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Sozialinformatik
Sozialinformatik befasst sich zum einen mit dem IT-Betrieb in sozialen Organisationen, zum anderen mit Technik und Informatik als Instrument der Sozialen Arbeit …
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Begriff, Ziel und Einordnung
Sozialinformatik, seltener „Informatik in der Sozialen Arbeit“ genannt, ist ein interdisziplinärer Fachbereich der Sozialen Arbeit, der sich etwa Mitte der 1990er Jahre herausgebildet hat. Er befasst sich einerseits mit dem IT-Betrieb in sozialen Organisationen und andererseits mit Technik und Informatik als Instrumenten Sozialer Arbeit, etwa beim Ambient Assisted Living, also bei technischen Assistenzsystemen für den Alltag.
Nach der Definition von Wendt (2000) beschäftigt sich Sozialinformatik „mit der systematischen Verarbeitung von Information im Sozialwesen in ihrer technischen Konzipierung, Ausführung und Evaluation“ und untersucht zugleich die Bedingungen, Wirkungen und Begleiterscheinungen des Technologieeinsatzes. Sie übernimmt damit fachliche Verantwortung für Information als Produktionsfaktor im System sozialer Dienstleistungen und dessen Umfeld.
Eine allgemein anerkannte Definition und eine interdisziplinäre Einigung über den Begriff gibt es bisher nicht. Der Fachbereich steht in enger Beziehung zu technischen, soziokulturellen und soziotechnischen Entwicklungen. Für seine Klärung ist besonders die soziologische Diskussion über die Informatisierung von Arbeit wichtig. Erste Fachbeiträge erschienen bereits in den 1980er Jahren; erstmals verwendet wurde der Begriff von Mehlich und Halfar.
Aufgaben und fachliche Beziehungen
Sozialinformatik verbindet die angewandte Informatik mit wirtschaftswissenschaftlichen Fragen sowie vor allem mit Gegenständen und Methoden der Sozialen Arbeit. Ihre Fragestellungen stammen in erster Linie aus der Praxis Sozialer Arbeit. Sie soll deren wissenschaftlicher Partner sein und technisch sowie prozessorientiert forschen. Umstritten ist, wie stark sie zusätzlich IT-Geschäftsmanagement, IT-Management und Betriebswirtschaftslehre einbeziehen soll.
Verwandte Disziplinen sind Sozioinformatik, Wirtschaftsinformatik, Verwaltungsinformatik, Medizinische Informatik und Pflegeinformatik. Die Sozioinformatik richtet ihren Blick stärker auf die Wechselwirkungen sozialer Systeme im gesellschaftlichen Zusammenhang. Abgegrenzt wird die Sozialinformatik von Techniksoziologie, Medienpädagogik und empirischer Sozialforschung. Sie will selbst forschen und sich zu einer Wissenschaftsdisziplin entwickeln, aber nicht lediglich Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung sein.
Zu den zentralen Aufgaben gehören Entwicklung und Einführung organisations-, prozess- und fachspezifischer IT-Anwendungen. Dazu zählen IT-Management und technische Administration, Sozialmanagement, Controlling und Unternehmenssteuerung in Non-Profit-Organisationen, Fachverbänden und Verwaltungen. Weitere Bereiche sind Pflegedokumentation, pädagogische Dokumentation, digitale Klientenakten, Schnittstellen zur Beteiligung von Klienten und Assistenztechnologien.
Der Fachbereich ist stark praxisbezogen. IT-vermittelte Klientenarbeit bildet jedoch eher einen Randbereich; die allgemeine Bedeutung von IT in der Lebenswelt der Klienten gehört stärker zur Sozioinformatik. Akteure sind Fakultäten für Soziale Arbeit, soziale Einrichtungen und Sozialverwaltungen, Anbieter von Fachsoftware und anderer IT sowie Branchen- und Fachverbände. Adressaten arbeiten insbesondere in Sozialer Arbeit, Sozialmanagement, Sozialverwaltung und bei Fachsoftwareherstellern.
Inhalte, Anwendungen und Ausbildung
Mit Sozialinformatik sind mehrere, teilweise unterschiedliche Schwerpunkte verbunden:
• Sie untersucht die Informatisierung Sozialer Arbeit. Dabei geht es um geeignete Informatiklösungen für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und soziokulturelle Animation sowie für Verwaltung und Management sozialer Organisationen. Software soll fachliche und administrative Prozesse unterstützen.
• Sie macht Informations- und Kommunikationstechnologien für eine bessere gesellschaftliche Partizipation von Betroffenen nutzbar. Dadurch sollen „digitale Armut“ und „digitale Spaltung“ verhindert werden. Gemeint ist, dass gesellschaftliche Teilhabe auch davon abhängt, ob Menschen Informationstechnologien aktiv nutzen können.
• Sie betrachtet das Ineinandergreifen technologischer und sozialer Entwicklungen, teilweise als „Soziotechnik“ bezeichnet. Dazu gehören sowohl die sozialen Folgen technischer Innovationen als auch die technischen Folgen sozialer Entwicklungen.
• Neuere integrative Ansätze verbinden diese Orientierungen auf sozialarbeitswissenschaftlicher Grundlage. Sie streben eigene Kompetenzen in fachspezifischer Anwendungsentwicklung, Forschung und Theoriebildung mit deutlichem Klientenbezug an. Damit sind auch emanzipatorische und professionsbildende Ziele verbunden.
