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Sprachgeographie
Sprachgeographie ist keine besondere Form der Geographie, sondern der Sprachwissenschaft und wurde in mehreren sprachwissenschaftlichen Veröffentlichungen im …
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Gegenstand und Arbeitsweise
Sprachgeographie, auch Dialektgeographie, Geolinguistik oder Areallinguistik genannt, ist ein Teilgebiet der Dialektologie. Sie verbindet Sprachwissenschaft und Geographie und untersucht sprachliche Erscheinungsformen unter dem Gesichtspunkt ihrer geographischen Verbreitung. Im Mittelpunkt stehen phonetisch-phonologische Merkmale, also Laute und Lautsysteme, morphologische Merkmale, also Formen und Wortendungen, sowie lexikalische Merkmale, also der Wortschatz.
Als Datengrundlage dienen mündliche und schriftliche Erhebungen sowie frei gesprochene Texte. Sprachwissenschaftler sammeln beispielsweise Informationen darüber, welche Wörter, Laute oder Wortendungen in bestimmten Orten verwendet werden. Dazu entwickeln sie Fragebögen, die Dialektsprecher beantworten. Für die europäischen Untersuchungen galten zunächst vor allem ältere Personen als ideale Dialektsprecher, wenn sie im jeweiligen Dorf geboren und aufgewachsen waren, möglichst zurückgezogen lebten und wenig Kontakt zur Welt außerhalb des Ortes hatten.
Die Ergebnisse werden in Sprachatlanten kartiert. In ihnen wird das dialektale Profil einer Anzahl von Erhebungsorten dargestellt. Berücksichtigt werden historische, kulturelle und soziale Faktoren sowie Faktoren, die in der Sprache selbst liegen. Ziel ist es, die örtliche Verbreitung einzelner sprachlicher Merkmale systematisch zu erfassen und sprachliche Räume beziehungsweise Dialektgrenzen sichtbar zu machen.
Bezeichnungen und fachliche Abgrenzungen
Die Begriffe Sprachgeographie, Dialektologie, Areallinguistik und Geolinguistik werden häufig synonym verwendet, weil sie alle mit der räumlichen Variation von Sprachen befasst sind. Sie setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.
Sprachgeographie ist keine besondere Form der Geographie, sondern eine Teildisziplin der Sprachwissenschaft. Dialektologie bezeichnet die Wissenschaft von den Dialekten. Sie berücksichtigt in der Regel außerdem den Standard in Form von Regionalstandards und standardnahen Varietäten. In diesem Zusammenhang werden auch sekundäre und tertiäre Dialekte genannt. Der Begriff Dialekt ist auf Varietäten einer einzigen Einzelsprache bezogen und eignet sich deshalb nicht für sprachgrenzüberschreitende Untersuchungen.
Areallinguistik sollte die linguistischen Ergebnisse der Erforschung diatopischer Merkmale zusammenführen. Diatopische Merkmale sind sprachliche Unterschiede zwischen einzelnen Regionen. Dieser terminologische Ansatz scheiterte jedoch, weil historische Sprech- und Schreibweisen weitere Merkmale aufweisen, die dabei unberücksichtigt blieben. Dazu gehören Diastratie, also von der sozialen Umgebung abhängige Merkmale wie Slang, und Diaphasie, also von der konkreten Gesprächssituation abhängige Merkmale wie unterschiedliche Register.
Geolinguistik ist der allgemeinste Ausdruck. Er eignet sich auch für die Beschreibung mehrsprachiger und weitläufiger Gebiete sowie mehrsprachiger und mehrdimensionaler kommunikativer Räume.
Entwicklung der Dialektkartographie
Die Dialektkartographie diente zunächst dazu, sprachgeographische Forschungsergebnisse anschaulich zu machen. Die ermittelten Merkmale wurden auf Karten eingetragen und zu Sprachatlanten zusammengefasst. Eine Linie, die im Sprachatlas die Grenze zwischen zwei Ausprägungen eines sprachlichen Merkmals markiert, heißt Isoglosse.
In der deutschen Forschung prägte Ferdinand Wrede (1863–1934) die Entwicklung. Er arbeitete am Deutschen Sprachatlas (DSA) und spezialisierte sich auf Dialektkarten, mit denen die Ausdehnung und Begrenzung von Dialekten dargestellt wurden. 1908 gab er die Reihe „Deutsche Dialektgeographie“ heraus. In Frankreich waren die Arbeiten von Christian Garnier wegweisend, insbesondere sein Kartenwerk „Charte de la distribution des langues dans les Alpes occidentales“ von 1897.
