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Taylor-Regel

Die Taylor-Regel ist eine geldpolitische Regel zur Setzung des Leitzinses durch eine Zentralbank. Die Preisstabilität und das Wirtschaftswachstum bzw. die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Zweck
  2. 2. Formel und wirtschaftliche Bedeutung
  3. 3. Ursprüngliche und allgemeine Formen
  4. 4. Anpassungen an verschiedene Währungsräume
  5. 5. Nutzen, Übertragung und Grenzen

Grundidee und Zweck

Die Taylor-Regel ist eine geldpolitische Regel, mit der eine Zentralbank einen angemessenen kurzfristigen Leitzins bestimmen kann. John B. Taylor entwickelte sie 1995, um zu erklären, nach welchen Gesetzmäßigkeiten das Federal Reserve System (Fed) den Zielwert der Federal Funds Rate festlegt. Die Fed berücksichtigt neben stabilen Preisen auch einen hohen Beschäftigungsstand und moderate langfristige Zinsen.

Die Regel verbindet den Leitzins vor allem mit zwei Größen: der Abweichung der Inflation vom Inflationsziel und der konjunkturellen Auslastung der Volkswirtschaft. Sie war ursprünglich dazu gedacht, die tatsächliche Zinspolitik der Fed nachzuzeichnen, sollte aber zugleich eine einfache und robuste Richtschnur für geldpolitische Entscheidungen sowie ein Mittel zur Bewertung der Zentralbankpolitik sein. Als empirischer Ansatz stützt sie sich auf Untersuchungen, insbesondere zu den G8-Staaten, und kann in angepasster Form auf andere Länder übertragen werden.

Die Taylor-Regel lässt sich positiv oder normativ verstehen: Positiv erklärt sie die Entwicklung eines kurzfristig von der Zentralbank steuerbaren Zinssatzes. Normativ dient sie als Handlungsvorschrift dafür, wie die Zentralbank auf Inflation und Konjunktur reagieren sollte.

Formel und wirtschaftliche Bedeutung

Eine grundlegende Form lautet:

iᵀᵃʸ = πᵉʳʷ + r* + α · (πᵉʳʷ − πᶻⁱᵉˡ) + β · y_gap

Dabei ist iᵀᵃʸ der Taylor-Zins, also der von der Regel empfohlene nominale Kurzfristzins. πᵉʳʷ bezeichnet die erwartete Inflationsrate, r* den realen Gleichgewichtszins und πᶻⁱᵉˡ das mittelfristige Inflationsziel der Zentralbank. Die Inflationslücke πᵉʳʷ − πᶻⁱᵉˡ misst die Abweichung der erwarteten Inflation vom Ziel. Die Produktionslücke oder der Output Gap y_gap ist die logarithmische Differenz zwischen dem tatsächlichen realen Bruttoinlandsprodukt (BIP) und dem Produktionspotenzial, also dem Produktionsvolumen gemäß der langfristigen Wachstumsrate.

Die Summe aus erwarteter Inflation und realem Gleichgewichtszins bildet in Anlehnung an die Fisher-Gleichung einen Vergleichswert für den nominalen Kurzfristzins. Er ist mit dem Inflationsziel und einer normalen Auslastung der Volkswirtschaft vereinbar. Liegt die Inflation über dem Ziel, soll der Zins über diesen Vergleichswert steigen; liegt sie darunter, soll er sinken. Bei nicht ausgelasteten Kapazitäten (y < y*) empfiehlt die Regel ebenfalls eine Zinssenkung, bei Überauslastung (y > y*) eine Erhöhung.

Die Reaktionsparameter α und β bestimmen, wie stark die Zentralbank auf Inflations- beziehungsweise Produktionsabweichungen reagiert. Taylor setzt α > 1 an. Dadurch steigt der Nominalzins bei Inflationsdruck stärker als die Inflation, sodass auch der Realzins zunimmt. Obwohl der nominale Kurzfristzins das unmittelbare Instrument ist, soll letztlich der Realzins beeinflusst werden.

Die Regel verbindet monetaristische, keynesianische und neuklassische Elemente. In einer Weiterentwicklung des IS-LM-Modells ersetzt eine geldpolitische MP-Linie die LM-Bedingung. Die Zentralbank setzt den Realzins anhand der Inflation und des Inflationsziels; die Gesamtnachfrage reagiert gegenläufig auf den Realzins. Für die Entwicklung einer zweckmäßigen Regel wird sie zunächst in ein Modell eingesetzt und mit einem Lösungsalgorithmus ausgewertet. Danach untersucht man die stochastische Verteilung der Varianzen wichtiger Variablen und prüft schließlich ihre Eigenschaften und Robustheit, beispielsweise durch den Vergleich mit anderen Modellen.

