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Selbstbildung
Selbstbild und Fremdbild und die entsprechenden Ansprüche von gewollter Selbst- und zunehmend abgelehnter Fremderziehung können weit auseinanderklaffen. Die …
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Grundidee der Selbstbildung
Selbstbildung oder Selbsterziehung ist ein pädagogisches, anthropologisches und ethisches Konzept. Es bezeichnet die systematische Gestaltung der eigenen Persönlichkeit und lebenslanges Lernen als Sich-Bilden und sinnvolle Lebensführung. Der einzelne Mensch entwickelt dabei aus unterschiedlichen Erziehungsansprüchen eine eigene Orientierung und versucht, diese zu verwirklichen.
Mündige Menschen sollen ihre Entwicklungsrichtung selbst entscheiden können. Selbstbestimmung wird zur Selbsterziehung, wenn jemand nicht nur eigene Rechte behauptet, sondern auch Pflichten übernimmt und eine persönliche Weiterentwicklung anstrebt. Selbstbildung ist damit der personale, also auf die einzelne Person bezogene, Aspekt menschlicher Bildung und wird als ihr Kern beschrieben.
In der Entwicklungspsychologie verstehen Gerd E. Schäfer und Jean Piaget Selbstbildung als selbstaktiven Entwicklungsprozess: Bereits Kinder erkunden selbsttätig sich selbst und ihre Umwelt. Weitere Bezeichnungen sind Selbstsorge, Selbstformung und Selbstgestaltung. Selbstbildung kann sich auf verschiedene Bereiche der Persönlichkeit beziehen und beispielsweise religiös oder moralisch motiviert sein.
Lernen aus eigener Motivation
Selbstbildung ist nicht an Schulen oder andere Institutionen, Lehrpläne, formale Voraussetzungen oder ein bestimmtes Alter gebunden. Sie geschieht durch Begegnung und Gespräch, Beobachtung und Erkundung sowie Hören und Lesen. Entscheidend ist, dass sie aus eigener Einsicht und Motivation selbstgesteuert erfolgt. Die betreffende Person entscheidet frei, ob sie eine Lehrperson hinzuziehen möchte.
Auch in der Frühpädagogik steht die selbstgesteuerte Erkundung von Kindern im Mittelpunkt. Anforderungen einer Situation sollen dazu anregen, eigene Problemlösungen zu suchen. Damit dies gelingt, müssen oft günstige Bedingungen geschaffen werden. Eltern und Pädagogen sollen dabei so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig helfen: Sie sollen Motivation zur Selbsterziehung fördern und erhalten sowie Gefahren vermeiden.
Verhältnis zur Fremderziehung
Selbsterziehung steht in einem dauerhaften Spannungsverhältnis zur Fremderziehung, also zur Erziehung durch andere Personen. Dabei treffen Selbstbild und Fremdbild aufeinander: Das Selbstbild ist die Vorstellung, die jemand von sich und seiner gewünschten Entwicklung hat; das Fremdbild sind Vorstellungen und Erwartungen anderer, etwa der Eltern oder Erziehungsberechtigten.
Der Wunsch nach Selbstbestimmung zeigt sich bereits in unterschiedlich ausgeprägten Trotzphasen. In der Pubertät können eigene Vorstellungen stärker von denen der Eltern abweichen. Konflikte über Freundeskreis oder Berufswahl können besonders deutlich werden und bis zum Zerwürfnis führen. Die Suche nach eigener Identität zeigt sich laut Artikel auch im Tagebuch der Anne Frank.
Fremderziehung bleibt dennoch zunächst notwendig, weil Menschen hilflos geboren werden und Fürsorge sowie elementare Erziehung benötigen. Mit zunehmendem Alter sollen sie daraus herauswachsen. Selbsterziehung entspringt dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Autarkie und ist mit Selbstwertgefühl verbunden. Bei Erwachsenen sollte sie sich in einer mehr oder weniger klaren Ziel- und Wertausrichtung des eigenen Lebens zeigen. Erziehung durch andere wird dann häufig als fremdes, den eigenen Ansprüchen widersprechendes Korrektiv erlebt.
