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Reggaeton

Reggaeton ist eine Musikrichtung, die sich aufbauend auf Reggae, Hip-Hop, Merengue, Salsa, Bachata, weiteren lateinamerikanischen Musikrichtungen und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Definition und musikalischer Kern
  2. 2. Entstehung und Durchbruch
  3. 3. Instrumentierung und Varianten
  4. 4. Texte, Sprache und Frauenbilder
  5. 5. Künstler, Zusammenarbeit und Konflikt

Definition und musikalischer Kern

Reggaeton ist eine vor allem in Panama und Puerto Rico entstandene Musikrichtung. Sie verbindet Reggae, Hip-Hop und Rap mit Merengue, Salsa, Bachata, weiteren lateinamerikanischen Stilen und elektronischer Tanzmusik. Kennzeichnend sind der gleichmäßige Dem-Bow-Rhythmus, eine sparsame elektronische Instrumentierung und überwiegend spanischer Sprechgesang. Der einfache, eindringliche Klang soll besonders zum Tanzen anregen.

Der Dem Bow ist der vom Drumcomputer gespielte Grundrhythmus. Er steht im Vier-Viertel-Takt und ist eine vereinfachte, synthetisch klingende Variante traditioneller Dancehall-Rhythmen. Benannt ist er nach dem 1991 veröffentlichten Song „Dem Bow“ des jamaikanischen Sängers Shabba Ranks. Puerto-ricanische Reggaeton-Stücke haben meist ein Tempo von etwa 95 bpm, also 95 Schlägen pro Minute; manche Titel aus Panama erreichen etwa 110 bpm. Varianten entstehen vor allem durch das Weglassen der Bassdrum auf der zweiten und vierten Zählzeit, eine zusätzliche Snare kurz nach der dritten Zählzeit und wechselnde Snare-Klangfarben. Fill-ins, kurze rhythmische Ausschmückungen ungefähr alle vier Takte, verwenden schnelle Wiederholungen oder ein kurzzeitiges Aussetzen des Rhythmus. Congas und Bongos können hinzukommen, bleiben aber dem Grundrhythmus untergeordnet.

Entstehung und Durchbruch

Reggaeton entwickelte sich weitgehend unabhängig in mehreren Regionen: in den 1980er Jahren in Panama zunächst als spanischsprachiger Reggae, ab Ende der 1990er Jahre unter Künstlern aus der Dominikanischen Republik und Puerto Rico in New York sowie in den 1990er Jahren in Puerto Rico. Von Puerto Rico aus verbreitete sich die Musik in Lateinamerika, danach in den USA und Spanien sowie seit 2005 auch in Mittel- und Osteuropa.

In Panama war Reggae aufgrund jamaikanischer Einwanderer, die zum Bau des Panamakanals gekommen waren, bereits verbreitet; dort traten Mitte der 1970er Jahre die ersten lateinamerikanischen Reggaemusiker auf. Die später wichtigen Einflüsse aus Hip-Hop und House wurden besonders in Puerto Rico entwickelt, wo Mitte der 1980er Jahre die ersten spanischsprachigen Hip-Hop-Tapes erschienen. Ab 1991 machte die CD „Dancehall Reggaespañol“ diese Musik auch in Europa bekannt. Eine Coverversion von „Dem Bow“ veröffentlichte im selben Jahr der panamaische Produzent El General.

In Puerto Rico hieß die frühe, aus den Barrios stammende Musik zunächst „under“, kurz für Underground. Vico C veröffentlichte frühe erfolgreiche Alben; DJ Playeros Mixtapes verbreiteten den Stil im Untergrund. Puerto-ricanische Riddims, also rhythmische Grundgerüste, verbanden sich anschließend mit der längeren panamaischen Reggae-Tradition und kubanischen Elementen. „Meneaito“, 1989 von Gaby aufgenommen und nach 1990 mehrfach remixt, wurde in vielen südamerikanischen Ländern zum Clubhit. Um 1995 erhielt die Musik vermutlich in Panama durch El General den Namen Reggaetón. El Chombos „El Gato Volador“ wurde 1999 zu einem der ersten Welthits des Genres.

Anfang des 21. Jahrhunderts folgte der internationale Durchbruch. Seit Ende der 1990er Jahre hatten US-Majorlabels Beteiligungen an puerto-ricanischen Plattenfirmen erworben; Kooperationen mit US-Hip-Hop-Musikern verstärkten die Verbreitung. Das dominikanische Produzentenduo Luny Tunes machte den Klang ab 2003 durch massenkompatible Arrangements populärer. Europäische Erfolge waren „Papi chulo … te traigo el mmmm“ von Lorna und 2004 „Siéntelo“ von Speedy und Lumidee. 2005 erreichten „Gasolina“ von Daddy Yankee und „Loco“ von Pachanga die deutschen Top 10.

Instrumentierung und Varianten

Über dem Rhythmus liegt gewöhnlich ein Synthesizer-Bass, der die geraden Zählzeiten betont und meist aus Quart- und Quintschritten besteht. Die übrige Begleitung beschränkt sich oft auf einstimmige Synthesizer-Riffs. Akkorde von Klavier, Akkordeon oder Gitarre sind seltener; gelegentlich werden Samples aus Cumbia, Merengue, Son und anderen traditionellen Tänzen eingesetzt. Seit etwa 2003 zeigt sich ein stärkerer Einfluss des US-amerikanischen R’n’B, etwa durch melodische Streicher-Hooklines und flächige Klänge. Dadurch wurde Reggaeton poppiger und massenkompatibler.

