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Social Learning

Social Learning [ˈsəʊʃəl ˈlɜː.nɪŋ] (englisch für Soziales Lernen), im Englischen auch Social Pedagogy (Soziale Pädagogik), bezeichnet sowohl eine …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Definition
  2. 2. Theoretische Grundlagen
  3. 3. Anthropologische Grundlagen
  4. 4. Gemeinsames Wissen und Zusammenarbeit
  5. 5. Digitale Lebenswelt, Hochschule und Organisationen
  6. 6. Didaktische Bedingungen

Kernidee und Definition

Social Learning (englisch für Soziales Lernen), im Englischen auch Social Pedagogy, bezeichnet sowohl eine Lerntheorie als auch die dazugehörige Didaktik. Gemeint ist Lernen, das nicht nur individuell geschieht, sondern durch aktive soziale Interaktion in einer Gemeinschaft oder einem Netzwerk. Eine allgemein anerkannte Definition gibt es laut Artikel bisher nicht. Als notwendige Voraussetzung gilt aber immer die Eigenaktivität der Lernenden in einer Community: Lernende bringen eigene Beiträge ein, erzeugen dadurch Wissensanteile und diese fließen wieder in den Lernprozess zurück.

Social Learning ist mehr als bloßes Gruppenlernen. Entscheidend ist die Bedeutung der Community, also einer sozialen Gemeinschaft, in der Lernende miteinander handeln, kommunizieren, Wissen teilen und gemeinsam Sinn herstellen. Dabei spielen die Gestaltungsbedingungen der Gruppe, ihre Einbindung in eine Sozialstruktur oder Hierarchie und das konkrete Lernsetting eine Schlüsselrolle. Häufig braucht die Gruppe eine Moderation, die sowohl die Entwicklung einzelner Gruppenmitglieder als auch die Entwicklung der Gruppe unterstützt. Als Beispiel nennt der Artikel die Themenzentrierte Interaktion nach Ruth Cohn.

Social Media und Social Software können Social Learning erleichtern, weil sie Teilen, Vernetzen und gemeinsames Bearbeiten von Informationen ermöglichen. Sie sind aber keine Voraussetzung: Social Learning setzt Social Tools nicht voraus, und die Nutzung solcher Tools bedeutet nicht automatisch, dass Social Learning stattfindet.

Theoretische Grundlagen

Social Learning hat mehrere theoretische Grundlagen. In der Lernpsychologie wurde der Begriff Soziales Lernen zuerst von Julian B. Rotter verwendet. Eine wichtige Ausprägung erhielt er durch Albert Bandura, besonders durch seine „Social Learning Theory“ von 1963. Banduras Ansatz betont das Lernen am Modell: Menschen lernen, indem sie Verhalten, Normen, Belohnungen und Bestrafungen in Gruppen beobachten. Auch komplexe Verhaltensweisen können nach Bandura durch Modelle erklärt werden. Daraus entstand die sozialkognitive Lerntheorie, bei der Lernen als kognitiver Prozess im sozialen Kontext verstanden wird.

Ein weiterer Zugang ist die Theorie der Communities of Practice. Eine Community of Practice ist eine Gruppe, die sich fortlaufend gemeinsam einer Aufgabe oder Herausforderung stellt und dabei kommunikativ und wechselseitig Sinn konstruiert. Die Mitglieder bringen besondere Fähigkeiten ein, die von den anderen als Kompetenz anerkannt werden. Solche Gemeinschaften sind vor allem in Organisationen wichtig, weil sie Wissenserwerb und Wissensweitergabe in Teams fördern.

Beim situierten Lernen steht der konkrete Kontext des Lernens im Mittelpunkt. Wissen wird nicht einfach „von einem Kopf in einen anderen kopiert“. Es wird durch Sprache, Bilder oder andere Formen externalisiert und dann von anderen interpretiert und konstruktiv angeeignet. Bedeutung entsteht dabei in sozialen Interaktionen durch Aushandlung.

