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Visual History

Visual History ist eine Historische Hilfswissenschaft und zeichnet sich durch einen breiten, interdisziplinären Zugang zum Visuellen in der Geschichte aus. Sie …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Begriff und Entstehung
  3. 3. Forschungsgeschichte
  4. 4. Bildbegriff und Bildlichkeit
  5. 5. Methoden und Analyseansätze
  6. 6. Historische Bildforschung und Diskursanalyse

Grundidee und Bedeutung

Visual History ist ein Forschungsfeld der Geschichtswissenschaft, besonders der Neuesten Geschichte und Zeitgeschichte. Es untersucht Bilder nicht nur als Quellen für historische Erkenntnis, sondern auch als eigene Gegenstände der Forschung. Gemeint sind statische Bilder, bewegte Bilder sowie elektronisch erzeugte und verlinkte Bilder. Visual History fragt danach, wie Geschichte sichtbar gemacht wird und wie visuelle Formen selbst historisch geprägt sind.

Das Feld gilt als Historische Hilfswissenschaft und arbeitet interdisziplinär. Es verbindet geschichtswissenschaftliche Quellenanalyse mit Methoden aus Kunstgeschichte, Kunstwissenschaft, Philosophie, Anthropologie, Volkskunde, Ethnologie und Medienwissenschaft. Verwandte deutschsprachige Begriffe sind Historische Bildkunde und Historische Bildforschung; im angelsächsischen Raum gibt es Überschneidungen mit Visual Studies, Visual Culture Studies und Visual Anthropology.

Wichtig ist die Grundannahme, dass Bilder nicht bloß etwas abbilden. Sie können Sichtweisen, Werte, Ängste, Gegenbilder und politische Deutungen erzeugen oder verstärken. Deshalb interessiert Visual History nicht nur der Bildinhalt, sondern auch Produktion, Verbreitung, Rezeption und Wirkung eines Bildes.

Begriff und Entstehung

Der Begriff Visual History wurde im deutschsprachigen Raum erstmals 1991 von Gerhard Jagschitz verwendet. Er forderte eine sozialwissenschaftliche und ganzheitliche Beschäftigung mit dem Medium Bild, ähnlich wie Oral History das Medium Ton einbezogen hatte. Gerhard Paul erweiterte den Untersuchungsgegenstand von der Fotografie auf alle visuellen Medien, darunter Postkarten, Plakate, Comics, Karikaturen, Filme sowie elektronische Bilder aus Fernsehen und Internet.

Die Entwicklung wurde stark durch den Visual Turn und Iconic Turn Anfang der 1990er Jahre beeinflusst. Diese Wenden in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften reagierten auf das Sprachmonopol des Linguistic Turns und rückten Bilder, Zeichen und Symbole stärker in den Mittelpunkt. William J. T. Mitchell und Gottfried Boehm fragten nach der Bedeutung von Visualität für Denken und Wahrnehmung; dadurch entstanden auch Visual Culture Studies als interdisziplinäres Dach, zu dem Visual History als geschichtswissenschaftliche Säule gerechnet werden kann.

Nach Gerhard Paul umfasst Visual History drei Aspekte: erstens bildliche Wahrnehmung, Auffassung und Vorstellung von Geschichte sowie die historische Entwicklung des Optischen; zweitens alle Methoden, die Erkenntnisgewinn an visuellen Objekten ermöglichen; drittens die Hoffnung auf neue digitale und vernetzte Darstellungen geschichtlicher Zusammenhänge.

Forschungsgeschichte

Schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert untersuchten Historiker wie Jules Michelet, Jacob Burckhardt und Karl Lamprecht Bilder mentalitätsgeschichtlich, also als Hinweise auf kollektive Vorstellungen und Moralauffassungen einer Zeit. Eine systematische Bildanalyse nach dem Vorbild der Quellenkritik für Texte gab es aber lange nicht. Methodische Diskussionen begannen erst in den 1920er Jahren. Eine produktive Zusammenarbeit zwischen Kunsthistorikern und Historikern wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen und erst in den 1960er Jahren wieder stärker aufgenommen.

