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Freie Atonalität in Musik und Kunst - von Michael Gielen (1927 - 2019)

Lebendige Kultur - Living Culture57:28 2.062 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 132 Zeilen
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  1. meine persönliche meinung ist dass diese zeit der sogenannten freien atonalität überhaupt ein höhepunkt des menschlichen geistes überhaupt ist sich eben ganz der
  2. autoritäten zu entledigen und völlig auf sich selbst als autonomes individuum zu vertrauen und die musik aus den eigenen gehirnwindungen zu schöpfen
  3. sozusagen nur neues das passiert ganz ganz ganz viel [Musik]
  4. [Musik] [Applaus] [Musik] [Applaus]
  5. [Musik] [Musik]
  6. [Musik] natürlich kann man so etwas wie opus 16 nummer eins von schönberg auch rein
  7. psychologisch oder psychoanalytisch erklären die konflikte im menschen drin zum beispiel wie man sie sieht in dem erschütternden selbstbildnis von
  8. schönberg der als dilettantischer maler da eine ungeheure wahrheit' intensität über sich selber auf die leinwand bringt das heißt station psychoanalytiker
  9. zugehen objektiviert er seinen konflikt in dem ein bild daraus macht man könnte sicherlich die diese seelische verfassung die aus diesem bild spricht
  10. auch zur grundlage von opus 16 nummer eins lägen aber im nicht der geschichte und nach den judenverfolgungen höre ich das eben anders ist dass das ist mir als
  11. privates leiden von herrn a s ist mir das nicht bedeutungsvoll genug und die musik scheint mir so einzigartig arnold schönberg geboren 1874 der 1883 geborene
  12. anton webern und alban berg jahrgang 1885 sind das triumvirat der zweiten wiener schule schönberg schüler in wien sind berg und webern ab 1904 die werke
  13. der heutigen sendung werden in den fünf jahren vor dem ersten weltkrieg komponiert schönbergs orchesterstücke 1909 weberns orchesterstücke 1911 und
  14. 1913 werks orchesterstücke 1913 14 [Musik] dieser große moment des aufbruchs in
  15. kühle luft von anderen planeten wirklich als ein kontinentales ereignis das in allen diesen kultur ländern mitteleuropas die große künstlerische
  16. veränderung darauf hinweist dass sich etwas geistiges verändert und das kann man religiös sehen oder oder wie auch immer wir sehr sehr machtvolle negativ
  17. einflüsse in weltkrieg führen also dass die dass der geist und die kultur und die künstler sich auf einem weg befinden der diametral entgegengesetzt ist der
  18. entwicklung der machtinstrumente und des imperialistischen denkens der regierungen und das in diesem crash wie heißt das in diesem zusammenstoß
  19. von 1914 bis 18 sicherlich vieles folgen von diesem aufbruch verschüttete aber andererseits erst durch den weltkrieg einiges aus diesen kunstwerken erkennbar
  20. wird als vorahnung eins zu eins wird nie ein kunstwerk aus einer gattung zu einem anderen passen
  21. aber die gemeinsame entstehungszeit und diese aufbruchs atmosphäre vor dem ersten weltkrieg die glaube ich haben bringen schon viel gemeinsam wie zb das
  22. kandinsky sein buch vom geistigen ender kunst nennt das deutet schon auf einen ansatz der mit schönberg was zu tun haben könnte oder dass delaunay eine in
  23. etwa analoge behandlung des formlosen und der form wie berg beinhaltet ich glaube schon dass es entsprechend gibt oder die große sparsamkeit buckley
  24. [Musik] [Musik] [Gelächter]
  25. [Musik] [Musik] der heutigen sendung bringen wir
  26. verschiedenartigsten musikstücke zusammen und doch kann man sie unter einen begriff bringen nämlich den begriff der
  27. kürze sie sind allesamt recht kurz die stücke von w lan sehr kurz die stücke von schönberg immerhin auch nicht gerade sehr lang
