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Welfare mix

Der Begriff welfare mix bezeichnet ein analytisches Konzept der sozialwissenschaftlichen Wohlfahrtsstaatsforschung, das sich mit der Erbringung, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernidee des Welfare Mix
  2. 2. Entstehung und Perspektive
  3. 3. Analytischer Rahmen
  4. 4. Vier Sektoren der Wohlfahrtsproduktion
  5. 5. Untersuchungsebenen und Anwendungen
  6. 6. Verwandte Begriffe

Kernidee des Welfare Mix

Der Begriff „welfare mix“ bezeichnet ein analytisches Konzept der sozialwissenschaftlichen Wohlfahrtsstaatsforschung. Es untersucht, wie Wohlfahrtsgüter und Wohlfahrtsleistungen erbracht, organisiert und reguliert werden. Wohlfahrt meint hier Leistungen und Bedingungen, die das soziale Wohl von Menschen sichern oder verbessern, zum Beispiel Pflege, soziale Dienste oder Unterstützung im Alltag.

Wichtig ist der Gedanke einer gemischten Wohlfahrtsproduktion: Wohlfahrt entsteht nicht nur durch den Staat oder den Markt. Auch Familie, Gemeinschaft, Nachbarschaft, freiwilliges Engagement, Zivilgesellschaft und Non-Profit-Organisationen tragen dazu bei. Das Konzept fragt daher, welchen Beitrag die einzelnen gesellschaftlichen Sektoren, Institutionen und Akteursgruppen leisten und wie sie zusammenwirken. Dieses Zusammenwirken wird auch unter dem Begriff Governance betrachtet, also als Steuerung, Koordination und Aushandlung zwischen verschiedenen Beteiligten.

Der Begriff wird seit den 1980er Jahren in der internationalen vergleichenden Forschung zu Sozialstaat und Wohlfahrtsstaat verwendet. Er ist auch in Fachdiskussionen eingegangen, etwa zu bürgerschaftlichem Engagement und Pflegepolitik.

Entstehung und Perspektive

Konzepte gemischter Wohlfahrtsproduktion werden in den Sozialwissenschaften seit etwa den 1970er Jahren verwendet. Sie entstanden im Zusammenhang mit Diskussionen über Wohlfahrt, Sozialstaat, Sozialpolitik und Gemeinwohl. Diese Diskussionen waren oft durch Gegensätze wie „Staat-Markt“ oder „öffentlich-privat“ geprägt. Solche Gegensätze beziehen sich etwa auf Fragen von Staatsversagen und Marktversagen.

Die Perspektive des welfare mix erweitert diese Sicht ausdrücklich um informelle Bereiche. Dazu gehören Haushalte, Familien, Nachbarschaften und freiwilliges Engagement. Dadurch wird die einfache Gegenüberstellung von Staat und Markt aufgelöst. Familie und Gemeinschaft werden als eigenständiger Sektor der Wohlfahrtsproduktion betrachtet.

In der Weiterentwicklung wurde das Modell zusätzlich um die formelle beziehungsweise organisierte Zivilgesellschaft und um Non-Profit-Organisationen ergänzt. Damit wird anerkannt, dass freiwillige, nicht marktbezogene und nicht staatliche Organisationen eine besondere Rolle bei der Erbringung und Gestaltung von Wohlfahrtsleistungen spielen.

Analytischer Rahmen

Konzepte gemischter Wohlfahrtsproduktion beschreiben keine historisch völlig neuen Phänomene. Sie bieten vielmehr eine neue Perspektive auf Gesellschaften und Staaten, auf ihre Wohlfahrtsorganisation und auf deren Steuerung. Im Zentrum stehen die spezifischen Beiträge einzelner Sektoren, Institutionen und Akteursgruppen sowie deren Zusammenwirken.

Besonders wichtig ist dabei der Dritte Sektor. Damit ist die organisierte Zivilgesellschaft beziehungsweise der Nonprofit-Bereich gemeint. Er liegt weder vollständig beim Staat noch beim Markt und umfasst zum Beispiel organisierte freiwillige Zusammenschlüsse und Wohlfahrtsorganisationen.

Das Konzept ermöglicht eine differenzierte Betrachtung über einfache Gegensätze wie „Staat-Markt“ oder „Öffentlich-Privat“ hinaus. Es bezieht ökonomische, politische und gesellschaftliche Funktionen und Perspektiven ein.

Es kann in zwei Richtungen verwendet werden: analytisch-deskriptiv und normativ-politisch. Analytisch und deskriptiv dient es dazu, nationale, regionale oder lokale welfare mixes zu beschreiben, etwa ihre Ressourcen, Strukturen, Ergebnisse und Wirkungen. Außerdem untersucht es das Zusammenwirken verschiedener Handlungslogiken, Aushandlungsprozesse und Formen von Governance. Normativ-politisch kann das Konzept Aussagen darüber machen, wie ein Welfare Mix gesteuert und gestaltet werden soll, welche Beiträge einzelne Sektoren leisten sollen und welche Formen von Kooperation und Aushandlung erwünscht sind.

Vier Sektoren der Wohlfahrtsproduktion

Im Mittelpunkt des Konzepts steht die Unterscheidung verschiedener gesellschaftlicher Sektoren und ihrer Beiträge zur Wohlfahrtsproduktion. Eine einfache Darstellung ist das „Wohlfahrtsdreieck“ aus Staat, Markt und Gemeinschaft. Häufig wird aber ein erweitertes Vier-Sektoren-Modell verwendet. Es unterscheidet Staat, Markt, den informellen Sektor und den formal organisierten Sektor der Zivilgesellschaft.