Ursprüngliche und allgemeine Formen

Die ursprüngliche Form wird angegeben als:

rₜ = πₜ + α · (πₜ − π*) + β · y + rᵍ

πₜ ist die Inflationsrate, π* das Inflationsziel, y die Produktionslücke und rᵍ der gleichgewichtige Realzins. Für die Fed formulierte Taylor:

r = p + 0,5y + 0,5(p − 2) + 2

In der verwendeten Variablenschreibweise lautet sie:

iᵀᵃʸ = π + 0,5(yₜ − yₜ*) + 0,5(π − 2) + 2

Dabei wird angenommen, dass die vergangene Inflation der zukünftigen entspricht. Die Zielinflationsrate beträgt 2 %, der Inflationsgap wird anhand der beobachteten Inflation der vergangenen vier Quartale berechnet, und Inflations- sowie Outputlücke werden mit α = 0,5 und β = 0,5 gewichtet. Sind beide Lücken null, entspricht der Nominalzins der Summe aus konstantem Realzins und angestrebter Inflationsrate.

Konkret erhöht sich nach dieser Regel die Federal Funds Rate bei einem Anstieg der Inflation um einen Prozentpunkt um 1,5 Prozentpunkte. Liegt das BIP einen Prozentpunkt unter dem potenziellen BIP, soll die Rate um 0,5 Prozentpunkte sinken. So steigt der Realzins bei Inflationsdruck oder überlasteten Kapazitäten; in einer Krise mit sinkender Inflation fällt dagegen der empfohlene Zins.

Eine allgemeinere Form lautet:

iᵀᵃʸ = r + πₜ + α(πₜ − π*) + β(y − y*)

Die Gewichte können entsprechend den Prioritäten der Zentralbank gewählt werden, beispielsweise α = 1,5 und β = 0,5 bei stärkerer Gewichtung der Inflation. Modifizierte Regeln verwenden teilweise die erwartete statt der aktuellen Inflation, weil geldpolitische Maßnahmen erst zeitlich verzögert auf die Inflation wirken. Außerdem kann der angestrebte Nominalzins aus Zielinflation und Gleichgewichtsrealzins statt aus aktueller Inflation und Gleichgewichtsrealzins bestimmt werden.

Anpassungen an verschiedene Währungsräume

Für das Euro-Währungsgebiet wurde auf Grundlage einer Analyse der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich von 1999 unter anderem folgende Form verwendet:

iₜ = rᵉᵠ + πₜ + 0,5[yₜ + (π* − πᵒᵇ)]

Dabei gelten der Gleichgewichtszins rᵉᵠ als konstant, πₜ als Veränderung der Inflation gegenüber dem Vorjahr, yₜ als Output Gap, π* als Zielinflation und πᵒᵇ als aktuelle Inflation. Ein dynamisches Modell bezieht außerdem den nominalen Zins abzüglich der für die nächste Periode erwarteten Inflation, Erwartungen über die künftige Produktion und stochastische Störterme ein. Daraus wird eine vorausschauende Regel abgeleitet:

iₜ = r* + π* + α(Eₜπ₍ₜ₊ₖ₎ − π*)

Der letzte Ausdruck ist die gewichtete Abweichung der künftig erwarteten Inflation vom Ziel. Die Europäische Zentralbank hält eine solche Anwendung wegen möglicher Instabilitäten und willkürlicher Erwartungen nicht für empfehlenswert. Mit wachsendem Prognosezeitraum k können extreme Schwankungen entstehen; außerdem kann unklar werden, wie das System auf exogene Schocks reagiert. Daher dient die Taylor-Regel der EZB nur als Orientierungshilfe.

Für Deutschland wurden Inflations- und Produktionslücke jeweils mit 0,5 gewichtet. Als Inflationsmaß diente der westdeutsche Preisindex für die Lebenshaltung, als Ziel die von der Bundesbank verwendete unvermeidliche Inflationsrate beziehungsweise ab 1985 die Preisnorm. Die Produktionslücke beruhte auf der Potenzialschätzung der westdeutschen Bundesbank. Für den Zeitraum vom 1. Quartal 1979 bis zum 4. Quartal 1998 wurde der reale Gleichgewichts-Kurzfristzins auf 3,4 % gesetzt. Der berechnete Taylor-Zins schwankte stärker als der beobachtete Tagesgeldsatz, obwohl sich beide ähnlich entwickelten. Andere Durchschnittswerte wären jedoch ebenfalls vertretbar.

