kenntnisse fließen ebenso in seine Religionskritik ein wie Gedanken der Aufklärung, Ideen seines Lehrers Georg Wilhelm Friedrich Hegel und 0:56 das Werk Martin Luthers. Feuerbach schließt 1828 seine Promotion in Philosophie ab und habilitiert sich schon 1:05 wenige Monate später. Ab 1829 lehrt er als Privatdozent an der Universität Erlangen. 1:13 1830 veröffentlicht er anonym seine religionskritische Schrift „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“. Auf Grund seiner religionskritischen Haltung kann Feuerbach seine Universitätslaufbahn 1:25 nicht weiter fortsetzen und verfasst seine philosophischen Schriften später als Privatgelehrter auf dem Landsitz seiner Frau, von deren Einkünften er lebt. 1:34 „Das Wesen des Christentums“ erscheint 1841 und macht ihn schlagartig berühmt. Das Werk sorgt für heftige Kontroversen. 1:43 Seine sogenannte Projektionstheorie hat großen Einfluss auf spätere Religionskritiker, vor allem auf Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud. 1:54 Feuerbach entwickelt eine anthropologische Philosophie, die ihren Bezugspunkt ausschließlich im Diesseits hat. 2:01 Seiner Ansicht nach soll man nur vom Menschen selbst ausgehen, nicht von einem göttlichen Wesen oder irgendeinem absoluten Prinzip. 2:10 Diese anthropologische Perspektive nimmt er auch in Bezug auf Religion ein. Diese ist seiner Ansicht nach eindeutig menschlichen Ursprungs, eine Konstruktion des menschlichen 2:21 Verstandes. Bei der Religion steht also kein höheres Wesen, sondern immer nur der Mensch im Mittelpunkt. 2:29 Dementsprechend ist für Feuerbach die Theologie auch keine eigenständige Wissenschaft, sondern kann auf andere Wissenschaften zurückgeführt werden, die sich ebenfalls mit dem Menschen 2:38 beschäftigen - etwa auf die Psychologie oder Anthropologie. Theologie - die Wissenschaft von Gott - ist seiner Ansicht nach Anthropologie - die Wissenschaft 2:48 vom Menschen. Feuerbach prognostiziert mit dem Fortschreiten der Wissenschaft einen natürlichen Abfall 2:54 des Menschen vom Glauben. Doch warum ist die Geschichte des Menschen immer mit einer göttlichen Vorstellung verbunden? 3:03 Feuerbach erklärt Gott als eine Projektion des Menschen. Die Vorstellung von Gott ist dem menschlichen Geist entsprungen, Gott ist so beschaffen, 3:12 wie ihn die Menschen sich wünschen. Gott existiert demnach nur in der Vorstellung, in der Einbildung des Menschen, und zwar als 3:19 idealisiertes Abbild seiner selbst. In der Bibel heißt es: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.“ Feuerbach verkehrt 3:27 diese Aussage in ihr Gegenteil und kehrt damit den Schöpfungsprozess um. Nicht Gott schuf den Menschen, sondern der Mensch seinen Gott. 3:37 „Was er (der Mensch) selbst nicht ist, aber zu sein wünscht, das stellt er sich in seinen Göttern seiend vor; die Götter sind die als wirklich gedachten, die in wirkliche Wesen 3:47 verwandelten Wünsche des Menschen.“ (Bd. VIII, 250). Den Beweis hierfür sieht Feuerbach in den Eigenschaften, die Gott zugeordnet werden. 3:55 Sie sind allesamt menschlicher Natur: Weisheit, Güte, Kraft, Gerechtigkeit, Liebe sind menschliche Eigenschaften. 4:04 Feuerbach stützt seine Behauptung geschichtlich. Der historische Wandel der Götter- und Gottesbilder entspricht vollkommen dem Wandel der menschlichen 4:12 Kultur und Menschenbilder. Die späteren Religionen betrachten dementsprechend die früheren als Götzendienst oder Aberglaube. 