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Theodor Storm (Thomas Mann)
Theodor Storm ist der Titel eines 1930 geschriebenen Essays von Thomas Mann. Eine gekürzte Version wurde im selben Jahr als Einleitung einer zweibändigen …
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Gegenstand und Ziel des Essays
„Theodor Storm“ ist ein Essay von Thomas Mann, den er 1930 schrieb. Eine gekürzte Fassung erschien noch im selben Jahr als Einleitung zu einer zweibändigen Gesamtausgabe Theodor Storms, die bei Knaur veröffentlicht wurde. Der vollständige Text erschien erstmals 1935 im Essayband „Leiden und Größe der Meister“.
Thomas Mann kannte Storm neben Henrik Ibsen, August von Platen und Heinrich Heine bereits aus seiner Jugend und schätzte ihn lebenslang. Der Essay stellt vor allem Storms Lyrik in den Mittelpunkt. Mann wollte den Dichter davor bewahren, von der völkischen Heimatkunstbewegung vereinnahmt zu werden. Zugleich betonte er, dass Storms gesamtes Werk nicht auf eine enge regionale oder nationale Heimatkunst beschränkt sei, sondern einen Bezug zur Weltliteratur und zu allgemein menschlichen Erfahrungen besitze.
Aufbau und zentrale Darstellung
Der Essay besteht aus fünf Kapiteln. Im Vergleich zu früheren Äußerungen Thomas Manns über Storm entwickelt Mann darin ein deutlich tieferes und vielschichtigeres Bild des Dichters.
Zu Beginn schildert er Storms Besuch bei Iwan Turgenew im Jahr 1865. Zwischen beiden Schriftstellern erkennt Mann eine „geradezu brüderliche Ähnlichkeit“. Vier Monate zuvor war Storms erste Frau Constanze Esmarch gestorben. Diese Erschütterung habe Storm zu einigen der „durchdringendsten Trauer- und Abschiedsgedichte(n)“ der deutschen Lyrik geführt.
Mann verbindet seine Betrachtung Storms außerdem mit seiner eigenen frühen Novelle „Tonio Kröger“. Den Vater der Hauptfigur stellte er als einen hochgewachsenen, „zur Wehmut geneigten Herrn mit sinnenden blauen Augen“ vor. Damit griff er Züge auf, die er mit Storm verband.
Storms Lyrik und die Abgrenzung von der Heimatkunst
Im weiteren Verlauf stellt Thomas Mann Storms Lyrik ausführlich und anhand zahlreicher Beispiele vor. Ihre besondere Wirkung beruhe auf der Kraft „der Lebens- und Empfindungsaussage“ und auf der ergreifenden „Kunst der Formung zum Einfachen“. Storms Gedichte zeigten, dass Kunst „noch in ihrer mildesten, gemüthaft-innigsten Form ein Griff an die Kehle“ sein könne. Auch eine scheinbar sanfte und innige Dichtung kann demnach eine starke, unmittelbar ergreifende Wirkung besitzen.
Mann kritisiert zugleich, dass Storms Tonfall in „deutscher Dichtung oder dem, was dafür gelten wollte“ später nur „kümmerlich fortgeklungen“ sei. Daraus sei „viel Läppisches und Nichtiges“ entstanden, außerdem „viel Bürgerwonne und Goldschnittgemüt“. Bei Storm selbst sei diese bürgerliche, gefühlvolle Haltung jedoch etwas grundlegend anderes gewesen, weil sie aus seiner „hochgelegenen Quelle“ und aus einem „hohe(n) und innerlich vielerfahrene(n) Künstlertum“ stamme.
Daher erklärt Mann: „Storm ist ein Meister, er bleibt.“ Storms Kunst habe nichts zu tun „mit Simpelei und Winkeldumpfigkeit“ oder mit dem, was zeitweise „Heimatkunst“ genannt wurde. Mann verteidigt Storm somit gegen eine vereinfachende Vereinnahmung und hebt die künstlerische Qualität sowie die menschliche und weltweite Bedeutung seiner Werke hervor.
Storm als Einfluss auf Thomas Mann
Storm gehörte für Thomas Mann zu den „Jugendlieben“ und war einer der „geistigen Väter“ seiner frühen Dichtung. Mann betrachtete Storm zwar nicht als eines seiner größten Vorbilder, nahm ihn aber als wichtige Orientierung wahr. Noch an seinem Lebensende bezeichnete er Storms „sublime“ Lyrik als eine „Jugendzärtlichkeit“, die lange nachgewirkt habe. Seine ersten eigenen lyrischen Versuche standen nach seiner Darstellung unter dem Einfluss Heines und Storms.
Auch in Manns Prosa lassen sich Bezüge zu Storm erkennen. „Tonio Kröger“ war zunächst als eine „Stimmungsnovelle in Storms Manier“ geplant. In einem Notizbuch zitierte Mann Verse aus Storms Gedicht „Liegt eine Zeit zurück“ und schrieb, bei der Lektüre Storms schnüre sich ihm gelegentlich „vor Wehmuth die Kehle zusammen“. Tonio besitzt „ein Heft mit selbstgeschriebenen Versen“; dadurch erinnert die Figur an Reinhardt aus Storms früher Novelle „Immensee“, der seine Gedichte einem Pergamentband anvertraut. Auch in Tonios Vater gingen Züge Storms ein: Mann beschrieb ihn als einen „langen“ und „zur Wehmut geneigten“ Herrn mit „sinnenden blauen Augen“ und einer „Feldblume im Knopfloch“.
Die Forschung zählt Storm außerdem zu den literarischen Vorfahren von „Buddenbrooks“, obwohl Thomas Mann ihn bei seinen Äußerungen über die während der Arbeit gelesenen Dichter nicht erwähnte. Beide Werke verbindet das Thema des Verfalls einer Familie. Wie in Storms Novelle „Auf dem Staatshof“ wird der Verfall als Untergang eines Hauses dargestellt. Im Staatshof gehörten Anne Lene zunächst „neunzig Höfe“; schließlich war „ein Hof nach dem andern“ in „fremde Hände übergegangen“, bis nur noch der Staatshof selbst übrig blieb.
In einer Widmung von 1916 für ein Gedenkbuch zu Storms hundertstem Geburtstag erklärte Mann, ihn habe besonders die Verbindung von Künstlertum, Artistik und Bürgerlichkeit angesprochen, die scheinbare Gegensätze überwinde. In den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ bezeichnete er diese Verbindung als „deutsch-handwerkerliches Kunstmeistertum“.
Mit der Aufnahme Storms in den Essayband „Leiden und Größe der Meister“ stellte Mann ihn 1935 demonstrativ als ebenbürtigen Freund und Kollegen Iwan Turgenews vor. In dieser Zeit wollte er Storm vor der völkischen und teilweise protofaschistischen Heimatkunstbewegung schützen. Der frühere Nationalist Mann hatte sich inzwischen zu einem kosmopolitischen Demokraten gewandelt und ordnete Storms Œuvre in den Zusammenhang der Weltliteratur ein.