  28. wie kommt es zu dieser konstellation in dieser zeit ich glaube dass durch den verlust der tonalität die komponisten quasi
  29. entwurzelt waren also das werkzeug das so lange gedient hatte die form zu bilden aus seinen inserenten spannungen war plötzlich weg sie sind
  30. zurückgeworfen auf ihre neuartige erfindung und trauern wohl den neuen material nicht genügend um daraus große formen zu bauen
  31. das passiert allerdings auch ganz kurz schon nach diesen schönberg stücken von heute in dem nächsten opus von schönberg nämlich in der erwartung diesem monodram
  32. für sopran und orchester das 30 minuten dauert das ist aber ein einzelfall der normalfall ist die kürze die die aphoristische sozusagen
  33. [Musik] die unbeweglichkeit in diesem sommermorgen an einem see ist fast so
  34. groß wie ein liege dies atmosphäre und der untertitel farben sagt uns um was äs schönberg geht die darstellung dessen was normalerweise das äußere kleid eines
  35. musikalischen vorgangs war als substanz als struktur einzig wenig verändernder akkord von fünf noten wird in verschiedener beleuchtung vorgeführt ab
  36. und zu fällt ein blatt auf die unbewegte aber schillernde oberfläche [Musik] ein hauptthema eines der hauptthemen in
  37. dieser sendereihe für mich war versuchen zu zeigen wie die geschichte des individuums in konfrontation mit dem kollektiv für die komponisten diese
  38. vorführen sich abspielt oder wie die stücke die geschichte der menschlichen gesellschaft im zwanzigsten jahrhundert willentlich oder unwillentlich
  39. reflektiert und in den stücken von berg ist das geradezu über deutlich abzulesen wie der instrumental solist also der repräsentant des subjekts des
  40. individuums mit einer unkontrollierbaren menge kämpft die ihn runter drückt die ihn erstickt so was kommt auch bei schönberg in dem sonst eher lieblichen
  41. zweiter orchesterstück vor wo der sommer morgen an einem see dann doch ein bisschen unheimlich wird aber die beispiele die ich bringen werde von der
  42. sologeige gegen eine große orchester masse die reflektieren einen gesellschaftlichen vorgang der in etwa mit dem kollektiven schock aus schönberg
  43. etwas zu tun haben kann wie geht dieser kampf in beiden fällen aus schlecht für sie individuell gut fürs kollektiv das ist ja das
  44. geschichtliche [Musik]
  45. in diesem zweiten stück mit dem titel reigen ist nun ein solcher reichtum von gestalten beziehungen und übergängen das ist eine ganze sendung kaum
  46. ausreichen würde das alles hörbar zu machen ich möchte ein kleines motiv in seinen verwandlungen vorführen wie ein
  47. charakter aus einem roman hat das motiv ein eigenleben ein schicksal das was ich ausgesucht habe ist ganz einfach nur vier
  48. aufsteigende töne wie eine fanfare da da da es doch zuerst auf im ersten stück kurz nach dem höhepunkt im zweiten stück kommt es erst verkleidet das
  49. aschenputtel als unauffällige begleitung erst in der branche dann in den hafen sie werden es im kontext kaum wahrnehmen
  50. [Musik] dann ist es einmal deutlicher ausgesprochen und sein echo klingt verschwommen lange nach in den hörnern
  51. als harmonischer kit [Musik] dann ist es plötzlich ein aufreizendes wahlmotiv am höhepunkt der wildheit des
  52. tanzes erscheint es wieder kurz vor dem zerbröseln dieser situation und aus der lange stagnierenden unentschlossenheit des nächsten abschnitts wird es
  53. allmählich der anfang der zündstoff zum letzten walzer [Musik] [Applaus]
  54. [Musik] und so ähnlich ergeht es den meisten gestalten die hier ihr eigenleben in einer fast chaotischen umgebung führen
  55. [Musik] [Applaus] [Musik]
  56. [Musik] [Applaus] [Musik]
  57. [Applaus] [Musik] schauen wir uns die begleitungen in diesem zweiten orchesterstück von berg
