Freie Atonalität in Musik und Kunst - von Michael Gielen (1927 - 2019) Lebendige Kultur - Living Culture https://www.youtube.com/watch?v=KZ9MYzDrMRo Transkript (automatisch erstellt) 0:06 meine persönliche meinung ist dass diese zeit der sogenannten freien atonalität überhaupt ein höhepunkt des menschlichen geistes überhaupt ist sich eben ganz der 0:17 autoritäten zu entledigen und völlig auf sich selbst als autonomes individuum zu vertrauen und die musik aus den eigenen gehirnwindungen zu schöpfen 0:29 sozusagen nur neues das passiert ganz ganz ganz viel [Musik] 1:13 [Musik] [Applaus] [Musik] [Applaus] 1:42 [Musik] [Musik] 2:28 [Musik] natürlich kann man so etwas wie opus 16 nummer eins von schönberg auch rein 2:49 psychologisch oder psychoanalytisch erklären die konflikte im menschen drin zum beispiel wie man sie sieht in dem erschütternden selbstbildnis von 3:03 schönberg der als dilettantischer maler da eine ungeheure wahrheit' intensität über sich selber auf die leinwand bringt das heißt station psychoanalytiker 3:15 zugehen objektiviert er seinen konflikt in dem ein bild daraus macht man könnte sicherlich die diese seelische verfassung die aus diesem bild spricht 3:24 auch zur grundlage von opus 16 nummer eins lägen aber im nicht der geschichte und nach den judenverfolgungen höre ich das eben anders ist dass das ist mir als 3:38 privates leiden von herrn a s ist mir das nicht bedeutungsvoll genug und die musik scheint mir so einzigartig arnold schönberg geboren 1874 der 1883 geborene 3:57 anton webern und alban berg jahrgang 1885 sind das triumvirat der zweiten wiener schule schönberg schüler in wien sind berg und webern ab 1904 die werke 4:15 der heutigen sendung werden in den fünf jahren vor dem ersten weltkrieg komponiert schönbergs orchesterstücke 1909 weberns orchesterstücke 1911 und 4:25 1913 werks orchesterstücke 1913 14 [Musik] dieser große moment des aufbruchs in 4:41 kühle luft von anderen planeten wirklich als ein kontinentales ereignis das in allen diesen kultur ländern mitteleuropas die große künstlerische 4:54 veränderung darauf hinweist dass sich etwas geistiges verändert und das kann man religiös sehen oder oder wie auch immer wir sehr sehr machtvolle negativ 5:09 einflüsse in weltkrieg führen also dass die dass der geist und die kultur und die künstler sich auf einem weg befinden der diametral entgegengesetzt ist der 5:22 entwicklung der machtinstrumente und des imperialistischen denkens der regierungen und das in diesem crash wie heißt das in diesem zusammenstoß 5:35 von 1914 bis 18 sicherlich vieles folgen von diesem aufbruch verschüttete aber andererseits erst durch den weltkrieg einiges aus diesen kunstwerken erkennbar 5:49 wird als vorahnung eins zu eins wird nie ein kunstwerk aus einer gattung zu einem anderen passen 6:04 aber die gemeinsame entstehungszeit und diese aufbruchs atmosphäre vor dem ersten weltkrieg die glaube ich haben bringen schon viel gemeinsam wie zb das 6:15 kandinsky sein buch vom geistigen ender kunst nennt das deutet schon auf einen ansatz der mit schönberg was zu tun haben könnte oder dass delaunay eine in 6:28 etwa analoge behandlung des formlosen und der form wie berg beinhaltet ich glaube schon dass es entsprechend gibt oder die große sparsamkeit buckley 6:42 [Musik] [Musik] [Gelächter] 6:58 [Musik] [Musik] der heutigen sendung bringen wir 7:25 verschiedenartigsten musikstücke zusammen und doch kann man sie unter einen begriff bringen nämlich den begriff der 7:32 kürze sie sind allesamt recht kurz die stücke von w lan sehr kurz die stücke von schönberg immerhin auch nicht gerade sehr lang 7:40 wie kommt es zu dieser konstellation in dieser zeit ich glaube dass durch