Sigmund Freud | Religionskritik Ethik-Abi by BOE https://www.youtube.com/watch?v=QpduUgzlyBo Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Für den berühmten Arzt und Psychologen Sigmund Freud ist Religion eine psychische Erkrankung, genauer eine Zwangsneurose. Wie diese Erkrankung zustande kommt und ob 0:10 sie laut Freud geheilt werden kann, erfährst du in diesem Clip. Sigmund Freud (1856-1939) war ein berühmter Arzt und Psychologe und gilt als der Begründer 0:19 der Psychoanalyse. Obwohl seine psychoanalytischen Theorien und Methoden heute umstritten sind, zählt er immer noch zu den einflussreichsten Denkern 0:28 des 20. Jahrhunderts. Freud wird 1856 als Sohn jüdischer Eltern in Freiberg in Mähren - im heutigen Tschechien - geboren. Er ist das älteste von 8 Kindern. 0:39 Obwohl Freud später Atheist wird, betont er stets die Bedeutung, die das Judentum für ihn hat. Sein Vater, ein wohlhabender Kaufmann, ist ein Patriarch, eine Autorität, zu der 0:51 der junge Sigmund hinaufblickt. Zu seiner jungen Mutter entwickelt er eine emotionale Beziehung. Freud verbringt Kindheit und Jugend in Wien. 1:00 Dort ist er immer wieder mit den antisemitischen Vorurteilen seiner christlichen Mitschüler konfrontiert, fühlt sich gedemütigt. Nach dem Abitur beginnt er ein Medizinstudium, 1:11 wird bereits 1885 Privatdozent und arbeitet ein Jahr später als Neurologe, also als Facharzt für Nervenleiden. Er heiratet und hat sechs Kinder. 1:22 Freud beginnt, die Beziehungen zwischen körperlichen und seelischen Leiden zu erforschen und konzentriert sich dabei vor allem auf unbewusste Vorgänge. Er begründet die Tiefenpsychologie 1:34 und entwickelt das Strukturmodell der Psyche. Nachdem die Nationalsozialisten in Österreich an die Macht kommen wandert Freud 1938 nach London aus und stirbt dort ein Jahr später. 1:48 Religion ist ebenso wie Technik, Wissenschaft und Moral ein Teil der Kultur. Zur Kultur gehört alles, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Sie erfüllt im Wesentlichen 3 Funktionen: 1:59 Sie stillt die Wissbegierde des Menschen, spendet Trost und Sicherheit und regelt das gesellschaftliche Miteinander. Ihre Hauptaufgabe ist es, den Menschen gegen 2:09 die Natur zu verteidigen und zwar auch gegen die eigene triebgesteuerte und somit gesellschaftsschädliche Natur des Menschen. Kultur beschützt also einerseits den Menschen 2:20 vor der außermenschlichen Natur, indem sie diese erklärt und damit beherrschbar macht. Und sie sichert ein gesellschaftliches Zusammenleben, indem sie den Menschen dazu bringt, die eigenen 2:31 Bedürfnisse und Triebe zum Wohle der Gemeinschaft zu unterdrücken und moralische Verbote und Pflichten zu akzeptieren. Da Kultur jedoch in hohem Maße auf individuellem Triebverzicht 2:43 aufgebaut ist, entwickelt der Mensch eine Feindschaft ihr gegenüber. Religion wird als das höchste aller Kulturgüter angesehen. Sie ist laut Freud eine logische 2:54 Folge der Kulturentwicklung: Anfangs vermenschlichten die Menschen die Natur, um sie besser zu verstehen und weniger Angst vor ihr zu haben. Sie personifizierten die Natur zu einer göttlichen Vaterfigur, 3:06 die mächtiger war als sie selbst. Mit der Entstehung der Naturwissenschaften konnten natürliche Phänomene wissenschaftlich erklärt und durch Technik beherrscht werden. Religion 3:17 diente nun dazu, angesichts der Leiden Trost zu spenden, einen jenseitigen Ausgleich für diesseitige Ungerechtigkeiten zu schaffen und das menschliche Zusammenleben zu regeln. 