Ein weiterer wichtiger Gedanke stammt von Paulo Freire. Für ihn ist Lernen immer „Lernen in Beziehungen“ und damit eine soziale Praxis. Lernende nehmen nicht nur Wissen auf, sondern handeln aktiv. Zugleich können Lernende auch Lehrende werden: „Wer lehrt, lernt beim Lehren, und wer lernt, lehrt beim Lernen“.

Anthropologische Grundlagen

Der Artikel begründet Social Learning auch anthropologisch, also mit grundlegenden Eigenschaften des Menschen. Besonders wichtig ist der präfrontale Cortex, der situationsgerechte Handlungssteuerung und damit verbundene kognitive Prozesse reguliert. Er entwickelt sich beim einzelnen Menschen spät und wird stark durch Sozialisation und Erziehung geprägt.

Die biologische Ausstattung des Menschen habe sich in den letzten ca. 40.000 Jahren nicht weitreichend verändert. Aufmerksamkeit ist eine zentrale Grundlage für Lernen. Im sozialen Kontext bedeutet Aufmerksamkeit auch, von anderen auf etwas aufmerksam gemacht zu werden oder andere auf etwas aufmerksam zu machen. Der Artikel nennt als Beispiel die Sclera, die weiße Lederhaut des Auges: Sie ist beim Menschen etwa drei Mal größer als bei den über 200 Arten nichtmenschlicher Primaten. Dadurch können Menschen der Blickrichtung anderer gut folgen. Diese „Blickverfolgung“ wird mit kooperativer Gruppenarbeit verbunden, bei der es nützlich war, den Aufmerksamkeitsfokus anderer zu erkennen.

Auch der Neocortex hat sich beim Menschen stark entwickelt und um ca. 80 Prozent vergrößert. Da er unter anderem für soziale Interaktionen, Vernunft und kognitive Leistungen wichtig ist, deutet der Artikel dies als Hinweis darauf, dass soziale Interaktion in der Evolution des Menschen eine große Bedeutung hatte. Lernen in Gruppen war deshalb von Anfang an ein wesentlicher Bestandteil menschlicher Lernprozesse.

Wichtig ist außerdem die Fähigkeit zur Empathie, also zur Perspektivübernahme. Menschen können Sachverhalte aus der Sicht anderer betrachten. Diese Fähigkeit unterstützt kooperatives Lernen und das gemeinsame Entwickeln von Wissen.

Gemeinsames Wissen und Zusammenarbeit

Ein zentraler Begriff für Social Learning ist kollektive Intentionalität. Damit ist gemeint, dass mehrere Menschen ein gemeinsames Ziel verfolgen und ihre Handlungen darauf abstimmen. Der Artikel erklärt dies am Beispiel einer Feuerwehr: Das gemeinsame Ergebnis kann nicht einer einzelnen Person zugeschrieben werden, sondern entsteht durch koordinierte Beiträge vieler Beteiligter.

Michael Tomasello nennt die dafür nötigen Voraussetzungen mutuales Wissen und kollektive Intentionalität. Mutuales Wissen bedeutet wechselseitiges Wissen: Die Beteiligten wissen nicht nur etwas, sondern beziehen sich in ihrem Handeln auch auf das Wissen und Handeln der anderen. Dieses Wissen ist oft implizit, also nicht sofort ausdrücklich formuliert, und wird erst durch Reflexion über Gruppenhandlungen sichtbar.

Diese Form der Kompetenzbildung unterscheidet sich vom Imitationslernen und vom Reiz-Reaktions-Lernen. Sie entsteht in gemeinsamen Problemlöseprozessen und wechselseitigen Handlungen. Der Artikel verbindet sie mit der „Weisheit der Vielen“ und mit dem Lernen in Organisationen. Auch John Searle wird genannt: Über gemeinsame Intentionalität und Sprache können Menschen Wirklichkeit nicht nur erschließen, sondern durch gemeinsam entwickelte Begriffe teilweise überhaupt erst konstituieren. Social Learning betont deshalb den kreativ-aktiven Beitrag von Gruppen zur Wissensbildung.

