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Spieltrieb (Roman)

Spieltrieb ist ein Roman der deutschen Schriftstellerin Juli Zeh, der 2004 veröffentlicht wurde. Im Mittelpunkt der in einem Bonner Nobelviertel …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick
  2. 2. Handlung
  3. 3. Figuren und Konflikte
  4. 4. Schule, Ort und Zeit
  5. 5. Philosophie und literarische Bezüge
  6. 6. Rezeption und Adaptionen

Überblick

Spieltrieb ist ein 2004 veröffentlichter Roman der deutschen Schriftstellerin Juli Zeh. Im Zentrum steht Ada, eine intellektuell frühreife, hochbegabte Außenseiterin an einem privaten Bonner Gymnasium. Während zweier Schuljahre gerät sie in ein Dreiecksverhältnis mit ihrem Mitschüler Alev und dem Lehrer Szymon Smutek. Der Roman verbindet eine Geschichte über Schule, Sexualität, Erpressung und Gewalt mit Fragen nach Moral, Macht, Freiheit, Spieltheorie und Recht. Die Handlung spielt 2002–04 am fiktiven Ernst-Bloch-Gymnasium Bonn; erzählt wird sie rückblickend von der Richterin „kalte Sophie“.

Handlung

Ada besucht mit 14 und 15 Jahren das Ernst-Bloch-Gymnasium. Im ersten Jahr bleibt sie meist distanziert, fühlt sich Mitschülern und Lehrern geistig überlegen und provoziert mit entschiedenen Äußerungen. Kurzzeitig wird sie bekannt, weil sie sich gegen den gefürchteten Geschichtslehrer Höfi behauptet. Kontakt findet sie vor allem über die Schülerband „Ohren“. Ihre Freundschaft zu Olaf zerbricht, nachdem sie ihn an seinem 16. Geburtstag gegen seinen Willen zur sexuellen Erfahrung anstiften lässt.

Im zweiten Jahr kommt Alev in ihre Klasse. Er ist drei Jahre älter, Ada intellektuell ebenbürtig und deutlich extrovertierter. Ada folgt ihm zunehmend; er gibt ihr unter anderem Literatur zur Spieltheorie. Alev plant, Smutek zu verführen und zu erpressen. Smutek, Deutsch- und Sportlehrer, trainiert mit Ada in einer Laufgruppe oft allein und hat dadurch bereits ein vertrauteres Verhältnis zu ihr. Nachdem Ada Smuteks Frau aus einem zugefrorenen See rettet, zieht Smutek Ada aus und legt sie nackt in eine heiße Wanne.

Alev macht aus Smuteks erster Verführung ein wöchentliches Ritual. Er ist anwesend, bestimmt die Regeln und fotografiert die Treffen. Mit passwortgeschützt auf der Schulhomepage veröffentlichten Fotos erpresst er von Smutek Gehorsam und Geld; auch Ada profitiert davon. Das „Spiel“ endet, als Ada und Smutek sich Alevs Machtanspruch entziehen. Smutek schlägt Alev daraufhin nieder und verletzt ihn schwer.

Vor Gericht hält Ada als Hauptzeugin ein vorbereitetes Plädoyer für Smutek, der straffrei bleibt. Alev erhält als Volljähriger sechs Monate Bewährungsstrafe. Er bezeichnet sich selbst als Verlierer des Spiels und scheint geläutert. Smutek trennt sich von seiner Frau und reist mit der inzwischen 16-jährigen Ada über Wien Richtung Südosten. Die Richterin, die sich als Ich-Erzählerin erweist, schreibt die Geschichte in der Zeit „zwischen den Instanzen“ auf.

Figuren und Konflikte

Ada und Alev sind Außenseiter, die ihren elitären Status mit geistiger Überlegenheit sowie einem behaupteten Mangel an Emotion, Glauben und Moral begründen. Ada ist eindeutig unterfordert hochbegabt: Sie erzielt ohne Anstrengung sehr gute Leistungen und liest anspruchsvolle Bücher ihres verstorbenen Vaters, ihres Ziehvaters, des „Brigadegenerals“, und ihrer Mutter. Alevs intellektuelle Qualität bleibt dagegen fraglich. Er ist Legastheniker, zweimal sitzengeblieben, erneut versetzungsgefährdet und konzentriert sich darauf, mündlich zu brillieren. Ada fragt sich selbst, ob sie einem möglicherweise nur scheinbar überlegenen „Alphatier“ folgt.

Ada versucht bewusst, Gefühle wie Scham zu unterdrücken. Als Gegenbild dient ihr die Mutter, die ihren Gefühlswechseln ausgeliefert ist. Auch von den als äußerlich makellos und innerlich leer dargestellten „Prinzessinnen“ grenzt Ada sich ab. Smutek erscheint dagegen zunächst als besonders ausgeglichener Lehrer und Mensch: Er verbindet Geist und Körper, Autorität und Einfühlung sowie Berufs- und Privatleben. Gerade diese idealisierte Wirkung vergrößert seine Fallhöhe, als Ada und Alev ihn auf seine Sexualität und Erpressbarkeit reduzieren. Seine Antwort auf die Frage nach dem Motiv seiner Gewalttat lautet: „Ich habe es aus Liebe getan.“

Höfi ist Smuteks Gegenfigur: klein, verwachsen, zynisch und als Lehrer autoritär, aber ebenso engagiert und anspruchsvoll. Ada bewundert ihn, nachdem sie erkennt, dass ihr scheinbarer Sieg in einem Streit nur möglich war, weil Höfi wegen seiner sterbenden, an Multipler Sklerose erkrankten Frau nachgab. Sein Freitod durch einen Sprung vom Schuldach fällt unmittelbar vor Beginn des Spiels und lässt für die Jugendlichen letzte Schranken wegfallen. Die „kalte Sophie“ ist zugleich Erzählerin und juristische Instanz. Sie wirkt wie ein mögliches älteres Alter Ego Adas und ermöglicht durch ihr Urteil Smuteks Straflosigkeit sowie Ada großen Freiraum.