3:29 Religion erfüllt die Funktionen der Kultur jedoch nur scheinbar. Die Wissbegierde des Menschen kann sie nicht wirklich stillen, da ihre Antworten auf die 3:37 ungelösten Fragen falsch sind. Sie kann keinen wirklichen Trost und keine wirkliche Sicherheit spenden, da sie auf einer falschen Verheißung beruht. 3:46 Zudem fordert sie einen viel größeren Triebverzicht, als es für ein funktionierendes gesellschaftliches Miteinander notwendig wäre. Religion hindert den Menschen an der Entfaltung 3:58 und Erkenntnis seiner Persönlichkeit und führt zur intellektuellen Verkümmerung, da sie die Menschen zum bedingungslosen Glauben an irrationale Inhalte zwingt und Denkverbote 4:08 erteilt. Freud stellt sich die Frage: Welche psychologische Erklärung gibt es für das kulturelle Phänomen der Religion? 4:18 Grundlage für Freuds Religionskritik ist die Projektionstheorie von Ludwig Feuerbach. Ebenso wie Feuerbach und später Marx hält auch Freud Religion für eine Projektion des 4:29 Menschen. Im Gegensatz zu Marx sieht Freud den Ursprung der religiösen Illusion jedoch nicht in der gesellschaftlichen Ordnung, sondern wieder - wie Feuerbach - im Individuum. Freud 4:41 versucht nun, Feuerbachs Theorie psychologisch zu untermauern. Die Entstehung von Religion ist seiner Ansicht nach nämlich ein psychologisches Phänomen: 4:50 „Die Psychoanalyse hat uns den intimen Zusammenhang zwischen dem Vaterkomplex und der Gottesgläubigkeit gelehrt, hat uns gezeigt, daß der persönliche Gott nichts anderes ist als ein erhöhter 5:02 Vater, und führt uns täglich vor Augen, wie jugendliche Personen den religiösen Glauben verlieren, sobald die Autorität des Vaters bei ihnen zusammenbricht. Im Elternkomplex 5:13 erkennen wir also die Wurzel des religiösen Bedürfnisses.“ (Sigmund Freud. 1910. Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci.) Ausgangspunkt von Freuds Religionskritik ist 5:21 die Frage: „Warum glauben immer noch so viele Menschen an Gott, obwohl die Aussagen der Religion so absurd sind?“ Freud geht davon aus, dass Menschen deshalb 5:31 an einen Gott glauben, weil sie nicht erwachsen werden wollen. Sie suchen wie ein Kind Trost und Hilfe bei einem imaginären Vater im Himmel. Religion ist aus psychologischer Sicht Ausdruck 5:43 des kindlichen Wunsches nach bedingungsloser Sicherheit und Geborgenheit. Als kleines Kind macht der Mensch die Erfahrung, vollkommen schutzlos einer gefährlichen und 5:54 feindseligen Welt ausgesetzt zu sein. Er wünscht sich Schutz und Sicherheit, die er bei seinem Vater findet. Als erwachsener Mensch muss er dann jedoch feststellen, dass die Macht 6:05 des Vaters begrenzt ist und nicht ausreicht, um ihn vor allen Gefahren des Lebens zu schützen. Er bemerkt, dass der reale Vater nicht allmächtig ist. Vor allem angesichts der eigenen Sterblichkeit 6:18 erkennt er, dass es immer noch Gefahren gibt, denen er schutzlos ausgeliefert ist. Aus dieser frustrierenden Einsicht entwickelt sich Freuds Ansicht nach die religiöse Illusion. Der 6:30 Mensch schafft sich einen Über-Vater, indem er seinen realen Vater ins Unendliche überhöht, ihn umwandelt in einen allmächtigen, himmlischen Vater - Gott. 6:41 Beim Menschen entwickelt sich ein solcher Vaterkomplex deshalb, da er unter allen Tierarten am längsten hilflos und von der Fürsorge der Eltern abhängig ist. Dadurch prägt sich 6:53 früh ein psychologisches Schutzbedürfnis aus, das wieder erstarkt, sobald der Erwachsene seine Hilflosigkeit gegenüber den „großen Mächten des Lebens“ erkennt. 