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Sozialökonomik

Dagegen sind unter anderem Sozialpolitik, Sozialstatistik ... sozial-ökologische Transformation oder die Christlichen Soziallehren mit dem Begriff assoziiert.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Ausgangslage und Leitgedanken
  3. 3. Geschichte, Theorie und Ethik
  4. 4. Sozialökonomik als Fachkonzept
  5. 5. Entwicklung bis 1970

Begriff und Bedeutung

Sozialökonomik ist erstens die historische Bezeichnung für eine integrierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaft. Sie untersucht die Sozialökonomie, also wirtschaftliche Vorgänge in ihrem gesellschaftlichen, politischen, rechtlichen und historischen Zusammenhang. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts umfasste sie im deutschsprachigen Raum besonders Geschichte, Rechts- und Staatswissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Soziologie. Ihr Kennzeichen war die Verbindung von historisch-sozialer Wirklichkeitswissenschaft mit wirtschaftstheoretisch-logischer Analyse.

Zweitens kann sozialökonomisch oder sozioökonomisch allgemein komplexe Beziehungen von Gesellschaft und Wirtschaft bezeichnen. Heute wird „sozioökonomisch“ häufig für sozialstatistische Sachverhalte wie den sozioökonomischen Status oder das Sozio-oekonomische Panel verwendet. „Sozialökonomisch“ verweist eher auf wirtschafts- und sozialpolitische Themen, Sozialpolitik, Sozialwirtschaft, soziale Arbeit, Verhaltensforschung, sozial-ökologische Transformation oder wirtschaftsethische Fragen.

Die Sozialökonomik prägte Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen mit der Soziologie den Fächerkanon der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, wurde aber nie dauerhaft als eigene Universitätsdisziplin etabliert. Seit den 1950er-Jahren verlor sie durch methodische Spezialisierung und die Neuordnung der Hochschulfächer ihren Leitbildcharakter. Nach dem Ende des Kalten Krieges und mit ökonomisch-ökologischer Globalisierung erhielt sie wieder mehr Aufmerksamkeit. Neuere Arbeiten von Thomas Piketty werden sowohl der älteren disziplinären Tradition als auch heutigen sozioökonomischen und transformativ-wirtschaftspolitischen Ansätzen zugeordnet; Katharina Pistor knüpft daran rechtshistorisch und rechtstheoretisch an.

Ausgangslage und Leitgedanken

Die Wirtschaftswissenschaft war bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts keine einheitlich institutionalisierte Disziplin. Die klassische Politische Ökonomie von Adam Smith, Thomas Robert Malthus und David Ricardo verband Wirtschafts-, Moral-, Staats- und Sozialphilosophie. Sie ging von freiheitlichem Antifeudalismus und einem bürgerlich-individualistischen Privatrechtssystem aus.

Später wurden einzelne wirtschaftliche Theoreme und menschliche Handlungsmotive stärker isoliert und formalisiert. Menschen erschienen dadurch zunehmend als rational handelnde Einzelakteure in quasi-naturgesetzlichen Kausalzusammenhängen. Historische Entwicklung, soziale Bindungen und gesellschaftliche Konflikte rückten in den Hintergrund.

Dem stand im deutschsprachigen Raum die Historische Schule der Nationalökonomie gegenüber. Sie verstand Wirtschaft als Ausdruck geschichtlicher, ethischer und institutioneller Entwicklung und betonte die Besonderheit konkreter Fälle statt allgemeiner Gesetze. Ihr wurde jedoch vorgeworfen, ohne Theorie keine allgemeinen Aussagen, Vergleiche oder Prognosen leisten zu können. Sozialökonomik entstand aus dem Versuch, historische Erfahrung und theoretische Erklärung zu verbinden.

Karl Rodbertus bezeichnete ihren Gegenstand als Gesellschaftswirtschaft: eine durch ethisch-systemische Abhängigkeiten geprägte Arbeits- und Verbrauchsgemeinschaft, nicht bloß eine Summe individueller Tauschwirtschaften. Er verband Geschichte und Theorie, unterschied beim Kapital dessen Bedeutung als materielles Produktionsmittel und als sozial- beziehungsweise ethisch-rechtliches Verhältnis und entwickelte unter anderem das Gesetz der fallenden Lohnquote von 1850. Albert Schäffle erklärte die Wirtschaftswissenschaft zur Gesellschaftswissenschaft. Wirtschaften sei Kulturtätigkeit für Menschen mit bewusstem Willen, kein Naturprozess; daher forderte er eine ethisch-anthropologische statt einer rein chrematistischen Nationalökonomie.

