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Tonsysteme im subsaharischen Afrika
Tonsysteme mit fünftönigen Tonleitern (Pentatonik), Tonsysteme mit siebentönigen Tonleitern (Heptatonik) und Tonsysteme mit sonstigen Tonleitern. Meist sind …
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Überblick und Erforschung
Gemeint sind vereinfachend die Tonsysteme traditioneller Musik südlich der Sahara, die sich zunächst ohne Einfluss der modal und arabisch geprägten Musik Nordafrikas sowie der teilweise europäisch geprägten Musik des südlichen Afrikas entwickelten. Wegen der vielen Kulturen, Sprachen, Lebensformen, Anlässe sowie vokalen und instrumentalen Praktiken sind sie sehr unterschiedlich. Grob lassen sie sich in Tonsysteme mit fünf-, sieben- und sonst vielen Tönen gliedern.
Sie unterscheiden sich meist deutlich von abendländisch-westlichen Tonsystemen. Zur Beschreibung werden dennoch Begriffe der westlichen Intervallehre verwendet, weil es keine entsprechenden afrikanischen Begriffe und keine vergleichbare afrikanische Musiktheorie gibt. Manche Systeme zeigen Temperierung, andere verwenden naturreine Intervalle. Die Musik kann formal und satztechnisch hoch entwickelt sein, bis zu komplexer Mehrstimmigkeit. In der langen, im Wesentlichen notationslosen Tradition wurden die Tonsysteme aber nie allgemein vereinheitlicht wie die westliche gleichstufige Stimmung. In moderner afrikanischer Tanz- und Popmusik, im Schlager und Jazz hat sich die europäische gleichstufige Stimmung dagegen weitgehend durchgesetzt; manche typische Instrumente werden inzwischen entsprechend gestimmt.
Die Erforschung ist schwierig, weil die vielen oralen Traditionen keine Notation kennen, abgesehen von unbedeutenden Tabulaturversuchen, und weil es in keiner afrikanischen Sprache eine Begrifflichkeit für Parameter von Tonsystemen gab. Zunächst stützte sich die Forschung auf erklingende Musik, Aufnahmen und Transkriptionen. Erst ab etwa 1960 untersuchten auch Afrikaner, besonders J. H. Kwabena Nketia, das Thema in bedeutendem Umfang. Europäische Terminologie erfasst jedoch nicht alle Phänomene. Besser wurden Untersuchungen erst durch die Verbindung von Musik- und Filmaufnahmen, Überlieferungen und Wissen beteiligter Musiker, Instrumentenkunde, Musikgeschichte, kolonialzeitlichen Quellen und Ethnologie. Wichtige Forscher waren Arthur M. Jones (1889–1980), Hugh Tracey (1903–1977), Gerhard Kubik (* 1934) und Artur Simon (1938–2022). Wahrscheinlich ist bisher nur ein Bruchteil der Tonsysteme bekannt. Zugleich schwindet traditionelle Musik, während urbane Stile seit Highlife und Kwela, etwa mit Mory Kanté und Youssou N’Dour, meist stärker dem gleichstufig-diatonischen europäischen System folgen.
Fünftönige Tonleitern
Pentatonik bezeichnet Tonleitern mit fünf Tönen. Annähernd gleichstufige oder äquidistante Pentatonik besitzt nahezu gleich große Schritte von ungefähr 240 Cent. Von C aus ähnelt sie C, hohem D, tiefem F, G, hohem A. Terzen fehlen. Quarten sind tendenziell sehr eng, Quinten etwas größer als reine Intervalle; sie weichen jeweils von der äquidistanten Quarte von 480 Cent und Quinte von 720 Cent ab. Solche Leitern erlauben einfache Rückungen, zum Beispiel im ostafrikanischen „Miko“-Transpositionssystem des Lamellophons Amadinda in Süd-Uganda. Der Gesang ist meist einstimmig. Bei Pygmäen in Waldgebieten des Kongo wird jedoch extrem polyphon in Hoquetustechnik gesungen; dort bleibt die Äquidistanz hypothetisch, weil Tonhöhen frei getroffen werden.
Anhemitonische Pentatonik enthält keine Halbtöne und entspricht etwa C, D, E, G, A. Sie wird meist zweistimmig im Übersprungverfahren verwendet: Zusammen erklingen C und E, D und G sowie E und A; jeweils wird ein dazwischenliegender Ton übersprungen. Quarten, Quinten und Terzen tendieren zur Naturreinheit. Eine seltene Dreistimmigkeit gibt es bei den Wahenga in Malawi, etwa mit G-C-E → A-D-G → C-E-A, wobei der letzte Akkord selten ist.