Der Deutsche Sprachatlas enthält Daten, die von 1876 bis 1939 erhoben wurden. Die Daten wurden lediglich in Auszügen zwischen 1926 und 1956 auf 129 Karten veröffentlicht und umfassen etwa 50.000 Messpunkte. Der von Jules Gilliéron zwischen 1902 und 1910 veröffentlichte „Atlas linguistique de la France“ (ALF) bezieht sich auf Erhebungen aus den Jahren 1897 bis 1901. Er zeigt die Ausdehnung der Dialekte anhand von 638 Messpunkten auf 1421 Karten.
ALF und DSA unterscheiden sich deutlich. Der französische Atlas hatte relativ wenige Messpunkte, also Dörfer, aber einen umfangreichen Fragenkatalog. Er erschien in dicken Folianten; zu jeder Frage gab es eine Einzelkarte, auf der die Antworten in phonetischer Notation dargestellt waren. Der deutsche Atlas beruhte auf einer sehr großen Messpunktdichte und einem vergleichsweise knappen Fragebogen. Deshalb wurden seine Ergebnisse als symbolisch kodierte Einzelkarten zum Auseinanderfalten veröffentlicht.
Wredes Arbeiten zielten sowohl auf die Darstellung zeitgenössischer Dialektverhältnisse als auch auf die Untersuchung historischer und synchroner Veränderungen der Dialekte. Der zunächst vor allem lautgeographische Deutsche Sprachatlas wurde daher durch den wortgeographisch ausgerichteten Deutschen Wortatlas ergänzt. Dieser sollte dialektbezogene Raumbildungen genauer bestimmen. Den ersten Sprachatlas eines englischsprachigen Raums veröffentlichte Hans Kurath für Neuengland. ALF und DSA waren wichtige Grundlagen für Erkenntnisse über die Geschichte und die Strukturen der untersuchten Sprachräume.
Grenzen der Atlanten und neue Methoden
Sprachatlanten konnten nur einen kleinen Ausschnitt des umfangreichen gesammelten Datenmaterials sichtbar machen. Sie waren in eine zweidimensionale Matrix eingebunden: Zahl der Messpunkte × einzelne Karten. Außerdem konnten die Karten meist nur isoliert und nicht als zusammenhängende Einheit ausgewertet werden. Die Dialektgeographie konzentrierte sich auf die räumliche Verbreitung von Dialekten und berücksichtigte deshalb nach Darstellung des Artikels nicht dialektbezogene Vorkommnisse wie Diastratie, Diaphasie oder Diatopie, also den Vergleich einzelner Regionen untereinander.
Seit den 1970er Jahren unterstützt die Dialektometrie die Auswertung und Visualisierung diatopischer Merkmale. Sie verwendet computergestützte Verfahren, um die notwendige Matrix aus Atlanten × Messpunkten aufzubauen. Dadurch können die Daten als Einheit analysiert werden, beispielsweise mithilfe numerischer Taxonomie, Taxometrie und automatischer Klassifikation. Moderne Bildgebungsverfahren stellen die Ergebnisse unter anderem als kumulative Funktionsgraphen dar.
Die heuristische Verarbeitung und Präsentation der Ergebnisse muss den besonderen kognitiven Bedürfnissen der Linguisten entsprechen. Die EDV-gestützte Kartografie steht dabei weiterhin vor besonderen Herausforderungen. Die Linguistik hat die auf diesem Weg gewonnenen und künftig noch zu erwartenden Erkenntnisse in der Dialektgeographie noch nicht vollständig ausgewertet. Das gilt auch für die Bezeichnungslehre, die Onomasiologie, welche die entsprechenden Daten analysiert.
Die Dialektometrie besitzt außerdem eine interdisziplinäre Gelenkfunktion. Sie versorgt unter anderem Populationsgenetik, Humangeographie, Ethnografie, Verkehrsgeografie, historische Geografie und Anthropologie mit umfangreichem Datenmaterial.
Neuere Forschungsfragen
In den letzten Jahren hat die Sprachgeographie innerhalb der Dialektologie an Bedeutung gewonnen und wird teilweise mit der Dialektologie gleichgesetzt. Die Sprachtypologie benötigt neue Methoden, um neue und alte Fragen zu beantworten. Die Sprachgeographie soll dabei helfen, Zufallsverteilungen von strukturellen Verteilungen zu unterscheiden sowie Ähnlichkeits- und Zugehörigkeitsfaktoren zwischen Sprachen zu untersuchen.
Eine neu aufgeworfene Frage lautet, ob es überhaupt ein sprachliches „Areal Europa“ gibt. Untersucht wird, durch welche Parameter ein solches Areal bestimmt werden könnte und ob Europa sprachlich in ein Zentrum und eine Peripherie eingeteilt werden kann.