Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Populationsgenetik
Die Populationsgenetik ist der Zweig der Genetik, der Vererbungsvorgänge innerhalb biologischer Populationen untersucht. Sie ermittelt die relative …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Bedeutung
Die Populationsgenetik ist ein Zweig der Genetik. Sie untersucht Vererbungsvorgänge innerhalb biologischer Populationen, also innerhalb von Gruppen von Lebewesen derselben Art. Im Mittelpunkt steht, wie häufig bestimmte Varianten eines Gens in einer Population vorkommen und wie sich diese Häufigkeiten über Generationen verändern.
Eine Genvariante heißt Allel. Die relative Häufigkeit homologer Gene beziehungsweise Allele in einer Population nennt man Genfrequenz. Die Populationsgenetik fragt, wodurch sich diese Genfrequenzen verändern. Wichtige Einflüsse sind Mutation, Selektion, zufällige Gendrift, die Trennung von Teilpopulationen und der Genfluss zwischen Populationen.
Das Fach ist besonders wichtig für die Evolutionsforschung, weil Evolution mit Veränderungen vererbbarer Merkmale in Populationen zusammenhängt. Außerdem hat es Bedeutung in der Tier- und Pflanzenzucht, weil dort gezielt mit erblichen Eigenschaften gearbeitet wird.
Hardy-Weinberg-Gesetz
Ein zentraler Grundsatz der Populationsgenetik ist das Hardy-Weinberg-Gesetz. Es wurde 1908 unabhängig voneinander von Wilhelm Weinberg und Godfrey Harold Hardy entdeckt. Das Gesetz beschreibt einen theoretischen Gleichgewichtszustand.
Dieser Zustand gilt unter bestimmten Voraussetzungen: Die Paarung erfolgt rein zufällig, und es gibt keine Selektion. Unter diesen Bedingungen bleibt die Häufigkeit der Allele eines Gens von Generation zu Generation konstant. Das bedeutet: Ohne störende Einflüsse verändern sich die Genfrequenzen in diesem Modell nicht.
Das Hardy-Weinberg-Gleichgewicht ist ein theoretisches Konstrukt. Es beschreibt also einen idealisierten Fall, dem keine real vorkommende Population vollständig entspricht. Trotzdem ist es wichtig, weil man daran erkennen kann, welche Kräfte in echten Populationen Abweichungen verursachen.
Kräfte der Veränderung
In realen Populationen wirken verschiedene Mechanismen, die Genfrequenzen verändern können. Mutation erzeugt neue genetische Varianten. Selektion bevorzugt bestimmte Allele oder Genotypen gegenüber anderen, wenn ihre Träger besser überleben oder sich erfolgreicher fortpflanzen.
Zufällige Gendrift bezeichnet Veränderungen von Allelhäufigkeiten durch Zufall. Sie kann besonders in kleinen Populationen stark wirken. Auch die Separation von Teilpopulationen ist wichtig: Wenn Gruppen voneinander getrennt werden, können sich ihre Genfrequenzen unterschiedlich entwickeln. Genfluss bedeutet dagegen, dass Gene zwischen Populationen ausgetauscht werden, zum Beispiel wenn Individuen wandern und sich in einer anderen Population fortpflanzen.
Diese Vorgänge erklären, warum Populationen genetisch nicht unverändert bleiben. Sie sind deshalb zentrale Untersuchungsgegenstände der Populationsgenetik.
Vielfalt, Heterosis und Inzucht
In realen Populationen machen sich besonders verschiedene Mechanismen der Selektion bemerkbar. Sie können bestimmte Allele gegenüber anderen bevorzugen. Trotzdem führt das außer in sehr kleinen Populationen nicht dazu, dass nur der „fitteste“ Genotyp übrig bleibt. Stattdessen bleibt meist eine gewisse genetische Vielfalt erhalten. Diese Vielfalt nennt man Polymorphismus.
Ein Grund für solchen Polymorphismus ist die Heterosis. Damit ist gemeint, dass mischerbige, also heterozygote, Individuen durch Selektion gegenüber reinerbigen, also homozygoten, Individuen bevorzugt werden. Sie erweisen sich in diesem Fall als fitter.
Der umgekehrte Zusammenhang zeigt sich bei Inzucht. Inzucht ist die Paarung genetisch nah verwandter oder identischer Individuen. Sie ist nachteilig, unter anderem weil rezessive Gene häufiger wirksam auftreten können. Rezessive Gene sind Erbanlagen, deren Wirkung bei mischerbigen Individuen oft verdeckt bleibt, aber bei reinerbiger Vererbung sichtbar werden kann.
Entwicklung des Forschungszweigs
Als eigenständiger Forschungszweig etablierte sich die Populationsgenetik in den 1920er Jahren. Eine wichtige Rolle spielte Reginald Punnett, der 1917 die zuvor nahezu unbeachtete Entdeckung von Weinberg und Hardy als „Hardy-Gesetz“ in die Populationsbiologie einführte.
Zu den Begründern der Populationsgenetik zählen Sewall Wright, Ronald A. Fisher und J. B. S. Haldane. In den 1930er und 1940er Jahren trug die Populationsgenetik wesentlich dazu bei, die von Charles Darwin begründete Evolutionstheorie mit der an Gregor Mendel anschließenden Genetik zu verbinden.
Diese Verbindung führte zur bis heute gültigen Synthetischen Evolutionstheorie. Die Populationsgenetik half dabei, Widersprüche zwischen Darwins Evolutionstheorie und der mendelschen Genetik zu beheben.