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Resonanz (Soziologie)
Mit dem Begriff der Resonanz versucht der Jenaer Soziologieprofessor Hartmut Rosa, gesellschaftliche Phänomene aus einem grundlegenden menschlichen Streben …
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Grundidee der Resonanztheorie
Der Soziologe Hartmut Rosa erklärt gesellschaftliche Phänomene aus dem grundlegenden menschlichen Streben nach „resonanten“ Beziehungen. Seine Resonanztheorie hat er in Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (2016) grundlegend formuliert. Sie untersucht einerseits, was gelingende Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Welt ausmacht, und andererseits, welche gesellschaftlichen Bedingungen solche Beziehungen fördern oder erschweren.
„Resonanz“ ist aus der Physik entlehnt: Wie Teile eines schwingenden Systems einander beeinflussen, wirken in einer resonanten Beziehung beide Seiten aufeinander. Gemeint ist aber nicht bloße Reflexion von Schwingungen wie Klängen. Beide Seiten bringen eigene Gedanken und Gefühle ein und verändern sich in der Begegnung. Resonanz bezeichnet somit eine Weltbeziehung, in der Menschen sich berühren lassen, antworten können und nicht unverändert bleiben.
Der Begriff soll einen unvoreingenommenen Zugang zur Frage ermöglichen, welche Beziehungen zu Personen und Umwelt zu einem erfüllten Leben beitragen. Er soll dabei nicht von kulturellen Werturteilen oder vorgegebenen Vorstellungen eines guten Lebens abhängen. Resonante Beziehungen helfen Menschen außerdem, ihre Fähigkeiten im Umgang miteinander zu entwickeln, und prägen die Strukturen zwischenmenschlicher Beziehungen. Als Beispiel nennt Rosa die Beziehung eines Neugeborenen zu seiner Bezugsperson: Ob Interaktionen aufgenommen oder abgelehnt werden, legt Grundlagen für spätere Beziehungsmuster.
Resonanz ist kein dauerhaft herstellbarer Zustand. Sie zeigt sich punktuell und momenthaft als Gelingen vor dem Hintergrund vieler stummer oder instrumenteller Beziehungen. Sie ist wesentlich unverfügbar, also weder planmäßig noch allein durch Willen erzeugbar.
Resonanzachsen und Gegenbegriffe
Resonanz kann sich auf sehr verschiedene Bereiche der Welt beziehen. Rosa unterscheidet drei grundlegende Resonanzachsen:
- Horizontale Resonanzen bestehen zwischen zwei oder mehr Menschen, etwa in Liebes- und Familienbeziehungen, Freundschaften sowie im politischen Raum.
- Diagonale Resonanzachsen sind Beziehungen zu Dingen und Tätigkeiten.
- Vertikale Resonanzachsen beziehen sich auf große „Kollektivsingulare“: Natur, Kunst, Geschichte oder Religion.
In allen Achsen können intensive Erfahrungen entstehen, in denen das Leben als Begegnung oder Beziehung um seiner selbst willen erfahrbar wird. Besonders wahrscheinlich sind solche Erfahrungen bei Weltausschnitten, die Menschen attraktiv oder begehrenswert finden. Abweisende oder angstbesetzte Bereiche lassen dagegen eher stumme, nicht-resonante Erfahrungen erwarten. Eine weitere Voraussetzung sind starke Wertungen: Das Subjekt muss dem Objekt eine Bedeutung zuschreiben, die über bloßes Begehren oder Attraktivität hinausgeht.
Der Gegenpol sind stumme oder instrumentelle Weltbeziehungen. Sie sind auf Beherrschung, Verfügbarmachung und das Erreichen eines zweckdienlichen Ziels gerichtet. Eine Bergtour kann beispielsweise resonant sein, wenn jemand sich intensiv mit den Anforderungen des Weges und der Natur auseinandersetzt. Sie kann aber stumm und instrumentell sein, wenn sie nur einem vorgegebenen Zweck dient.
Ein weiterer Kontrastbegriff ist das Echo. Rosa formuliert: „Resonanz ist die Transformation der Identität durch die Begegnung mit dem Anderen. Echo ist dagegen die Affirmation der Identität durch Abgrenzung oder Nostrifizierung des Anderen.“ Resonanz verändert also die eigene Identität durch die Begegnung; Echo bestätigt sie dagegen, indem das Andere abgegrenzt oder dem Eigenen angeglichen wird.
Moderne, Beschleunigung und Krisen
Als soziologische Theorie fragt die Resonanztheorie nach den gesellschaftlichen Voraussetzungen gelingender Beziehungen. Das Streben nach Resonanz gilt dabei als allgemeine menschliche Urmotivation, seine konkrete Form hängt jedoch stark von historischen, geografischen und kulturellen Bedingungen ab. Existenzielle Not und politische Repression können Resonanzerfahrungen erschweren oder unmöglich machen.