Bildungsauftrag und Selbstkompetenz
Bildungspolitisch wird Selbstbildung damit begründet, dass Kinder und Jugendliche zu Eigentätigkeit, Selbstbestimmung und Verantwortungsübernahme befähigt werden sollen. Maria Montessori fasste dies in dem Leitwort zusammen: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Kurt Hahn formulierte für seine Schulgründungen den Auftrag „Erziehung zur Verantwortung“.
Lebenslanges Lernen setzt voraus, dass die Erziehung durch Eltern, Schule und Berufsausbildung schrittweise in eigeninitiiertes Lernen und Selbsterziehung übergeht. Spätestens mit dem Ende der gesetzlich verankerten elterlichen Fürsorge, der schulischen und beruflichen Ausbildung sowie dem Erreichen der Mündigkeit soll Fremderziehung weitgehend abgelöst sein. Erzieher und Lehrkräfte sollen auf diesen Übergang hinwirken.
Als zentrale Aufgabe gilt die Förderung der Selbstkompetenz. Dazu gehören beispielsweise sich selbst beruhigen, Frustrationstoleranz aufbauen, sich selbst motivieren, zielgerichtet planen, Pläne in Handeln umsetzen und „Lernen lernen“. Eine eigenständige Persönlichkeit erfordert freiwillige, von eigenen Wertüberzeugungen getragene Mitwirkung, Eigeninitiative, Bildungswillen und Selbstverantwortung.
Siegbert A. Warwitz beschreibt dies als doppelseitiges Wagnis: Heranwachsende müssen sich schrittweise aus Fremdbestimmung lösen; Erziehungsberechtigte müssen ihnen zunehmend eigene Entscheidungen, Verantwortung und eigene Wertvorstellungen zutrauen. Eigenschaften wie Fleiß, Selbstdisziplin, Selbstmotivation, Durchhaltevermögen, Fairness und Frustrationstoleranz können demnach nicht einfach „anerzogen“ werden, sondern entstehen aus eigenem Willen und eigenen Wertvorstellungen.
Vorgabe der Kultusministerkonferenz
Die deutsche Kultusministerkonferenz beschreibt Selbstkompetenz als „Bereitschaft und Fähigkeit, als individuelle Persönlichkeit die Entwicklungschancen, Anforderungen und Einschränkungen in Familie, Beruf und öffentlichem Leben zu klären, zu durchdenken und zu beurteilen, eigene Begabungen zu entfalten sowie Lebenspläne zu fassen und fortzuentwickeln.“
Sie umfasst Selbstständigkeit, Kritikfähigkeit, Selbstvertrauen, Zuverlässigkeit, Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein. Außerdem gehören durchdachte Wertvorstellungen und die selbstbestimmte Bindung an Werte dazu.
Wichtige Entwicklungslinien
Der Gedanke der Selbstbildung hat eine lange europäische Tradition. Vor Beginn des 4. Jahrhunderts v. Chr. stand am Apollotempel von Delphi die Aufforderung „Gnothi seauton“ (Γνῶθι σεαυτόν), auf Deutsch „Erkenne dich selbst!“. Sie wurde als über das delphische Orakel vermittelte Botschaft Apollos verstanden.
In Platons Dialog Theaitetos wird Sokrates die Mäeutik oder Maieutik zugeschrieben, die „Hebammenkunst“. Danach kann jemand Erkenntnisse und Bildung nicht einfach gelehrt bekommen, sondern muss sie aus sich selbst entwickeln. Die Lehrperson hilft und begleitet dabei, statt nur zu instruieren.
Ende des 18. Jahrhunderts bezog Hieronymus Andreas Mertens Selbstbildung ausdrücklich auf Kinder. Im 19. Jahrhundert erschienen zahlreiche populäre Ratgeber zur Selbstbildung. Im 20. Jahrhundert betonten Reformpädagogik und Maria Montessori die Bedeutung von Selbstbildungsprozessen schon in der Kleinkinderziehung. Spätere Autoren beschrieben Selbstbildung als aktive Teilhabe am eigenen Erziehungsprozess und als bedeutenden Anteil der Verantwortung eines Menschen für seine eigene Entwicklung.