7:02 Der erwachsene Mensch fühlt sich hilflos und schutzbedürftig, da er Angst vor der Zukunft und dem Tod hat. Religion beschwichtigt diese Ängste und erfüllt gleichzeitig die 7:13 stärksten Wünsche des Menschen. Von der Illusion Gottes erhofft sich der Mensch Gerechtigkeit, Antworten auf schwierige Fragen wie z.B. nach der Entstehung der Welt oder 7:24 einem Leben nach dem Tod sowie vor allem Schutz und Halt. Die Stärke der Religion erklärt sich laut Freud aus der Stärke dieser Wünsche und Hoffnungen. 7:34 Er schreibt: „(Religiöse Vorstellungen), die sich als Lehrsätze ausgeben, sind nicht Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Denkens, es sind Illusionen, Erfüllungen 7:46 der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit; das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche.“ (Sigmund Freud. 1927. Die Zukunft einer Illusion). 7:55 Gott als überhöhte Vaterfigur kann den Menschen aus den Gefahren des Lebens retten und in einem ewigen Leben nach dem Tod alle diesseitigen Leiden und Ungerechtigkeiten wiedergutmachen. 8:07 Religion ist für den Menschen laut Freud eine „hilfreiche Illusion“. Sie bringt zwar keine wirkliche Hilfe, wohl aber eine seelische Entlastung. Freud nennt sie „eine 8:16 großartige Erleichterung für die Einzelpsyche“. (Sigmund Freud. 1927. Die Zukunft einer Illusion) Die Religion ist für Freud als infantile Illusion weder beweisbar noch widerlegbar, 8:25 jedoch sehr unwahrscheinlich. Er schreibt: „Es wäre ja schön, wenn es einen Gott gäbe als Weltenschöpfer und gütige Vorsehung, eine sittliche Weltordnung und ein jenseitiges 8:37 Leben, aber es ist doch sehr auffällig, dass dies alles so ist, wie wir es uns wünschen müssen." (Sigmund Freud. 1927. Die Zukunft einer Illusion) 8:44 Religion ist also höchstwahrscheinlich zu schön, um wahr zu sein. Freud geht davon aus, dass mit wachsender wissenschaftlicher Erkenntnis mehr und mehr 8:53 Menschen vom Glauben abfallen werden. Durch die Wissenschaft wird sich der Mensch nämlich mehr und mehr seiner Geringfügigkeit bewusst. Freud bezeichnet Religion aber nicht nur als 9:03 Projektion oder Illusion, sondern außerdem als „universelle Zwangsneurose“. Um zu verstehen, was er damit meint, betrachten wir zunächst sein Menschenbild, genauer sein 9:14 berühmtes Strukturmodell der Psyche. Laut Freud wird sich der Mensch mit zunehmendem wissenschaftlichem Fortschritt mehr und mehr bewusst, wie klein und unbedeutend er eigentlich 9:25 ist. Bereits drei Kränkungen durch die Wissenschaft musste er hinnehmen. Die erste Kränkung (kosmologische Kränkung) war die kopernikanische Wende: Die Erde - und 9:34 damit auch der Mensch - ist nicht mehr Mittelpunkt des Weltalls, sondern nur ein winziger Teil davon. Damit verliert auch die katholische Kirche und das christliche Menschenbild, welches 9:45 den Menschen als Krone der Schöpfung betrachtet, an Glaubwürdigkeit. Die zweite Kränkung (biologische Kränkung) erfuhr der Mensch von der Biologie. Die Evolutionstheorie 9:54 lehrt nämlich, dass der Mensch gemeinsame Vorfahren mit dem Affen hat. Damit verliert der Mensch seine Sonderstellung und wird zum „Tier unter Tieren“. 10:02 Die dritte Kränkung (psychologische Kränkung) nun stammt von der Psychologie. Diese hat erkannt, dass der Mensch vom Unbewussten, von seinen Trieben gesteuert ist. Der Mensch 10:13 ist damit nicht mehr „Herr im eigenen Haus“. Die dritte Kränkung ist für Freud die empfindlichste, denn sie greift den Menschen als Individuum an und stellt das eigenständige Denken und 10:24 Handeln, die Vernunft, die Freiheit des Menschen und damit auch seine Verantwortung in Frage. Sigmund Freud ist Begründer der Psychoanalyse, einer neuen Wissenschaft, welche erstmals 10:36 systematisch untersucht, wie Bewusstes und Unbewusstes beim Menschen zusammen hängen. Freuds Strukturmodell der Psyche setzt sich aus 3 Instanzen, dem Ich, dem Über-Ich und 10:48 dem Es zusammen. Alle Instanzen erfüllen eine spezifische Funktion und nehmen Einfluss auf das Verhalten des Menschen. 