Max Weber verstand die Sozialwissenschaft als Wirklichkeitswissenschaft: Sie soll die gegenwärtige Lebenswirklichkeit, ihre Kulturbedeutung und die Gründe ihres geschichtlichen Gewordenseins verstehen. Methoden sind dabei Mittel zum Erkenntniszweck, nicht der Zweck selbst.

Geschichte, Theorie und Ethik

Zwischen etwa 1870 und dem Ende des Ersten Weltkriegs prägten Methodenstreit und Werturteilsstreit die Ökonomik. Es ging nicht nur um fachinterne Methoden, sondern um die Zukunft der Sozial-, Kultur- und Wirtschaftswissenschaften.

Im Methodenstreit standen theoretische und historische Ansätze einander gegenüber. Die Frage lautete nicht einfach Deduktion oder Induktion: Deduktion leitet Folgerungen aus allgemeinen Annahmen ab, Induktion verallgemeinert aus Beobachtungen. Diskutiert wurden auch allgemeingültige oder nur bedingt gültige Erkenntnisse, methodologischer Individualismus gegenüber Kollektivismus oder Holismus sowie Naturwissenschaft gegenüber Kultur- und Geisteswissenschaft. Die Sozialökonomik zielte auf eine Verbindung beider Seiten. Geschichte untersucht dabei Entwicklungsvorgänge, Theorie die Struktur oder „Physiologie“ des menschlichen Kollektivlebens.

Der Werturteilsstreit ergänzte dies um die Ethik. Weil Ökonomik und Wirtschaftspolitik oft verbunden waren, wurde strittig, ob aus der Beschreibung dessen, was ist, ein Urteil darüber folgen darf, was sein soll. Max Weber verlangte eine strenge Trennung: Aus einem methodisch ermittelten Sein folgt nach Humes Gesetz kein Sollen. Dennoch sind Forschungsziele wertgebunden, denn die Auswahl eines Problems setzt eine Wertbeziehung voraus. Wissenschaft soll deshalb ihre Voraussetzungen kritisch reflektieren und möglichst ergebnisoffen forschen.

Die Wissenschaftsphilosophie begründete diesen Pluralismus. Wilhelm Dilthey unterschied: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“ Wilhelm Windelband trennte nomothetische Wissenschaften, die Gesetze suchen, von idiographischen Wissenschaften, die Wirklichkeit in ihrer Besonderheit erfassen. Heinrich Rickert erklärte Wissenschaften nicht vor allem über eine Gegenstandsgattung, sondern über ihren Zweck und ihre Wertbeziehung als Auswahlprinzip. Sozialökonomik kann deshalb verschiedene Gegenstände und Methoden verbinden, wenn sie auf die Kulturbedeutung der sozialökonomischen Struktur menschlichen Gemeinschaftslebens und ihrer historischen Organisationsformen gerichtet ist.

Sozialökonomik als Fachkonzept

Adolph Wagner entwickelte ab den 1880er-Jahren ein integratives Fachmodell. Gegen einseitig historische wie einseitig theoretisch-individualistische Ökonomik forderte er die Umbildung der Politischen Ökonomie zu einer „wahren Socialökonomie“. Seine Gliederung behielt drei Bereiche bei: allgemeine beziehungsweise theoretische Wissenschaft (Wirtschaftskunde), spezielle beziehungsweise praktische Wissenschaft (Wirtschaftspolitik) und Finanzwissenschaft (Staatswirtschaftslehre).

Heinrich Dietzel legte 1895 mit der Theoretischen Socialökonomik eine ausdrückliche Wissenschaftskonzeption vor. Sozialökonomik sollte alle Phasen wirtschaftlicher Entwicklung erfassen. Seine Struktur unterschied:

  • Theoretische Sozialökonomik als beschreibendes Sein: Wirtschaftsgeschichte mit historisch-rechtlichen und sozialen Kategorien sowie Wirtschaftstheorie mit rein-ökonomischen und natürlichen Kategorien.
  • Praktische Sozialökonomik als vorschreibendes Sein-Sollen: Wirtschaftsethik mit Individual- und Sozialprinzip sowie Wirtschaftspolitik als kritische und technische Anwendung dieser Prinzipien.