Die Moderne verspreche, durch die Überwindung politischer Willkür und bessere materielle Ressourcen Resonanz zu ermöglichen. Rosa sieht darin jedoch einen Widerspruch. Mehr Ressourcen erweitern zwar die für Menschen erreichbare Welt und damit ihre Möglichkeiten für Resonanz. Dies führt nach seiner Darstellung zugleich zu einer Steigerungslogik: Ressourcen, Leistungen, Innovationen und materielle Produktion müssen fortlaufend wachsen. Um den Status quo in der modernen Gesellschaft zu halten, ist daher eine immer schnellere Steigerung nötig.
Diesen Zustand nennt Rosa dynamische Stabilisierung. Vormoderne Gesellschaften hätten sich adaptiv verändert, also als Antwort auf veränderte Bedingungen. Die moderne Gesellschaft sei dagegen durch den Zwang zur kontinuierlichen Transformation bestimmt. In der Spätmoderne seien Menschen besonders sensibel für Resonanz und erwarteten sie verstärkt; der Beschleunigungszwang verringere jedoch gerade die Möglichkeiten dazu.
Rosa beschreibt drei Krisen der gegenwärtigen Moderne:
- Die ökologische Krise entsteht aus der Endlichkeit natürlicher Ressourcen gegenüber einer unbegrenzten Steigerungserwartung und führt zur Überschreitung planetarer Grenzen.
- Die politische Krise entsteht, weil demokratische Aushandlungsprozesse für beschleunigte technologische und gesellschaftliche Veränderungen zu langsam sind und deshalb als ineffektiv oder überholt erscheinen.
- Die psychische Krise betrifft Menschen, die sich durch Beschleunigung überfordert und erschöpft sehen, bis hin zu burn-out.
Die Theorie steht in der Tradition der Kritischen Theorie von Marx über Adorno, Horkheimer, Benjamin und Fromm bis zu Habermas und Honneth. Sie übernimmt deren Befund, dass Entfremdung ein Hindernis für ein gelingendes Leben ist. Mit Resonanz stellt sie diesem negativen Befund einen positiven Gegenbegriff gegenüber. Ähnlich hatte Honneth dies mit dem Begriff der Anerkennung versucht. Rosa versteht Resonanz trotz ihrer Unschärfe und Vielgestaltigkeit als universales Konzept, das Anerkennung, Gerechtigkeit und Selbstwirksamkeit umfassen kann.
Kontroverse Aufnahme
Rosas Resonanztheorie wird kontrovers diskutiert. Anna Henkel und andere loben ihre Originalität und den Anspruch, grundsätzliche Fragen zu analysieren. Sie bewerten es positiv, dass Rosa die häufig pessimistische Kritische Theorie um eine optimistische Perspektive auf Möglichkeiten zur Überwindung der Krise ergänzt. Magdalena Wallkamm beschreibt Organisationen als Resonanzräume und verwendet dafür auch die Begriffe negative Resonanz und Resonanzverstummen. Damit sollen Muster, Dynamiken und Wirkungsweisen im Zwischenraum von Menschlichkeit und Produktivität in Organisationen sichtbar werden. Micha Brumlik beurteilt die umfassende Verbindung interdisziplinärer Stränge als Vollendung, aber auch als Ende der Kritischen Theorie, weil diese ihre „theoretisch informierte, kalt auf die Gesellschaft schauende Unversöhnlichkeit“ verliere.
Kritisiert wird dagegen, dass „Resonanz“ durch die Herleitung aus vielen Perspektiven und Zusammenhängen nahezu beliebig wirke. Dem Begriff fehle die Präzision, um als sozialphilosophischer Grundbegriff geeignet zu sein. Ein weiterer Einwand lautet, Rosa greife auf die Geisteswelt der Romantik zurück, ohne einen Weg dorthin zu weisen. Rosa verweist zwar auf die Resonanzsensibilität der Romantik und stellt sie rationalistischen Konzepten gegenüber. Zugleich sieht er in ihr aber die Gefahr einer rein innersubjektiven Rührung statt Resonanz; eine Rückkehr zur Romantik propagiert er nicht.
Schließlich wird beanstandet, dass konkrete gesellschaftlich-politische Lösungen gegen die Beschleunigungskrise kaum ausgeführt seien. Rosa verweist unter anderem auf das bedingungslose Grundeinkommen und Pilotprojekte einer Postwachstumsökonomie, weist aber den Anspruch zurück, Resonanz einfach gesellschaftlich etablieren zu können. Er vergleicht dies mit der Frage, wie man aus den Sozialformationen „des Mittelalters“ in die Moderne gelangen konnte: In beiden Fällen gehe es um eine grundsätzliche Transformation der Weltbeziehung.