10:56 Bei seiner Geburt besteht der Mensch nur aus dem Es. Das Es ist das Unbewusste: psychischer Ausdruck der Triebe, Bedürfnisse und Affekte. Es strebt nach dem Lustprinzip und fordert 11:09 sofortige Bedürfnisbefriedigung. Laut Freud ist der Mensch von zwei Grundtrieben beherrscht, dem Lebenstrieb „Eros“ (libidinös, sexuell) und dem Zerstörungstrieb „Destrudo“ (destruktiv, 11:20 aggressiv). Zum Lebenstrieb gehören alle Prozesse, die Lustgewinn zum Ziel haben, vor allem die Sexualität, aber auch Nahrungsaufnahme usw. Der Zerstörungstrieb 11:30 umfasst bedrohliche Aspekte, wie beispielsweise Aggression. Erst durch Interaktion mit der Außenwelt entwickelt sich das Ich und schließlich - durch 11:39 den Einfluss der Eltern und anderer Autoritäten - das Über-Ich. Das Über-Ich ist die Orientierung am Moralitätsprinzip, also an sozialen Normen, Werten, Ge- und Verboten, 11:52 die seit der Kindheit erlernt und internalisiert wurden. Es verlangt Gehorsam und sagt uns, was wir tun sollen bzw. nicht tun dürfen. Hier finden wir das, was wir umgangssprachlich 12:04 Gewissen nennen, aber auch das Ich-Ideal, also das Idealbild, welches der Mensch von sich selbst hat. Das Über-Ich repräsentiert den gesellschaftlichen Normenkatalog, den 12:15 der Mensch zur eigenen Orientierung und Sanktionierung nutzen kann. Es strebt danach, moralische Ansprüche zu erfüllen. Das Über-Ich ist u.a. von der Religion geprägt, es enthält 12:27 also auch verinnerlichte religiöse Ge- und Verbote. Zwischen Es und Über-Ich besteht ein Konflikt. Das Ich steht in der Mitte und vermittelt 12:37 zwischen den Instanzen Es und Über-Ich. Es entspricht dem bewussten Denken, ist aber nicht ausschließlich bewusst. Das Ich funktioniert nach dem Realitätsprinzip. Es versucht, vernünftig 12:49 zu handeln und die Wünsche des Es mit den Forderungen des Über-Ichs und der Außenwelt in Einklang zu bringen. Das ist gar nicht so leicht. 12:57 Ein gesunder Mensch verfügt über Ich-Stärke, also einen gelingenden Ausgleich zwischen Es und Über-Ich. Das Ich kann hier mit vernünftigen und realitätsgerechten Entscheidungen zwischen 13:09 den divergierenden Anforderungen von Es und Über-Ich vermitteln. Gelingt dieser Ausgleich nicht, so wird der Mensch psychisch krank, entwickelt beispielsweise 13:20 eine Neurose. Eine solche Neurose sieht Freud bei religiösen Menschen. Doch wie kommt er zu dieser Diagnose? Religion ist laut Freud eine kollektive Zwangsneurose. 13:31 Eine Neurose ist eine Zwangshandlung, beispielsweise ein Waschzwang. Sie entsteht, wenn Triebe unterdrückt oder verdrängt werden. Da die Verdrängung der Triebe immer nur unvollkommen 13:43 gelingt, verspürt der Mensch Angst und kompensiert seine Ängste durch neurotische Zwangshandlungen. Freud stellt fest, dass es auffällige Gemeinsamkeiten zwischen den Handlungen von Zwangsneurotikern 13:56 und rituellen religiösen Handlungen gibt. So haben religiöse Menschen beispielsweise ein schlechtes Gewissen, wenn sie ein Ritual nicht ausführen. Sie wollen den Ablauf des 14:05 Rituals unbedingt vor äußeren Störungen schützen. Sie sind extrem gewissenhaft in der Ausführung des Rituals und steigern es zu einem immer komplizierteren Zeremoniell. 