Digitale Lebenswelt, Hochschule und Organisationen

In der Praxis ist Social Learning ein alltäglicher Lernprozess, der oft unbewusst abläuft. Menschen handeln in einer Lebenswelt, in der Tatsachen meist schon interpretiert sind. Durch Erfahrungen entstehen Sinnzusammenhänge und Deutungsmuster. Social Media und Web-2.0-Anwendungen machen solche Prozesse besonders sichtbar, weil sie Vernetzung, Teilen und gemeinsame Wissenssammlung erleichtern.

Social Media eignen sich pädagogisch gut für Social Learning, weil sie technisch ohne besondere Voraussetzungen nutzbar sind und digital leicht für viele Menschen skalierbar sind. Besonders wichtig ist das Mit-Teilen, also das Teilen von Informationen und das aktive Beitragen eigener Wissensanteile zu einem gemeinsamen Wissenspool.

In der Hochschulbildung nennt der Artikel Massive Open Online Courses (MOOCs), besonders konnektivistische cMOOCs, als wichtige Form. In solchen Kursen erstellen Teilnehmende eigene Beiträge, etwa Blogs, Tweets, Videos oder Podcasts. Diese Beiträge können kommentiert, diskutiert, verändert oder erweitert werden. Dadurch entsteht eine Lerncommunity zwischen Lernenden, ihren Inhalten, dem Lerngegenstand und Lehrenden.

Im organisationalen Kontext wird Social Learning mit Social Collaboration Plattformen und Social Software verbunden. Unternehmen versuchen, die positiven Effekte sozialer Medien auf Arbeitsorganisation und organisationales Lernen zu übertragen. Damit echte Zusammenarbeit entsteht, müssen solche Plattformen aber um Prozesse und Gruppen herum organisiert werden und dürfen nicht nur hierarchisch gesteuert sein. Besonders Communities of Practice gelten als Grundlage für Lernende Organisationen.

Didaktische Bedingungen

Für die Didaktik des Social Learning ist die wichtigste Aufgabe, im jeweiligen Lernkontext eine echte Gruppe oder Community zu bilden. Die Lernenden sollen ihre Erfahrungen, Sichtweisen und Kompetenzen in die Bearbeitung eines Themas einbringen können.

Dazu nennt der Artikel mehrere Bedingungen. Erstens braucht es Autonomie: Die Aufgabenstellung soll den Gruppenmitgliedern erlauben, selbst über Perspektive, Arbeitsprozess, Arbeitsteilung und Mittel zu entscheiden, zum Beispiel über das Schreiben in einem Wiki. Zweitens braucht es Zeit und zeitliche Freiräume, damit sich Gruppen entwickeln und Inhalte entstehen können. Digitale Medien können dabei helfen, weil Gruppenmitglieder ihre Arbeitszeit flexibler einteilen können.

Drittens ist Partizipation wichtig. Social Learning lebt davon, dass Teilnehmende eigene Beiträge erstellen und dass diese Ergebnisse später weiterverwendet, präsentiert oder in den Lernprozess eingebaut werden. Viertens braucht es Vertrauen. Gruppenmitglieder müssen einander kennenlernen, Rollen finden und eine erkennbare Identität entwickeln; auch pseudonyme digitale Identitäten müssen stabil und wiedererkennbar sein.

Fünftens braucht Social Learning Struktur. Autonome Gruppen können Konflikte entwickeln, die geregelt werden müssen. Deshalb ist Moderation wichtig, nicht nur bei Konflikten, sondern generell für die Arbeitsfähigkeit der Gruppe. Als empfehlenswerte Methode nennt der Artikel erneut die Themenzentrierte Interaktion.

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