Für das Vereinigte Königreich postulierte Nelson 2000:

iᵀᵃʸ = i* + π* + 1,5(πₜ − π*) + 0,5(yₜ − y*)

Hier wird der Inflationsgap mit 1,5 und der Output Gap mit 0,5 gewichtet.

Besonders für kleine Länder kann außerdem der Wechselkurs einbezogen werden:

iₜ = δππₜ + δyyₜ + δe0eₜ + δe1e₍ₜ₋₁₎ + ρi₍ₜ₋₁₎

Ein steigendes eₜ bedeutet eine Aufwertung der inländischen Währung. Die Parameter δ und ρ erfassen die politische Reaktion und die Wirkung aktueller sowie vergangener Wechselkurse. Ob aktuelle oder erwartete Inflationswerte verwendet werden, spielt laut Taylor keine große Rolle, da sie häufig ähnlich sind und Erwartungen von den angenommenen Übertragungswegen der Geldpolitik abhängen.

Nutzen, Übertragung und Grenzen

Zu den geldpolitischen Übertragungswegen gehören die Wirkung auf Finanzmarktrenditen und Wechselkurse, der Kreditkanal mit steigenden oder sinkenden Kreditkosten sowie verzögerte Preis- und Lohnanpassungen. Tendenziell gilt: Je kleiner Inflations- oder Output Gap sind, desto größer kann die Liquiditätszuführung der EZB sein. Kurzfristige Zinsen reagieren auf erwartete Abweichungen der Inflation vom Ziel. Die Regel eignet sich deshalb zur Beurteilung des geldpolitischen Umfelds. Nach dem Artikel ist sie für das Euro-Währungssystem jedoch nicht als starre regelgebundene Politik geeignet, da Schocks eine diskrete Zinssteuerung verlangen. Erwartete Inflationswerte liefern nicht grundsätzlich bessere Ergebnisse als aktuelle Werte; auch die Aufnahme von Wechselkursen kann die Ergebnisse verbessern oder verschlechtern.

Stärken sind die einfache, klare Struktur und die flexible Wahl der Preisvariablen und Gewichte. Die Regel berücksichtigt sowohl Preisstabilität als auch die Konjunktur. Sie ist für Zentralbanken vergleichsweise leicht anzuwenden und für Fachkundige außerhalb der Zentralbank nachvollziehbar, was die Kommunikation der geldpolitischen Ausrichtung erleichtert. Zugleich lässt sie Modellrechnungen mit unterschiedlichen Koeffizienten zu.

Eine zentrale Schwäche ist die Annahme eines konstanten realen Gleichgewichtszinses. Taylor setzte dafür die langfristige BIP-Wachstumsrate der USA ein, obwohl Wachstumsrate und Zinssatz nicht identisch sind. Der Gleichgewichtszins kann selbst von geldpolitischen Entscheidungen abhängen; berücksichtigt werden müssten unter anderem erwartete Erträge auf Sachanlagen, Sparneigung, wirtschaftliche Unsicherheit und die Glaubwürdigkeit der Zentralbank.

Auch die angemessenen Werte von α und β sind strittig. Sie hängen etwa von der Priorität der Inflationsbekämpfung, der „Inflationskultur“ und der Arbeitsmarktlage ab und müssen geschätzt oder politisch festgelegt werden. Unsicher ist außerdem, ob die Inflation mit dem BIP-Deflator oder einem Lebenshaltungspreisindex gemessen werden soll. Die Produktionslücke fällt je nach Verfahren – etwa Log-linearer Trend, Hodrick-Prescott-Trend oder Schätzung einer Produktionsfunktion – unterschiedlich aus. Diese Entscheidungen verändern Niveau und Verlauf des Taylor-Zinses.

Weitere Grenzen sind möglicherweise starke Zinsschwankungen und höhere wirtschaftliche Volatilität. Die zeitlichen Verzögerungen geldpolitischer Signale sind schwer vorherzusagen, sodass eine prozyklische Wirkung nicht ausgeschlossen ist. Ereignisse wie ein Börsencrash oder eine einmalige Preiserhöhung können kurzfristige, diskretionäre Maßnahmen verlangen. Hinzu kommt die Untergrenze des verwendeten Nominalzinses: Da er nicht negativ werden kann, verliert die Regel bei sehr niedrigem Zins einen Teil ihrer Steuerungsfähigkeit. Schließlich berücksichtigt sie die Notwendigkeit vorausschauenden Handelns nicht ausreichend.

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