Asymmetrische Pentatonik zeigt die Harfe kundi der Azande: ungefähr G, tiefes A, C, D, tiefes E. Besonders der oberste Schritt ist fast ein Halbton. Drei Messungen verschiedener Harfen ergaben kumuliert 165–169 Cent, 282–335 Cent, 221–227 Cent und 113–148 Cent. Obertonspektrale Pentatonik entspricht den Tönen 4 bis 9 der Naturtonreihe, nutzt aber oft nur vier Haupttöne. Bei den Wagogo in Zentraltansania findet sie sich etwa in Chorgesang sowie mit Fidel zeze oder Lamellophon ilimba. Im Übersprungverfahren lautet ein Beispiel C-G → E-tiefes B → G-C → tiefes B-D; E ist dabei der 5., tiefes B der 7. und D der 9. Naturton. Bei den Makua im Kongo-Brazzaville kann D auch mittig stehen: tiefes B, C, D, E, G, tiefes B. Pentatonik wird nicht immer allein genutzt: Heptatonische Gesangsmelodien können pentatonisch begleitet werden.
Siebentönige Tonleitern
Heptatonik umfasst sieben Töne und besitzt oft einen komplexen Aufbau. Die zugehörige Musik wird in ungefähr der Hälfte der Fälle dreistimmig gesungen. Im doppelten Übersprungverfahren entstehen ungefähr Dur-Dreiklänge: C-E-G → D-Fis-A → E-Gis-H → F-A-C usw. Der Dur-Dreiklang ist das klangliche Leitbild. Er lässt sich aber nicht ohne Kompromisse fortlaufend bilden: Im Beispiel müssten F/Fis und G/Gis als gespaltene Stufen vorkommen.
Es gibt Tonleitern mit „chromatischen“ Tendenzen, zum Teil im westlichen Zentralafrika, etwa bei den Mpyèmo in der Zentralafrikanischen Republik. Daneben gibt es „Temperierungen“ mit labilen Terzen, typisch für Angola und Südkongo, beispielsweise bei Achokwe und Vambwella. Diatonische Siebenertonleitern, die europäischen Stimmungen ähneln, bilden häufig auch die Grundlage reiner Instrumentalmusik, etwa auf Lamellophonen.
Gleichstufige oder äquidistante Siebenertonleitern hätten im Idealfall eine „neutrale“ Terz von 343 Cent. Sie kommen hauptsächlich in Instrumentalmusik vor, kaum jedoch im Vokalgesang und nicht in der beschriebenen Dreistimmigkeit. Bei der Mbira Dza Vadzimu in Simbabwe ist Äquidistanz, sofern sie vorkommt, nur ein Extrem innerhalb einer großen Spannweite bis zu deutlich siebenstufiger Diatonik.
Vier- und sechstönige Tonleitern
Viertönige Tonleitern können aus der Technik des Mundbogenspiels entstehen, zum Beispiel bei den ǃKung im südlichen Afrika. Die schwingende Saite erzeugt im Mundraum ähnlich wie bei einer Maultrommel Naturtöne. Wird sie abgegriffen, entsteht zusätzlich eine weitere Naturtonreihe. Bei Nutzung der ersten vier Naturtöne erhalten die ǃKung C und G sowie D und A; der Abstand beim Abgreifen ist eine große Sekunde.
Sechstönige Tonleitern können beim Mundbogen mit den ersten sechs Naturtönen entstehen. Bei Abgreifen einer kleinen Sekunde kann der Tonvorrat beispielsweise C, E, G sowie Des, F, As sein. Gerhard Kubik vermutet, dass solche Techniken im westlichen Zentralafrika zu Tonsystemen führten, die auf andere Instrumente wie die Bogenlaute cihumba übertragen wurden; sie ist ein Pluriarc, also ein achtsaitiger Musikbogen. Die Mpyèmo kennen in ihren Sya-Märchen eine komplexe Tonleiter aus kleinen, großen und „übermäßigen“ Sekunden, darunter zwischen Des und E. Der Beginn einer Melodie lautet G, F, Des, E, E, C, Des, C. Daraus ergibt sich die abwärts empfundene Tonleiter G, F, E, Des, C; sie ist eine reduzierte sechstönige Tonleiter mit As, G, F, E, Des, C.