Im Studium sollen unter anderem Spezialisten für Mensch-Computer-Schnittstellen ausgebildet werden, weil besonders im sozialen Bereich und in der öffentlichen Verwaltung eine Kompetenzlücke besteht. Zur professionellen Sozialarbeit gehört nach dem Artikel die Fähigkeit, Informations- und Kommunikationstechnik einzusetzen. Hochschulen bieten Sozialinformatik deshalb als eigenständiges Studienfach oder als Ergänzung eines Studiums der Sozialen Arbeit an. Lehrinhalte sind typische Programme wie Textverarbeitung und Tabellenkalkulation, branchenspezifische Systeme für Klientenverwaltung und Case-Management sowie die Auswirkungen der Informationstechnik auf die Arbeitsorganisation sozialer Einrichtungen.
Technik als soziale Praxis
Sozialinformatik gilt formal als Bindestrich-Disziplin: Eine grundlegende Disziplin, üblicherweise die Informatik, wird auf die Felder Sozialer Arbeit bezogen. Allerdings wird bezweifelt, ob für die Nutzung neuer Technologien in der Sozialen Arbeit eine eigene Sozialinformatik nötig ist. Zudem haben viele ihrer Inhalte nur wenig mit Informatik im engeren Sinn zu tun und entsprechen daher nicht immer einer angewandten Informatik.
Technik besteht nicht nur aus physischen Gegenständen wie Computern und der technischen Infrastruktur des Internets. Zu ihr gehören auch die sozialen Institutionen und Verhaltensweisen, die mit ihr verbunden oder durch sie vermittelt sind. Soziale Netzwerke sind beispielsweise zugleich internetbasierte Technik und eine soziokulturelle Methode, Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Solche sozialen Praktiken sind in Routinen eingebettet, erhalten durch Gebrauchsgegenstände eine materielle Verankerung und werden mit der Zeit selbstverständlich in den Alltag eingebaut. Informatik wird in diesem Verständnis zum Gegenstand der Sozialinformatik, wenn sie als soziale Aktivität betrachtet wird, die Menschen verbindet und Kommunikation ermöglicht.
Besonders sichtbar wird dies bei der Informatisierung von Arbeit. Dieser Begriff bezeichnet nicht nur die technische Ausstattung von Arbeitsplätzen, sondern auch den veränderten Umgang mit Informationen in Arbeitsprozessen. Je komplexer und stärker vermittelnd ein Informationssystem ist, desto abstrakter und „unsinnlicher“ kann der Arbeitsprozess werden. Medienvermittelte Arbeit lockert zugleich räumliche Grenzen. Plattformen können diese Zusammenarbeit als Social Collaboration organisieren. Weil Informatisierung ein soziotechnischer Prozess alltäglicher Arbeit ist, verändert sie zwangsläufig auch, wie Soziale Arbeit angeboten und geleistet wird.
Entwicklungsbedarf und Kritik
Eine angewandte Informatik hat normalerweise eine Gestaltungsaufgabe. Nach der im Artikel dargestellten Kritik erfüllt die Sozialinformatik diese bisher nicht ausreichend, weil sie andere Schwerpunkte setzt und häufig auf die Programmierung eigener fachspezifischer Anwendungen verzichtet. Für eine stärker entwickelte Sozialinformatik reicht es nicht, vorhandene Programme nur anzuwenden. Sie müsste branchenspezifische Lösungen auch selbst entwickeln oder sinnvoll anpassen können. Dafür sind Kenntnisse technischer Grundlagen, grundlegender Programmiersprachen und der App-Entwicklung nötig. Solche Kompetenzen sollen auch helfen, Kommunikations- und Informationsbedürfnisse der Sozialen Arbeit aktiv zu gestalten und Beteiligungsansprüche praktisch umzusetzen.
Einige Autoren sprechen der Sozialinformatik den Status einer angewandten Informatik ab oder verstehen sie lediglich als Arbeitsteilung zwischen Softwareindustrie und sozialen Organisationen. Weitere, im Artikel nicht hinreichend belegte Kritik behauptet, der Begriff sei von Sozialpädagogen geschaffen worden, um den Vorrang der Sozialpädagogik zu sichern und anderes Fachwissen auszuschließen. Auch der entsprechende Markt wird als groß und lukrativ, zugleich aber als altertümlich, hierarchisch und monopolistisch kritisiert. Finanziert werde er durch Steuergelder sowie private und öffentliche Subventionen, unter anderem von Privatspendern, Stiftungen, Kommunen, Ländern, Bund und EU.
Der deutsche Begriff „Sozialinformatik“ darf nicht einfach mit dem angelsächsischen Ausdruck „social informatics“ gleichgesetzt werden. „Social informatics“ bezeichnet eine Gesellschaftswissenschaft, die gesellschaftlich-technische Zusammenhänge untersucht und in Deutschland eher der Techniksoziologie zugeordnet würde. Eine Sozialinformatik unter dem Primat der Wissenschaft Sozialer Arbeit wäre dagegen eher eine Subdisziplin einer Handlungswissenschaft mit gesellschaftswissenschaftlich-theoretischen Bezügen.