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Ratschen
" Am Morgen des Karfreitag wird schon um 6 Uhr früh "Betzit" (Angelus) gerätscht. Vor der Kirche treffen sich die Jungen für das "Zsamme-Rätsche" auf der …
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Brauch und religiöse Bedeutung
Das Ratschen ist ein katholischer Brauch der Karwoche. Es heißt regional unter anderem Rätschen, Räppeln, Klappern, Rappeln, Raspeln, Riärteln oder Klacheln. Kinder und Jugendliche, meist Ministrantinnen und Ministranten, ziehen mit hölzernen Lärminstrumenten durch Dörfer oder Stadtteile. Sie erinnern die Gläubigen durch den Lärm und durch ausgerufene Sprüche an Gebetszeiten und Gottesdienste.
Nach der Überlieferung schweigen die Kirchenglocken vom Gloria der Messe am Gründonnerstag bis zum Gloria in der Osternacht. Man sagt, die Glocken oder ihre Klöppel seien „nach Rom geflogen“. Der eigentliche Grund liegt in der Grabesruhe Jesu: Das festlich wirkende Glockengeläut gilt in dieser Zeit als unpassend. Ratschen und Klappern ersetzen deshalb besonders das Angelusläuten um 6 Uhr, 12 Uhr und 18 Uhr. Sie kündigen außerdem den Kreuzweg, die meist um 15 Uhr gefeierte Karfreitagsliturgie und weitere Gottesdienste an.
Auch innerhalb der Liturgie ersetzen die Instrumente die Altarglocken oder Altarschellen, beispielsweise bei Prozessionen mit dem Allerheiligsten am Gründonnerstag und Karfreitag. Der Anführer einer Gruppe heißt regional Klappermeister oder Vorklapperer, in Österreich Obernatter.
Der Brauch besteht unter anderem in Bayern, Österreich, Luxemburg, der Pfalz, der Rhön, dem Eichsfeld, an Mosel und Saar, in Eifel, Rheinland und Hunsrück sowie in katholischen Gebieten Baden-Württembergs und Teilen Nordrhein-Westfalens. Er kommt außerdem in Gröden, in der Umgebung von Triest und in Slowenien vor. In christlichen Städten im Heiligen Land ziehen Pfadfinder ebenfalls durch die Straßen, verwenden jedoch Trommeln statt Ratschen.
Historischer Beleg
Das Ratschen ist bereits für das 16. Jahrhundert belegt. Sebastian Franck erwähnte den Osterbrauch in seinem 1534 in Tübingen veröffentlichten „Weltbuch“. Er beschrieb, wie man mit einem klopfenden Karren und vielen Tafeln durch die Stadt zog und die Bevölkerung zur Passion in die Kirche rief.
Verwendete Instrumente
Die Ratsche oder Räppel ist ein hölzernes Schrapinstrument. Ihr massiver Resonanzkörper, beispielsweise aus Eiche oder Ahorn, ist ungefähr 30 cm lang. Eine Kurbel bewegt eine Walze mit Nocken. Diese heben Holzleisten, etwa aus Eschenholz, an; beim Zurückschnellen erzeugen die Leisten das typische Ratschgeräusch. Häufig besitzt das Instrument einen Gurt zum Umhängen.
Bei der Klapper ist ein kleines Hämmerchen beweglich an einem Griff befestigt. Wird sie ähnlich wie eine Handglocke bewegt, schlägt das Hämmerchen gegen ein rechtwinklig angebrachtes Schlagbrett und erzeugt ein lautes Klappern.
Die Raspel ist ebenfalls ein Schrapinstrument. Beim heftigen Drehen schnarrt eine sehr dünne Holzplatte über die Zähne eines hölzernen Zahnrads. Regional kommen weitere Formen wie große Turmratschen, Kastenratschen, Schubratschen und die als Riärteln bezeichneten Zahnradratschen vor.
Örtliche Handwerker oder geschickte Laien stellten die Geräte meist selbst her. Namen und Jahreszahlen auf erhaltenen Exemplaren zeigen, dass manche Instrumente über Generationen vererbt wurden und ihre heutigen Bauformen schon lange gebräuchlich sind.
Rufe, Verse und Ratscherlohn
Die Rufe benennen häufig die Tageszeit oder den Anlass. Ein verbreiteter Spruch lautet: „Wir ratschen, wir ratschen den Englischen Gruß, den jeder katholische Christ beten muss.“ Der „Englische Gruß“ oder „Engelsgruß“ bezeichnet hier das Angelusgebet. Vor Gottesdiensten wird beispielsweise gerufen, dass die Menschen zur Kirche oder zu den „Zeremonien“ kommen sollen. In der Eifel genügen oft kurze, mundartliche Rufe für Morgen-, Mittags-, Abend- oder Betglocke. Vor Karfreitagsgottesdienst und Osternachtsfeier ruft man dort teilweise „Zesaame“, also „zusammen“.