Schule, Ort und Zeit

Der zentrale Schauplatz, das fiktive Ernst-Bloch-Gymnasium Bonn, ähnelt der realen Otto-Kühne-Schule Bonn, die Juli Zeh besuchte: Beide sind privat getragen, haben ein Internat und eine wohlhabende Elternschaft. Der Name verweist auf den Philosophen Ernst Bloch und dessen Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung. Die Schule ist ein Ort für besonders kluge, beschädigte und kompromisslose Jugendliche, darunter „Last-Call-Kinder“, die nach mehreren Schulverweisen eine letzte Chance erhalten. Hoffnung ist damit ein Leitmotiv, das besonders Ada, Smutek und Alev betrifft.

Die Jahre 2002–04 werden als mögliche Zeitenwende dargestellt. Am Gymnasium ersetzt der Direktor Teuter den liberal-humanistischen Schulleiter Singsaal. Teuter verlangt strengere Normen und möchte Blochs Satz „Denken heißt Überschreiten“ in „Beschreiten“ umformen; auch „Bestreiten“ sei im Unterricht unerwünscht. Diese Normierung des Denkens verstärkt Adas Widerstand und erleichtert Alevs Einfluss auf sie. Die Richterin beschreibt sich selbst als in einer „Gletscherspalte zwischen den Zeitaltern“ gefangen. Adas Plädoyer fordert ebenfalls eine neue Rechtsauffassung.

Philosophie und literarische Bezüge

Der Titel und die Handlung kreisen um Spiel, Spieltrieb und Spieltheorie. Wiederkehrende Begriffe sind Nihilismus und Pragmatismus. Ada und Alev weisen die Bezeichnung Nihilisten zurück: Als Urenkel der Nihilisten hätten sie nicht einmal mehr etwas, woran sie nicht glauben könnten. Für Ada und die „kalte Sophie“ entsteht Pragmatismus, wenn Menschen keine Ideen mehr haben, also keine Ideologien, Religionen und keinen Glauben an Frieden, Menschenrechte oder Demokratie. Dann könnten sie sich stets so oder so entscheiden.

Das „pragmatische Tier“ glaube nur an den unsinnigen Sinn des Überlebens. Der „pragmatische Mensch“ unterscheide sich durch seinen fortdauernden Spieltrieb: „Sein Spieltrieb erlischt nicht mit dem Eintritt der Geschlechtsreife. Sein Spieltrieb lebt ewig.“ Die Richterin folgert daraus, es könne keine „pragmatische Gerechtigkeit“, sondern höchstens „pragmatische Urteile“ geben. Offen bleibt, ob im konkreten Fall tatsächlich Spieltrieb oder eher Machtlust entscheidend ist. Auch das mit Ada besprochene Gefangenendilemma passt nicht einfach auf drei Personen, die zugleich Täter und Opfer sind.

Wichtige Bezüge führen zu Robert Musil und Vladimir Nabokov. Musils Der Mann ohne Eigenschaften wird im Deutschunterricht behandelt und verweist auf Adas Selbstbild als „Mädchen ohne Eigenschaften“. Die Verwirrungen des Zöglings Törleß ähnelt Spieltrieb als Schul- und Adoleszenzroman, in dem intellektuelle Jugendliche erpressen und sexuell nötigen. Nabokovs Ada oder Das Verlangen liefert den Namen der Protagonistin; Lolita bildet einen Bezugspunkt für die verbotene sexuelle Beziehung zwischen Minderjähriger und älterem Mann. Außerdem erinnert Alev als Verführer an Mephisto in Goethes Faust. Der Vergleich mit Dostojewskis Schuld und Sühne beziehungsweise „Verbrechen und Strafe“ betont Selbsterfahrung als mögliches Hauptmotiv der Tat: Ada und Alev wollen erfahren, was ihre Handlungen mit ihnen machen.

Rezeption und Adaptionen

Die Kritik nahm den Roman sehr unterschiedlich auf. Gelobt wurden unter anderem die sprachliche Kraft, das Tempo und die Verbindung von Handlung und philosophischem Anspruch. Kritisiert wurden dagegen eine ausufernde Handlung, gesuchte Metaphern, Klischees und die häufig philosophierenden Figuren. Günter Helmes warf dem Roman 2016 vor, auf „Oberflächeneffekte“ zu setzen und trotz seines Realismusanspruchs eine „klügelnde Fälschung“ zu sein.

Bernhard Studlar schrieb eine Theaterfassung, die am 16. März 2006 im Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Gregor Schnitzler verfilmte den Roman 2013 mit Michelle Barthel als Ada und Jannik Schümann als Alev; der Film kam am 10. Oktober 2013 in deutsche Kinos. In Brasilien erschien ebenfalls 2013 eine Verfilmung als Miniserie unter dem Titel A Menina sem Qualidades.

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