Seit 2006 verbanden Künstler Reggaeton zunehmend mit klassischen Latin-Stilen und R’n’B. Dafür wurden die Sammelbezeichnungen „Latin Urban“ und „Hispanic Urban“ verwendet. Nicht jede spanischsprachige urbane Musik ist jedoch Reggaeton: „Mamacita“ von Pharrell Williams und Daddy Yankee wurde im Artikel wegen des fehlenden Dem Bow als Latin Urban eingeordnet.

Wichtige Mischformen sind Bachatón oder Bachateo aus Reggaeton und Bachata, Merengueton aus Reggaeton und Merengue sowie Salsaton aus Reggaeton und Salsa. Beim Bachatón bleibt der Dem Bow erhalten, während etwa Gitarrenklänge aus der Bachata hinzukommen; manche so bezeichneten Stücke sind allerdings stärker vom Mambo beeinflusst. Weitere Formen sind der schnellere Merenmambo und der nach dem kolumbianischen Vallenato benannte Vallenaton. Auch House-Einflüsse kommen vor.

Der kubanische Reggaeton entwickelte sich ab 1999. Die Gruppe SBS verband Rap und puerto-ricanische Einflüsse mit kubanischer Musik; Candyman ergänzte jamaikanische Einflüsse. Nach 2000 mischten unter anderem Gente de Zona, Eddy K und weitere Künstler Reggaeton mit kubanischen Stilen wie Timba. Diese kubanische Variante wird auch Cubaton genannt.

Nach einigen ruhigeren Jahren begann um 2014 ein Comeback, getragen von etablierten lateinamerikanischen Musikern und neuen, besonders kolumbianischen Künstlern wie Maluma und J Balvin. „Chantaje“, „El Perdon“ und „Despacito“ wurden Welthits. Reggaeton wirkte zudem durch Remixe, Coverversionen und Gastauftritte auf Hip-Hop, Pop und andere Genres ein.

Texte, Sprache und Frauenbilder

Die Texte bestehen fast immer aus spanischem Rap zwischen schnellem, hartem Dancehall-„Toasting“ und melodischerem oder langsamerem Old-School-Hip-Hop. Häufige Themen sind Kriminalität und Gewalt im Barrio, Liebe und Trennung, Tanzen, Sex sowie leistungsstarke Autos und Motorräder. Die Sprache ist direkt, doppeldeutig und teilweise obszön. In „Gasolina“ lautet eine Zeile „Dame más gasolina“ („Gib mir mehr Benzin“); „gasolina“ wird dort laut Artikel von vielen Menschen in Lateinamerika sexuell verstanden. Lautmalerische Ausdrücke wie „Rákata“ werden ebenfalls als sexuelle Anspielungen verwendet.

Einige Texte behandeln Rassismus oder üben politische und soziale Kritik. Dies gilt beispielsweise für Julio Voltio, Tego Calderón und Ranking Stone sowie besonders für kubanische Künstler, die verschlüsselte Systemkritik verwenden.

Zum typischen Wortschatz gehören „barrio“ für Stadtviertel, „dembow“ für den Grundrhythmus, „pega’o“ für enges Tanzen oder etwas Angesagtes, „tiraera“ für einen verbalen Angriff auf einen anderen Rapper und „vacilar“ für Tanzen zu Reggaeton. „Gata“ bedeutet wörtlich Katze, bezeichnet in den Liedern aber eine Frau oder ein Mädchen.

Frauen erscheinen häufig als schöne, selbstbewusste und gefährliche „gata“: als unabhängige Verführerin, Banditin, Betrügerin oder dominante Sexualpartnerin. Dieses Bild ist nicht nur eine männliche Projektion, sondern wird etwa von Ivy Queen, Glory, Joan, La Hill und Lorna auch zur Selbstdarstellung benutzt. Es verbindet das Klischee einer starken und unwiderstehlichen Latina mit Elementen des Gangsta-Rap-Images. Zugleich bedeutet Tanzen oder sexuelle Provokation nicht automatisch Zustimmung zu Sex. Ivy Queen stellt in „Yo quiero bailar“ ausdrücklich klar, dass körperliche Nähe beim Tanz nicht heißt, mit einem Mann ins Bett zu gehen. Die venezolanische Gruppe Dame pa’ Matala kritisiert die verbreitete Haltung in „Fucking Reggaeton“.

Künstler, Zusammenarbeit und Konflikt

Zu den im Artikel genannten prägenden oder bekannten Künstlern gehören Daddy Yankee, Don Omar, Tego Calderón, Wisin und Yandel, Bad Bunny, Nicky Jam, Ozuna, J Balvin, Maluma, Karol G, Ivy Queen, Anitta, Becky G, Natti Natasha, Rosalía und Gente de Zona. Bedeutende Produzenten sind Luny Tunes, Tainy und Pina Records. Zahlreiche Kooperationen mit Hip-Hop- und Popmusikern förderten die internationale Verbreitung. Beispiele sind N.O.R.E.s „Oye mi canto“, Reggaeton-Beteiligungen auf Ricky Martins Album „Life“ von 2005 sowie gemeinsame Produktionen mit R. Kelly, Jay-Z, Fat Joe, Sean Paul, Pharrell Williams, Fergie, Akon und Nelly Furtado.

Zwischen Vertretern des Genres und der Latin Recording Academy bestehen seit Langem Konflikte über die fehlende Anerkennung von Reggaeton bei den Latin Grammys. Die Academy beklagt ihrerseits, dass sich Repräsentanten des Reggaeton zu wenig an ihren Aktivitäten beteiligen.

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