4:20 Die Idee Gottes resultiert also aus dem Menschen selbst. Dieser macht sein eigenes Wesen in überhöhter Weise zu dem Gottes. 4:28 Auf Gott werden dabei nur die positiven Eigenschaften des Menschen übertragen (Spiegelung). Negative Eigenschaften werden hingegen in ihr Gegenteil verkehrt (Komplementarität). 4:37 Ist der Mensch endlich, so muss Gott unendlich sein; ist der Mensch unvollkommen, so muss Gott vollkommen sein; ist der Mensch zeitlich, so muss Gott ewig sein; ist der Mensch ohnmächtig, 4:49 so muss Gott allmächtig sein; ist der Mensch sündhaft, so muss Gott heilig sein. So führt Feuerbach die Religiosität und das Göttliche allein auf den Menschen zurück. 5:01 Religion ist nichts anderes als eine transzendierte Projektion menschlicher Wünsche und Bedürfnisse. Die Idee eines Gottes und anderer religiöser Vorstellungen (wie z.B. Wunder/ewiges Leben/ 5:13 unsterbliche Seele) sind nur das Ergebnis von Wunschprojektionen des Menschen. Religion entsteht also, weil der Mensch sein eigenes Wesen als fehlerhaft und beschränkt 5:23 empfindet. In Gott kann er ein Wesen verehren, das fehlerlos und völlig unabhängig ist. 5:30 Gottesverehrung lässt sich demnach auf psychologischer Ebene als menschlicher Kompensationsversuch für die eigenen Schwächen und Defizite deuten. 5:39 Der unvollkommene Mensch erschafft sich ein vollkommenes Wesen als Gegenüber. Indem er jedoch einen Teil von sich auf ein nichtexistentes Wesen projiziert, entfremdet 5:50 er sich von sich selbst. Und welche Konsequenzen soll der Mensch nun aus alldem ziehen? 5:56 Für Feuerbach ist Religion kein Feind, der bekämpft werden muss, sondern ein Traum, aus dem der Mensch aufwachen soll, und eine Krankheit, die es zu heilen gilt. 6:07 Der Mensch soll durchschauen, dass es sich bei der Vorstellung Gottes nur um eine Projektion seiner eigenen idealisierten Eigenschaften handelt. 6:16 Es geht Feuerbach darum, den Gottesgedanken als Illusion zu enttarnen und zu entmystifizieren. Der Mensch soll erkennen, dass alles Übernatürliche natürliche Wurzeln hat und Gott nur eine 6:29 Projektion menschlicher Wünsche und Hoffnungen ist. So kann sich der Mensch von der Religion emanzipieren. 6:36 Diese ist laut Feuerbach nämlich nur ein Kindheitsstadium des menschlichen Selbstbewusstseins. Im Glauben an die Allmacht Gottes drückt sich beispielsweise der menschliche Wunsch 6:46 aus, die Natur zu beherrschen. Im Glauben an einen liebevollen und fürsorglichen Gott der Wunsch nach einem respektvollen und 6:53 solidarischen Zusammenleben. Der emanzipierte Mensch muss diese Wünsche als seine eigenen Wünsche erkennen, um sie 7:01 als Orientierung für sein Handeln nutzen zu können. Religion führt laut Feuerbach zwangsläufig zu Gleichgültigkeit und Passivität, behindert 7:10 Wissenschaft, Aufklärung, Mündigkeit und Freiheit, fördert Intoleranz gegen Nichtgläubige und verlagert die Verantwortung für das Leben weg vom Menschen. 7:21 Denn der Glaube an Gott entfremdet Feuerbachs Ansicht nach die Menschen von sich selbst und verhindert, dass sie ihre wahren Interessen erkennen. 7:29 Durch die Emanzipation von der Religion gewinnt der Mensch wieder Autonomie und Kontrolle über das Diesseits. 7:36 Dann kann er auch den politischen Mächten, die ihre Macht auf Gott gründen, ihre Macht entziehen und selbst politische Verantwortung übernehmen. 