In den 1980er und 1990er Jahren gewann die Mentalitäts- und Alltagsgeschichte an Bedeutung. Sie verstand Bilder als eigenständige Quellen und bereicherte besonders die Forschung zum Mittelalter und zur Frühen Neuzeit. Später kamen Impulse aus Kultur- und Politikwissenschaft hinzu, etwa zur Bildsprache sozialer und politischer Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Auch Gedächtnis- und Erinnerungsforschung, etwa bei Harald Welzer sowie Aleida und Jan Assmann, öffnete neue Themenfelder, weil Bilder als „Traditionsmotoren“ verstanden wurden.

Gerhard Paul sieht den Visual Turn inzwischen in der deutschen Geschichtswissenschaft angekommen. Gründe dafür sind ein Paradigmenwechsel durch eine jüngere Historikergeneration und technische Entwicklungen wie das Internet, das Bildrecherche stark vereinfacht hat. Weiterer Forschungsbedarf besteht nach Paul bei verlässlichen Methoden zur Analyse der Rezeption visueller Medien und bei einer stärkeren Beschäftigung mit bewegten Bildern.

Bildbegriff und Bildlichkeit

Der Bildbegriff ist für Visual History grundlegend, aber umstritten. Historikerinnen und Historiker betrachten traditionell vor allem materielle Bilder. Jens Jäger betont, dass Bilder zeigen, was eine Gesellschaft in einer bestimmten Zeit für abbildungswürdig, normal, abweichend, schön oder hässlich hält. Heike Talkenberger versteht Bilder nicht als reine Abbilder, sondern als Kräfte, die Wirklichkeit beeinflussen und Meinungen oder Ängste formen können. Martina Heßler hebt hervor, dass die Geschichtswissenschaft auch die Möglichkeiten, Grenzen, Funktionsweisen und historische Bedeutung des Mediums Bild untersuchen müsse.

Horst Bredekamp entwickelte die „Theorie des Bildaktes“. Danach ist ein Bild nicht nur Abbild der Realität, sondern kann selbst neue Realitäten schaffen. Als Beispiele werden die US-Serie „Holocaust“ von 1979, die Wehrmachtsausstellung von 1995 bis 1999, Bilder der Sprengung der Buddha-Statuen im März 2001, des Terroranschlags auf das World Trade Center am 11. September 2001 und des Abu-Ghuraib-Folterskandals im Mai 2004 genannt.

W. J. T. Mitchell unterscheidet fünf Kategorien von Bildern: grafische Bilder wie Gemälde oder Statuen, optische Bilder wie Projektionen, perzeptuelle Bilder wie Sinnesdaten und Erscheinungen, geistige Bilder wie Träume, Erinnerungen und Ideen sowie sprachliche Bilder. Sein Bildbegriff umfasst materielle und immaterielle Bilder. Gottfried Boehm entwickelte unter dem Stichwort Iconic Turn eine Bildtheorie, die die eigene Logik von Bildern und ihre „ikonische Differenz“ betont: Bilder gehören zur materiellen Kultur und tragen zugleich symbolische Bedeutung.

Die Bild-Anthropologie Hans Beltings betrachtet Bilder als Ergebnis persönlicher und gesellschaftlicher Symbolisierung. Bilder werden dabei nicht isoliert verstanden, sondern im Zusammenhang mit menschlichen Erfahrungen von Raum, Zeit und Tod. Ein Beispiel ist das Marienbild von Guadalupe, das vor der Unabhängigkeit Mexikos Symbol spanischer Kolonialherrschaft war und später Sinnbild des jungen Staates wurde.

Die Bildsemiotik untersucht Bilder als Zeichen. Nach Ferdinand de Saussure besteht ein Zeichen aus Signifikant, Signifikat und Referent. Der Signifikant ist die Ausdrucksseite, etwa eine gezeichnete Flasche; das Signifikat ist die Vorstellung oder Bedeutung; der Referent ist das reale Objekt. Die Verbindung zwischen Zeichen und Objekt beruht auf Konventionen. Auch scheinbare Ähnlichkeit ist nach Ansätzen von Nelson Goodman und Umberto Eco nicht einfach natürlich, sondern gesellschaftlich geprägt.