14:17 Es gibt Bußhandlungen, um mögliche Strafen bei Fehlern oder Mängeln zu vermeiden. Und nach Vollzug des Rituals schlägt die kurzfristige Befriedigung schnell in ein neues, starkes 14:29 Schuldgefühl um. Freud schreibt: „Nach diesen Übereinstimmungen kann man die Zwangsneurose als pathologisches Gegenstück 14:37 zur Religionsausübung auffassen, (…) die Religion als eine universelle Zwangsneurose." (Freud. 1907. Zwangshandlungen und Religionsübungen) Ebenso wie eine Neurose entstand laut Freud 14:46 auch die Religion durch die ständige Verdrängung der menschlichen Triebe (Es). Im Unterschied zur Neurose werden bei der Religion nicht nur sexuelle Triebe, sondern auch egoistische, 14:56 sozialschädliche Triebe unterdrückt, was prinzipiell sinnvoll ist. Jedoch übertreibt die Religion und stellt übertrieben hohe, sinnlose moralische Forderungen an den Menschen. 15:08 Sie macht dem Menschen ein schlechtes Gewissen und droht bei Übertretung der Normen mit höllischen Strafen. Auf berechtigte Widerstände hiergegen antwortet sie mit Denkverboten. 15:19 So bändigt Religion zwar asoziale Triebe und sichert das gesellschaftliche Miteinander. Gleichzeitig entsteht beim Menschen aber ein überstarkes Über-Ich. 15:29 Das Ich kann zwischen der übertriebenen religiösen Moral des Über-Ich und den Trieben des Es keinen sinnvollen Ausgleich herstellen und unterdrückt demzufolge immer stärker die 15:42 Triebe des Es. Zudem hält sie den Menschen durch eine verzerrte Wahrnehmung und die Illusion eines übermächtigen Vaters davon ab, sich mit seinen Ängsten 15:51 auseinandersetzen zu müssen. So entwickelt der Mensch bzw. die ganze religiöse Menschheit eine Neurose, eine kollektive Zwangsneurose. Freud fordert ein Überwinden der kollektiven 16:05 Zwangsneurose Religion. So wie jeder einzelne Mensch im Laufe seiner Entwicklung seine Neurosen überwindet, soll auch die Kultur das neurotische Stadium der Religiosität überwinden. Die 16:17 Menschheit muss sich aus der kollektiven Neurose der Religion befreien, indem sie einsieht, dass es sich dabei nur um eine Illusion handelt. Freud ist davon überzeugt, dass nur die Wissenschaft, 16:27 als Teil der Kultur, dazu fähig ist, die Funktionen von Wissbegier, Trost und Sicherheit sowie einem geregelten gesellschaftlichem Miteinander wirklich zu erfüllen. 16:37 Denn die Wissenschaft ist keine Illusion, sondern bietet wirkliche Lösungen für die Probleme des Menschen an. Nur die Kraft der menschlichen Vernunft kann 16:46 die Probleme wirklich lösen, für die vorher die Religion nur scheinbare Lösungen anbot. Freud fordert, dass der Mensch endlich erwachsen werden soll. Die Religion soll nicht länger 16:57 die Triebwünsche des Menschen bändigen, sondern der Mensch selbst durch seine Vernunft. Der Mensch soll sich vom Jenseits lösen und sich mit all seinen Fähigkeiten und Kräften 17:07 aufs Diesseits konzentrieren. Freud schreibt: „Dadurch, dass er seine Erwartungen vom Jenseits abzieht und alle freigewordenen Kräfte auf das irdische Leben 17:18 konzentriert, wird er wahrscheinlich erreichen können, dass das Leben für alle erträglich wird und die Kultur keinen mehr erdrückt.