7:46 Feuerbach vertritt damit ein positives, sehr selbstbewusstes Menschenbild. Der eigentliche Gott des Menschen soll der menschliche Verstand sein. 7:53 Denn dieser hat göttliche Eigenschaften, ist unsterblich und unbegrenzt. Anstatt sich mit religiösen Mythen zu beschäftigen, soll der Mensch sich auf seinen Verstand verlassen 8:04 und nach der Wahrheit suchen. So kann er seine wahren Interessen erkennen und politisch mündig werden. 8:10 Im Zentrum allen Denkens und Handelns steht also der Mensch. Die wichtigste Aufgabe des Menschen ist, seinen eigenen Verstand zu benutzen. 8:19 Die wichtigste Aufgabe der menschlichen Gemeinschaft, für das Wohlergehen der Menschen zu sorgen. Damit vertritt Feuerbach einen radikalen Humanismus. 8:29 Er schreibt: „Homo homini deus est.“ - „Der Mensch ist dem Menschen ein Gott.“ Ein wahrer Humanismus kann sich laut Feuerbach aber erst entfalten, wenn die ehemals Gott 8:39 zugeschriebenen Eigenschaften wieder menschliche Ideale und Ziele einer humanen Lebensführung werden. 8:46 Der Mensch soll für den Menschen das höchste Wesen werden, er soll vom Gottesfreund zum Menschenfreund werden. 8:53 Das Prinzip der Moral ist für Feuerbach eine vom Gottes- und Jenseitsglauben befreite Liebe, eine Liebe zur menschlichen und nichtmenschlichen Natur. 9:04 Es gibt einige Kritikpunkte, die man gegen Feuerbachs anthropologische Religionskritik vorbringen kann. 9:10 Hier die wichtigsten drei. Zum einen ist sein Religionsbegriff recht einseitig. 9:17 Feuerbach leitet sein Religionsbild aus dem Christentum ab und kritisiert demzufolge nur die christliche oder andere theistische Religionen. 9:25 Erfahrungsreligionen wie zum Beispiel der Buddhismus bleiben von seiner Theorie unberührt. Somit wird Feuerbach der Differenziertheit und Komplexität des Phänomens Religion nicht 9:36 wirklich gerecht. Das Christentum, das Feuerbach kritisiert, ist zudem sehr einseitig gezeichnet und umfasst 9:44 nicht einmal alle Aspekte des christlichen Gottesbildes. Die Vorstellung eines richtenden, zornigen, ungerechten Gottes, wie er stellenweise im 9:53 Alten Testament beschrieben wird, lässt sich mit einer Projektion wünschenswerter Eigenschaften nicht erklären. 9:59 Zudem schließt die Existenz als Projektion eine tatsächliche Existenz nicht aus. Feuerbach kann nicht widerlegen, dass Gott jenseits meiner Wünsche und Illusionen tatsächlich 10:12 existiert. Der deutsche Philosoph Eduard von Hartmann (1842-1906) brachte diese Kritik folgendermaßen 10:17 auf den Punkt: “Es ist richtig, dass etwas darum noch nicht existiert, weil man es sich wünscht, aber das heißt nicht, dass darum etwas nicht existieren 10:26 kann, weil man es sich wünscht. Wenn die Götter Wunschwesen sind, folgt daraus für ihre Existenz oder Nichtexistenz gar 10:34 nichts.“ Bis heute konnte weder die Existenz noch die Nicht-Existenz eines Gottes bewiesen werden. 10:41 Auf dem Gedenkstein zu Ehren Feuerbachs in Nürnberg stehen zwei berühmte Zitate von ihm: „Tue das Gute um des Menschen willen.“ Und: „Der Mensch schuf Gott nach seinem 10:53 Bilde.“ Was hältst du persönlich von Feuerbachs Theorie? 10:57 Ist Gott tatsächlich nur eine Projektion menschlicher Wünsche? Schreibe deine Meinung sehr gerne unten in die Kommentare. 11:04 Mit dem Quizlet-Lernset „Ludwig Feuerbach (Klassische Religionskritik)“ kannst du dein Wissen jetzt überprüfen. 11:11 Viel Spaß beim Lernen und bis bald!