  58. an die hauptsache ist dass fanfaren motiv fortgesetzt von der sologeige eine situation der vorbereitung und der auflösung vor dem ersten walzer
  59. ich möchte ihre aufmerksamkeit aber auf die vielfalt der harmonie lenken da haben wir zuerst die zwei hörner die das fanfaren motiv harmonisch fortsetzen
  60. [Musik] dann die hafen die glissandi von verminderten sepp tina gordon spielen das abgenutzte bindemittel der spinalen
  61. musik klingt es geradezu exotisch [Musik] dann die celli mit ihren abgaben die
  62. hörner fortsetzen [Musik] schließlich die flöten mit ihren
  63. chromatischen linien in flotter zunge [Musik] nun alle diese verschleierung und verwischt manöver gleichzeitig
  64. [Musik] so viele harmonische vorgänge zur selben zeit das ist die schöpferische friedlichste anarchie jedes geht seinen
  65. eigenen weg und toleriert dass andere illusionen von 1913 und dagegen muss sich nun die sologeige behaupten die allerdings allmählich von ihren kollegen
  66. verstärkt wird [Musik] wenn wir soeben als letztes dem reigen von albert gehört haben
  67. so fällt auf dass auch er in einer zeit geschrieben ist wo ein stilmittel von musik insgesamt oder eine basis von musik insgesamt zerstört worden ist die
  68. tonalität was ist denn überhaupt gewonnen mit dem zerstören der tonalität sowas macht man ja nicht mit absicht das ist die geschichtliche entwicklung
  69. und analog zum zerfall der positiven aspekte der bürgerlichen gesellschaft zerfällt das system das der musik der bürgerlichen zeit zugrunde lag von bach
  70. bis wismar lausanne hat der ja nicht sein vorgänger sondern ein zeitgenosse von schönberg und berg ist was gewonnen wurde
  71. das hat sich schon im tristan herausgebildet nämlich dass die harmonie immer durch reale stimmen dargestellt wird ähnlich wie bei bach mit andere
  72. musik aber dass das vorgehen dass der wasser continuo also die der marsch der harmonie der gang der harmonie in realen stimmen gesagt wird das war nach bach
  73. verloren gegangen in der harmonie und wurde wieder gewonnen durch wagners art zu komponieren besonders in tristan [Musik]
  74. diese musik ist sehr stark konstruiert gibt es in der malerei da ähnliche zusammenhänge als laie würde ich würde ich sagen dass kubismus unter
  75. konstruktivismus mit geometrischen formen arbeiten die natürlich eine konstruktion eingehen in dem bild ganzen und dass wenn wir an die bilder von
  76. kandinsky denken die wir heute gesehen haben dass es keinen hintergrund gibt es ist alles vordergrund und es erweckt auch nicht den eindruck von perspektive
  77. sondern frei im raum schwebenden objekten [Musik]
  78. die verschiedenen möglichkeiten in der gesellschaft reflektieren sich in verschiedenen musikalischen darstellungen dieser dritte gedanke aus
  79. schönbergs zweiten stück wo diese solo branche die oberstimme spielt und ein leicht kindliches motiv sozusagen zum nachsingen spielt ist durch konstruiert
  80. durch individuelle stimmen die in tieferen lagen eben keine begleitung sondern ein eigenes system darstellen spielen
  81. [Musik] [Applaus] [Musik]
  82. später in dem stück gibt es eine stelle wo das fagott eine kleine phase spielt und dadurch dass die anderen instrumente sozusagen ein fallen ihnen wiederholen
  83. im nachplappern ersticken sie ihn das empfinde ich sehr stark ist ein gesellschaftliches moment das ersticken an der vielfalt an der menge an der
  84. menge also u bahnfahren in tokio [Musik] [Applaus] [Musik]
  85. [Musik] [Musik] die gesamte musik über die wir heute
  86. sprechen und die wir heute hören ist ja komponiert am vorabend des ersten weltkriegs also auch die werke von alban berg das opus 6 von dem wir sprechen ist