“ Religion soll durch Rationalität ersetzt 17:28 werden. Der Mensch soll seine Kräfte und Fähigkeiten vom Jenseits lösen und auf seine diesseitige Existenz konzentrieren. Freud plädiert damit für eine rationale, wissenschaftlich 17:40 aufgeklärte Lebenshaltung und ein Engagement für eine bessere Welt im Hier und Jetzt. Religion lähmt nämlich den Fortschritt. Die Menschheit muss ihre religiösen Illusionen 17:51 aufgeben, um im Hier und Jetzt wirkungsvoll tätig zu werden. Doch was bedeutet das nun ganz konkret? Zunächst einmal sollten kulturelle Normen 18:01 rational begründet werden und nicht durch einen angeblichen Willen Gottes. Menschen könnten so ihre Normen selbst gestalten und auf Grund der rationalen Einsicht in ihre 18:12 Notwendigkeit einhalten. Kultur wäre dementsprechend kein von oben auferlegter Zwang mehr, sondern etwas, was im vernünftigen Interesse aller liegt. 18:22 Gesellschaftsschädigende Triebe müssten nicht länger unterdrückt, sondern könnten rational durchdacht und aufgearbeitet werden. Der Mensch soll seine Triebhaftigkeit zur 18:32 Kenntnis nehmen und sie nicht verleugnen und ins Unbewusste verdrängen. Ansonsten entwickelt er nämlich eine Neurose. Freud möchte Menschen nicht zu einer plötzlichen 18:42 Aufgabe ihrer Religion zwingen. Niemand kann einen Gläubigen dazu überreden, seinen Glauben aufzugeben. Und man kann von niemandem verlangen, sein Leben von heute auf morgen ohne die Hilfe 18:53 und den Trost seiner Religion zu meistern. Wie ein Kind langsam erwachsen wird, muss der Mensch sich laut Freud Schritt für Schritt an ein selbstbestimmtes Leben ohne Religion 19:03 gewöhnen. Hierzu ist rationale Aufklärung nötig. Denn nur diese ermöglicht dem Menschen ein selbstbestimmtes und freies Leben. 19:12 Aber ist nicht der Glaube an die Wissenschaft selbst eine Illusion? „Unwahrscheinlich“, sagt Freud. Denn im Gegensatz zur Religion ist Wissenschaft für 19:20 Widerlegungen offen und hat sich schon häufig praktisch bewiesen. Sie hat bereits viele Probleme der Menschheit gelöst, rationale Erklärungen für verschiedenste Phänomene 19:30 gefunden und sie entwickelt sich ständig weiter. Freud ist davon überzeugt, dass sich die rationale und überprüfbare Wissenschaft 19:38 gegenüber der Religion durchsetzen wird, da vernünftiges Denken mehr Stabilität geben kann als bloßes Glauben und Hoffen. Auch an Freuds Religionskritik lässt sich 19:51 einiges kritisieren. Hier die wichtigsten 3 Kritikpunkte. Freud stützt seine Theorie von der Religion als kollektive Zwangsneurose hauptsächlich 20:00 auf Beobachtungen zu religiösen Vorstellungen und Verhaltensweisen, die er bei seinen Patienten machte. Hierbei handelt es sich um eine unzulässige Generalisierung. Aus Fehlformen religiöser 20:12 Praxis kann man nicht auf einen wesensmäßigen Zusammenhang von Religion und Neurose schließen. Freuds Gottesbild - Gott als autoritäre Vaterfigur - steht dem Gott der Bibel, v.a. des Neuen 20:26 Testaments, entgegen. Dieser wird beschrieben als liebevoller und vergebender Gott, der gerade nicht unbedingten Gehorsam einfordert, sondern in seinem Sohn Jesus Christus Mensch 20:36 wurde und für die Sünden der Menschen den Kreuzestod starb. Nicht-theistische Religionen oder Religionen mit Muttergottheiten lassen sich ebenfalls nicht mit Freuds Theorie erklären. 20:48 Den dritten wichtigen Kritikpunkt kennen wir wieder von der Kritik an Feuerbach. Dass es sich bei Gott um eine Projektion menschlicher Wünsche handelt, widerlegt nicht, dass er 20:58 in Realität tatsächlich existieren kann. Wie ist deine Meinung? Ist Religion tatsächlich eine psychische Erkrankung? Und: Kann Wissenschaft Religion wirklich ersetzen? 21:11 Schreibe deine Gedanken zu diesem spannenden Thema sehr gerne unten in die Kommentare. Mit dem Quizlet-Lernset „Sigmund Freud (Klassische Religionskritik)“ kannst du dein Wissen 21:21 jetzt überprüfen. Viel Spaß beim Lernen und bis bald!