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Splinternet

Splinternet, auch Cyber-Balkanisierung oder Internet-Balkanisierung, ist die Bezeichnung für die Aufteilung des Internets nach nationalen, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundidee
  2. 2. Technische und kommerzielle Trennung
  3. 3. Geschlossene Ökosysteme und Werbung
  4. 4. Politische Zensur und nationale Internets
  5. 5. Religion und Interessengruppen

Begriff und Grundidee

Als Splinternet, auch Cyber-Balkanisierung oder Internet-Balkanisierung, wird die Aufteilung des Internets nach nationalen, kommerziellen oder technologischen Gesichtspunkten bezeichnet. Dadurch kann aus dem weltumspannenden „Netzwerk von Netzwerken“ eine Reihe voneinander abgegrenzter oder teilweise unvereinbarer Interneträume werden. The Economist warnt, dass mächtige Kräfte das Internet „balkanisieren“ könnten und es entlang geographischer sowie kommerzieller Grenzen zersplittern könnte.

Clyde Wayne Crews vom Cato-Institut verwendete den Begriff 2001 für „parallele Internets, die als getrennte, private und autonome Universen betrieben würden“. Er verstand dies positiv. Neuere Autoren wie Scott Malcomson verwenden den Begriff dagegen abwertend: Sie sehen darin eine Bedrohung für den weltweiten Charakter des Internets. In Russland ist seit dem 1. November 2019 das Independent Internet Law in Kraft; laut Artikel begann damit wohl eine rechtliche Balkanisierung des Internets.

Technische und kommerzielle Trennung

Technologische Zersplitterung kann entstehen, wenn neue Geräte unterschiedliche Standards für die Anzeige und Nutzung von Informationen einsetzen. Nutzende greifen dann nicht unbedingt mit einem Webbrowser auf das Internet zu, sondern über Hardware mit einem eigenen „einzigartigen Satz von Standards“.

Doc Searls beschreibt eine wachsende Distanz zwischen den Idealen des Internets und „dysfunktionalen Nationalismen“. Unterschiedliche und teils inkompatible Standards erschweren Suchmaschinen die Nutzung von Daten. Nach Searls funktioniert das Web gerade wegen seiner Standardisierung; eigene Werbenetzwerke, Formate und Technologien neuer Geräte können Inhalte jedoch vor Suchmaschinen verbergen. Stephen Lewis betont die technische Infrastruktur: Das Internet könnte dadurch in viele geopolitische Einheiten und Grenzen zerlegt werden.

Geschlossene Ökosysteme und Werbung

Kommerzielle Anbieter können Geräte und Dienste so gestalten, dass Nutzende im jeweiligen Ökosystem bleiben. Das Atlantic-Magazin vermutet bei neuen „Gadgets“ eine „versteckte Agenda“. Derek Thomson nennt als Beispiel ein BlackBerry, das wegen eines Vertrags zwischen Verizon und Microsoft standardmäßig Bing nutzt, während auf einem Android-Telefon Google-Anzeigen unter Apps wie Pandora geschaltet werden. Unternehmen könnten durch gezielte Werbung für ihre eigene proprietäre Nutzerbasis höhere Einnahmen anstreben.

Josh Bernoff von Forrester Research bezeichnet dies als Entwicklung vom vereinheitlichten Web zum Splinternet. Inhalte auf anderen Geräten als PCs oder hinter Passwörtern machten es Website-Entwicklern und Vermarktern schwerer, ein einheitliches Erlebnis zu schaffen. Webseiten könnten wegen der Bildschirmgröße unterschiedlich aussehen und funktionieren; als Beispiel nennt er, dass das iPhone kein Flash unterstützt. Android und iOS sind allerdings Unix-ähnliche Plattformen und bieten standardmäßig WebKit-basierte Browser; auch Nokia nutzte solche Browser.

Politische Zensur und nationale Internets

Staatliche Filterung und Zensur können nationale Teil-Internets schaffen. China errichtete aus politischen Gründen die „Große Firewall“. Die Vereinigten Staaten und Australien diskutierten ähnliche Firewalls, um Kinderpornographie oder Anleitungen zur Waffenherstellung zu blockieren.

