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Sozioinformatik
der Anforderungsanalyse und Mensch-Computer-Interaktion; der Validierung und Wartung der Software; der Berücksichtigung sozialer und rechtlicher …
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Zielsetzung
Sozioinformatik ist ein junges, interdisziplinäres und gestaltungsorientiertes Teilgebiet der Informatik. Sie untersucht die Wechselwirkung zwischen menschlichen Akteuren und IT-Anwendungen, die Arbeit und Leben unterstützen. Daraus entwickelt sie Gestaltungsprinzipien und -methoden. Beteiligt sind Methoden der Informatik, des Designs, der Sozialwissenschaften und der Psychologie.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) bestehende oder neue soziale Praktiken unterstützt und welche Folgen diese Unterstützung hat. Sozioinformatik verbindet deshalb das Verstehen menschlicher Lebens- und Arbeitspraktiken mit der Gestaltung innovativer IT-Artefakte. Praxisnahe Fallstudien werden ausgewertet und dienen als Grundlage für eine gestaltungsorientierte Konzeptbildung.
Zu den wichtigen Anwendungsfeldern gehören IT-Systeme für Arbeit, Lernen, Freizeit, Altern und Pflege. Weitere Themen sind Partizipationsmodelle für kollaborative Plattformen wie Wikipedia, Crowdsourcing, Online-Petitionen, LiquidFeedback-Systeme, Bürgerbeteiligung, E-Government sowie Verbraucher- und Datenschutz in sozialen Netzwerken.
Die Forschung umfasst vier miteinander verbundene Themenkomplexe: Erstens werden bestehende Lebens- und Arbeitspraktiken einschließlich leicht übersehener, aber gestaltungsrelevanter Details untersucht. Zweitens werden Anwendungen auf Grundlage neuer Technologien wie Sensorik, Aktorik und Künstlicher Intelligenz gestaltet. Drittens wird analysiert, wie Nutzer innovative Technologien aneignen und welche Auswirkungen diese auf Nutzer und Gesellschaft haben. Viertens werden Engineeringmethoden und Techniken für die partizipative Gestaltung sozial eingebetteter IT-Artefakte entwickelt, etwa vernetzende Funktionen für große Nutzergruppen.
Entstehung und Forschungshintergrund
Ende der 1990er Jahre nahm in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften die Diskussion über die zunehmende Durchdringung der Lebenswelt mit IKT zu. Im Zentrum stand ein interaktionistischer Ansatz: Untersucht wurde sowohl die Bedeutung von IKT-Anwendungen für sozialen und organisatorischen Wandel als auch der Einfluss gesellschaftlicher Kräfte und sozialer Praktiken auf die Gestaltung von Informationstechnologien.
Rob Kling definierte im Januar 1999 in What is social informatics and why does it matter? die Forschungsprogrammatik der Social Informatics als „the interdisciplinary study of the design, uses and consequences of information technologies that takes into account their interaction with institutional and cultural contexts“.
In Deutschland wurde im Jahr 2000 von Forschern der Universität Siegen und der Fraunhofer-Gesellschaft in Sankt Augustin das Internationale Institut für Sozio-Informatik (IISI) mit Sitz in Bonn gegründet. Ein interdisziplinäres Team an der Universität Siegen erforscht unter anderem die Bedeutung und Gestaltung von IKT für Beruf, Haushalt und Freizeit. Als Ziel gilt, „neuartige Anwendungen mit geeigneten Methoden so zu gestalten, dass ihre Aneignung durch Benutzer ökologisch vertretbar, wohlstandsfördernd und sozialintegrativ wirken kann“.
Die Disziplin entstand, weil gesellschaftliche und gestalterische Dimensionen der Computerisierung in anderen angewandten Informatikbereichen teilweise nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Historische Einflüsse waren der Ansatz soziotechnischer Systeme, die skandinavische Tradition des Participatory Design, Methoden der Aktionsforschung sowie der deutsche Diskurs „Informatik und Gesellschaft“.
Gesellschaftliche Prozesse benötigen Kommunikation und Kooperation, etwa für Informationsübermittlung, Meinungsbildung, Vertrauensaufbau, gemeinsame Planung, Handel und Entscheidungen. Computergestützte Kommunikation und Kooperation können solche Prozesse erleichtern und auf globale Nutzergruppen ausweiten. Software kann Informationen speichern, durchsuchen, aggregieren und analysieren, Kommunikationspartner finden und neue Verknüpfungen zwischen Informationen herstellen.
Dabei entstehen soziotechnische Systeme: strukturierte Nutzergruppen und intelligente Informationssysteme entwickeln sich in gegenseitiger Beeinflussung co-evolutionär weiter und können emergente Phänomene hervorbringen. Die Basisfunktionen der Software sind zwar geplant, doch genaue Anforderungen und innovative Nutzungsweisen lassen sich oft nicht vollständig vorhersehen. Die Entwicklungsgeschwindigkeit hängt auch davon ab, ob Nutzer als Prosumenten aktiv in Datenbestand oder Softwaregestaltung eingreifen können.
Herausforderungen sozial eingebetteter Software
Sozial eingebettete Software bezeichnet verteilte Informations- und Kommunikationssysteme, die gesellschaftliche Prozesse unterstützen oder überhaupt erst ermöglichen. Dazu zählen Planungs-, Arbeits-, Verwaltungs-, Wirtschafts-, Spiel- und politische Prozesse.