Die Kinder müssen für den ersten Gang teilweise schon um 6 Uhr oder früher aufstehen. Wer verschlafen hatte, konnte vor seinem Haus ausgeklappert und mit einem Vers zum Aufstehen aufgefordert werden. Die Sprüche unterscheiden sich stark nach Region, Ort und Dialekt; manchmal existieren sogar innerhalb desselben Ortes verschiedene Fassungen. Im Bliesgau wird um 6, 12 und 18 Uhr statt eines kurzen Rufs ein abgewandeltes Marienlied zur Melodie von „Es wird schon gleich dunkel“ gesungen.
Am Karsamstag sammeln die Gruppen häufig ihren Ratscher- oder Klapperlohn ein. Sie gehen von Haus zu Haus und erhalten Eier, Süßigkeiten oder Geld. Ein typischer Heischevers erinnert daran, dass die Kinder „fürs Heilige Grab“ geklappert haben und nun um eine Gabe bitten. Die gesammelten Dinge werden meist unter den Beteiligten verteilt; regional dienen Geldspenden auch der Jugendarbeit oder gemeinsamen Fahrten.
Regionale Ausprägungen in Deutschland
In Ebnet bei Freiburg ziehen Jungen während der glockenlosen Zeit paarweise durch den Ort und rufen mit Dialektsprüchen zum Gottesdienst oder zur Trauermette. Am Karfreitag wird bereits um 6 Uhr die „Betzit“, also das Angelusgebet, gerätscht. Vor der Kirche findet ein gemeinsames Ratschen auf der Friedhofsmauer statt. Nach dem letzten Einsatz am Karsamstag sammeln die Jungen mit Heischeversen ihren Lohn. Der Brauch soll dort bis 1725 zurückreichen, als Ebnet eine selbstständige Pfarrei wurde.
Im Rheinland und in Westfalen wird die Tradition häufig von Eltern an ihre Kinder weitergegeben; manche Instrumente wurden von den Vätern vererbt. In Hochkirchen wird an Karfreitag und Karsamstag um 7 Uhr, 11:30 Uhr und 18 Uhr geklappert. Danach sammeln die Kinder mit Bollerwagen und Sammelbüchse Eier, Süßigkeiten und Geld.
In Nottuln besuchen Messdiener von Gründonnerstag bis Karsamstag täglich jedes Haus. In den weitläufigen Bauerschaften brechen sie bereits um 4 Uhr auf; große Instrumente auf dem Kirchturm ersetzen dort ebenfalls das Glockenläuten. Früher sammelten sie außerdem altes Wachs für die neue Osterkerze. In Kaldauen und Braschoß werden gesammelte Eier für die Agape nach der Osternacht gekocht und gefärbt.
In Garbeck im Sauerland gehen die Kinder mit Riärteln durchs Dorf. Der verwendete Vier-Viertel-Takt besteht aus zwei Vierteln, zwei Achteln und einem weiteren Viertel; als Merkspruch dient „Ei, Ei oder Geld“. Die Gruppe zieht am Karfreitag um 6, 12 und 18 Uhr sowie am Karsamstag um 6 Uhr los. Ältere Schülerinnen und Schüler, die „Bosse“, beaufsichtigen die Gruppen und verteilen die Einnahmen. Im Hunsrück werden häufig selbst gebaute Rappeln mit einem Drehrad verwendet, das kleine Holztasten bewegt.
Österreich und Schweiz
In Österreich wird das Ratschen besonders von Ministranten, Pfadfindern und der Jungschar gepflegt. Die Österreichische UNESCO-Kommission nahm den Brauch im September 2015 als „Ratschen in der Karwoche“ in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf. Die Anerkennung gilt für ganz Österreich und umfasst mündliche Traditionen, gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste sowie die Handwerkstechniken zum Bau der hölzernen Instrumente.
Am Karfreitag wird regional um 6, 7 oder 8 Uhr sowie um 11, 12, 15 und 18 Uhr geratscht. Um 15 Uhr erinnert ein Spruch an Leiden und Sterben Jesu; um 18 Uhr wird zum Englischen Gruß aufgefordert. Zusätzlich gibt es das „Erst- und Zaumratschen“ vor Gottesdiensten. Am Karsamstag folgen weitere Einsätze und das Einsammeln des Ratscherlohns, der gerecht unter den Mädchen und Jungen aufgeteilt wird.
Im Weinviertel werden häufig Schubratschen verwendet. Beim ersten Einsatz am Gründonnerstagabend und am frühen Karfreitag sind sie noch ungeschmückt; anschließend erhalten sie meist Büschel aus Buchsbaumzweigen und violette Schleifen. Soll ein Spruch gesprochen werden, hebt der Vorratscher sein Instrument über den Kopf. Die übrige Gruppe folgt, wartet das Verstummen der letzten Ratsche ab und spricht dann gemeinsam den Text.
Auch in katholischen Gemeinden der Schweiz ersetzen Rätschen am Karfreitag die Kirchenglocken. In Romont im Kanton Freiburg erklingen die dort französisch „tapolets“ genannten Instrumente eine Viertelstunde vor der Karfreitagsliturgie. Zum örtlichen Brauch gehören außerdem die Klagefrauen von Romont.