Nach Evers/Olk, die 1996 auf Grundlage früherer Ansätze Merkmale dieser Sektoren herausarbeiteten, hat jeder Sektor eine eigene Logik. Der Markt-Sektor ist mit der Institution Markt verbunden. Sein Prinzip der Handlungskoordination ist Wettbewerb. Der zentrale kollektive Akteur auf der Angebotsseite sind Unternehmen. Auf der Nachfrageseite stehen Konsumenten oder Kunden. Zugang erfolgt über Zahlungsfähigkeit, das Austauschmedium ist Geld, der zentrale Bezugswert ist Wahlfreiheit, und das Gütekriterium ist Wohlstand. Zentrale Defizite sind Ungleichheit und die Negierung nicht monetarisierbarer Folgelasten.

Der Staats-Sektor ist mit dem Staat verbunden. Sein Koordinationsprinzip ist Hierarchie. Zentrale Akteure sind öffentliche Verwaltungen. Auf der Nachfrageseite steht der Sozialbürger. Zugang erfolgt über legal verbürgte Anspruchsrechte, das Austauschmedium ist Recht, der zentrale Bezugswert ist Gleichheit, und das Gütekriterium ist Sicherheit. Defizite können die Vernachlässigung von Minderheitsbedürfnissen, Einschränkungen von Dispositionsfreiheiten und die Entmutigung von Selbsthilfemotiven sein.

Der informelle Sektor oder Sektor der Haushaltsproduktion ist mit Gemeinschaft verbunden. Sein Koordinationsprinzip ist persönliche Verpflichtung. Zentrale Akteure sind Familien, Nachbarschaften, erweiterte Verwandtschaftsnetze, Betriebskollegien und Freundschaftsbeziehungen. Auf der Nachfrageseite steht das Mitglied der Gemeinschaft, zum Beispiel der Familie oder Nation. Zugang entsteht durch Askription oder Kooptation. Das Austauschmedium ist Wertschätzung oder Achtung, der zentrale Bezugswert ist Reziprozität oder Altruismus, und das Gütekriterium ist persönliche Teilhabe. Defizite sind Einschränkungen der Wahlfreiheit durch moralische Verpflichtung und der Ausschluss von Nichtmitgliedern.

Der Nonprofit-Sektor oder intermediäre Bereich gehört zur Zivilgesellschaft. Sein Prinzip der Handlungskoordination ist Freiwilligkeit. Zentrale Akteure sind Assoziationen, also Zusammenschlüsse von Menschen. Auf der Nachfrageseite stehen Mitglieder der Assoziation oder Mitbürger. Die Zugangsregel ist Bedürftigkeit, das Austauschmedium sind Argumente und Kommunikation, der zentrale Bezugswert ist Solidarität, und das Gütekriterium ist soziale und politische Aktivierung. Defizite können ungleiche Verteilung von Leistungen und Gütern, Professionalisierungsdefizite und eine reduzierte Effektivität von Management- und Organisationsstrukturen sein.

Untersuchungsebenen und Anwendungen

Auf Grundlage der idealtypischen Unterscheidung der Sektoren untersucht die Forschung vor allem, wie diese Institutionen und Handlungslogiken zusammenwirken. Es geht um Interdependenzen, also wechselseitige Abhängigkeiten, und um unterschiedliche „mixes“ der Wohlfahrtsproduktion.

Solche Mischungen können auf mehreren Ebenen untersucht werden: auf der Ebene nationaler wohlfahrtsstaatlicher Arrangements, auf regionaler oder lokaler Ebene, auf der Ebene einzelner Organisationen und auf der Ebene individueller oder persönlicher Arrangements. Einzelne soziale Dienstleistungsorganisationen können dabei als „hybride Organisationen“ betrachtet werden, weil sie Merkmale verschiedener Sektoren verbinden.

Ein typisches Beispiel ist der „Pflegemix“. Damit ist die kombinierte Versorgung durch professionelle und unbezahlte Pflegearbeit gemeint. In der Pflege kann ein solcher Mix Angehörige, Freunde, Nachbarn, Pflege-Organisationen, Professionelle und Freiwillige einbeziehen.

Wichtige Forschungsfelder und Anwendungsbereiche sind Wohlfahrtsstaat und Sozialpolitik, Partizipation und Engagement, Zivilgesellschaft, Dritter Sektor und Pflege. Auch in der englischsprachigen Geographie wird auf Ansätze des welfare mix Bezug genommen, besonders bei sozialgeographischen Themen im Bereich geography of care/health und des voluntary sectors.

Verwandte Begriffe

Neben „welfare mix“ werden mehrere verwandte Begriffe verwendet. „Pflege-Mix“ bezeichnet besonders im Bereich Pflege das Zusammenwirken verschiedener Beteiligter, etwa von Angehörigen, Freunden, Nachbarn, Pflege-Organisationen, Professionellen und Freiwilligen.

„Mixed economy of welfare“ und „gemischte Wohlfahrtsproduktion“ betonen die ökonomischen Bezüge bei Erbringung und Finanzierung von Wohlfahrtsleistungen.

Der Begriff „Wohlfahrtspluralismus“ hebt stärker demokratie- und partizipationstheoretische Aspekte hervor. Im Vordergrund steht hier der Pluralismus der Organisationsformen und ihre gesellschaftliche Einbettung. Betrachtet werden zum Beispiel bürgerschaftliches Engagement, Partizipation, die Bedeutung von Koproduktion und die Rolle von Wohlfahrtsorganisationen.

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