den verlust der tonalität die komponisten quasi 7:51 entwurzelt waren also das werkzeug das so lange gedient hatte die form zu bilden aus seinen inserenten spannungen war plötzlich weg sie sind 8:00 zurückgeworfen auf ihre neuartige erfindung und trauern wohl den neuen material nicht genügend um daraus große formen zu bauen 8:10 das passiert allerdings auch ganz kurz schon nach diesen schönberg stücken von heute in dem nächsten opus von schönberg nämlich in der erwartung diesem monodram 8:19 für sopran und orchester das 30 minuten dauert das ist aber ein einzelfall der normalfall ist die kürze die die aphoristische sozusagen 8:31 [Musik] die unbeweglichkeit in diesem sommermorgen an einem see ist fast so 9:05 groß wie ein liege dies atmosphäre und der untertitel farben sagt uns um was äs schönberg geht die darstellung dessen was normalerweise das äußere kleid eines 9:17 musikalischen vorgangs war als substanz als struktur einzig wenig verändernder akkord von fünf noten wird in verschiedener beleuchtung vorgeführt ab 9:28 und zu fällt ein blatt auf die unbewegte aber schillernde oberfläche [Musik] ein hauptthema eines der hauptthemen in 10:21 dieser sendereihe für mich war versuchen zu zeigen wie die geschichte des individuums in konfrontation mit dem kollektiv für die komponisten diese 10:32 vorführen sich abspielt oder wie die stücke die geschichte der menschlichen gesellschaft im zwanzigsten jahrhundert willentlich oder unwillentlich 10:42 reflektiert und in den stücken von berg ist das geradezu über deutlich abzulesen wie der instrumental solist also der repräsentant des subjekts des 10:54 individuums mit einer unkontrollierbaren menge kämpft die ihn runter drückt die ihn erstickt so was kommt auch bei schönberg in dem sonst eher lieblichen 11:09 zweiter orchesterstück vor wo der sommer morgen an einem see dann doch ein bisschen unheimlich wird aber die beispiele die ich bringen werde von der 11:19 sologeige gegen eine große orchester masse die reflektieren einen gesellschaftlichen vorgang der in etwa mit dem kollektiven schock aus schönberg 11:29 etwas zu tun haben kann wie geht dieser kampf in beiden fällen aus schlecht für sie individuell gut fürs kollektiv das ist ja das 11:39 geschichtliche [Musik] 12:18 in diesem zweiten stück mit dem titel reigen ist nun ein solcher reichtum von gestalten beziehungen und übergängen das ist eine ganze sendung kaum 12:28 ausreichen würde das alles hörbar zu machen ich möchte ein kleines motiv in seinen verwandlungen vorführen wie ein 12:37 charakter aus einem roman hat das motiv ein eigenleben ein schicksal das was ich ausgesucht habe ist ganz einfach nur vier 12:47 aufsteigende töne wie eine fanfare da da da es doch zuerst auf im ersten stück kurz nach dem höhepunkt im zweiten stück kommt es erst verkleidet das 13:03 aschenputtel als unauffällige begleitung erst in der branche dann in den hafen sie werden es im kontext kaum wahrnehmen 13:15 [Musik] dann ist es einmal deutlicher ausgesprochen und sein echo klingt verschwommen lange nach in den hörnern 13:35 als harmonischer kit [Musik] dann ist es plötzlich ein aufreizendes wahlmotiv am höhepunkt der wildheit des 13:57 tanzes erscheint es wieder kurz vor dem zerbröseln dieser situation und aus der lange stagnierenden unentschlossenheit des nächsten abschnitts wird es 14:16 allmählich der anfang der zündstoff zum letzten walzer [Musik] [Applaus] 14:34 [Musik] und so ähnlich ergeht es den meisten gestalten die hier ihr eigenleben in einer fast chaotischen umgebung führen 15:02 [Musik] [Applaus] [Musik] 15:44 [Musik] [Applaus] [Musik] 16:10 [Applaus] [Musik] schauen wir uns die begleitungen in diesem zweiten orchesterstück von