Max Weber verwendete den Begriff seit 1894/95 und gab ihm die größte Wirkung. Er verband historische Induktion und theoretische Deduktion durch Abduktion, also ein kombinierendes, heuristisches Verfahren. Dabei dienen Idealtypen als begriffslogische Modelle, um Wirklichkeit zu untersuchen. Für Weber entstehen Wissenschaften nicht durch feste Gegenstandsgrenzen, sondern durch Probleme: Sie behandeln wirtschaftliche, wirtschaftlich relevante und wirtschaftlich bedingte Erscheinungen.

Als Schriftleiter des Grundrisses der Sozialökonomik (1914–1930) brachte Weber Ökonomen, Historiker und Sozialwissenschaftler aus methodisch und politisch unterschiedlichen Lagern zusammen. Die Reihe behandelte Grundlagen der Wirtschaft, natürliche und technische Beziehungen, Wirtschaft und Gesellschaft, modernen Kapitalismus, Weltwirtschaft sowie soziale Beziehungen und Sozialpolitik. Ihr erkenntnistheoretischer Pluralismus lehnte ein einziges theoretisches Muster ab. Webers Beitrag Die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte erschien 1921/22; nachträglich kompiliert wurde er ab 1956 als Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriß der verstehenden Soziologie herausgegeben.

Entwicklung bis 1970

Der Erste Weltkrieg und Max Webers Tod 1920 markierten Höhe- und Wendepunkt der älteren Sozialökonomik. Das Projekt, Geschichte und Theorie zu integrieren, verlor als Fachprogramm an Gewicht. Zugleich gewann die Volkswirtschaftslehre durch Kriegswirtschaft, Krisen und politische Beratung anwendungsorientierte Bedeutung. In der Weimarer Republik führten unterschiedliche Ansätze die sozialökonomische Verbindung von Wirtschafts-, Sozial-, Kultur- und Geschichtsanalyse fort.

Die Weltwirtschaftskrise von 1929 verschärfte die Debatte über Arbeitslosigkeit und Konjunkturpolitik. John Maynard Keynes’ Allgemeine Theorie von 1936 erschien vielen realistischer und anwendungsnäher als die Neoklassik. In Deutschland war 1931 der Lautenbach-Plan zur Kreditausweitung der Reichsbank wegen Inflationsbefürchtungen nicht umgesetzt worden. Keynes betonte, seine allgemeine Theorie lasse sich auf ein breiteres Feld wirtschaftlicher Verhältnisse anwenden als die orthodoxe Theorie.

Im Nationalsozialismus versuchten einige Ökonomen, historistische, sozialökonomische oder konjunkturpolitische Ideen an das Regime anzunähern; andere wurden aufgrund jüdischer Herkunft oder politischer Haltung ins Exil oder in die innere Emigration gedrängt. Die New School in New York wurde mit der 1933 gegründeten University in Exile zu einem Zentrum deutschsprachigen sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Exils. Die nationalsozialistische völkische und rassenantisemitische Umformung wirtschaftlicher Ziele diskreditierte außerdem überlieferte Begriffe wie Nationalökonomie und schwächte nach 1945 die Sozialökonomik als Alternative weiter.

In der DDR ersetzte die marxistisch-leninistische Partei- und Staatsideologie die ältere Volkswirtschaftslehre durch Politische Ökonomien des Sozialismus und Kapitalismus sowie Fächer der Planökonomie. Jürgen Kuczynski vertrat teilweise eine sozialökonomische Perspektive, geriet aber mit der Forderung nach eigenständigen soziologischen Gesetzen in die Revisionismusdebatte.

In der BRD wurde nach 1945 über die Trennung oder erneute Verbindung von Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaftslehre, Rechtswissenschaften und Sozialwissenschaften gestritten. Die Empfehlung von 1959, die Teildisziplinen wieder stärker zu verbinden, knüpfte ausdrücklich an die Zeit von Werner Sombart und Max Weber an. Studiengänge wie Diplom-Sozialwirt und später Diplom-Sozialökonom bewahrten Teile dieser Tradition.

In den 1960er-Jahren setzte sich jedoch eine statistisch-formale, stärker mathematische und spezialisierte Wirtschaftswissenschaft durch. Soziologie und Politikwissenschaft wurden eigenständige Fächer; die Neoklassische Synthese und der Keynesianismus dominierten den wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream. Die VWL zog sich damit, im Sinne von Dietzels Unterscheidung, weitgehend auf „rein ökonomische“ statt historisch-rechtliche Kategorien zurück. Traditionelle Sozialökonomik und andere unterrepräsentierte Ansätze gelten seither als Heterodoxie.

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