Bei der Anforderungsanalyse müssen die Prozesse vieler Nutzergruppen und Auftraggeber berücksichtigt werden. Entscheidungskompetenzen und Ziele dieser Gruppen sind häufig nicht eindeutig geklärt. Zusätzlich müssen heterogene bestehende Prozesse und Altsysteme integriert werden. Nicht nur die Bedienung an einem einzelnen Gerät ist wichtig; vielmehr muss die Interaktion zwischen Menschen und Systemen über ganze Kommunikations- und Kooperationsprozesse hinweg den Vorstellungen der Nutzer entsprechen.
Die Validierung, also die Überprüfung der Qualität und Eignung der Software, geht über klassische funktionale und nicht-funktionale Eigenschaften hinaus. Entscheidend ist auch, wie gut soziale Prozesse unterstützt werden und wie leicht die Software auf Veränderungen und neue Anforderungen reagiert. Bei einem ERP-System ist beispielsweise wichtig, ob es die Arbeitsprozesse eines Unternehmens abbildet und bei Veränderungen angepasst werden kann. Bei kollaborativen Plattformen können Regeln darüber, wer wann was ändern darf und wie Konsens entsteht, wichtiger sein als klassische Softwarequalität. Die Validierung, das Testen und die Pflege solcher evolutionären Systeme sind daher zentrale Forschungsfragen.
Designfallstudien berücksichtigen ausdrücklich die Benutzerakzeptanz sowie die Veränderung von Prozessen nach der Einführung eines Systems. Sie können dadurch bei Anforderungsanalyse und Validierung helfen und eine Grundlage für Designentscheidungen liefern.
Soziale Software berührt außerdem Datenschutz, Schutz der Privatsphäre und Urheberschutz, häufig in länderübergreifenden Zusammenhängen. Diese rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen müssen frühzeitig in der Entwicklung berücksichtigt werden. Zur spezifischen Funktionalität gehören Werkzeuge zur Visualisierung und Analyse sozial eingebetteter Systeme sowie Entscheidungsunterstützung auf Grundlage von Nutzerprofilen. Besonders deutlich zeigt sich der soziale Charakter bei Open-Source-Software, bei der die Entwicklung selbst als sozialer Prozess organisiert ist.
Neue gesellschaftliche Prozesse
Sozial eingebettete Software kann Prozesse ermöglichen, die ohne Software kaum oder nicht realisierbar wären. Als Beispiel nennt der Artikel eine Enzyklopädie wie Wikipedia, deren Erstellung und Pflege mit Post und Buchdruck nur schwer vorstellbar wäre.
Die Sozioinformatik untersucht deshalb, welche neuen sozialen Prozesse durch Software möglich werden, warum bestimmte Mechanismen funktionieren und andere nicht und welchen Mehrwert die technische Unterstützung erzeugt. Sie fragt außerdem, wie sich gesellschaftliche Prozesse, Nutzer und möglicherweise die Struktur der Gesellschaft verändern. Ebenso wichtig sind Risiken und die Frage, wie diese begrenzt werden können.
Untersucht werden damit Einsetzbarkeit, Akzeptanz, gesellschaftliche Wirkung, wirtschaftlicher Nutzen, rechtliche Konsequenzen und ethische Fragen. Die Sozioinformatik nutzt dafür insbesondere empirische und gesellschaftswissenschaftliche Methoden und verbindet ihre Forschung mit den jeweils betroffenen Fachwissenschaften.
Verwandte Bereiche, Lehre und Öffentlichkeit
Im englischen Sprachraum werden viele Themen der Sozioinformatik unter „Social Computing“ zusammengefasst. Die Sozioinformatik geht jedoch über diesen Bereich hinaus. Für die weiter gefasste Thematik wird im Englischen häufig „Social informatics“ verwendet. Der deutsche Begriff „Sozialinformatik“ bezeichnet dagegen die Verarbeitung von Informationen im Sozialwesen und hat daher eine andere Bedeutung.
In Deutschland waren Inhalte der Sozioinformatik zunächst auf verschiedene Teilgebiete und Lehrveranstaltungen verteilt, etwa Mensch-Computer-Interaktion, Internet- und Datensicherheit sowie Informatik und Gesellschaft. Weltweit gibt es über 130 Studienprogramme zur Sozioinformatik. An der Universität Siegen wird seit 2009 ein Unterrichtsmodul angeboten. Der erste deutsche Sozioinformatik-Studiengang besteht seit dem Wintersemester 2013/14 an der RPTU Kaiserslautern. Seit dem Wintersemester 2015/16 gibt es Sozioinformatik an der Hochschule Furtwangen als Vertiefungsrichtung im Bachelor-Studiengang IT-Produktmanagement. Außerdem ist das Thema im Studiengang Digitale Gesellschaft der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt verankert.
Institutionelle Vertreter in Deutschland sind das Internationale Institut für Sozio-Informatik, der Forschungsbereich User-Centered Computing des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT und das Institut für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien der Universität Siegen. In Europa besteht seit 2009 die European Society for Socially Embedded Technologies (EUSSET), die gemeinsam mit dem IISI den EUSSET-IISI-Lifetime Achievement Award vergibt. Auch Gruppierungen wie der Chaos Computer Club und das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung befassen sich mit dem Verhältnis von Gesellschaft und Informatik und mit der Aufklärung der Bevölkerung. Daraus entstehen neue Forschungsfragen, die mit Modellen aus Soziologie, Psychologie, Wirtschaft, Philosophie, Ethik und Informatik bearbeitet werden können.