berg 16:18 an die hauptsache ist dass fanfaren motiv fortgesetzt von der sologeige eine situation der vorbereitung und der auflösung vor dem ersten walzer 16:30 ich möchte ihre aufmerksamkeit aber auf die vielfalt der harmonie lenken da haben wir zuerst die zwei hörner die das fanfaren motiv harmonisch fortsetzen 16:43 [Musik] dann die hafen die glissandi von verminderten sepp tina gordon spielen das abgenutzte bindemittel der spinalen 17:14 musik klingt es geradezu exotisch [Musik] dann die celli mit ihren abgaben die 17:32 hörner fortsetzen [Musik] schließlich die flöten mit ihren 17:55 chromatischen linien in flotter zunge [Musik] nun alle diese verschleierung und verwischt manöver gleichzeitig 18:20 [Musik] so viele harmonische vorgänge zur selben zeit das ist die schöpferische friedlichste anarchie jedes geht seinen 18:48 eigenen weg und toleriert dass andere illusionen von 1913 und dagegen muss sich nun die sologeige behaupten die allerdings allmählich von ihren kollegen 18:59 verstärkt wird [Musik] wenn wir soeben als letztes dem reigen von albert gehört haben 19:51 so fällt auf dass auch er in einer zeit geschrieben ist wo ein stilmittel von musik insgesamt oder eine basis von musik insgesamt zerstört worden ist die 20:04 tonalität was ist denn überhaupt gewonnen mit dem zerstören der tonalität sowas macht man ja nicht mit absicht das ist die geschichtliche entwicklung 20:12 und analog zum zerfall der positiven aspekte der bürgerlichen gesellschaft zerfällt das system das der musik der bürgerlichen zeit zugrunde lag von bach 20:26 bis wismar lausanne hat der ja nicht sein vorgänger sondern ein zeitgenosse von schönberg und berg ist was gewonnen wurde 20:40 das hat sich schon im tristan herausgebildet nämlich dass die harmonie immer durch reale stimmen dargestellt wird ähnlich wie bei bach mit andere 20:52 musik aber dass das vorgehen dass der wasser continuo also die der marsch der harmonie der gang der harmonie in realen stimmen gesagt wird das war nach bach 21:03 verloren gegangen in der harmonie und wurde wieder gewonnen durch wagners art zu komponieren besonders in tristan [Musik] 21:24 diese musik ist sehr stark konstruiert gibt es in der malerei da ähnliche zusammenhänge als laie würde ich würde ich sagen dass kubismus unter 21:37 konstruktivismus mit geometrischen formen arbeiten die natürlich eine konstruktion eingehen in dem bild ganzen und dass wenn wir an die bilder von 21:47 kandinsky denken die wir heute gesehen haben dass es keinen hintergrund gibt es ist alles vordergrund und es erweckt auch nicht den eindruck von perspektive 21:58 sondern frei im raum schwebenden objekten [Musik] 22:18 die verschiedenen möglichkeiten in der gesellschaft reflektieren sich in verschiedenen musikalischen darstellungen dieser dritte gedanke aus 22:27 schönbergs zweiten stück wo diese solo branche die oberstimme spielt und ein leicht kindliches motiv sozusagen zum nachsingen spielt ist durch konstruiert 22:39 durch individuelle stimmen die in tieferen lagen eben keine begleitung sondern ein eigenes system darstellen spielen 22:49 [Musik] [Applaus] [Musik] 23:33 später in dem stück gibt es eine stelle wo das fagott eine kleine phase spielt und dadurch dass die anderen instrumente sozusagen ein fallen ihnen wiederholen 23:46 im nachplappern ersticken sie ihn das empfinde ich sehr stark ist ein gesellschaftliches moment das ersticken an der vielfalt an der menge an der 23:55 menge also u bahnfahren in tokio [Musik] [Applaus] [Musik] 24:35 [Musik] [Musik] die gesamte musik über die wir heute 25:25 sprechen und die wir heute hören ist ja komponiert am vorabend des ersten weltkriegs also auch die werke von alban berg das opus 