  87. davon überhaupt etwas spürbar auch im falle von berg ich glaube es ist sehr stark spürbar es ist die geräusche fähre im ersten
  88. stück es ist natürlich der marsch es ist dieser abschied von der bürgerlichen gesellschaftsform im reigen und ohne so
  89. präzise jetzt sich auf geschichte festlegen zu wollen es ist sein seine persönliche konstellation also wie seine
  90. persönlichkeit gebaut ist diese bändigung die man spürt zwischen chaotischen kräften zwischen triebkräfte die offenbar sehr stark waren und seiner
  91. seinem formwillen die sowieso unbändigen arbeit mit mit diesen elementen die eigentlich ja dauernd in einem chaos explodieren wollen das ist die situation
  92. vor einer revolution zugleich also ist es ist psychisch und gesellschaftlich glaube ich relevant die gleichzeitigkeit von größter komplexität und einer großen
  93. ökonomie die in der arbeit erscheint so ist der ton des ganzen der malers ein toter trauer und ein ton der zersetzung und das alles bei besessener arbeit an
  94. der konstruktion nicht seine form wuchert geradezu weg vegetabil ich und wächst so ins ins ungewisse und er zwingt sie zusammen zu strengen
  95. architektur [Musik] [Musik] [Applaus]
  96. [Musik] zu der zeit als webern am fünften stück aus opus 10 arbeitete meldete er an
  97. schönberg es bilden sich mir jetzt wieder verhältnismäßig längere sätze klebern der komponist in kürze wie sieht ein längerer satz bei ihm aus er hat
  98. früher dem schönberg geschrieben dass er sehr viele einfälle hat dass er eine ganze reihe stücke schreibt aber es fallen nur kurze sachen einsackte und
  99. das hat damit zu tun dass das material vorläufig nicht genügend organisiert ist um den zusammenhalt längere formen zu garantieren
  100. was ein was komponisten dieses anspruchs einfach von sich selber fordern sie folgen also nur dem einfall soweit er sie trägt in sozusagen im ersten schub
  101. was diese längere stücke sind die von 1913 da gibt es dieses lied oh sanftes blühender berge auf einen text von webern selber das hat 35 takte und eine
  102. das fünfte orchesterstück seele hat 30 glaube ich in etwa das sind dann schon längere formen verglichen mit einem stück von sechs takten fünfmal so lang
  103. aber wie viele takte sie haben es ist irrelevant es kommt auch auf die geschwindigkeit an das kann ein stück von vielen takten viel kürzer sein als
  104. eins mit langen takten im langsamen tempo auf die geschwindigkeit und auf die menge information glaube ich kommt es an um etwas kurz oder lang zu nennen
  105. mit kürze ist der opus 10 nummer vier durchaus nicht definiert sondern es ist die fülle des stücks die perfektion der darstellung von delikaten gedanken die
  106. es einfach nicht länger sein lassen [Musik] die fragilität die zerbrechlichkeit die
  107. die feingliedrigkeit dieser gebilde und die gibt ts eliot in zwei zeilen aus dem gedicht island sehr gut wieder dieses the world ends notenbanker wimper so
  108. endet die welt nicht mit einem knall sondern mit einem wimmern [Musik]
  109. [Musik] [Applaus] [Musik]
  110. [Musik] [Musik]
  111. [Musik] [Musik]
  112. [Musik] [Applaus] [Musik]
  113. [Musik] [Musik]
  114. [Musik] [Musik]
  115. [Musik] [Musik]
  116. [Musik] [Musik]
  117. [Musik] [Musik]
  118. [Musik] [Musik]
  119. [Musik] [Musik] [Applaus]
  120. [Musik] [Applaus] [Musik]
  121. [Musik] [Musik]
  122. [Musik] [Musik] [Applaus]
  123. [Musik] [Applaus] [Musik]
  124. [Applaus] [Musik] [Musik] [Applaus]
  125. [Musik] [Applaus] [Musik] [Applaus]
  126. [Musik] [Musik]
  127. [Musik] [Musik]
  128. [Musik] [Musik]
  129. [Musik] [Musik]
  130. [Musik] [Applaus] [Musik]
  131. [Musik] [Musik]
  132. [Musik]

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