Eine 2007 von großen Universitäten, darunter der Harvard University, durchgeführte Umfrage stellte fest, dass Iran, China und Saudi-Arabien ein breites Themenspektrum sowie viele damit zusammenhängende Inhalte filtern. Südkorea filtert und zensiert Nachrichtenagenturen aus Nordkorea. Substanzielle politisch motivierte Filterung wurde außerdem für Myanmar, Syrien, Tunesien und Vietnam festgestellt. Saudi-Arabien, Iran, Tunesien und Jemen filtern soziale Netzwerke in erheblichem Umfang. Die umfassendste Filterung zur nationalen Sicherheit betreiben laut Umfrage Myanmar, China, Iran, Pakistan und Südkorea, etwa gegen Websites zu Grenzstreitigkeiten, Separatisten und Extremisten.

Evgeny Morozov bezweifelt, dass das Internet Menschen zwangsläufig näher zusammenbringt. Er verweist darauf, dass Dienste und Inhalte oft nach Staatsangehörigkeit oder Aufenthaltsort abgegrenzt werden, etwa BBC iPlayer oder der kostenlose Onlinezugang zu 50.000 urheberrechtlich geschützten Büchern in Norwegen. Politiker unter anderem in China, Kuba, Iran und der Türkei sprechen von „Informationssouveränität“: Westliche Dienste sollen durch nationale, leichter kontrollierbare Produkte ersetzt werden. Google zog im März 2010 seine Suchmaschinen und andere Dienste aus China zurück, als Protest gegen Zensur und das Hacken von Gmail-Konten chinesischer Aktivisten.

Die OpenNet Initiative entstand vor dem Hintergrund wachsender Internetzensur und Überwachung. Sie bezeichnete die iranische Internetfilterung als „allgegenwärtig“. Reporter ohne Grenzen bewertete die Pressesituation im Iran als „sehr ernst“, die schlechteste Stufe seiner Fünf-Punkte-Skala. Im März 2010 setzte die Organisation Türkei und Russland auf ihre Liste der Internet-Zensur „unter Überwachung“; auch Vereinigte Arabische Emirate, Belarus und Thailand hatten diesen Status.

Religion und Interessengruppen

Auch religiöse Gründe können zu Sperren führen. Pakistan blockierte Berichten zufolge 2007 und erneut im Mai 2010 Facebook, YouTube, Google und Wikipedia wegen als „blasphemisch“ und „unislamisch“ bezeichneter Materialien. Die Scientology-Kirche empfahl Internetzensur gegen eine aus ihrer Sicht bestehende Kampagne von Anonymous sowie gegen „Fehlinformationen“ und „Falschdarstellungen“. Im September 2009 forderte sie die australische Menschenrechtskommission für Religions- und Glaubensfreiheit auf, Websites zu beschränken, die nach ihrer Auffassung zu „religiöser Verunglimpfung“ anstacheln.

Cyberbalkanisierung kann außerdem innerhalb der Internetgemeinschaft entstehen: Interessengruppen nutzen das Internet dann vor allem, um Ansichten auszuschließen oder zu vermeiden, die ihren Überzeugungen widersprechen. Es bilden sich Untergruppen oder „digitale Stämme“, deren Mitglieder überwiegend Material für die eigene Gruppe lesen und verbreiten. Cass Sunstein argumentierte 2001 in Republic.com, dies könne der Demokratie schaden, weil Gruppen anderen Standpunkten und Gemeinsamkeiten immer seltener begegnen. Aleks Krotoski meint, dschihadistische Gruppen nutzten das Internet häufig auf diese Weise.

Die Forschung liefert kein eindeutiges Bild über das Ausmaß dieser Entwicklung. Eine Wharton-Studie fand, Internetfilter könnten Gemeinsamkeiten statt Fragmentierung schaffen, untersuchte aber vor allem Algorithmen für Musikempfehlungen. Eine weitere Studie bewertete die ideologische Segregation beim Online-Nachrichtenkonsum als absolut gering: Sie sei höher als bei den meisten Offline-Nachrichten, aber deutlich geringer als bei persönlichen Kontakten mit Nachbarn, Arbeitskollegen oder Familienmitgliedern. Die Studie betont jedoch, dass sie nicht zeigt, wie Menschen gefundene Inhalte in Überzeugungen umsetzen.

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