6 von dem wir sprechen ist 25:35 davon überhaupt etwas spürbar auch im falle von berg ich glaube es ist sehr stark spürbar es ist die geräusche fähre im ersten 25:44 stück es ist natürlich der marsch es ist dieser abschied von der bürgerlichen gesellschaftsform im reigen und ohne so 25:55 präzise jetzt sich auf geschichte festlegen zu wollen es ist sein seine persönliche konstellation also wie seine 26:06 persönlichkeit gebaut ist diese bändigung die man spürt zwischen chaotischen kräften zwischen triebkräfte die offenbar sehr stark waren und seiner 26:18 seinem formwillen die sowieso unbändigen arbeit mit mit diesen elementen die eigentlich ja dauernd in einem chaos explodieren wollen das ist die situation 26:29 vor einer revolution zugleich also ist es ist psychisch und gesellschaftlich glaube ich relevant die gleichzeitigkeit von größter komplexität und einer großen 26:42 ökonomie die in der arbeit erscheint so ist der ton des ganzen der malers ein toter trauer und ein ton der zersetzung und das alles bei besessener arbeit an 26:59 der konstruktion nicht seine form wuchert geradezu weg vegetabil ich und wächst so ins ins ungewisse und er zwingt sie zusammen zu strengen 27:10 architektur [Musik] [Musik] [Applaus] 27:53 [Musik] zu der zeit als webern am fünften stück aus opus 10 arbeitete meldete er an 28:04 schönberg es bilden sich mir jetzt wieder verhältnismäßig längere sätze klebern der komponist in kürze wie sieht ein längerer satz bei ihm aus er hat 28:15 früher dem schönberg geschrieben dass er sehr viele einfälle hat dass er eine ganze reihe stücke schreibt aber es fallen nur kurze sachen einsackte und 28:28 das hat damit zu tun dass das material vorläufig nicht genügend organisiert ist um den zusammenhalt längere formen zu garantieren 28:37 was ein was komponisten dieses anspruchs einfach von sich selber fordern sie folgen also nur dem einfall soweit er sie trägt in sozusagen im ersten schub 28:47 was diese längere stücke sind die von 1913 da gibt es dieses lied oh sanftes blühender berge auf einen text von webern selber das hat 35 takte und eine 29:02 das fünfte orchesterstück seele hat 30 glaube ich in etwa das sind dann schon längere formen verglichen mit einem stück von sechs takten fünfmal so lang 29:10 aber wie viele takte sie haben es ist irrelevant es kommt auch auf die geschwindigkeit an das kann ein stück von vielen takten viel kürzer sein als 29:17 eins mit langen takten im langsamen tempo auf die geschwindigkeit und auf die menge information glaube ich kommt es an um etwas kurz oder lang zu nennen 29:27 mit kürze ist der opus 10 nummer vier durchaus nicht definiert sondern es ist die fülle des stücks die perfektion der darstellung von delikaten gedanken die 29:38 es einfach nicht länger sein lassen [Musik] die fragilität die zerbrechlichkeit die 30:10 die feingliedrigkeit dieser gebilde und die gibt ts eliot in zwei zeilen aus dem gedicht island sehr gut wieder dieses the world ends notenbanker wimper so 30:26 endet die welt nicht mit einem knall sondern mit einem wimmern [Musik] 31:24 [Musik] [Applaus] [Musik] 32:38 [Musik] [Musik] 33:20 [Musik] [Musik] 34:23 [Musik] [Applaus] [Musik] 36:29 [Musik] [Musik] 37:49 [Musik] [Musik] 38:19 [Musik] [Musik] 38:55 [Musik] [Musik] 39:28 [Musik] [Musik] 40:54 [Musik] [Musik] 42:32 [Musik] [Musik] [Applaus] 45:14 [Musik] [Applaus] [Musik] 45:47 [Musik] [Musik] 46:19 [Musik] [Musik] [Applaus] 49:05 [Musik] [Applaus] [Musik] 49:59 [Applaus] [Musik] [Musik] [Applaus] 50:30 [Musik] [Applaus] [Musik] [Applaus] 51:50 [Musik] [Musik] 53:17 [Musik] [Musik] 54:06 [Musik] [Musik] 55:00 [Musik] [Musik] 56:25 [Musik] [Applaus] [Musik] 56:54 [Musik] [Musik] 57:13 [Musik]