Methoden und Analyseansätze

Visual History besitzt keine einheitliche Methode. Martin Lengwiler fordert ein „doppeltes Bezugssystem“, das sowohl das Bild selbst als auch sein historisches und gesellschaftliches Umfeld untersucht. Gerhard Paul und Karin Hartewig sprechen sich für einen offenen, flexiblen Methodenmix aus. Die besondere Leistung historischer Bildforschung liegt in der Kontextualisierung: Bilder werden in ihre Entstehungs-, Verbreitungs-, Nutzungs- und Deutungszusammenhänge eingeordnet.

Ein zentrales Problem ist die Frage, wie Bilder Evidenz und Autorität erhalten. Evidenz bedeutet hier, dass Bildern oft große Authentizität zugeschrieben wird. Autorität meint, dass Bilder Verhalten oder Urteile beeinflussen können. Ein Porträt scheint zum Beispiel genauere Informationen über das Aussehen einer Person zu liefern als ein Text. Doch diese Evidenz liegt nicht einfach im Bild selbst, sondern hängt auch vom Medium, von zeitgenössischen Zuschreibungen und von Kontextwissen ab.

Gerhard Paul unterscheidet drei Zugriffe: Bilder als historische Quellen, Bilder als kommunikative Medien und Bilder als „generative“, also eigenständig wirkmächtige Kräfte. Als Quellen zeigen sie zeitgenössische Sichtweisen und kulturell geformte Blickwinkel. Als Medien transportieren sie Deutungen, etwa in Werbung oder Propaganda, und können kollektive Identität prägen. Als generative Kräfte können sie selbst geschichtliche Wirkungen hervorbringen, also Handlungen, Protest oder Schmerz auslösen.

Heike Talkenberger unterscheidet fünf kombinierbare Ansätze: realienkundliche Bildinformation zur materiellen Kultur; ikonographische beziehungsweise ikonologische Analyse nach Erwin Panofsky; funktionsanalytische Betrachtung von Auftraggebern, Rezeption und gesellschaftlichen Funktionen; semiotische Analyse visueller Zeichen und Symbole; sowie rezeptionsästhetische Analyse der Bedeutungsbildung durch Betrachter.

Rainer Wohlfeil entwickelte im Anschluss an Aby Warburg und Erwin Panofsky die Historische Bildkunde. Panofskys Modell umfasst vor-ikonografische Beschreibung, ikonografische Analyse und ikonologische Interpretation. Wohlfeil übernahm ein Dreischrittschema: vor-ikonologische Beschreibung, ikonographisch-historische Analyse und Erschließen des historischen Dokumentensinns. Ziel ist, Bilder als Ausdruck historischer Mentalität und als eigene Quelle historischen Erkenntnisgewinns zu verstehen.

Historische Bildforschung und Diskursanalyse

Jens Jäger und Martin Knauer vertreten die Historische Bildforschung. Sie geht von einem weit gefassten Bildbegriff aus, beschränkt sich aber in der Praxis auf materielle Bilder. Metaphorische Bilder bleiben dadurch weitgehend außen vor; mentale Bilder werden jedoch nicht völlig ausgeschlossen, weil materielle Bilder oft im Zusammenhang mit mentalen Bildern entstehen. Wie stark materielle Bilder Ausdruck mentaler Bilder sind, gilt historisch als noch nicht ausreichend erforscht.

Diskurstheoretische Bildanalyseverfahren knüpfen an Michel Foucault und an kritische Diskursanalyse an, etwa bei Jürgen Link und Siegfried Jäger. Sie wollen Bilder nicht bloß an eine textorientierte Diskursanalyse anhängen, sondern eigene bildbezogene Analyseformen entwickeln. Eine zentrale Frage lautet, ob Bilder eine Vergegenständlichung von Wissen oder Wissen eigener Art sind.

Ansätze von Sabine Maasen, Torsten Mayerhauser und Cornelia Renggli verstehen Bilder als Elemente von Dispositiven im Sinne Foucaults. Ein Dispositiv ist ein Geflecht aus Wissen, Macht, Institutionen, Praktiken und Sichtweisen. Untersucht werden die Verhältnisse zwischen Sichtbarem und Sagbarem. Dabei wird betont, dass Bilder Wissen erzeugen und gesellschaftliche Realität mitkonstruieren können. In Verbindung mit Gouvernementalitätsforschung wird außerdem gefragt, wie Bilder Normalisierung fördern und mit Machtstrukturen verflochten sind.

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